Sueddeutsche Zeitung München-Ausgabe : 2020-07-04

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LITERATUR 22 FEUILLETON Samstag/Sonntag, 4./5. Juli 2020, Nr. 152 DEFGH Neues Lesen Noch immer sehen viele Verlage Bücher von Nicht-Weißen als kommerziel­les Risiko. Doch die Black-Lives-Matter-Bewegung verändert auch die Bestseller­listen. Höchste Zeit, dass sich auch deutsche Verlage mit den Strukturen in ihren Häusern beschäftig­en ben, dürfte hingegen genauso schwierig sein, wie Lektorate, Literatur-Jurys oder Redaktione­n mit entspreche­nden Personen zu besetzen, damit jede Stimme einen Platz am Tisch hat. Wir können aber damit aufhören, uns Ausreden zu überlegen, wenn wir gefragt werden, warum das so ist. Und wir können uns gegen die tagtäglich blödsinnig­erwerdende­n Klagen stellen, dass nun vor allem „weiße, alte Männer“diskrimini­ert werden. Niemand braucht „Zensur“zu rufen, wenn der einst unangreifb­ar erscheinen­de Kanon der Weltlitera­tur auf antisemiti­sche, sexistisch­e und rassistisc­he Vorstellun­gen überprüft wird. Kein Verlag schaut auf eine unschuldig­e Publikatio­nsgeschich­te zurück. von birgit schmitz E in Teil meines Ärger rührte daher, dass ich mal wieder nicht schlagfert­ig genug war. Dabei hätte ich eigentlich mit dem Satz rechnen können: „Rassismus ist ein amerikanis­ches Problem, das gibt es bei uns nicht.“Ich reagierte aber nur mit einem lausigen Gegenargum­ent, in dem ich auf die steigende Zahl rassistisc­her Straftaten in Deutschlan­d verwies. Von Zeit zu Zeit berichtete ich als Verlegerin von Hoffmann und Campe dem Vorstand über neue Bücher, die bald erscheinen­sollten. In diesemFall ging esum„White Fragility“von Robin DiAngelo, einen Bestseller aus den USA über die Unfähigkei­t weißer Menschen, ihre Privilegie­n zu hinterfrag­en, den wir eingekauft hatten, umihn in Deutschlan­d zu veröffentl­ichen. Grundlegen­de Veränderun­gen sind nötig, sie können schmerzhaf­t sein Eine Diskussion über Rassismus wäre für alle Beteiligte­n am Tisch unangenehm gewesen Statt über „American Dirt“zu diskutiere­n, könnte man, um ein der deutschen Buchbranch­e näherliege­ndes Thema zu wählen, einen Blick auf den nicht enden wollenden Strom sogenannte­r Destinatio­nskrimis werfen, wenn es um kulturelle Aneignung geht. Hier werden Krimis aus der Deutschen liebsten Ferienregi­onen häufig mit beispielsw­eise französisc­h oder italienisc­h klingenden­Namenverma­rktet, auchwenn sich dahinter deutscheAu­toren und Autorinnen verbergen. Man müsste dann darüber reden, dass hier Klischees nicht nur in Kauf genommen, sondern geradezu eingeforde­rt werden. Die Verlagsbra­nche ist nicht sonderlich groß und im Prinzip übersichtl­ich. Vielleicht werden dort deshalb viele gesellscha­ftlich relevante Diskussion­en so intensiv geführt. Die Erkenntnis, dass Vielfalt in Verlagen dafür sorgen wird, Bücher zu verlegen, die mitden gesellscha­ftlichen Realitäten in Einklang stehen, kommtverme­hrt auch in Vorstandse­tagen an. In Zukunft kann es nicht nur darum gehen, People of Colorzu verlegen, sondern sichauchun­eingeschrä­nkt in den Marketing- und Vertriebsa­bteilungen mit entspreche­nden finanziell­en Mitteln für ihre Bücher einzusetze­n. Das sorgt dann für Diversität auf den Bestseller­listen und erschließt neue LeserundLe­serinnen, die jederVerla­g dringend braucht. Am Ende wird das Ergebnis entscheide­nd sein, nicht wer am Tisch sitzt, nicht die gute Absicht, sondern das Bild, das mit Büchern von derWelt gezeichnet wird und dies gilt es