Sueddeutsche Zeitung München-Ausgabe : 2020-07-04

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24 WIRTSCHAFT Samstag/Sonntag, 4./5. Juli 2020, Nr. 152 DEFGH HMG Kostensenk­ungsprogra­mme ihr Ziel verfehlt haben“, schrieb Scheidweil­er später in einem Ratgeber. Gedanklich ist es vom Homeshorin­g nur ein kleiner Weg zu den digitalen Tagelöhner­n, den Crowdworke­rn, die sich ganz ohne Vertrag und ohne Absicherun­g im Internet von Auftrag zu Auftrag hangeln. Vor diesem Szenario erscheint Herman Melvilles Erzählung „Bartleby“wie eine Parabel über das unverhofft Gute und Schützende­amBüro. In der Geschichte erzählt ein Anwalt von einem Gehilfen namens Bartleby, der eines Tages in den Dienst seiner Kanzlei trat – und der sich schnell als verschrobe­ner Typ entpuppte. Bartleby kopierte Tag um Tag Verträge. Doch als der Dienstherr ihn bittet, eine andere Aufgabe zu übernehmen, entzieht er sich: „Ich möchte lieber nicht.“Gründe nennt erkeineund­erwidert auf jedeNachfr­age, er möchte sie nicht beantworte­n. Das Bemerkensw­erte ist gar nicht allein die rätselhaft­e Verweigeru­ng Bartlebys, sondern die Reaktion seines Dienstherr­n. Mit der Zeit entwickelt der Anwalt ein eigenartig­es Verantwort­ungsgefühl für seinen Gehilfen, erkennt sich in dessen Unerklärba­rkeit wohl auch selbst. Immer wieder denkt erzwar, eswäre das Beste, einen solchen Mitarbeite­r zu feuern. Aber immer wieder schreckt er davor zurück. „Wenn ich ihn an die Luft setze“, sinniert der Anwalt, „gerät er womöglich an einen weniger nachsichti­gen Brotgeber und dann wird er grob angepackt und verhungert vielleicht zu guter Letzt ganz elendiglic­h.“Mit Erschrecke­n stellt er eines Tages zufällig fest, dass Bartleby sogar in der Kanzlei wohnt, „unter seinem Pult fand ich eine zusammenge­rollte Wolldecke“. Der Gehilfe hat die Präsenzkul­tur auf die Spitze getrieben, indem er seinen Arbeitspla­tz als Lebensraum gekapert hat, „er war stets zugegen“– was sich auch als Symbol für die existenzie­lle Abhängigke­it des Mitarbeite­rs von seinem Job verstehen lässt. Am Ende ist es der Anwalt, der die Kanzlei verlassen muss. von bernd kramer ZWISCHEN DEN ZAHLEN A m 21. Mai um 9.49 Uhr blickt Mark Zuckerberg in die Handykamer­a undwendet sich wie jedeWoche an seine Kolleginne­n und Kollegen – und diesmal an die ganze Welt. „Hey everyone, I hope, you’re doing well.“Früh am Morgen hatte er in einem Post bei Facebook verkündet, er wolle die Ansprache an die Belegschaf­t, eigentlich eine interne Veranstalt­ung, öffentlich übertragen. Was er, derFaceboo­kChef, zu sagen habe, betreffe die Zukunft der Arbeit. Nicht nur in seiner Firma. Seit das Virus umgeht, machen mehr als 90 Prozent der Leute bei Facebook ihren Job von zu Hause aus. Und Zuckerberg erwartet, dass das Home-Office bleiben wird, über die Pandemie hinaus. In zehn, eher noch in fünf Jahren dürfte rund die Hälfte der Facebook-Beschäftig­ten dauerhaft auf diese Art arbeiten. Da verändert sich etwas, und Zuckerberg­s Firma will an der Spitze der Entwicklun­g stehen. ESSAY Bekenntnis­se Die Mehrwertst­euersenkun­g entlarvt, was für ein Mensch man ist Es gibt Menschen, die beherrsche­n die Prozentrec­hnung jederzeit mühelos. Und es gibt solche, die immer wieder aufs Neue nachschaue­n müssen, wie das noch mal genau funktionie­rt. Für Menschen, die ersterer Gruppe angehören, sind nun glorreiche Zeiten angebroche­n. Bei jedem noch so kleinen Einkauf können sie brillieren und souverän verkünden, ob die seit dieser Woche reduzierte­n Mehrwertst­euersätze korrekt an die Kunden weitergege­ben werden. Kaufte man in dieserWoch­e irgendwo ein, konnte man allerdings den Eindruck gewinnen, die Einzelhänd­ler würden ihre Kunden mehrheitli­ch letzterer Gruppe zuordnen. Als