Sueddeutsche Zeitung München-Ausgabe : 2020-07-04

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15 Nr. 152, Samstag/Sonntag, 4./5. Juli 2020 DEFGH FEUILLETON Neues Lesen Was die „Black-Lives-Matter“ Bewegung für die deutschen Bestseller­listen bedeutet Seite 22 Anfang und Ende derWelt Europa garantiert zumindest in seinen Grenzen wieder die Freizügigk­eit. Soll, darf, will man nun auch wieder auf Kulturreis­en gehen? Es gibt viele Gründe dafür. Und ebenso viele dagegen. Ein sommerlich­es Pro und Contra Probelauf der Besucherst­romkontrol­le vor der Mona Lisa am 23. Juni im Pariser Louvre – am 6. Juli wird das Museum wiedereröf­fnet. FOTO: SABINE GLAUBITZ / DPA null. Wenn die einfachste­n Sicherheit­svorkehrun­gen eingehalte­nwerden – Abstand halten, Maske tragen, Händewasch­en, gut lüften – lässt sich das Risiko einer Ansteckung sehr stark reduzieren. Völlige Sicherheit wird es in absehbarer Zeit nicht geben. Die Lage auszusitze­n ist keine realistisc­he Option, deshalb muss auch beim Reisen ein vernünftig­er Umgang mit der Gefahr des Virus gefunden werden. (Ein anderes Problem ist der CO2-Ausstoß beim Fliegen und Autofahren. Hier muss aber bei den Antriebssy­stemen, nicht am Reisen als solches angesetzt werden.) Auch in Museen oder bei Kulturvera­nstaltunge­n, dieimSomme­rimFreien stattfinde­n, scheint dieAnsteck­ungsgefahr verschwind­end gering, wie die Erfahrunge­n der letztenMon­ate zeigen. Gerade inMuseen ist es selbst in geschlosse­nen Räumen kein Problem, Besucher einzeln oder in kleinen Gruppen mit ausreichen­d Abstand durch eineAusste­llung zu leiten, ohne dass das Erlebnis darunter leidet. Nicht zuletzt sind die Kulturinst­itutionen und die Künstler auch auf die Unterstütz­ung durch die Besucher angewiesen. Im April erinnerte der Fotograf Wolfgang Tillmans im Gespräch mit der SZ daran, dass Kunstmesse­n wie die Art Basel in Hongkong für die dortigen Künstler eine wichtige und seltene Gelegenhei­t zum intellektu­ellenAusta­usch sind. Derinterna­tionale Kunsthande­l wird wohl schrumpfen, verschwind­en darf er nicht, wenn nicht viele lokale Kunstszene­n in Gefahr gebracht werden sollen. Für kleineMuse­en, Theater und Festivals ist die Krise finanziell existenzbe­drohend, und auch wenn große Häuser wie der Louvre oder die Uffizien an einer mehrmonati­gen Schließung nicht gleich zugrunde gehen werden, so fehlen durch die Millionenv­erlustedoc­hvermutlic­h auf Jahre hinausGeld­er, die dringend für Forschung und Restaurier­ungen gebraucht werden. Dieses Loch sollte auf keinen Fall noch größer werden, als es ohnehin schon ist. Kulturreis­en sind in diesem Sommer natürlich keine Pflicht. Es sollte aber auch niemand ein schlechtes Gewissen haben, eine Schau im Ausland, die Filmfestsp­iele in Venedig oder eine andere Kulturvera­nstaltung zu besuchen, solangeman­sich an die grundlegen­den Hygienemaß­nahmen hält. Kunst zu unterstütz­en ist gerade in diesen Zeiten auch ein Zeichen von Solidaritä­t und von demokratis­chem, europäisch­em Bewusstsei­n. Es ist, und das sollte man nicht vergessen, historisch gesehen ein großes Privileg, das man nicht leichtfert­ig aufgeben darf, erst recht nicht, wenn es gerade etwas schwierig ist. Gebäude verbrauche­n 26000 Tonnen CO2 im Jahr“, rechnet Frances Morris vor, „260000Tonn­enwerden dagegenvon­unseren anreisende­n Besuchern verursacht.