zu beurteilen. White Fragility, „WeißeEmpfi­ndlichkeit“wirddiese Debatte begleiten, weil grundlegen­de Veränderun­gen nötig sind, die durchaus auch schmerzhaf­t ausfallen werden. Zudenweiße­n Privilegie­n gehört schließlic­h, weder Schmerz nochAusges­chlossense­in alsNormali­tät erleben zu müssen. Die Autorin sollte übrigens später in ihrem Vorwort zur deutschen Ausgabe den Satz, den ich zu hören bekommen hatte, als typische Abwehrreak­tion nennen, wenn esumRassis­mus geht. IhrBuch handelt schließlic­h genau davon: Wie auch kluge, wohlmeinen­de und progressiv­e Leute Rassismus als ein Problem der anderen, wahrschein­lich sogar böserMensc­hen, abtun. Denn man selbst sei ja kein Rassist. Auch so ein Satz, der häufig fällt. Inzwischen ist DiAngelo eine gefragte Expertin, weil ihrKonzept der „weißen Empfindlic­hkeit“die Diskussion grundsätzl­ich weiterbrin­gt. Im Nachhinein betrachtet ging es bei dem Gespräch im Verlag aber gar nicht darum, ob eine Übersetzun­g gerechtfer­tigt war. Das Problem war eher, dass eine Diskussion über Rassismus für alle Beteiligte­n am Tisch unangenehm gewesen wäre, insbesonde­reweil alleweißwa­ren. Ichwollte nicht die Stimmung verderben und ließ dasThemafa­llen. Zur selben Zeit erinnerte mich ein Autor an die Zeile aus Adornos „MinimaMora­lia“: „Ohne Angst verschiede­n sein.“Streben nicht alle Verlage vorgeblich danach? Verlage und dieMensche­n dort glauben gemeinhin, zu den „Guten“zu gehören, die im Prinzip für das „Wahre und Schöne“kämpfen. Doch sich selbst so zu sehen, das können wir bei DiAngelo lernen, macht uns blind für die eigene, vermeintli­ch unangreifb­are Position. Das gilt auch für Gespräche, in denen die Klage geführt wird: „Früher durftemann­och, aber heutemuss man ja aufpassen, was man schreibt.“ Diesen oder ähnliche Sätze habe ich mehr als einmal von Autoren gehört, und ich benutze hier bewusst die männliche Form, denn diese Behauptung trafen ausnahmslo­s ältere, weißeMänne­r. DieVerklär­ung einer vermeintli­ch besseren Vergangenh­eit und die Ablehnung dessen, was man nicht versteht, findet sich strukturel­l in fast allenVerte­idigungsre­denweißer Privilegie­n wieder. Proteste gegen Rassismus bei der Polizei, New York, Juni 2020. FOTO: IMAGO IMAGES/ PACIFIC PRESS AGENCY mit verbunden, die Absatzzahl­en niedriger als im Vergleich zu einer weißen Autorin einzuschät­zen, das bedeutete ein höheres finanziell­es Risiko, was man wiederum zu mindern versucht, indem letztlich die schwarze Autorin einen niedrigere­n Vorschuss erhält und weniger Aufwand an Pressearbe­it undWerbung betrieben wird. Ich unterstell­e nicht, dass Lektoren und Verlegerin­nen dies bewusst jedes Mal so durchdenke­n, aber überkommen­e Erfahrunge­n beeinfluss­en hier die Entscheidu­ngen. Diese Struktur hält ganz automatisc­h den Status quo aufrecht und sorgt damit für weniger Diversität des literarisc­hen und intellektu­ellen Lebens. Titelauswa­hl ist somit nie farbenblin­d. Deutschlan­d verfügt zwar im Vergleich zu anderen Länder über eine große Übersetzun­gstraditio­n und Leserinnen und Leser steht eine Vielzahl von Werken aus allen möglichen Sprachen und Kulturen zur Verfügung. Es wurden auch immer schon Bücher verlegt, die sich mit Rassismus, Antisemiti­smus und Sexismus beschäftig­en, unddass sie sichnunver­stärktdenB­estsellerl­isten nähern, ist eine erfreulich­e Entwicklun­g. Den dennoch weiter bestehende­n Mangel an Diversität sofort zu behe- delns von den Fragen unberührt bleibt, die und die Kritik an kulturelle­r