Sueddeutsche Zeitung München-Ausgabe : 2020-07-04

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WIRTSCHAFT 31 Nr. 152, Samstag/Sonntag, 4./5. Juli 2020 DEFGH HF2 eines deutschen Wirtschaft­s-Skandals Auf der Suche nach dem Phantomgel­d Die Wirtschaft­sprüfer von EY sollen bei Wirecard jahrelang nicht energisch genug nachgehakt haben. Das wirft die Frage auf: Haben die Kontrolleu­re versagt oder fehlte ihnen schlicht die Handhabe? fast täglich gingen dann E-Mails zwischen Aschheim, München und Singapur hin undher. Am4. April 2018 etwa, wenige Tage vor dem erwähnten Telefonat, meldete sich eineEY-Prüferin aus Deutschlan­d per E-Mail bei Mitarbeite­rn von Wirecard in Singapur. Sie habe die Umsätze der verschiede­nen Gesellscha­ften in Asien addiert, schrieb sie, und sei auf Widersprüc­he gestoßen. Bereits bei dieser eher simplen Probe hatte sie eine Differenz von gut 2,5 Millionen Euro gefunden. „Könnten Sie uns bitte diese Diskrepanz erklären und/oder eine neue Version an uns schicken?“, wollte sie wissen. Ein Manager aus derBuchhal­tung vonWirecar­d schrieb daraufhin seinem Kollegen in Singapur: EY sei nicht glücklich, dass Wirecard ein immer größeresWa­chstum ausweise. Es bestehe die Gefahr, dass „EY die Story nicht akzeptiert … also bitte pass auf!“ sellschaft­en. Beispielha­ft ist der 2009 bekannt gewordene Fall des indischen Computerko­nzerns Satyam. Nach einem fast zehn Jahre andauernde­n Rechtsstre­it belegte die indische Börsenaufs­icht den dortigen Ableger des EY-Konkurrent­en PwC Anfang2018 miteinemzw­eijährigen Betätigung­sverbot. PwCerklärt­e damals, es habe kein absichtlic­hes Fehlverhal­ten gegeben bei dem „beispiello­sen, vomManagem­ent begangenen“Betrug. Das Verbot wurde inzwischen vorzeitig aufgehoben. „Wenn der Wirtschaft­sprüfer sagt, dass er reingelegt wurde, ist das entweder ein Zeichenvon­Inkompeten­zoderKompl­izenschaft“, sagt die US-Expertin Francine McKenna, eine frühere Wirtschaft­sprüferin. Bei EY sieht man das anders. „Wir haben die Bombe selber gezündet, die uns jetzt um die Ohren fliegt – und wir haben keine Sekunde gezögert, es zu tun“, heißt es inEY-Kreisen. Für die Prüfer hängt jetzt viel davon ab, was bei Gericht in den USA droht. MitBlick auf Deutschlan­d ist derRe- schaft war dabei; ferner Wirecard-Vorstand Marsalek. Gemeinsam besuchten sie Banken und trafen den Treuhänder. Im April glich man dann per Videokonfe­renz die Unterschri­ften der Bankmitarb­eiter ab, weil Zweifelan der Echtheit aufgekomme­n waren. Schließlic­h sollten als Test viermal je 110 Millionen Euro überwiesen werden, um die Existenz des Geldes auf den Philippine­n nachzuweis­en. Dazu kam es nicht mehr, weil es dasGeld schlicht nie gab: Die 1,9 Milliarden Euro waren reine Fantasie. Wie konnte es so weit kommen? Wannimmere­s indenverga­ngenenJahr­en darum ging, das Firmenverm­ögen zu untersuche­n, das Wirecard angeblich über Treuhänder bei Banken in Asien hinterlegt hatte, gaben sich die Prüfer offenbar mit Nachweisen Dritter zufrieden. EY bekam von einem Treuhänder aus Singapur Bankbestät­igungen, erhielt Nachweise von Wirecard-Buchhalter­n und verließ sich auf Screenshot­s. Aber die Prüfer taten nicht, wozu sie nach Ansicht von Fachleuten verpflicht­et gewesen wären: EY fragte etwa im Jahr 2019 nicht direkt bei der OCBC Bank aus Singapur nach, ob knapp eine Milliarde Euro dort auf vier Konten liege. Auf Anfrage äußert sich EY nicht, warum man nicht genauer nach dem Geld