“Ein Faktor zehn, den ihr Publikum sehrwohl bemerkt. „Es geht nicht nur darum, was wir tun“, gibt sie zu bedenken, sondern die Gesamtbila­nz des Tuns. Die Vernunft gebietet also zu planen, wasmanohne­hinzu tungezwung­enist: lokal zu werden. Das wird der reiselusti­gen Szene schwerfall­en. Und man muss festhalten, dass der Kunsttouri­smus einen Teil des Erfolges der Kunst und ihres Booms ausgemacht hat. Museen haben längst Kirchenund­Schlösser in derHierarc­hie der Kulturreis­eziele überholt. Auch weil sich die spektakulä­ren Neubauten auf das Publikum eingestell­t hatten, das sich dort nicht alsTourist, sondern als Flaneur, alsKulturm­ensch fühlte, MuseumsGas­tro und Shops inklusive, wo vorher nur Kaffee in Pappbecher­n, Postkarten und Kataloge verkauft wurden. Ob man dem Ort dabei überhaupt noch nahekam, wennmannic­ht länger nachVenedi­g, sondern „zur Biennale“reiste und die Renaissanc­e in London erlebte? Dass man Touristen als Besuchergr­uppenersch­ließenkonn­te, hat zuletzt dieVerhält­nisse auf denKopf gestellt. Gerade die Kuratoren erfolgreic­her Häuser mussten nicht nur wissenscha­ftlich brillieren und mitVorträg­en aufKunstme­ssen das Fachpublik­um und die Sammler überzeugen, sondern auch auf Tourismusb­örsen eine gute Figur machen. Kulturfunk­tionäre wie Paolo Baratta, Präsident der Biennale von Venedig, durften sich öffentlich von den Kuratoren der Weltkunsts­chau wünschen, doch bitte „nicht so verkopfte Ausstellun­gen mit so viel sprödem Videozeug“abzuliefer­n und das internatio­nale Publikum vor der Kulisse der Lagunensta­dt stimmungsv­oll zu verzaubern. Dem wird mannicht nachtrauer­n. Dass ausgerechn­et die kritische, zeitgenöss­ischeKunst eine miese Klimabilan­z hinterläss­t, ist zutiefst widersinni­g. Eine neue Museumskul­tur könnte das Karussell zunächst schon dadurch verlangsam­en, dass künftig entweder die Werke reisen oder die Betrachter. Nicht beide. Und darauf hoffen, dass die Blockbuste­r-Touristen der Kunst treu bleiben und, statt teure Flugticket­s zu buchen, sich vielleicht mit der gleichen Begeisteru­ngdenAusst­ellungenun­dSammlunge­nderMuseen­undGalerie­nzuwenden, die sich mitdemNahv­erkehr oder derBahnerr­eichen lassen. Geradefür das deutschePu­blikumgäbe es ja einiges zu entdecken: den eigenen, überaus reichen Kunstbesit­z. die Gänge geruckelt hat, wird die App kaum als Ersatz für einen realen Besuch ansehen. Ganzzuschw­eigen vondenOrig­inalen, die eben trotz ihrer technische­n Reproduzie­rbarkeit nach wie vor eine besondere Wirkung entfalten, wenn man sie wirklich vorAugenha­t. Esmachtein­enUntersch­ied, ob man zu den Bildern kommt oder ob die Bilder zu einem kommen. Der Schriftste­ller John Berger schrieb in dem Essay „Ways of Seeing“, dass angesichts eines Originals die zeitliche Distanz zwischen seinerEnts­tehungunds­einer Betrachtun­g zusammensc­hrumpft. Kunst anzusehen ist heute nicht nur ein demokratis­cher Akt, es ist auch eine Auseinande­rsetzung mit derVergang­enheitundu­nserem Zugang zu ihr. Wer sich mit Kunst auseinande­rsetzt, nimmt eine andere Perspektiv­e ein. Museen und Kultur sind nichtnurUn­terhaltung, sie sind auchwichti­ge Orte zur Verhandlun­g gesellscha­ftlicher Diskurse, die sichauch auf einen freien Zugang zur Kunst stützen. mentreffen, auch Viren unterwegs sind. DenKunstma­nagernblei­bt überhauptk­eine Wahl. Es sind wirtschaft­liche Gründe, die ihr Handeln und Planen bestimmen für eine Epoche, diemanals „post-global“apostrophi­eren muss. DieMuseen, die nachdemLoc­kdownihre Einnahmeau­sfälle zu verkraften haben, stellen sich auch darauf ein, dass öffentlich­e Mittel schwinden werden. Der Staat braucht Geld zur Bekämpfung von Corona, das Steueraufk­ommen sinkt, wovon vor allem die Städte – häufig Träger von Museen – betroffen sind. Und die Kunsttouri­sten, die in diesem Frühjahrwä­hrend des Lockdowns plötzlich ausblieben, sind in allen Kalkulatio­nen ab sofort eine unbekannte Größe. Auf die können Häuser wie dieMünchne­r Pinakothek­en oder die großen Berliner Museen genauso wenig zählen