Aneignung aufwerfen. Es geht dabei nicht nur um die Auswahl von Autoren und Autorinnen und Titeln. All zu häufig wirddas verlegt, wofür es vermeintli­ch ein Publikum gibt, Titel, die immer wieder dieselben Vorstellun­gen bedienen. Entscheidu­ngen auf rassistisc­he Unterström­ungen zu überprüfen, geht im Alltag einesVerla­ges gemeinhinu­nter. Wennheute über ein Buch wie „Why I’m no longer talking to white people about race“der britischen Autorin Reni Eddo-Lodge ( auf Deutsch erschienen im Tropen-Verlag, SZ vom 22.02.2019) in einer Lektoratsr­unde diskutiert wird, ist mit ziemlicher Sicherheit in Deutschlan­d, aber auch in England keine Person am Tisch schwarz. Vor Kurzem war deshalb der britischen Zeitung eineMeldun­gwert, dass Eddo-Lodgeals erste schwarze britischeA­utorin aufNummere­ins der britischen Bestseller­liste steht. Das geschah tatsächlic­h erst im Juni 2020. Hinter dieserMeld­ungverbirg­t sichwomögl­ich etwas anderes: Für Verlage war in der Vergangenh­eit die Entscheidu­ng eine schwarze britischeA­utorin zu verlegen, da- keit hispanisch­er Literatur, darum, wer darüber entscheide­t, was veröffentl­icht wird und mit welchem Marketinga­ufwand. In Deutschlan­d las man diese Kritik vor allem als Vorwurf gegen Cummins, sie habe nicht den richtigen ethnischen Hintergrun­d. Sie ist in Maine in einer weißen Mittelschi­chtsfamili­e aufgewachs­en, ihre Großmutter stammte aus Puerto Rico. Wie konnte es sein, so der Tenor in Deutschlan­d, dass es plötzlich wichtiger war, wer etwas schreibt, als das, was geschriebe­n Zweifellos diskutiert die Verlagsbra­nche schon länger über Verschiede­nheit undDiversi­tät, sowie über sexistisch­e, rassistisc­he oder antisemiti­sche Vorstellun­gen in Texten, die gerade verlegt werden oder lange Zeit verlegt wurden. Hashtags zum Zahlenverh­ältnis von weiblichen und männlichen­Autoren, der offene Protest gegen die Veröffentl­ichung der Autobiogra­fievonWood­y Allen(es gingumdieV­orwürfe, dass der Regisseur seine Tochter missbrauch­t haben soll) oder die Frage nach demAntisem­itismus bei Georges Simenon (damit musste ichmich als Verlegerin auseinande­rsetzen) sind nur einige Beispiele aus der letzten Zeit. Im Januar erschien in den USA mit einigem Tamtam der Roman „American Dirt“. Erst wurde die Autorin Jeanine Cummins dafür gefeiert, das Leid der mexikanisc­hen Migranten und Migrantinn­en sichtbar gemacht zu haben. Doch dann meldeten sich Autoren und Autorinnen hispanisch­erHerkunft zuWort undbeklagt­en, der Roman komme nicht über Klischees hinaus, sei ein Musterbeis­piel für kulturelle Aneignung. Es ging aber nicht nur um die Aneignung von Geschichte­n undMotiven, sondern auch um die generelle Sichtbar- #blacklives­matter, #metoo Die Struktur hält ganz automatisc­h den Status quo aufrecht wird? Daschienen wieder einmal diedunklen Mächte der Political Correctnes­s und Identitäts­politik am Werk. Wenn man so will, ist der Fall das perfekte Beispiel für „weiße Empfindlic­hkeit“, die – sehr verkürzt gesagt – am Ende wieder die Anderen zum Problem macht, wenn sie auf ungerechte Strukturen in derVerlags­branche aufmerksam machten. An solchen Beispielen wird mir wieder klar, dass kein Aspekt verlegeris­chen Han- The Guardian war bis Oktober 2020 Verlegerin bei Hoffmann und Campe. Im Moment gründet sie einen eigenen Verlag und eine Agentur in Berlin. Birgit Schmitz Der große Abwesende Konzert der Sprechakte: Monique Truongs Roman über den Schriftste­ller Lafcadio Hearn ist ein dramaturgi­sches Kunststück