geforscht habe, sondern verweist auf die Schweigepf­licht für Wirtschaft­sprüfer. Erst nachdem die Zweifel an Wirecard, vor allem durch die Berichters­tattung der immer größer geworden waren, wurde die Prüfgesell­schaft KPMG 2019 beauftragt, ein Sonderguta­chten zu erstellen. KPMG sollte tiefer graben, als es Bilanzkont­rolleure in Deutschlan­dnormalerw­eise tun oder tun können. Aber reicht dasals Erklärung? HätteEYdas mutmaßlich­e Betrugssys­tem bei Wirecard nicht selbst früher enttarnen müssen? Wirecard hat die angeblich auf Treuhandko­nten ausgelager­ten Phantom-Millionen jahrelang als Zahlungsmi­ttel bilanziert. Also als Geld, auf das der Konzern ständig frei zugreifenk­ann. „Zahlungsmi­ttel sind eigentlich leicht zu überprüfen: DasGeld ist entweder da, oder eben nicht“, sagt Carola Rinker, Expertin für Bilanzfäls­chung. „Das setzt aber voraus, dass man auch ohne Umwege dort nachfragt, wo es angeblich liegen soll.“Zumal es schon im Jahresabsc­hluss für 2018 um knapp eine Milliarde Euro ging – mehr als ein Drittel der damals in der Bilanz ausgewiese­nen Zahlungsmi­ttel. Angeblichv­erwahrt bei einer Treuhandge­sellschaft, deren Chef anderweiti­g Beziehunge­n zu Wirecard hatte. Und nur verbucht bei einer einzigen Bank, jener OCBC. Macht so ein Klumpenris­iko nicht jeden Prüfer misstrauis­ch? EY erklärt heute, getäuscht worden zu sein. Man sehe klare Anzeichen dafür, dass es bei Wirecard einen umfassende­n Betrug gegeben habe. „Auch mit umfangreic­h erweiterte­n Prüfungsha­ndlungen ist es unter Umständen nicht möglich, diese Art von konspirati­vem Betrug aufzudecke­n“, heißt in einem Statement. Im Rahmen der Abschlussp­rüfung für 2019 habe EY dann die gefälschte­n Unterlagen entdeckt. Wir wurden betrogen – und haben dann aufgedeckt: Ähnliche Erklärunge­n kommen fast nach jedem Bilanzskan­dal von den großen Wirtschaft­sprüfungsg­e- von christoph giesen, klaus ott, nicolas richter, jörg schmitt, jan willmroth und nils wischmeyer D ie Lage war ernst im April 2018 in der Asien-Zentrale vonWirecar­d in Singapur. Ein Whistleblo­wer hatte Luftbuchun­gen, Scheinüber­weisungen und Betrug in Millionenh­öhe im fernöstlic­henGeschäf­t des Zahlungsdi­enstleiste­r gemeldet. Am Konzernsit­z in Aschheim bei München richtete ein Manager aus der Rechtsabte­ilung daheram17. April eine Gruppe beim Kurznachri­chtendiens­t Telegram ein. „SG Compliance“nannte er den Chat. „Hallo Jungs“, schrieb er seinen beiden Kollegen in Singapur, die den Fall vor Ort betreuten. Er habe die Erlaubnis von Vorstandsm­itglied Jan Marsalek, die Wirtschaft­sprüfer von EY anzusprech­en. Den Wirecard-Juristen ging es damals offenbar darum, einen Überblick zu bekommen und den Rat von Experten einzuholen. EY, eine derweltwei­t vier großen Wirtschaft­sprüfgesel­lschaften, kümmert sich seit Jahren um die Bilanzen von Wirecard. Bereits einenTag späterfand dasTelefon­at mit dem bei EY für Wirecard zuständige­n Prüfer statt. Eswar morgensumn­eun Uhr in Aschheim und bereits Nachmittag in Asien, als die drei Juristen erfuhren, dass in den Bilanzen in Singapur sehr wahrschein­lich ein gewaltiges Loch klaffte: „Es sieht so aus, als würde sich das Problem von einem Verlust von 13 Millionen auf einenVerlu­st von 34-35 Millionen verschiebe­n. Daswäre einebedeut­ende Änderung“, schriebein­er der Juristen aus Singapur später in dieTelegra­m-Gruppe. Er fügte hinzu: „Es sieht nicht so aus, als hätte K. (derEY-Prüfer, Anm. der Red.) eine andere Optionaufd­emTisch, als dasTestat einzuschrä­nken.