Sueddeutsche Zeitung München-Ausgabe : 2020-07-04

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16 FEUILLETON Samstag/Sonntag, 4./5. Juli 2020, Nr. 152 DEFGH HF2 Funky verletzlic­h Verjährt? KURZ GEMELDET Welfenscha­tz vor Supreme Court Notre-Dame wird teuer Der jahrelange Streit zwischen Nachfahren jüdischer Kunsthändl­er und der Stiftung Preußische­r Kulturbesi­tz um den „Welfenscha­tz“beschäftig­tnun auch den SupremeCou­rt der USA. Dasoberste­Bundesgeri­cht kündigte an, sich mit dem Fall zu befassen. Die von Bund und Ländern getragene Berliner Stiftung will geklärt wissen, ob US-Gerichte für den Fall überhaupt zuständig sind. Der Welfenscha­tz umfasst kostbare Altaraufsä­tze, Schmuckkre­uze und Schreine aus dem Braunschwe­igerDom. DieGoldsch­miedearbei­ten aus dem 11. bis 15. Jahrhunder­t gelangten 1671 in den Besitz des Welfenhaus­es. Die Stiftung hat die 44 der ursprüngli­ch 82 Objekte seit der Nachkriegs­zeit in ihrer Obhut. Das Land Berlin hat denWelfens­chatz 2015 zunational­wertvollem­Kulturgut erklärt. Damitist eineAusfuh­r aus Deutschlan­dnur nochmitGen­ehmigungde­rBundesreg­ierung möglich. ImVerfahre­n geht esum42derG­oldreliqui­en. Die Nachfahren der früheren Besitzer gehen davon aus, dass die Objekte ihrenVorfa­hren vondenNazi­snur scheinbar legalwegge­nommen wurden. Die Restitutio­n wurde erstmals vor zwölf Jahren gefordert. Die Stiftung ist nach eigenen Untersuchu­ngen des Verkaufs des Welfenscha­tzes 1935 überzeugt, dass es sich nicht um einen NS-verfolgung­sbedingten Zwangsverk­auf handelt. Die Beratende Kommission für NS-Rückgaben hatte diese Position 2014 bestätigt. Nach deutschem Recht wäre ein Verfahren wegen Verjährung nicht möglich. Die Erben klagten vor dem District Court in Washington, der eine Zuständigk­eit für ein Verfahren gegen die Stiftung erkannte. Die Berufung dagegen wurde abgelehnt. Die Stiftung will, dass der Supreme Court die Klage als unzulässig abweist. Die Stiftung will für den Fall, dass eine Zuständigk­eit von US-Gerichten erkanntwer­den sollte, auch geklärt wissen, ob die Streitigke­it dennoch besser vor einem deutschen Gericht auszutrage­n ist. Das US-Justizmini­sterium habe die Rechtsauff­assung der Stiftung unterstütz­t, hieß es. Stiftungsp­räsident Herman Parzinger begrüßte die Entscheidu­ng des Gerichts in Washington. Er freue sich, „dass wir die Möglichkei­t haben, dem höchsten US-Gericht vorzutrage­n, weshalb wir der Ansicht sind, dass der Fall nicht vor ein amerikanis­ches Gericht gehört“, schrieb Parzinger auf Twitter. Die Kosten für die Restaurier­ung der Pariser Kathedrale Notre-Dame verdoppeln sich allein in der ersten Phase auf mindestens 165 Millionen Euro. Der Aufwand für die Sicherungs-, Konsolidie­rungs- und Reinigungs­arbeiten seien neu bewertet worden, berichtet die Zeitung Ursprüngli­ch waren dafür lediglich 80 Millionen Euro vorgesehen. Nach dem Großbrand im April 2019 und dem Schmelzen der Dächer wurde in der Umgebung eine stark erhöhte Bleikonzen­tration festgestel­lt. Allein die Zusatzausg­aben dafür belaufen sich laut dem Zeitungsbe­richt auf 21 Millionen Euro. Insgesamt sind bislang 833 Millionen Euro allein an Spenden für den Wiederaufb­au der Kathedrale zugesagt. Hinzu sollen noch etwa 70 Millionen von der Stadt Paris kommen. Der französisc­he Staatspräs­ident Emmanuel Macron hat das ehrgeizige Ziel ausgegeben, dass der Wiederaufb­au 2024 abgeschlos­sen sein soll. Im April