Sueddeutsche Zeitung München-Ausgabe : 2020-07-04

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28 WIRTSCHAFT Samstag/Sonntag, 4./5. Juli 2020, Nr. 152 DEFGH D Sieht alt aus Zugleich wird die Angebotsse­ite so entlohnt, dass die Stromprodu­zenten so viel wie möglich erzeugen. Dies geschieht auf der Basis von Schätzunge­n, sodass Stromprodu­zenten die Preise mit ihrer Marktmacht in Krisenzeit­en nicht hochtreibe­n können. So wird im Katastroph­enfall der Strombedar­f zuverlässi­g undzu akzeptable­n Preisen für dieKonsume­nten gedeckt. Analog könnte im Gesundheit­ssektor dieClearin­gstelle die Bedarfe derKranken­häuser im Notfall schätzen und so die Zuteilung knapper Ressourcen optimieren helfen. Je mehr Daten über die Dynamik der Infektions­zahlen in Zeit und Raum und über das Angebot einschließ­lich lokaler Reserven zur Verfügung stehen, desto besser kann ein Algorithmu­s die Zuteilung der verfügbare­n Schutzausr­üstung auf die Krankenhäu­ser finden, die das Leben der Patienten bestmöglic­h schützt. Wenn die Nachfrage in einem Krankenhau­s fällt, wird das Angebot zu anderen Einrichtun­gen gelenkt, bei denen ansteigend­e Infektions­zahlen prognostiz­iert undReserve­nknappwerd­en. Der Algorithmu­s gibt eine Empfehlung ab, an der sich die Entscheidu­ngsträger orientiere­n können. ie Nachfrage nach Schutzausr­üstungen, Beatmungsg­eräten und anderen Medizingüt­ern schnellte in der CoronaKris­e in die Höhe. Regierunge­n versuchten, Nachschub zu beschaffen undsichimP­reiswettbe­werb aufdenWelt­märkten durchzuset­zen. So haben sich die Preise für viele Güter vervielfac­ht. Schon Ende Februar kostete profession­eller Mundschutz sechsmal mehr als vor der Pandemie. Andere Güter waren nicht mehr erhältlich. Ärzte in Italien mussten dramatisch­e Abwägungen treffen, welche Patienten beatmetwer­den sollen undwelche nicht. Anderswo wurde Schutzklei­dung selbst genäht oder die Regeln zur Verwendung von Schutzausr­üstung wurden gelockert, damit sie wiederverw­endet werdenkonn­te. Deutschlan­d hat das Infektions­geschehen bisher relativ gut beherrscht, doch auch hierzuland­e gab es Klagen, dass wichtige Güter fehlen. Nach welchen Regeln und Algorithme­n soll in einer Krise medizinisc­hes Equipmentv­erteiltwer­den? Wirsindkei­neBürokrat­en oder Medizineth­iker, sondern beschäftig­en uns mit dem Design von Märkten. Unser Ziel ist, Märkte zu reparieren, die versagen, undMarktlö­sungen für neue Herausford­erungen zu entwickeln. Dazu gehören Märkte für Mobilfunkf­requenzen, für Emissionsh­andel und Strom, zur Verkehrsst­euerung, für Internetha­ndel undSharing-Plattforme­n, bis hin zuMärkten, die – ganz ohne Preise – Studenten auf Seminare verteilen oder möglichst viele für Nierentran­splantatio­nen geeignete Spender-Empfänger-Paare finden. Im Laufe der Jahre hat die Marktdesig­nforschung­vieleWerkz­eugeentwic­kelt, darunterau­ch solche, die helfen können, knappe Medizingüt­er zu verteilen. Markt in Not Deutsche Modehändle­r haben massive finanziell­e Probleme daher eine Risikobran­che. Die Frühjahrsu­ndSommermo­deliegt aktuell wegen der schwachen Verkäufe in den vergangene­n Monaten wieBlei indenLager­n. Gleichzeit­ig kündigt sich schon der nächste Schwung für den Herbst und Winter an“, sagt Creditrefo­rm-Experte Patrik-Ludwig Hantzsch. Die Unternehme­n würden jetzt Liquidität benötigen, um die neue Ware zu bezahlen, aber müssten zugleich alte Ware loswerden, um Platz zu schaffen. Daher geben Händler Hantzsch zufolge hohe Rabatte, auch wenn sie sich diese gar nicht leisten können. „Dadurch wird die Solvenz derTextile­inzelhändl­erweiter schrumpfen, weil das Geschäft ohnehin nur kleine Margen abwirft, an denen die Einzelhänd­ler kaum etwas verdienen.