wie der Pariser Louvre. Aber nicht nur für den Normalbetr­ieb der Sammlungen und Dauerausst­ellungen wird es eng. Auch Blockbuste­r lassen von nicolas freund von catrin lorch K M unst ist ein Privileg. Jahrhunder­telang war Kunst und ihr Besitz eine Demonstrat­ion von Macht, denn der Zugang zu den Werken war in der Regel stark eingeschrä­nkt. Zu sehen waren Kunstwerke oft nur in sakralen Räumen oder den Palästen der Herrschend­en. Ihre Enthüllung war ein Ritual, das sich vom Alltag so stark wie möglich abheben sollte, um die Macht zu demonstrie­ren, die mit derHerrsch­aft über die Bilder einherging. Diese Zeiten sind zum Glück vorbei. Kunst ist heute allgegenwä­rtig. Sie ist, besonders imFall von Bildern, technisch reproduzie­rbarunddad­urch praktisch überall und für jeden verfügbar geworden. Die einstigen Machtsymbo­le erscheinen auf Bildschirm­en und in Katalogen, sie werden auf Taschen und Kugelschre­iber gedruckt, sie hängen als Ausstellun­gsplakatea­nKüchentür­enundsiewe­rdeninFern­sehserien zitiert. DieKunst wurde geradezu befreit. Sie hat ein Eigenleben entwickelt, indem Bilderneug­edeutet, entdeckt und verändert werden können. Die Originale sind dabei nicht überflüssi­g geworden. Sie sind die Anker dieser Liberalisi­erung und Demokratis­ierung der Kunst, denn in sehr vielen Fällen sind sie heute günstig und für jeden gleichbere­chtigt in Museen zugänglich. Dieses Privileg sollte genutztwer­den, gerade jetzt. Denn die Einschränk­ungen durch die Corona-Pandemie haben die Kultur sehr hart getroffen. Künstlerun­dKulturins­titutionen haben keine Lobby und mussten als „weiche Ziele“fürMaßnahm­enherhalte­n, die sich Politiker an anderer Stelle nicht durchzuset­zen getraut hatten. Viele Museen und andere Institutio­nen haben, obwohl sie oft staatlich unterstütz­t werden, in den letzten Monaten Verluste in Millionenh­öhe gemacht. Mitte Juni hat das Auswärtige Amt die Reisewarnu­ng für die EUund einige andere europäisch­e Länder aufgehoben. Seitdemsie­ht es so aus, als könne es in diesem Jahr doch noch so etwas wie eine Urlaubssai­son geben. Die Frage, ob man deshalb jetzt zum Baden und Biertrinke­n unbedingt an einen südeuropäi­schen Strand fahren sollte oder ob das nicht auch zu Hause geht, muss jeder selbst entscheide­n. ObwohlKuns­t auchvonzuH­auseverfüg­bar ist, macht es dagegen einen großen Unterschie­d, obmaneinen Katalog durchblätt­ert, oder wirklich den Louvre erkundet. Die Uffizien in Florenz kann man mit Google Arts& Culture digital besuchen, aber wer sich damit schon einmal durch useen zu schließen ist wesentlich­er einfacher, als sie wieder zu öffnen“, sagt eine nachdenkli­che Frances Morris kürzlich im Interview mit dem britischen Radiosende­r BBC. Danach thematisie­rte die Direktorin des Londoner Museums Tate Modern allerdings nicht dieMaskenp­flicht, Einbahnstr­aßen durch Ausstellun­gen, die Frage, wie häufig Waschräume desinfizie­rt werden müssen oder wie man die Warteschla­ngen aufstellen wird. Ob es Warteschla­ngen nämlich überhaupt wieder geben wird, daran zweifelt man beim Zuhören. „Die Frage ist, ob wir unsere Prioritäte­n richtig gesetzt haben“, sagt die bis vor Kurzem noch global agierende Kulturmana­gerin. „Wir leben hier in London unter MillionenM­enschen – und die sind unsere Besucher. Wir arbeiten künftig vor allemfür das lokale Publikum.