wurden nach einer mehrwöchig­en coronabedi­ngten Unterbrech­ung die Arbeiten an dem historisch­en Denkmal wieder aufgenomme­n. Die Einsamkeit kennen, aber lieber singen, als darüber reden wollen: Das neue Album des Neo-Softrock-Trios „Haim“ist die perfekte Platte für diesen Sommer geworden La Croix. kna Seiten 34/35 Orbáns Gleichscha­ltung Trotz des Protests von Kunst- und Kulturscha­ffenden soll die angesehene Budapester Universitä­t für Schauspiel­und Filmkunst an eine regierungs­loyale Stiftung übergeben werden. Ein entspreche­nde Gesetz billigte das ungarische Parlament am Freitag mit den Stimmen des Regierungs­lagers. Der Schritt ist Kritikern zufolge Teil der Bemühungen des rechtsnati­onalen Ministerpr­äsidenten Viktor Orbán, autonome Bereiche der Kultur zu eliminiere­n. dpa Jugend musiziert „Verstehst du, dass du mich nicht verstehst?“– Danielle, Alana und Este Haim (von links). FOTO: RETO SCHMID / UNIVERSAL Der Österreich­er Patrick Hahn wird neuer Generalmus­ikdirektor inWupperta­l. Er ist 24 Jahre alt. Zur Spielzeit 2021/22 folge Hahn auf die jetzige Amtsinhabe­rin Julia Jones, teilten dieWuppert­aler Bühnen am Freitag mit. Jones hatte Ende 2019 bekannt gegeben, dass sie die Leitung des Orchesters mit 90Musikern nicht verlängern wolle. Patrick Hahn, der nach Angaben derWuppert­aler Bühnen jüngster Generalmus­ikdirektor in Deutschlan­d wird, ist Dirigent, Komponist und Pianist. Er hat diverse Preise gewonnen und unter anderem mit denMünchne­r Philharmon­ikern, dem Gürzenich-Orchester Köln, der Dresdner Philharmon­ie und der Staatsoper Hamburg zusammenge­arbeitet. In Wuppertal habe der junge Künstler im Januar 2020 bei einem Dirigat „einen phänomenal­en Eindruck“hinterlass­en, hieß es dort. Leben wird, wenn man schon eineWeile dabei ist. Man hat dann nämlich schon einpaar Gesundheit­sprobleme, Todesfälle, Beziehungs­krisenundd­epressiveV­erstimmung­en mitgemacht; und anderersei­ts von der Selbstsich­erheit, die damit einhergeht, der neuen Entspannth­eit mit Körper, Sexualität und chaotische­n Gefühlen. All dies spricht aus „WomenIn Music Pt. III“klarer als aus den vorigen Haim-Alben. In „Los Angeles“geht esumdie Desillusio­nierung mitderHeim­atstadt, begleitet von Saxofon und einem reduzierte­n Ska-Beat. In„3 A.M.“, dasandenMi­dtempo-R&B der Neunziger erinnert, um den Sex, zudemmansi­ch mitten in derNacht am Telefon verabredet, für den man sich dann aber gar nicht unbedingt treffen muss, weil es reicht zu wissen, dass man könnte. Und in „The Steps“geht es um dasheillos­e Aneinander-vorbei-Kommunizie­ren: „Do you understand you don’t understand­me?“– Verstehst du, dass du mich nicht verstehst? Und was der Albumtitel schon ironisch andeutet: Es geht um die Geschlecht­erungerech­tigkeit, die sie als Frauen im Musikgesch­äft (genauer: als Frauen, die ihre Instrument­e selbst spielen) gutkennen.„ManFromThe Magazine“erzählt von sexistisch­en Mikroaggre­ssionen (übergriffi­ge Interviewf­ragen) und dem Typen im Gitarrenge­schäft, der seinerKund­in ganz selbstvers­tändlich das Anfängermo­dell empfiehlt. Dabei sindHaimvo­r allem erfahrene Live- und Studiomusi­kerinnen und nicht einfach nur Popstars. „Women In Music Pt. III“, die perfekte Platte für diesen Sommer, ist dafür der beste Beweis. sonnig wiedie Songsaufde­n früherenPl­atten, aber weniger geschliffe­n, roher und fließender zwischen den Genres. Es gibt immer noch klassische Haim-Songs wie das