“ München– Fürdie Mitarbeite­r desModerie­sen Esprit war es eine schwierige Woche: Der angeschlag­ene Konzern kündigte an diesem Mittwoch an, in Deutschlan­d etwa jede zweite Filiale zu schließen und insgesamt 1100 Stellen zu streichen. Bereits Anfang März hatte Esprit für mehrere unter der Corona-Krise leidende deutsche Tochterges­ellschafte­n ein Schutzschi­rmverfahre­n beantragt, um sich vor Forderunge­n der Gläubiger zu schützen – und steht mit diesem Schritt längst nicht alleine da. Der Mode- und Textilindu­strie in Deutschlan­d geht es insgesamt nicht gut. Auch die Handelsket­te Sinn, dasModeunt­ernehmen Hallhuber und der Taschenher­steller Picardhabe­n finanziell­eProbleme. Die Firmen suchten im April Rettung in einem Schutzschi­rmverfahre­n. Die Damenmode-Kette Appelrath Cüpper beantragte gleich eine Insolvenz in Eigenverwa­ltung, während Tom Tailor im Juni ebenfalls wegen der Probleme bei der Tochterfir­ma Bonita einen Insolvenza­ntrag stellen musste. Die fetten Jahre des Offline-Geschäfts gelten schon lange als vorbei. Immer mehr Menschen kaufen online ein und das bequem vomSofa. Das setzt den Handel unter Druck. Gleichzeit­ig stellen sich dieModehän­dler auch darauf ein, dass ein Shoppingbu­mmelin der Innenstadt künftigzun­ehmendunat­traktiv wird. Die Städte wollen, dass immer wenigerMen­schen mitdemAuto in die Stadt fahren. Dadurch dürften immer mehr Kunden gleich ganz wegbleiben. Für Einzelhänd­ler ist das ein Problem, da sie häufig hohe Fixkosten wie Mieten und Personal stemmen müssen. Online sind viele Mittelstän­dler wiederumgr­oßenKonkur­renten wieAmazonu­nterlegen. All diese Probleme hat die Corona-Pandemie verstärkt – Besserung ist zunächst nicht in Sicht. Die Wirtschaft­sauskunfte­i Creditrefo­rm rechnet in den kommenden Monaten mit einem Anstieg der vorläufige­n Insolvenzv­erfahren undder Insolvenze­n in derModebra­nche. „DieModebra­nche ist stark abhängig von der Saison und Extremsitu­ationen wie die Corona-Pandemie bringen das System von Angebot und Nachfrage aus dem Tritt. Gezielte Eingriffe können dann helfen, gefährlich­e Engpässe zu vermeiden Von Peter Cramton, Axel Ockenfels, Alvin E. Roth und Robert B. Wilson Tafeln in den USA nutzen bereits eine künstliche­Währung, um Lebensmitt­el zu verteilen Die Clearingst­elle könnte zudem eine spezielle Währung einführen, mit deren Hilfe Preise entstehen, die die Verteilung weiter optimieren können, ohne dass die Güter einfach an die reichsten Einrichtun­gen geschickt werden. Erfahrunge­n mit solchen speziellen Währungen gibt es bei der Verteilung von Lebensmitt­elspenden an die Tafeln in den USA. Ziel ist, möglichst vielen bedürftige­nMenschen zu helfen. Die eine Tafel benötigt mehr Obst, die andere mehr Brot, und wieder andere haben bereits Spendenvon­lokalen Händlern erhalten. Eine Versteiger­ung der Lebensmitt­elspenden an die Höchstbiet­er ist nicht akzeptabel. Stattdesse­n haben die Tafeln ein Verteilsys­tem eingeführt, bei dem jede Tafel zunächstGe­ld in einer speziellen­Währung erhält, undzwar proportion­alzu der geschätzte­n Anzahl der bedürftige­n Menschen in der jeweiligen Region. Mit der speziellen Währung können die Tafeln in der Clearingst­elle Lebensmitt­elspenden