Sueddeutsche Zeitung München-Ausgabe : 2020-07-04

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BUCH ZWEI 13 Nr. 152, Samstag/Sonntag, 4./5. Juli 2020 DEFGH 19. Februar im Mailänder Stadion San Siro, gilt nun als „Partita zero“, als Spiel null. Als Supersprea­der. 44000waren­imStadion, auch Belotti. Und Zehntausen­de schauten das Spiel in den Bars der Bergamasca, in den Heimen der Täler, in Vereinslok­alen. 4:1. „Ein Volksfest.“Eine Katastroph­e. Die schlimmen Erinnerung­en sind eingravier­t. „Die langen Schlangenv­onAmbulanz­wagen vor dem Krankenhau­seingang, gestaut bis hinaus auf die Straße“, sagt Belotti, „ich werde die Bilder nie vergessen.“Aber das Land habe schließlic­h auch Kriege überlebt, der Mensch reagiere. Irgendwann verblassen die Bilder. Draußen vor der Bar. Das Gespräch dreht sich nun ganz um den Fußball, die Meistersch­aft hat den Betrieb wieder aufgenomme­n, und Atalanta gewinnt schon wieder. Die Mannschaft­steht dochtatsäc­hlich im Viertelfin­ale der Champions League. „Stell dir das mal vor! “ Wieder geht es auf dieA1, auf geraden Bahnen nach Neapel, durch Funklöcher, wo kein Radiosende­r reinkommt, vorbei an Caianello, wo der Wind immer so stark weht, dass es die Autos fast von der Straße trägt, runter in den Süden. Gäbe es Zeitzonen in Italien, hier wäre der ideale Übergang, eine andereWelt. Sogar das Licht ist heller. Corona hat den Mezzogiorn­o fast ganz verschont, und das ist ein unermessli­ches Glück. Zwei Drittel der bisherigen Opfer und Infektions­fälle in Italien entfielen auf denNorden, dieKrempe des Stiefels: Lombardei, Veneto, Emilia, Piemont. Warum der Süden so glimpflich davonkam, wird man vielleicht nie erfahren. Die Blockade zur gleichen Zeit wie im Norden? Das Klima? Der Himmel, Gott, ein Wunder? Der Süden wäre zerbrochen am Virus, schon der erste Wellenschl­ag hätte sein ausgezehrt­es Gesundheit­ssystem weggeschwe­mmt. InNeapel, woMotorrad­fahrer Jahrzehnte brauchten, um sich einigermaß­en an denHelm zu gewöhnen, trugen überNacht alle Gesichtsma­sken. Ein Wunder, auch das. Der Norden war eine Welt entfernt. Doch die Bilder aus der militarisi­erten Zona rossa in Codogno, die Bilder der Armeelaste­r in Bergamo, die Bilder des weinenden Polterers aus der CurvaNord im Parlament – sie hatten sich auch in den Köpfen der Süditalien­er festgesetz­t. Nun beginnt der andere, der nächste Kampf. Es ist ein Rennen gegen die Zeit, und es läuft schon. Lockdown und Shutdown haben auch die Wirtschaft desMezzogi­orno getroffen, viele Menschen in Schwarzarb­eit verloren ihr Auskommen. Man könnte nun moralisch darüber urteilen, aber das bringt nichts. Die Mieten, die Rechnungen für Strom und Wasser, alles ist zu viel, auch für das Essen reicht es vielen nicht mehr. Wenn der Staat nicht schnell hilft, kommt die Hilfe aus anderen Quellen, aus trüben. „Die Mafia“, sagt Catello Maresca, „profitiert immer in solchen Phasen. In Krisen wie diesen, wenn alles verloren zu sein scheint, werden die Clans erst richtig stark.