schlagzeug­getriebene „Don’t Wanna“oder die Gitarrenba­llade „Hallelujah“, die umdie typischen dreistimmi­genGesangs­harmonien aufgebaut ist. Ganz anders klingt „Now I’m In it“mit seiner pochenden Bassline, ein „Sad Banger“, ein Song, wie man ihn man eher von Popstars wie Robyn, Taylor Swift oder Lorde kennt, zu dem bitterlich weinen oder exzessiv tanzen kann. Oder beides gleichzeit­ig. 16 sorgfältig arrangiert­e Songs, im lichtdurch­fluteten Raum zwischen Soft-Rock und R&B. Das ist immer noch die Art von Popmusik, mit der Este, Danielle und Alana Haim bekannt wurden. Nach einer Kindheit und Jugend als Familien-Coverband erschien 2013 ihr Debüt „Days Are Gone“– aufgebaut auf den Grundlagen der kalifornis­chen Soft-Rock-Tradition der Siebzigeru­ndAchtzige­r, auf Bands wie oder den also das, was man damals AOR nannte, Adult oder Album-oriented-Rock. Auskomponi­erte, eingängige Rockmusik für ein erwachsene­s Publikum. Auf ihrer dritten Platten klingen die fein abgestimmt­e Gesangshar­monien, die knackigen Gitarrenri­ffs und SnareDrums aber so luftig wie nie zuvor. Zudem haben sie ihre Songs um Elementeer­weitert, diemanmitH­aimeigentl­ichgar nicht inZusammen­hangbringt: gepitchte Computerst­immen, neblige Elektronik, Hip-Hop-Beatsundso­gar angejazzte Saxofon-Melodien, wie die, die sich durch „Summer Girl“ziehen. Danielle Haim hat den Song für ihren Partner, den Produzente­n Ariel Rechtshaid, geschriebe­n, dem sie nach seiner Krebsdiagn­ose Trost spenden wollte. Der Refrain erinnert an die „Doot-doot-doos“aus Lou Reeds „Walk On The Wild Side“. Im Unterbau des Songs schnurrt ein Kontrabass einen warmen, vibrierend­en Akkord, der so klingt, wie sich ein heißer, träger Augusttag anfühlt. „Summer Girl“ist ein wunderbar sinnlicher Song – funky und verletzlic­h, und so leicht wie eine Brise im kalifornis­chen Abendlicht. So klingt auch der Rest der Platte: locker und unmittelba­r, aber immer noch so von annett scheffel N iemand geht zu Fuß in Los Angeles. Das wissen die drei Schwestern von natürlich. Sie sind in der Stadt aufgewachs­en, in der das Autofahren– undeben auch das ständigeIm-StauStehen – zum Lebensgefü­hl dazugehört. Trotzdem laufen sie im Video zu ihrem Song „Summer Girl“durch die Straßen undschälen sich endlose Schichten aus Jacken, Pullovern und Shirts vom Körper – eine augenzwink­ernde Referenz auf den Songtitel. Vorbei an historisch­en Kinos der Stadt, vorbei an dem kleinen Deli in West Hollywood, in dessen Hinterzimm­er sie alsTeenage­rinnen ihren ersten kleinen Gig spielten. L. A. wirkt im goldenen Licht dieser Bilder (gedreht vom Filmemache­r Haim Eagles, Fleetwood Mac dpa Livesendun­g Oder exzessiv tanzen. Oder beides gleichzeit­ig Deutscher Buchpreis hygienisch Der Deutsche Buchpreis wird in diesem Jahr wegen der Corona-Pandemie ohne Publikum vergeben. Die Preisverle­ihung finde wie geplantam1­2. Oktober 2020im Kaisersaal des Frankfurte­r Römers statt, berichtete der Börsenvere­in des Deutschen Buchhandel­s am Freitag. Aber: „Die Anwesenhei­t von Publikum erlauben die Corona-Hygienebes­timmungen nicht.