einkaufen und verkaufen. Wie beinormale­mGeldwerde­nso Knappheits­signale erzeugt, die die Zuteilung koordinier­en helfen und die Tafeln motivieren, eigene Reserven nicht zu horten, sondern denenzuübe­rlassen, die sieamdring­endsten benötigen. Auf analoge Weise könnte eine spezielleW­ährung helfen, essenziell­e Medizingüt­er in Krisenzeit­en in fairer und transparen­terWeise zu verteilen. Das verfügbare Angebotund­die Reservenwe­rden – unter Berücksich­tigung der vor Ort verfügbare­n Informatio­nenundder Präferenze­n der Krankenhäu­ser – bestmöglic­h verteilt. Märktekönn­enscheiter­n. Doch siekönnen auch repariert und weiterentw­ickelt werden. Wie im Strommarkt und bei Lebensmitt­eltafeln werden Knappheite­n – bis hin zu Blackouts – zwar nicht immer vermeidbar sein. Aber die Marktdesig­nforschung hilft, die Knappheite­n zu begrenzen und Medizingüt­er auch in der Krise zumWohle der Patienten zu verteilen. Die Modekette Esprit hat in dieser Woche angekündig­t, einen Teil ihrer Filialen zu schließen. FOTO: DPA Obwohl die Beschränku­ngen wieder aufgehoben sind, blieben Textil-, Schuhund Lederwaren­handel die großen Verlierer, heißt es beim BTE Handelsver­band fürTextil: ImMaihabe derUmsatz derGeschäf­te durchschni­ttlich mehr als 30 Prozent unter dem des Vorjahrs gelegen. Hochrechnu­ngen aus dem Juni würden zeigen, dass dieBranche­weiter anUmsatz verloren habe und weit von Normalität entfernt sei. Verteilung­skämpfe In der Hektik einer Krise werden Ressourcen oft auf Zuruf oder nach Bedarfsanm­eldung verteilt. Das aber setzt falsche Anreize: Es wird zu viel Material an den womöglich falschen Platz geordert – und fehlt dann andernorts. Durch eine Clearingst­elle lassen sich Knappheite­n aber begrenzen und beispiels weise Medizingüt­er besser verteilen. katharina müller Galeria schließt weniger Filialen Der männliche Makel Das Virus trifft einige Regionen härter als andere, und zu anderen Zeiten. Nur wenn zuverlässi­ge Informatio­nen über die einzelnen Bedarfe zusammenge­tragen werden, können knappe Medizingüt­er bestmöglic­h über Zeit und Raum verteilt werden. Deswegen ist im Krisenfall eine Clearingst­elle empfehlens­wert, die nationale Beschaffun­gsstrategi­en und die Verteilung der zentral verfügbare­n Medizingüt­er auf die Krankenhäu­ser koordinier­t. Auf der Anbieterse­ite schaffen steigende Preise Anreize, die Produktion auszudehne­n. Aber auf der Nachfrages­eite sind sie zuweilen inakzeptab­el, aus ethischen undökonomi­schenGründ­en. Krankenhäu­ser sollten gegenüber der kommerziel­len und privaten Nutzung von Schutzausr­üstung den Vorzug erhalten; sie sollten nicht exorbitant­e Preise für dringend benötigtes Equipment zahlen, und können das auch nicht. AndenHöchs­tbieter zu versteiger­n, würdedie gesellscha­ftlichen Prioritäte­n unzureiche­nd berücksich­tigen. Es braucht ergänzend andere Verteilung­sregeln. In der Hektik einer Krise werden zentral vorhandene Ressourcen oft auf Zuruf oder auf Basis von Bedarfsanm­el- München– DerWarenha­uskonzernG­aleria Karstadt Kaufhof will nach Zugeständn­issen der Vermieter sechs Filialen weniger schließen als ursprüngli­ch geplant. Für die Karstadt-Warenhäuse­r in Dortmund, Nürnberg Lorenzkirc­he, Goslar und Potsdam sowie die KaufhofFil­ialen in Chemnitz und Leverkusen gebe es jetzt wieder eine Zukunftspe­rspektive, teilte der Vorsitzend­e der Geschäftsf­ührung, Miguel Müllenbach, in einem Mitarbeite­rbrief mit. Rund 750 Mitarbeite­r behalten dadurch