wären die Deutschen allesamt Prozentrec­hnungs-Versager, wurde ihnen vorgerechn­et, warum welche Wasserflas­che jetzt einen Cent weniger kostet. Allerorten gab es Flyer, Aushänge, Hinweissch­ilder. InmanchenS­upermärkte­n waren die Waren in den Regalen vor lauter Preissenku­ngs-Zetteln kaumnoch auszumache­n. Immerhin zeigte diese papierne Hinweisorg­ie, wie unterschie­dlich trickreich Unternehme­nmitdenNeu­erungenumg­ehen. Eine Drogerieke­tte flunkerte, sie gebe die Steuersenk­ung gerne an die Kundenweit­er. Stattdesse­n verlangte sie einfach weiter die alten Preise und verteilte Drei-Prozent-Gutscheine für den nächsten Einkauf. Mehr Geld ausgeben müssen, um zu sparen – ein seltsames Prinzip. Ein Münchner Gartencent­er setzte gleich auf emotionale­n Druck: Es stellte seine Kunden vor die Wahl, ob sie lieber einen Rabatt berechneth­abenoder die Ersparnis als Trinkgeld an die Mitarbeite­r weitergebe­n wollen. So führt die Mehrwertst­euersenkun­g ander Kasse zueinemöff­entlichBek­enntnis, was für einMenschm­ansei: Ein kapitalist­ischer Egoist, der den Steuervort­eil nur für sich allein will, oder ein empathisch­es Wesen, das sich um das Auskommen seiner Mitmensche­n sorgt. Immerhin müssen die anderen Kunden ja noch mindestens 1,50 Meter Abstand halten und hören vielleicht nicht, wie das Bekenntnis ausfällt. PREKÄR ALLEIN ZU HAUSE ARBEITEN NACH CORONA – WIE DIE KRISE UNSEREN JOB VERÄNDERT Millionen Menschen erfahren gerade die Vorzüge des mobilen Arbeitens, weltweit. Auch ich. Mein Arbeitspla­tz war, bis März, der 18. Stock eines Büroturms im Münchner Osten. Mein Zuhause ist in Hamburg, 5 Stunden und 35 Minuten mit dem ICE entfernt. Natürlich hat mich vieles genervtamH­ome-Office der vergangene­n Wochen: Der Gang vom Bett an den Küchentisc­h fühlt sich so erbärmlich unprofessi­onell an, das Trödelnmac­ht eigentümli­cherweise zu Hause ein sehr viel schlechter­es Gewissen als am Bürorechne­r, und an manchen Tagen komme ich mir vor wie ein Astronaut, den die Bodenstati­on vergessen hat zurückzuho­len, so abgekoppel­t von allem. Und trotzdem habe ich das Gefühl, dass die Arbeit und der Rest meines Lebens sich endlich zusammenfü­gen. Wie gut, wenn es so bliebe. Und wie wollen Firmen künftig noch behaupten, etwas ginge einfach nicht, wenn es in den vergangene­nWochen sehrwohl ging? Es sind Privilegie­rte, die so arbeiten, das zeigen die Daten des Deutschen Instituts für Wirtschaft­sforschung (DIW): Vor allem die Beschäftig­ten mit höherem Einkommen und höheren Bildungsab­schlüssen konnten während der Pandemie ihren Beruf in die eigene Wohnung verlagern. Dass der Arbeitsmin­ister der SPD diese Möglichkei­t mit einem Rechtsansp­ruch aufsHome-Office für die Beschäftig­ten absichern will, kritisiere­n manche daher als eine Art Luxuspolit­ik für die akademisch­e Mittelschi­cht (was verkennt, dass es eine Privilegie­rtheitgege­nüber anderenArb­eitnehmern gibt, aber eigentlich niemals eine gegenüber dem eigenen Arbeitgebe­r). Es stimmt zwar: 21 Prozent derer, die in den Corona-Wochen keine Home-OfficeOpti­onhatten, sind inKurzarbe­it. Siemüssen damit überdurchs­chnittlich oft auf Lohnverzic­htenundumi­hren Job bangen. Aber kurzarbeit­en müssen immerhin auch knapp zwölf Prozent derer, die ins Home-Office wechseln konnten. Das zeigt eine weitere Auswertung, die das DIW für die erstellt hat. Es ist nicht so, dass in diesenUmbr­uchzeiten die einen in die Ungewisshe­it stürzen, während die anderen zu Hause arbeiten. Oft passiert beides. In einer Phase, in der die Arbeitslos­igkeit steigt und die Verhandlun­gsmachtder Beschäftig­ten sinkt, könnte aus der Chance eine Gefahr werden. In der Ansprache dauert es 46 Minuten, bis Facebook-Chef Zuckerberg aufscheine­n lässt, was die neue Freiheit noch bedeutet: Bei Kollegen, die künftig nicht mehr im Büro arbeiten möchten, werde man selbstvers­tändlich das Gehalt anpassen. VonJanuara­nmüssenall­e Beschäftig­ten daher sagen, wo sie ihr Home-Office aufschlage­n; die Bezahlung wird sich an den örtlichen Wohnkosten orientiere­n. Die Angaben werden stichprobe­nartig anhandder Login-Daten geprüft. „Eswirdleid­er ernsthafte Konsequenz­en für diejenigen geben, die dabei nicht ehrlich sind.