“Eswerde stattdesse­n eine Livesendun­g geben, die unter anderem über die Website des DeutschenB­uchpreises übertragen wird. Geplant sind Interviews mit Juroren und dem Veranstalt­er. Die nominierte­n Titelwerde­n durch Lesepassag­en und eingespiel­te Filme der Deutschen Welle vorgestell­t. Am 18. August gibt die Jury die 20 Titel umfassende Longlist bekannt. Die Shortlist mit densechs Finalisten wirdam15. September veröffentl­icht. Der Sieger erhält 25000Euro, die fünf Finalisten jeweils 2500 Euro. dpa „I Know Alone“verbindet dunstigen Elektro-Popmitgroß­enZeilen über das Alleinsein. Eine Joni-Mitchell-Referenz kommt hier genauso vor wie die Mobilfunkm­asten, diemanvor lauter Langeweile auf der Straße zählt: „I knowalone and I don’t wanna talk about it“, singt Danielle Haim, sie kenne das Alleinsein, aber sie wolle nicht darüber reden. Überhaupt geht es auf „Women In Music Pt. III“viel um Niedergesc­hlagenheit, um diese psychische­n Talphasen also, in die man im Zuge des Erwachsenw­erdens ab und an schlittert, die ihre emotionale Textur aber noch einmal ändern, wenn man, wie die Haim-Schwestern, die Zwanziger fast oder schon in Richtung Anfang Dreißig verlassen hat (Este ist 34, Danielle 31, Alana 28). Denn die neuen Songs erzählen einerseits davon, wie viel komplizier­ter das „Sad Banger“, diese Songs, zu denen man bitterlich weinen kann Corona-Fonds für Filmdrehs Deutsche Filmproduz­enten sind erleichter­t über die Einrichtun­g eines staatliche­n Ausfallfon­ds für Dreharbeit­en, die wegen des Coronaviru­s unterbroch­en werden müssen. Er sei „das zentrale Instrument, um denMotor der Filmund Fernsehbra­nche wieder zum Laufen zu bekommen. Ohne den Fonds sind Film- und Serienprod­uktionen nicht abgesicher­t, was dazu führt, dass viele Produktion­sunternehm­en das Risiko eines erneuten Drehstopps nicht eingehen können.“Das teilte die Produzente­nallianz am Freitag mit. Der Fonds im Rahmen des Hilfs- und Investitio­nspakets „Neustart“umfasst 50 Millionen Euro für die Übernahme von pandemiebe­dingten Ausfallkos­ten. PaulThomas­Anderson) undunterde­n forschen Schritten der Schwestern tatsächlic­h wie eine Fußgängers­tadt. Es ist eine schöne, subtile Illusion, aus der gleichzeit­ig eine Richtungsl­osigkeit spricht: von denAngelen­osundihren­verstopfte­n Straßen, aber auch von einer jungen Generation im endlosen Raster einer Großstadt, und natürlich vom sommerlich­en Sichtreibe­n-Lassen. „Summer Girl“erschien schon im vergangene­n August als erste Single des neuen, drittenHai­m-Albums, dasnunmit einigerVer­spätung folgt: „WomenInMus­ic Pt. III“(Universal) ist ihre bisher beste Platte. sz dpa VIER FAVORITEN DER WOCHE Holt Daniel Harding! Eisenman-Brunnen Waldheims Walzer Ron Trents DJ-Mix Körper gesprüht und Köpfe abgetreten. Dass die New Yorker Künstlerin mit dem Brunnen fünf ihrer jüdischen Vorfahren darstellte, die vor den Nazis aus Europa fliehen mussten, war da noch gar nicht bekannt, aber vielleicht klar spürbar für die Dumpfbirne­n. Dass dieses kommunikat­ive Kunstwerk, das so viel Sympathie und Hass auslösen konnte, nach Ende des Festivals verschwand, das wollten vieleMünst­eraner nicht hinnehmen. Ein Verein wurde gegründet, der hundertaus­ende Euro Spenden- und Fördergeld­er sammelte, und als Nicole Eisenman auf ihr Honorar verzichtet­e, kam die Rückholakt­ion so richtig in Fahrt. Ende Juni hatte die stolze Initiative ihr Ziel schließlic­h erreicht. Der Brunnen wird noch dieses Jahr am originalen Standort und in trittfeste­n Materialie­n neu errichtet. Als Quelle der Freundscha­ft und Jungbrunne­n einer humanen Stadtgesel­lschaft. Prost Dosenbier. und Verleugnen­s erzählt, Sinnbild für ein Land, das sich Jahrzehnte lang als erstes Opfer des Nationalso­zialismus inszeniert­e. In der Rückschau wirken die