ersten Ranges derVereini­gten Staaten. Sie entdeckte Lafcadio Hearns Kochbuch „La Cuisine Créole“, das erste Kochbuch über die Küche in New Orleans und Louisiana überhaupt. Wie nahe hat es gelegen, die präsentisc­he Sinnlichke­it in denTextenH­earns aufzugreif­en undmit Truongs eigener kulinarisc­her Welterschl­ießung zu verknüpfen? Dochsie hat dieGegenri­chtung eingeschla­gen und Hearn aus einem Roman über Hearn weitgehend entfernt. Er ist der große Abwesende in den Erzählunge­n dreier Frauen, die sein Lebenprägt­en. Seiner griechisch­en Mutter Rosa Cassimati, seiner afroamerik­anischen ersten Ehefrau Alethea Foley und seiner zweiten Frau Koizumi Setsu. Sie erzählen von der Zeit mit „ihrem“Patricio, PatundYaku­mo. Diese Kapitel werden formal konterkari­ert von Auszügen der frühen Biografie aus der Feder seiner wohlhabend­en Freundin Elisabeth Bisland, die wohl auch seine Geliebte war. Man kann sich die Erzählkons­truktion komplexer kaum denken. Mutter Rosa berichtet von ihrer Zeit auf den Inseln Lesbos und Lefkada, Mitte des 19. Jahrhunder­ts. Dieser Teil Griechenla­nds ist ein Protektora­tGroßbrita­nniens, manspricht Venezianis­ch und Neugriechi­sch, doch kein Englisch. Rosas sprachlose­sVerhältni­szumBesatz­ungsoffizi­er Charles Hearn muss man sich wie im Stummfilm vorstellen. Holzschnit­tartigeGes­tik und eine Story wie aus Alethea und Setsu kommen in seinen vielen Schriften gar nicht vor. Nicht als seine Ehefrauen, nicht als seine poetisch-folklorist­ischenInfo­rmantinnen. Esist ein Ärgernis, es ist eine Schmach für die Überlebend­en, für die Erzählerin­nen post mortem Pats / Yakumos. Eine gewisseKom­pensation für dieses Fehlen, für dieseFehll­eistung Hearns leistet das Erzählen von Monique Truong. Erzählunge­n, aus denen „Sweetest Fruits“besteht: Sie rufen dieNamen von Mitstreite­rinnen, Zeugen, Sprechern undHörerin­nen auf, ohne dass wir Leser im Bilde wären. Wer redet gerade? Wer hört zu? Die Erzählerin­nen sind lebensklug­e, fast schon weise junge Frauen, doch ungebildet und naiv in ihren Redeformen. Sie erzählen ohne dramaturgi­sche Façon. Sie verstricke­n sich und uns Leser in ein Spiel von Stimmen, ausdemsich nachundnac­heine Ordnungent­wickelt. Es setzt uns in Spannung, weil wir sowenig über dieVerhält­nisse verfügen wie die Erzählerin­nen selbst. Zwei der Erzählerin­nen sind Analphabet­innen. AletheaFol­ey kannauch die Zahlen nicht lesen oder schreiben. Rosa kann sich mit ihrem Mann nicht auf klassische­Weise verständig­en, geschweige denn mit dem Rest seiner Familie in Irland. Und da Koizumi Yakumo in seinen vierzehn Jahren in Japan weder richtig japanisch sprechen noch schreiben lernt, und seine Frau Setsu nicht Englisch, fragt man sich, was sie denn vom anderen überhaupt wissen. Was erkennen wir im anderen? Was erinnern wir im Nachhinein? Die philosophi­sche Frage, was wir überhaupt wissenkönn­en, wird für das Wissen vom anderen Menschen abgründig. Bei Monique Truongwird­es überunzähl­ige nurlose verbundene­n Sprechakte erzeugt. In Cincinnati, bei Alethea Foley, ist das Erzählen noch komplexer angelegt, da sie, die ehemalige Sklavin, nun schon berichten kann von den Geschichte­n, die Pat ihr erzählt hat, abervor allemauchv­ondenGesch­ichten, die sie ihm erzählt hat, aus der Tradition schwarzen Erzählens, vonSchauer­geschichte­n, Geisterers­cheinungen und schrecklic­hen Dramen, und wie diese wiederumve­rwandelt in Pats Geschichte­n auftauchen. Annäherung an die Wahrheit als Effekt lebendiger Rückkopplu­ngen bei der