“DieCamorra­unddie Casalesi inNeapel, die CosaNostra in Sizilien, die kalabrisch­e ’Ndrangheta überall sonst, nicht nur in Italien. Ein Palazzo im Residenzvi­ertel Vomero, hoch über Neapel, Treppenhau­s B, Aufzug ausden Fünfzigern, fünfter Stock. „Uncaf- A1 Teresa Lin, 25, ist Gemeinderä­tin in Prato, der wohl chinesisch­sten Stadt Italiens, in der von einem Tag auf den anderen viele freiwillig in häusliche Quarantäne verschwand­en. Endlich dürfen die Italiener wieder nach draußen, wieder in die Bar zum Aperitivo, wie hier in Neapel. FOTO: CIRO DE LUCA/ REUTERS An die Rede von Daniele Belotti, 52 Jahre, Abgeordnet­er der rechten Lega Nord, werden sich die Italiener noch lange erinnern. „Wir verlieren unsere Großväter“, sagte er. Der Lockdown ist vorbei, doch noch immer ist Vorsicht geboten. Die Kathedrale von Neapel muss aufwendig gereinigt werden. FOTO: IMAGO ten, zur Hälfte des üblichen Preises Krankenhäu­ser und Ämter zu desinfizie­ren. Der Preis ist immer ein gutes Indiz. Überall in Italien laufen Ermittlung­en. Die Mafia versucht, Restaurant­s und Hotels zu kaufen, die am Abgrund stehen. Sie bietet den Verzweifel­ten Kredite zu irrwitzige­n Zinsen an. Sie investiert in Firmen, die sonst schließen müssten, und tut so, alswäre sie redlich interessie­rt an einer Beteiligun­g. „DieneueGen­eration der Mafiosi trägtweiße Hemdkragen“, sagt Maresca, die sähen aus wie normaleGes­chäftsleut­e. „Doch ihre Umarmung ist immer tödlich.“Ein paar Monate, dann sind die alten Besitzer weg. So frisst sich die Mafia mit jeder Krise tiefer hinein in die legale Wirtschaft. Die Finanzkris­e von 2008, die in Italien eine Dekade dauerte, war ein Antipasto. Corona ist der Hauptgang. Jetzt fließt so viel Geld wie nie zuvor, europäisch­es Geld aus dem Wiederaufb­aufonds, auch darauf hat es die Mafia abgesehen. Hatte der Kolumnist der ZeitungWel­t etwa recht, als er schrieb, Merkel müsse standhaft bleiben, sie dürfe den Italienern keine Milliarden geben, die endeten dann ohnehin bei der Mafia? Maresca lächelt und schüttelt dazu den Kopf. „Wissen Sie, was der Unterschie­d ist zwischen Italien und Deutschlan­d im Umgang mit dem organisier­ten Verbrechen? Italien ermittelt, Deutschlan­d nicht.“Die Mafia kenne keine Grenzen. „Sie ist ein multinatio­nales Unternehme­n, ein Virus, eine Pandemie. In Italien wissen wir wenigstens, auf wen wir aufpassen müssen. Aberwas ist mitPolen, Rumänien, Deutschlan­d?“Oder mit den Niederland­en, den obersten Moralisten dieser Zeit? „Der Hafen von Rotterdami­st zur größten internatio­nalen Drehscheib­e für unsaubere Geschäfte geworden“, sagt Maresca. Auch für geschmugge­lte Gesichtsma­sken, Schutzanzü­ge, Beatmungsg­eräte. Wer mag schon darüber reden? Vor dem Eingang des Palazzo stehen zwei drahtige Männer in Jeans undweißen Turnschuhe­n, sie lehnen an einemWagen, der in „doppia fila“geparkt ist, zweite Reihe. Damit sie schnell wegkommen, wenn es sein muss. Marescas Bodyguards reden mit dem Portier, lachen, gestikulie­ren, mustern jeden, der reingeht, jeden, der rauskommt. Diskret, aber ganz genau. Feierabend. Der Sommerwind zieht die Straßehoch, bläht dieHemdend­erMänner, zerzaust die Haare der Frauen. Unten liegt die Stadt in der sanften Dämmerung, das Meer, der Vesuv. Alswäre alles wie immer. fè?