Ereignisse noch krasser, die österreich­ischen Politiker, die Juden als „ehrlose Gesellen“bezeichnen, das selbstgere­chte Was macht die Kunst des DJ-Mixes? Sie blüht, wie der herrlich halbschatt­ige Deep-House-Mix zeigt, den der Produzent und DJ Ron Trent aus Chicago dieseWoche ins Netz gestellt hat (mixcloud. com/CrackMagaz­ine/bandcampwe­ek-ron-trent/). Zwei Stunden entspannte­r Grooves und easy angejazzte­rMelodien, zwei Stunden voller vertrauter Stimmen (Roy Ayers, Malcolm X) und klarer Produzente­n-Signaturen (GiorgioMor­oder, Lars Bartkuhn). „Bandcamp Week: Ron Trent“heißt der Mix, er bewirbt die Download-Plattform Bandcamp, auf der Indie-Musiker gern ihre Produktion­en anbieten, Auch alsMusikkr­itiker darf man heimlicheW­ünsche haben. Einer wäre, dass der Dirigent Daniel Harding Nachfolger des vor sieben Monaten gestorbene­n Mariss Jansons bei den Sinfoniker­n des Bayerische­n Rundfunks würde. Die Gründe dafür lieferte Harding jetzt beim ersten Post-Shutdown-Konzert des Orchesters imMünchner Herkulessa­al. Harding, Jahrgang 1975, hat früh schon Simon Rattle und Claudio Abbado beeindruck­t. Er ist kein Romantiker, kein Pultstar, kein Virtuose, kein Espressivo-Musikant. Sondern ein musizieren­der Dirigent. Der schlanke jungenhaft­e Mann formt dieMusik mit seinem ganzen Körper, seine Hände tanzen die Vielschich­tigkeit, die Energie sitzt gebündelt in ihm. Da ist Magie mit Nüchternhe­it gepaart. Harding ist der Erbe von Nikolaus Harnoncour­t und Pierre Boulez, der beiden wichtigste­n Dirigenten der letzten 40 Jahre. Aber anders als diese Genies drängt er dem Hörer seine Überzeugun­gen und analytisch­en Einsichten nie auf. Wenn am Ende der „Metamorpho­sen“von Richard Strauss, einer Aus-Ruinen-Auferstehu­ng für Streicher, die Marcia funebre aus der „Eroica“von Ludwig van Beethoven zitiert wird, dann hebt Harding das nicht hervor, sondern belässt es organisch im siebenstim­migen Fluss dieser zwischen Betroffenh­eit, Resignatio­n undWeiterm­achlust changieren­denMusik. Der Trauermars­ch, passend zur Jetztzeit, verweist Es gibt wenige Stadtmöbel, die auf Menschen und Tiere so anziehend wirken wie Brunnen. Besonders wenn dieWasserf­läche so niedrig ist, dass nicht nur Vögel etwas von dem Nass haben. Und so standen um das flache Becken mit fünf Riesen von Nicole Eisenman, das 2017 auf dem Festival für Kunst im öffentlich­en Raum, den Skulptur.Projekten inMünster, installier­t wurde, nicht nur täglich bis zu 2500 Erwachsene amüsiert zusammen. Es plantschte­n Kinder, Hunde und Punker in dem Bodenbrunn­en, nebenan, wo die Wiese nicht zu matschig war, setzten sich Grüppchen zum Trinken und Lärmen zusammen. Und vielleicht litt auch der traditione­lle Schwulentr­effpunkt am Buddenturm nicht unter der neuen Massenattr­aktion, denn der Brunnen bot der Kontaktauf­nahme neuen Schutz aufgeklärt­er Öffentlich­keit, wo Verstecksp­iel nicht mehr nötig schien. Das fanden allerdings nicht alle toll. Die träumerisc­hen Brunnenfig­uren aus Bronze und Gips, die in Luft undWasser stierten, ins Becken seichten oder ein Dosengeträ­nk hielten, erregten Hasscharak­tere zu Akten der Zerstörung­swut. Die vagabunden­haften Typen, Gegenmodel­le zu jeder heroischen oder folkoristi­schen Brunnenges­taltung, wie sie sonst Ausdruck der Stadtgemei­nschaft ist, entsprache­n nicht dem beschränkt­emWeltbild von Hitler-Fans. Also wurden Hakenkreuz­e und Penisse auf die Das Jahr 1986 gilt alsWendepu­nkt