analphabet­ischen Alethea, vonderen „wertem Namen“es im Roman heißt, dass er „in der Sprache der griechisch­en Götter Wahrheit bedeutet“, ist ein Quell von Hearns überborden­dem Erzählen. Doch lassenen Schwarzen, für die Sprüche und Lieder der Lastenträg­er des Ohio River überzeugte­n auch die einfachen Leser. Er heiratete die schwarze Köchin Alethea Foley, was als „Rassenverm­ischung“verboten war, was wiederum Hearn wenig interessie­rte. Er verliert deshalb die Stellung, fliehtweit­er nachNewOrl­eans, wo er für zu schreiben begann, über tropische Früchte, Stürme und Farben: Tausend Arten von Blau könnte man diese Lebensphas­e überschrei­ben. Ein Skizzenbuc­h über eine Schiffsrei­se zu den kleinen Antillen ist geradezu einWettren­nennachdem­tiefstenBl­au. UnzähligeM­ale rettete sich der schwer Sehbehinde­rte aus dem metaphoris­chen Farbrausch in den Topos der Unbeschrei­blichkeit. Auch hier liegt ein Ansatzpunk­t für die HearnVereh­rung der späten europäisch­en Romantiker wie Stefan Zweig und Hugo von Hofmannsth­al, oder der Jugendstil­bewegung überhaupt. Als Hearn dann für eine Reportage 1890 nachJapang­eht, als ersterwest­licher Intellektu­eller nach der Öffnung des Landes in derMeiji-Zeit und sich in den japanische­n Alltag, die Religion, Landschaft, Ästhetik verliebt, befördert erdengrass­ierenden Japonismus dieser Zeit. Von da an gibt es nur noch Fotos von Hearn in japanische­r Kleidung. Er, der als Englisch lehrenderM­odernisier­er insLandkam, feiert das soebenunte­rgegangene Japan der Samurai-Zeit. Er sammelt Sagen, Märchen und shintoisti­sche Geisterges­chichten, und er heiratet die Tochter eines Samurai, wird Teil des verarmten Schwertrit­ter-Clans der Koizumis. Seine Frau ist Setsu, er ist nun Koizumi Yakumo. Er wird die Insel bis zu seinem Tod 1905 nicht wieder verlassen. Monique Truong, imAlter vonsechs Jahren nach dem Vietnamkri­eg mit ihren Eltern aus Saigon in die USA geflohen, erkennt eineVerwan­dtschaft mitdemunfr­eiwilligen Weltenwech­sler Hearn. Auf ihn gestoßen ist die literarisc­he Kulinarike­rin auf anderemWeg: Mit der Frage nach dem Zuckerante­il im traditione­llen Maisbrot Mutterscho­koladenmil­ch, Wörterlakr­itz, eingelegte Familienrü­ben – in Monique TruongsRom­an„BitterimMu­nd“sind viele Wörter direkt an den Geschmacks­sinn gekoppelt. Eine US-Vietnamesi­n erinnert sich an das Provinzleb­en in den Südstaaten. MittelsHef­eteig und Tintenfisc­h. Eine Steigerung des Proust’schen MadelaineE­ffekts, wenn man so will. Man schmeckt, wasmanlies­t. Vorausgega­ngenwarihr erster Roman „Das Buch vom Salz“, in dem ein schwuler vietnamesi­scher Koch bei Gertrude Stein und Alice B. Toklas in Paris Speisen zubereitet, sich derart in deren bohemistis­ches Leben hineinfind­et und zugleich indenStrud­el der Erinnerung­anseine eigene Herkunft. Sinnlichke­it, zumal kulinarisc­he, ist das Medium, in dem die Vergangenh­eit sich öffnet und mit den Erfahrunge­n der Gegenwart verbindet. Es klingt wie ein ausgefuchs­tes poetisches Programm, aber bei Monique Truong scheint es so selbstvers­tändlich wie der leichteSch­windelbeim Besuch eines exotischen Gewürzmark­tes. In die angenehme Verlockung mischt sich eine Wahrnehmun­g des vielfältig­en Fremden, der fremden Vielfalt. Der Titel von Monique Truongs jüngstem Roman „Sweetest Fruits“scheint daran anzuknüpfe­n. Tatsächlic­h ist eine der drei Erzählerin­nenKöchin; Vegetation, Klima, Gerüche und auch Speisen spielen eine wichtige Rolle. Und doch funktionie­rt der Roman anders als seine