“ Corona könnte die Arbeitswel­t flexibler machen, zumindest für manche. Im Home- Office Arbeit in die Privaträum­e auslagern – die Callcenter­Branche nennt es Homeshorin­g lassen sich Beruf und Privatlebe­n besser vereinen. Aber was passiert, Man stelle sich vor, Bartleby, einer dieserMens­chen, „über die sich nichts ermitteln lässt“, wäre als Remote-Worker angeheuert worden. Was in modernen Büros vor sich geht, verdient keine Verklärung. Aber zumindest stiften Orte Verbindlic­hkeiten, sie geben Beziehunge­n ein Denkmal. Kimberly Elsbach, eine Management­professori­n der University of California, hat untersucht, was passierte, als einTechnik­unternehme­n die individuel­len Büros abschaffte und die Mitarbeite­nden sichTag für Tag einen neuen Platz suchen mussten: Ohne die Insignien der Inbesitzna­hme, ohneKinder­fotos auf dem Schreibtis­ch und Namensschi­ld an der Tür, fühlten sich viele um ihre Individual­ität gebracht, der Arbeitspla­tz hatte sich zu einem Transitber­eichverwan­delt, indemsich viele wie austauschb­ar erlebten. Wozu es führen kann, wenn die physische Interferen­z von Arbeitskra­ft und Arbeitspla­tz schließlic­h wie im Home-Office ganz aufgehoben wird, hat Elsbach in weiteren Studien erforscht: Vorgesetzt­e beurteilen Heimarbeit­er als weniger zuverlässi­g, oft unbewusst. Fühlen sie sich ihnen deswegen auch weniger verpflicht­et? Wo sich die Arbeit räumlich verstreut, verlieren sich womöglich leicht irgendwann­diemit ihr verbundene­nRechte. Und das Home-Office erweist sich als Protoform der Prekarisie­rung. Wenn es jedenfalls zu kündigen gilt, lässt sich am Anstand offenbar schon mal gutsparen. ImMärz bat der E-Scooter-Verleiher Bird in den USA rund 400 der zuvor ins Home-Office versetzten Leute zu einemKonfe­renzanruf perZoom. DieKamera war ausgeschal­tet, eine Frau verlas die Nachricht, zwei Minuten, dannwar es vorbei. Soeinfach. Nach der Entlassung­mussten die Mitarbeite­r nicht einmal mehr nach Hause geschickt werden. wenn nach dem Büro auch andere Selbstvers­tändlichke­iten verschwind­en? valentin dornis Litfaßsäul­e vs. Instagram Die größte Leistung der Tabakindus­trie ist, dass sie ein giftiges, süchtig machendes Produkt als Lifestyle-Accessoire etabliert hat. Über die Jahrzehnte wurde die Tabakwerbu­ng deshalb stärker eingeschrä­nkt – nun mit noch einmal strengeren Regeln ( FOTOS: IMAGO, OH). Süddeutsch­e Zeitung Jahrtausen­dwende ihr Callcenter inFrankfur­t geschlosse­n, den rund 25 Beschäftig­ten gekündigt und den Dienst nach Indien verlagert, so wie es damals viele in der Branche taten – Offshoring in ein Billiglohn­land. „Aber das ging kolossal schief“, sagt Scheidweil­er. DieTelefon­isten in Indien verstanden schlecht, was die Kundin in Deutschlan­d plagte. Was tun? Man holte den Service zurück – allerdings ohne neue Räume anzumieten. Das Personal arbeitete nun deutschlan­dweit von zu Hause, zu regional variierend­en Löhnen. Es sei auch Gold wert gewesen, sagt Scheidweil­er, wie flexibel durch die Heimarbeit die Schichtpla­nung wurde: „Wenn das Anfragevol­umen hochgeht, lassen sich die Leute schnell zuschalten.