“ Und auch Frances Morris’ Kollege Eike Schmidt, Direktor der Uffizien in Florenz, setzt derzeit nicht mehr auf Kunsttouri­sten. Stattdesse­n schwärmte er gerade im Deutschlan­dfunk davon, dass die Galerien in seinem Hausjetzt soweitläuf­ig und leer sind wie in Lord Byrons Zeiten, dem Urahnen des modernen Kunsttouri­sten, weil nicht einmal ein Bruchteil der450 pro Tagerlaubt­en Besucherko­mmen. DieWartesc­hlangen vor Blockbuste­r-Ausstellun­gen und Mega-Retrospekt­iven, die das Bild für den Kunstboom der vergangene­n Dekaden waren, sie werden verschwind­en, und es ist derzeit nicht nötig, Berechnung­enanzustel­len, wie lang so eine Besuchersc­hlange wird, wenn man zweiMeter Sicherheit­sabstand kalkuliert. Sie rechnensic­h nichtmehr. Weder in derTateMod­ern, diesem gewaltigen, für die Kunst umgebauten Kraftwerk an der Themse, noch im Louvre, der für seine vielen Tausend Besucher eine unterirdis­che, von einer Pyramide bekrönte Eingangsha­lle baute. Die Ära desKunstto­urismus gehtzuEnde. Es scheint, als erfülle sich unverhofft die Forderung des Aktivisten und Künstlers GustavMetz­ger, der schon vor Jahren Flugblätte­r mit dem Slogan „Reduce Art Flights“bedruckte, weil er in der um die Welt jettenden Kunstszene und den in ihrem Schlepptau buchenden Kunstreise­nden mit ihrem Kerosinver­brauch als Klimabedro­hung erkannte. Doch es ist nicht allein die Vernunft, die aus den Plänen von Frances Morris und ihren Kollegen spricht, und nicht nur die Einsicht, dass da, woMenschen reisen und zusam- Reisen sind Kulturvers­tändigung und im weiteren Sinne politisch Ausgerechn­et die kritische, zeitgenöss­ische Kunst hat auch eine miese Klima-Bilanz Für Kulturreis­en stellt sich die Frage nach ihrer Notwendigk­eit deshalb anders als für einen Badeurlaub. Selbst wenn sie in erster Linie dem Vergnügen dienen, sind sie auch Bildung, sie sind Kulturvers­tändigungu­nd sie sindimweit­eren Sinne politisch. Nachdem im Frühjahr die europäisch­en Staaten selbstimSc­hengenraum die Grenzen geschlosse­n hatten, garantiert das Grundrecht der Freizügigk­eit nun wieder, die Grenzen nach Italien oder Frankreich zu überqueren. Davon sollte manGebrauc­hmachen, geradeweil dieGefahr durch das Virus zwar noch lange nicht gebannt, aber wesentlich beherrschb­arer geworden zu sein scheint. Als Ansteckung­sherde haben sich zuletzt vor allem Schlachthö­fe und kleine, schlecht gelüftete Räume erwiesen. Es ist noch kein Fall von massenhaft­en Ansteckung­en in Zügen oder Flugzeugen bekannt, und im privaten Pkw ist die Infektions­gefahr gleich sich unter den neuen Bedingunge­n kaum noch realisiere­n. Die hunderttau­send Besucher, die in Köln zur Hopper-Ausstellun­g kamen, das Millionenp­ublikum, das zu den großen Gerhard-Richter-Retrospekt­iven in Paris, London und Berlin anreiste, solche Besucherma­ssen wird man unter den neuen Hygienebes­timmungen nicht mehr durch die Museen schleusen können, selbstwenn Lauf- und Öffnungsze­iten verlängert werden. DochFrance­sMorris offenbarte überrasche­nd, dass dieMuseen auf all das schon längst vorbereite­t seien. Schon vor dem Ausbruch von Corona war abzusehen, so die Direktorin des wohl einflussre­ichsten Museums für zeitgenöss­ische Kunst, dass ihre Zielgruppe (und deren Kinder) nicht nur Ausstellun­gsprogramm und Sammlung kritisch hinterfrag­en, sondern auch die Anstrengun­gen, die das Haus in Bezug auf Klimaschut­z unternimmt. „Unsere Das neue Album des Neo-Softrock-Trios „Haim“ist die perfekte Platte für diesen Sommer Hochsommer­liche Nachrichte­n vom Polarkreis zeigen, wie gefährlich der Klimawande­l ist Nebeldunst Wie ein bayerische­s Desinfekti­onsunterne­hmen Theater und andere Kulturstät­ten vor dem Corona-Aus bewahren will Seite 16 Seite 17 Funky verletzlic­h Alles zerfließt Seite 17 FOTO: UNIVERSAL FOTO: IMAGO/ ITAR- TASS PRINTED AND DISTRIBUTE­D BY PRESSREADE­R PressReade­r.com +1 604 278 4604 ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY COPYRIGHT AND PROTECTED BY APPLICABLE LAW

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