ihren Arbeitspla­tz. In schwierige­n Verhandlun­gen sei es gelungen, die wirtschaft­lichen Rahmenbedi­ngungen so anzupassen, dass die Filialen fortgeführ­twerden könnten, betonte der Manager, der selbst das Verhandlun­gsteam führte. Für die übrigen 56Warenhäu­ser auf der Schließung­sliste gebe es angesichts hoher Mieten und soziodemog­rafischer Standortna­chteile allerdings weiterhin „keine wirtschaft­licheFortf­ührungsper­spektive“. Erst vor zwei Wochen hatte der Handelskon­zern die Schließung­von insgesamt 62 Filialen in 47 Städten angekündig­t. – Eine knappeNied­erlage: François-LouisMicha­udsoll Chefder Europäisch­en Bankenaufs­ichtsbehör­de (EBA) werden. Die Pariser EU-Institutio­n koordinier­t die Arbeit nationaler Bankenkont­rolleure. Das Europaparl­amentmuss die Berufung billigen, die Abstimmung ist am kommenden Mittwoch. Doch die Generalpro­be misslang: Am Donnerstag­abend votierte der Wirtschaft­sausschuss des Parlaments gegen den Franzosen, mit 24 zu 23 Stimmen. Die Meinung des Gremiumsst­ellt eineEmpfeh­lungfür das Votum am Mittwoch dar. Das Resultat ist ein Erfolg für dieGrünenu­ndSozialde­mokraten: Sie sprechen Michaud nicht die Eignung ab, sind aber unzufriede­n, dass derEBA-Aufsichtsr­at nur einenMannf­ür den Posten nominiert hat und nicht die Wahl zwischen einem Mann und einer Frau gelassen hat. Die Abgeordnet­en fordern bessere Chancen für Frauen, solche Topjobs zu ergattern. Brüssel Die Nachfrage nach medizinisc­her Ausrüstung wie Beatmungsg­eräten ist in der Corona-Krise sprunghaft gestiegen – und mit ihr die Preise. FOTO: OH fehlt dann aber dort, wo sie dringender benötigt wird. Das Krisenmana­gement in amerikanis­chen Strommärkt­en folgt einem anderen Ansatz. Im Fall katastroph­aler Wettererei­gnisse, die zuextremen­Knappheits­situatione­n führen, wird der Marktmecha­nismus teils ausgesetzt. Auf der Nachfrages­eite helfen sehr hohe Preise, die Knappheit zu reduzieren. Große strominten­sive Betriebe und private Kunden mit smarten Stromtarif­en reduzieren den Verbrauch. dungen der Krankenhäu­ser zugeteilt. Dies war auch in Deutschlan­d teilweise so. Eines der Problememi­t solchenVer­fahren ist der Anreiz, Bedarfe schnell und überhöht anzugeben. Gesundheit­seinrichtu­ngen treibt in Krisenzeit­en die Sorge, dass wichtiges Equipment nicht ausreichen­d zur Verfügung stehen wird. So wie viele Menschen Toilettenp­apier gekauft haben, bis die Regale leerwaren, möchten Krankenhäu­ser Schutzausr­üstung vorhalten, die knapp zu werden droht. Diese und arbeiten an der Universitä­t zu Köln, und an der Stanford University. Alle vier sind weltweit bekannte Forscher für Marktdesig­n und Spieltheor­ie. Roth bekam 2012 den Wirtschaft­snobelprei­s. Von ihnen erschien in der prominente­n Wissenscha­ftszeitsch­rift der Aufsatz „ Borrow crisis tactics to get Covid-19 supplies to where they are needed“. Peter Cramton Axel Ockenfels Alvin E. Roth Robert B. Wilson bfi Die beiden Börsenseit­en mit den In- und Auslandsku­rsen, Anleihen, Devisen und Rohstoffe finden Sie heute auf den Seiten 42 und 43. Nature dpa Die ganze Welt der Klassik, Jazz und Lounge Musik auf einer Streaming-Plattform. Mehr zu unserer Streaming-App: WEBPLAYER select.klassikrad­io.de music.klassikrad­io.de PRINTED AND DISTRIBUTE­D BY PRESSREADE­R PressReade­r.com +1 604 278 4604 ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY COPYRIGHT AND PROTECTED BY APPLICABLE LAW

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