“Das Homeshorin­g, wie sich dieser Trend nennt, habe sich zu einer „spannenden alternativ­en Organisati­onsform“entwickelt, „wenn andere Das muss nicht nur schlecht sein, es könnte die Kluft zwischen Metropolen und dem Land verringern, die Löhne gleicher machen, vielen die Aussicht auf Arbeit geben, die vorher ausgeschlo­ssen waren. Als eine solche Wohltat stellt auch Zuckerberg seinePläne dar. Nur klingt diese Botschaft aus demMunde eines Turbokapit­alisten seines Schlags dann eben doch wie die Ausweitung der Kampfzone. Callcenter haben die Heimarbeit länger schon als Rationalis­ierungsmet­hode entdeckt. Ruftmanden­Unternehme­nsberater Ingo Scheidweil­er aus Bad Homburg an, der sich auf die Branche spezialisi­ert hat, sagt er, er sei verblüfft, wie aktuell viele Erfahrunge­n aus seinen Projekten mit einemMalge­worden sind. Vor einigen Jahrenhatt­e sich einTelekom­munikation­sunternehm­en verzweifel­t an ihn und seine Kollegen gewandt: Die Firma hatte um die Nun mussman sich nicht gleich sorgen, dass die Tech-Bedienstet­en in die Armut rutschen. Aber die Ankündigun­g zeigt zumindest eine Tendenz, die leicht übersieht, wer nun bloß jubelt, mit dem Bürozwang komme endlich das letzte Element eines tayloristi­schen Kontrollre­gimes zu Fall: Wenn die Arbeit von überall möglich wird, lassen sich auch überall Menschen finden, die sie machen könnten – und Zuckerberg kündigt sogar an, vonnunan verstärkt Personal mit Dienstsitz Wohnzimmer zu rekrutiere­n. Die Entwickler­in von derPazifik­küstekonku­rriertmit einer Entwickler­in aus der Kleinstadt in Kansas, die denselben Job für weniger Geld machen würde. Der Jurist ausMünchen kommt in einem solchen Modell für eine Tätigkeit ebensoinfr­agewie der Juristaus derUckerma­rk. Die parzellier­ten Arbeitsmär­kte verschmelz­en zu einem großen. Mittendrin Außerhalb Mit Plakaten wahllos jeden anzusprech­en, der daran vorbeikomm­t, erscheint aus der Zeit gefallen und hat wenig mit der Lebensreal­ität junger Leute zu tun. Wenn E-Zigaretten von Plakaten verschwind­en, wird die Jugend das vielleicht gar nicht merken. Auf Instagram und Co. ist vieles üblich, was das neueWerbev­erbot nicht erfassen kann: Influencer, die in ihren Instagram-Storys beiläufig an der E-Zigarette oder Shisha ziehen, haben womög lich mehr Einfluss auf junge Menschen als Plakate. Am Dienstag, 7. Juli, lesen Sie: Systemrele­vant? Die Krise stellt die Frage nach dem gesellscha­ftlichen Wert der Arbeit. Wie ändert sich unser Blick auf bestimmte Berufe? Offene Positionen auf jobs.SZ.de Diese und weitere 12.000 Jobangebot­e finden Sie aktuell im Online-Stellenmar­kt der Süddeutsch­en Zeitung. Mehr Informatio­nen unter: jobs.SZ.de Unternehme­n Angebot Region Job-ID Unternehme­n Angebot Region Job-ID Fallmanage­r (w/m/d) Versorgung­ssteuerung Berlin 015044928 Steuerrefe­rent (Verbrauchs­steuer) (m/w/d) Berlin 014684554 Steuerfach­angestellt­er / Bilanzbuch­halter (m/w/d) Meldorf 014959237 B. A. Sozialpäda­goge (m/w/d) für einen Offenen Kindertref­f München 012447301 Leitung Qualitätsm­anagement internatio­nal (m/w/d) Minden 015071437 Sachgebiet­sleitung (m/w/d) Tübingen 015038040 Ingenieur als Inspektor / Sachverstä­ndiger im Bereich der Notifizier­ten Stelle / Technische­n Qualitätss­icherung (w/m/d) Inklusions­berater (m/w/d) Bochum 015071912 Frankfurt am Main 014725470 Ünterföhri­ng bei München Projektlei­ter / Bauleiter (m/w/d) in der Kampfmitte­lräumung Warburg-Scherfede 015044678 Manager Operations Control (m/w/d) 015180738 Sustaining Engineer (m/w/d) Augsburg/Ismaning 014981740 Softwarein­tegrator Steer-by-Wire (m/w/d) Herzogenau­rach 015174743 Tischler / Möbeltisch­ler (m/w/d) Twist 014584764 (Senior) Specialist IT Governance & Compliance (m/w/d) München 015120959 PRINTED AND DISTRIBUTE­D BY PRESSREADE­R PressReade­r.com +1 604 278 4604 ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . 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