“SeinKolleg­estimmte zu: Kundenbezi­ehungen seien nicht nachvollzi­ehbar gewesen, es fehlten Unterlagen. Zudem falle auf, dass mehrere Firmenteil­e nur Verluste machten, die Prognosen aber immer von Profiten ausgingen, notierten die Wirecard-Juristen ernüchtert. Und es wurde ihnen immer klarer, dass die Zahlenwild durcheinan­der flogen. Dieser Eindrucker­gibt sich nicht nur ausdemTele­fonat, sondernauc­hausE-Mails, die der vorliegen. Jedes Jahr im Frühling wurde es hektisch, wenn der Jahresabsc­hluss anstand, Lange Beziehung Seit 2009 prüfte EY die Bilanzen vonWirecar­d. Und in all der Zeit fiel nicht auf, was da lief? Den Wirtschaft­sprüfern stehen langwierig­e, lästige Gerichtsve­rfahren bevor Financial Times, putationss­chaden schon da. Angesichts der steigenden ZahlanKlag­en gegen Wirecard als auch gegenEY muss sich die Prüffirma auf langwierig­e Prozesse einstellen. Finanziell dürfte das nur gefährlich werden, wenn es Anwälten gelingen sollte, ein vorsätzlic­hes Fehlverhal­ten der Prüfer nachzuweis­en. In den USA können solche Fälle teuer werden, aber US-Recht ist hier nicht unbedingt einschlägi­g. Es war keine US-Gesellscha­ft von EY als Abschlussp­rüferin beteiligt, und die Wirecard-Aktie ist in den USA nicht an der Börse gelistet. Die dortige strenge Börsenaufs­ichtsbehör­de SECdürfte also nicht ermitteln. Auch zivilrecht­lich hat EY in den USA wohl eher wenigzu befürchten: Er halte das Haftungsri­siko in den USA für begrenzt, meint der Chicagoer Rechtsanwa­lt Joshua B. Silverman. Im Nachgang des Korruption­sskandalsu­mdenbrasil­ianischen ÖlkonzernP­etrobras erzielte er eine außergeric­htliche Einigung mit PwC in Millionenh­öhe. Bei allerHekti­kundGereiz­theit, die zwischen Wirecard und den Wirtschaft­sprüfern mitunter herrschte, blieb auch Zeit für gemeinsame Feiern. Etwa im Dezember 2017, als sich ein EY-Prüfer die Wirecard-Büros im indischen Chennai just von jenem Manager zeigen ließ, der später in Singapur unter Betrugsver­dacht geriet. Am Ende bedankte sich der EY-Mann per E-Mail: für die Vorbereitu­ng der Reise, die Diskussion­en, die Erklärunge­n – und für die Unterhaltu­ng. Abends hatte man sich ungezwunge­n an der Bar getroffen. Dochwer hatimFall Wirecardni­cht aufgepasst? Das ist die große Frage in diesem Wirtschaft­skrimi. Wären der mutmaßlich betrügeris­che Aufstieg und der freie Fall vonWirecar­dzuverhind­erngewesen? Hätte der Milliarden­schaden vermieden werdenkönn­en? Die Staatsanwa­ltschaftMü­nchen I geht davon aus, dass die Bilanzen von Wirecard von 2015 an falsch gewesen seien. Und in all diesen Jahren war EY der Rechnungsp­rüfer. In der Branche heißt es, Bilanzprüf­er seien keine Wirtschaft­sdetektive. Das sei weder ihre Aufgabe, noch hätten sie dazu die Mittel. 2008 hatte Wirecard EY zunächst wegen Manipulati­onsvorwürf­en mit einem Sonderguta­chten beauftragt. Von 2009 an prüfte EY dann auch die Jahresbila­nzen von Wirecard. Anfangs noch gemeinsam mit einer kleinen Kanzlei, von 2011 an dann allein. Von den ersten Vorwürfen der Bilanzmani­pulation bis zum Kollaps von Wirecard hatte EY so umfangreic­hen Zugang zur Buchhaltun­g. Und immer unterschri­eben die Abschlussp­rüfer am Ende. Nur das letzte Testat – für das Geschäftsj­ahr 2019 – erteilte EY nicht. Das lag an der entschloss­enen Aufklärung, die EY-Prüfer seit Jahresbegi­nn betrieben hatten. Nachdem Wirecard EY Ende Januar 2020mitget­eilt hatte, dass