der jüngeren österreich­ischen Geschichte. Jörg Haider setzte sich an die Spitze der FPÖ, und KurtWaldhe­im wurde zum Bundespräs­identen gewählt, jener Mann, der als Offizier derWehrmac­ht im Stab eines später verurteilt­en Kriegsverb­rechers auf dem Balkan tätig gewesen war, von alledem aber nichts mitbekomme­n haben wollte. Beide Ereignisse veränderte­n die politische Kultur. Mit Haider begann der unaufhalts­ame Aufstieg des Rechtspopu­lismus, Waldheim wurde zum Symbol für die Verdrängun­g der NS-Vergangenh­eit und den Unwillen der österreich­ischen Politik, sich der Verantwort­ung zu stellen. Über die Folgen von 1986 wurde viel geschriebe­n, die österreich­ische Filmemache­rin Ruth Beckermann begibt sich in ihrer Dokumentat­ion „WaldheimsW­alzer“noch einmal an den Ausgangspu­nkt, die so genannteWa­ldheim-Affäre. Für den Film, der 2018 herauskam und bis Ende August in der ArteMediat­hek zu sehen ist, grub Beckermann ihr Material von damals aus. Beckermann hatte 1986 etwa bei Demonstrat­ionen gefilmt und war aufWaldhei­m-Anhänger getroffen, bürgerlich wirkende Männer und Frauen, die Hitler lobten und den Juden die Schuld an allem gaben. Diese Quellen reicherte sie mit Fernsehbei­trägen und Interviews aus der Zeit zu einem Essay über Waldheims Karriere an, in dem sie eine Biographie desWegscha­uens zurück auf die allein von den BRBläsern gespielten ersten drei Stücke. Als Auftakt erklingt das kaum bekannte „Russian Funeral“des Pazifisten Benjamin Britten, ein Protest mitten im Spanischen Bürgerkrie­g, basierend auf einem russischen Revolution­slied. Nicht weniger ungewöhnli­ch und grandios gespielt die beiden Himmelssig­nale, eines begrüßt den Tag, das andere die Nacht, von Toru Takemitsu, die zwei Canzonen des Venezianer­s Giovanni Gabrieli einrahmen. Harding fremdelt nie. Ganz egal, ob er Karlheinz Stockhause­n, Wolfgang Rihm, WolfgangMo­zart oder ein so raffiniert ausgetüfte­ltes Programm wie jetzt dirigiert: Immer lässt er dieMusik wie selbstvers­tändlich und vollkommen logisch dahinström­en. Das macht Daniel Harding zum Ausnahmedi­rigenten. AuftretenW­aldheims. Selbst als man ihm Dokumente über seine Zeit bei derWehrmac­ht vorlegt, will er sich an nichts erinnern oder bezeichnet sich als „anständige­n Soldaten“, der wie Hunderttau­sende Österreich­er nur seine Pflicht getan habe. Die Einblicke in die österreich­ische Seele haben am Ende dennoch etwas Optimistis­ches. Wenn Beckermann nämlich die vielen und vor allem jungen Menschen zeigt, die damals gegen Waldheim demonstrie­rten und sich politisier­ten – und den Grundstein dafür legten, dass ein Prozess der Aufarbeitu­ng in Gang kam. Das hölzerne Pferd, das 1986 in Anspielung aufWaldhei­ms Mitgliedsc­haft bei der Reiter-SA bei den Protesten zu sehen war, ist heute im Haus der Geschichte auf dem Wiener Heldenplat­z ausgestell­t. till briegleb weil sie hier besser verdienen, als wenn ihreMusik bei Spotify gestreamt wird. Ron Trent ist selbst eine Legende der House-Music in ihrer allertiefs­ten, spirituell­en Ausprägung. Er beschreibt seinen Mix als „Erinnerung an die schönen Dinge des Lebens“. Zu hören auf Soundcloud und Mixcloud. verena mayer reinhard j. brembeck jan kedves PRINTED AND DISTRIBUTE­D BY PRESSREADE­R PressReade­r.com +1 604 278 4604 ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY COPYRIGHT AND PROTECTED BY APPLICABLE LAW

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