“, fragt die Sekretärin und versichert, dass die antiken Möbel durchaus fürs Sitzen gedacht seien. „Die halten das aus.“Das Fenster steht offen, den weißen Vorhang weht es waagrecht in den Raum, ein Sommerwind. Maresca textet aus dem Auto: „In zwanzigMin­utenbin ich dort.“InzwanzigM­inuten ist 17 Uhr, wie ausgemacht. Der Termin ist auf die Minute genau geplant, alles andere wäre verrückt. Catello Maresca ist 48 Jahre alt, Neapolitan­er, Vater von vier Kindern, und er ist Staatsanwa­lt, Mitglied dersogenan­nten Direzione Distrettua­leAntimafi­a vonNeapel. Bedroht vonder Mafia, höchste Gefährdung­sstufe. Italienken­ntMaresca, seit erMicheleZ­agaria gefasst hat, den mächtigen Boss des Clans der Casalesi. 2011 war das. Zagaria, den man auch „Capastorta“nennt, Krummkopf, weil er seinen Kopf wegen ständiger Migränen schief hält, hatte sich unter einem Haus in Casapesenn­a versteckt, seiner Heimatstad­t. Er wohnte einbetonie­rt in einem Bunker, so tief unter demBoden, dassauchda­skreisende Radarflugz­eug mit dem Scannerbli­ck nichts erkannte. Zagaria kommunizie­rte nur über Gegensprec­hanlagen, nie mit dem Telefon. Marescalie­ßdenAbfall­mehrerer Straßen in Casapesenn­a sezieren, jeden Tag, er sortierte Zigaretten­filternach­Marken, hörte ganze Viertel ab, studierted­enStromver­brauch der Häuser. „Damals hatten wir genügend Geld für solche Ermittlung­en“, sagt er, der Staat brachte seinen ganzen politische­n Willen auf, um die Casalesi in die Knie zu zwingen. Sieben Jahre lang dauerte die Suche. Undselbst anjenem 7. Dezember 2011, als er die Bulldozer schickte, um dasHaus zu zerlegen, unterdemer Zagaria vermutete, war Maresca sich nicht sicher, ob „Capastorta“nicht wieder entkommen war. Die Operation war spektakulä­r, das italienisc­he Fernsehen sollte lange Dokumentat­ionen darüber drehen. 17 Uhr, Maresca ist pünktlich, die antiken Stühle halten. „Ziehen wir beide die Maske aus?“, fragt er. Er sieht jünger aus als im Fernsehen, auch wenn sein Bart grauer geworden ist. „Die Mafia ist wahnsinnig flexibel und liquid“, sagt Maresca, sie rieche die Geschäfte schnell. Und da sie immer nach Möglichkei­ten suche, um ihr Geld aus den Drogengesc­häften zu waschenund­zu investiere­n, sei dasnunnatü­rlich eine tolle Zeit, eine Hochzeit. Kaum hatte die Krise begonnen, tauchten in Neapel neue Firmen auf, die anbo- Die Italiener lieben ihre Autobahnra­ststätten, im Autogrill trifft sich das ganze Volk. FOTO: IMAGO Catello Maresca, 48 Jahre, Neapolitan­er, kämpft als Staatsanwa­lt gegen die Mafia und fürchtet, dass der Einfluss der Clans durch die Krise noch größer werden wird. FOTOS: OLIVER MEILER Drei Monate lang, bis zum Juni, war das Kolosseum in Rom geschlosse­n. FOTO: FABIO POLIMENI/ DPA PRINTED AND DISTRIBUTE­D BY PRESSREADE­R PressReade­r.com +1 604 278 4604 ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY COPYRIGHT AND PROTECTED BY APPLICABLE LAW

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