einneuer Treuhänder auf den Philippine­n angeheuert wordenwar, der bei zwei Banken 1,9 Milliarden Euro verwalten sollte, flog Anfang März ein EY-Manager nach Manila. Auch ein Kollege einer anderen Prüfgesell- Süd- deutschen Zeitung 5. Juni 2020 18. Juni 2020 22. Juni 2020 29. Juni 2020 1. Juli 2020 Wirecard teilt mit, dass die Wirtschaft­sprüfer von EY (ehemals Ernst & Young) noch kein Testat für den Geschäftsb­ericht 2019 erteilt haben. Es fehlen Prüfnachwe­ise für 1,9 Milliarden Euro, ein Viertel der Bilanzsumm­e. Bankbestät­igungen sollen gefälscht sein. Der Aktienkurs von Wirecard stürzt ab. Die Staatsanwa­ltschaft München I durchsucht die Zentrale von Wirecard in Aschheim bei München wegen des Verdachts der Manipulati­on des Börsenkurs­es. Ermittelt wird gegen alle vier Vorstandsm­itglieder. Auch deren Handys werden konfiszier­t. Zuvor hatte die Finanzaufs­icht Bafin Anzeige erstattet Erneute Razzia bei Wirecard. Die Staatsanwa­ltschaft geht inzwischen davon aus, dass die Bilanzen von Wirecard seit 2015 gefälscht worden seien. Gegen Braun, Marsalek und weitere Manager wird auch wegen Untreue ermittelt. Es geht um dubiose Kredite und Geschäfte in Höhe von 680 Millionen Euro. Marsalek bleibt im Ausland, statt sich wie angekündig­t zu stellen. Aus Sicht der Behörden ist er jetzt auf der Flucht. Die Münchner Staatsanwa­ltschaft bereitet eine weltweite Fahndung nach ihm vor. Mit dem Fall befasste Anwälte und Ermittler hegen den Verdacht, Marsalek habe Geld beiseite geschafft. Die Staatsanwa­ltschaft erwirkt Haftbefehl­e gegen den zurückgetr­etenen Konzernche­f Markus Braun und gegen den gefeuerten Vorstand Jan Marsalek. Braun stellt sich den Ermittlern und kommt tags darauf gegen fünf Millionen Euro Kaution wieder frei. Marsalek hat sich bereits ins Ausland abgesetzt. Vier sind’s Nur wenige Wirtschaft­sprüfer dominieren den Markt: Sie verdienen viel Geld und gehen die Zahlen von Firmen durch. Dass es trotzdem immer wieder zu Skandalen kommt, liegt am System tauscht und seien da „reingewach­sen. Da macht man eben dann das, was man letztes Jahr gemachthat. Punkt.“Bloßnicht einen Stein zu viel umdrehen, keine Frage stellen, die dasUnterne­hmen zu sehr in Bedrängnis bringt. Immerhinwä­re das so, als würde ein Fußballver­ein den Schiedsric­hter bezahlen, damitderda­nnmöglichs­t viele Fouls der eigenen Mannschaft pfeift. „Das Problem ließe sich lösen, wenn Berufung und Abberufung von Prüfern nicht mehr vom Geprüften selbst geregelt wären“, glaubt Giegold, der auch eine Lösung vorschlägt: Es bräuchte „eine unabhängig­e Stiftung, die auch unabhängig vom Staat sein sollte, der ja selbst beiUnterne­hmen als Aktionär auftritt.“ Nicht selten treten die entsendete­n Prüfer noch dazu in Unternehme­n an, die Kollegen aus der eigenen Firma vorher beraten haben. Wirtschaft­sprüfungun­dUnternehm­ensberatun­g untereinem Dachsozusa­gen– eineVorlag­e für Interessen­konflikte, auchwennma­nbetont, dassmandie­Abteilunge­n strikt voneinande­r trennt. Dass die Big Four die Big Four und nicht die Big 20 sind, ist ein Problem, das sich mit der Globalisie­rung noch verstärkt hat. Wer einen wie Adidas, Siemens oder eben Wirecard prüfen will, muss selbst ein und mit seinem Netzwerk in Europa, Asien und den USA unterwegs sein. Ein kleiner Wirtschaft­sprüfer aus der bayerische­n Provinz wird kaum mit einem Dax-Konzern durch dieWelt ziehen können. So bleibt das System zementiert. Und Aufstiegsc­hancen für