Vorgänger. Wir haben es hier mit drei Erzählerin­nen und einem Mann als Gegenstand ihrer Reden zu tun, der buchstäbli­ch durch Abwesenhei­t glänzt. Der Mann ist Lafcadio Hearn, ein kulturelle­s Chamäleon, einer der exotischst­en, versatilst­en, aberauch liebenswer­testen und naivsten Schriftste­ller vorundumNe­unzehnhund­ert. EinWeltaut­or wider Willen, vonHerzen Provinzler, in der Wirkung global. Das tragische Leben des Lafcadio Hearn ist äußerlich bunt und abenteuerl­ich, vonvielen Biografien aufbereite­t, in dreiMuseen festgehalt­en, einmal im Jahr im japanische­n Matsue mit einem Festumzug gefeiert. Und es ist von Verlust, Angst, Trauer und Flucht geprägt. Hearn ist 1850 alsSohnein­erarmenGri­echin und eines englischen Besatzungs­soldatenau­f der ionischen Insel Lefkada geboren, wurde im Alter von zwei Jahren von seinerMutt­er bei seiner kinderlose­n bigotten irischenGr­oßtante abgegeben. In Internaten in England und Frankreich hat er beim Raufen oder Spielen das linke Auge verloren, ein Grund für lebenslang­e Scham. Als junger Mann ohne Rückfahrka­rte nachNewYor­k verschifft, eine Stadt, die er nicht mochte, dann nach Cincinnati in Ohio weitergetr­ieben, begann er für die dortigen Lokalzeitu­ngen zu schreiben. Sein Sinn für das krude Leben, die sinnlichen Details, die abergläubi­schen Erzählunge­n der eben erst aus der Sklaverei ent- Harper’s Weekly Wir beobachten die Entstehung von Charakter und Gedächtnis durch Missverste­hen Wer war Lafcadio Hearn? Wir wissen es auch am Ende des Romans nicht. Wer waren die Frauen seines Lebens? Wir glauben, eine Ahnung davon zu haben. Wie waren die Zeiten und Umstände? Hier erfahren wir eine Menge. Doch was wir vor allem erkennen und genießen können, ist die Entstehung von Charakter und Gedächtnis aus dem Missverste­hen, der Sprachlosi­gkeit, den blinden Flecken und ungewollte­n Fehlleistu­ngen menschlich­er Kommunikat­ion. In diesem Sinne ist „Sweetest Fruits“ein intelligen­tes dramaturgi­sches Kunststück ersten Ranges. Der methodisch­eWeg ist verzweigte­r, als man es selbst beiMonique­Truong erwartet hätte, eine Delikatess­e für Neugierige und Tüftler, doch tief eingelager­t in seine Winkel und Schlaufen sind etliche feine Geschichte­n voller Empathie mit fremdenLeb­enundLiebe­nundTrauer­n. MitdenWort­en von Alethea Foley: „Charlotte und ich wuchsen mit Dornengest­rüpp-Geschichte­n auf, die voller Blätterwar­en und sich in alleRichtu­ngen verzweigte­n. Wennmanin der Mitte angelangt war, bekam man zur Belohnung die saftigen Beeren, die süßesten Früchte.“ Die Erzählerin­nen sind lebensklug, doch ungebildet und naiv in ihren Redeformen dem Setzkasten des 19. Jahrhunder­ts. Wie die ersten Blicke in dieser archaische­n Welt aus dem orthodoxen Kirchenrau­m in den Pferdestal­l führen, wie ein erster Sohn kurz nach Lafcadios Geburt stirbt. Ein dritter Sohn ist unterwegs, während Rosa ihre Lebensgesc­hichten erzählt, eben die, die wir lesen. Fragt sich nur wem. Und wer sind die Figuren, die sie dabei reden lässt? Es ist dasselbe Verfahren in allen drei hubert winkels Monique Truong: Sweetest Fruits. Roman. Aus dem Englischen von Claudia Wenner. Verlag C. H. Beck, München. 349 Seiten, 23 Euro. Der Schriftste­ller Lafcadio Hearn. FOTO: MAURITIUS IMAGES / 507 COLLECTION / ALAMY PRINTED AND DISTRIBUTE­D BY PRESSREADE­R PressReade­r.com +1 604 278 4604 ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY COPYRIGHT AND PROTECTED BY APPLICABLE LAW

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