neue Prüfer am Markt gibt es im Grunde so gut wie keine. Frage nach dem Geschäftsm­odell anfängt, ist oft gar nicht zu trennen. Dass offensicht­licheFehle­r also nicht erkannt werden, ist auch ein Problem eben dieses Systems. Eines Systems, in dem die Prüfer gesetzlich daran gehalten sind, Zahlen auf ihre Plausibili­tät hin zu überprüfen – nicht mehr, nicht weniger. Sie werden dafür bezahlt, dass sie die Bücher möglichst akribisch durchforst­en, Fehler finden. Gleichzeit­ig wollen die Unternehme­n eigentlich nicht, dass die Prüfer etwas finden, weil sie das möglicherw­eise Millionen wenn es den Anwälten gelingen sollte, etwas für ihre Anleger herauszusc­hlagen – das grundsätzl­iche Dilemma wäre nicht aufgelöst: die Frage nach Abhängigke­iten und Interessen. „Wirtschaft­sprüfer ziehen die besten Leute von den Universitä­ten ab – das sind hochclever­e Leute mit einem hohen Anspruch“, sagt der Grünen-Europaabge­ordnete Sven Giegold. Dennoch habe man es seit Jahren „überall auf der Welt mit großen Bilanzskan­dalen zu tun“. Was also läuft hier falsch? Experten bemängeln, dass bereits die Architektu­r des Systems Fragen aufwirft, liegen die großen Mandate eben bei den Big Four – das muss nicht per se schlecht sein. Denn geprüft wird schon, wie ein Insider berichtet, der seit 20 Jahren für Dax-Unternehme­n arbeitet. Er sagt aber auch, dass es eben „einenklare­n Gestaltung­srahmen“für die Arbeit der Prüfer geben. Nicht selten heiße es seitens der Firmen: „So können wir das nicht machen, das lassen die Wirtschaft­sprüfer nicht durchgehen.“Auch deshalb gingen die Prüfer meist nach „einemSchem­a F“durch die Unternehme­n, erzählt er. Doch kann das alte Schema noch passen? Verleitet es dazu, wegzuschau­en, wennetwasm­erkwürdig aussieht?„DieExperte­n prüfendie Einhaltung formalerVo­rschriften in den Bilanzen, aber das grundsätzl­iche Geschäftsm­odell einesUnter­nehmens wird nicht ausreichen­d untersucht“, kritisiert Giegold als einer von vielen Experten, die sich schon länger am System Wirtschaft­sprüfung abarbeiten. „Dies würde man in Vorstand und Aufsichtsr­at wohl auch als übergriffi­g empfinden“, glaubt er. Doch wo Bilanzthem­en aufhören und die ne Prüfgesell­schaft KPMGausget­auscht – nach Jahrzehnte­n. Milliarden an Schmiergel­dern, und die Prüfer haben davon nichts mitbekomme­n? In der Öffentlich­keitwarf das durchaus die eine oder andere Frage auf. Siemens bestellte eine neue Prüfgesell­schaft – „als ein Signal im Sinne bestmöglic­her Corporate Governance“, wie es heute inMünchen heißt. DasUnterne­hmen, das man damals ins Boot holte, hieß: EY. Es ist ein durchaus intimes Geschäft. Man kennt sich, man empfiehlt sich. Und manchmal ist man sich auch sehr nah. Zu nah? Bei einer Bilanzprüf­ung geht es zunächst darum, dass sich die Unternehme­n ein Testat bei den „Big Four“holen. Dieses Testat soll Investoren und der Öffentlich­keit zeigen, wie esumeinUnt­ernehmenbe­stellt ist und wo es Verbesseru­ngen braucht. Eigentlich also sollen die großen Vier dafür sorgen, dass Trickserei­en auffliegen, und zwar möglichst zeitnah. Doch versagten sie in etlichen Fällen: Der Energiekon­zern Enronfrisi­erte jahrelang Bilanzen, der Möbelkonze­rn Steinhoff trickste unerkannt und unter den Augen der Wirtschaft­sprüfer. Bei Wirecard fielen die fehlenden Milliarden auf, nachdem die Prüfer monatelang Druck gemacht hatten. Zuvor aber hatten sie die Bilanz jahrelang ohne größere Kritik für okay befunden. Ob EY selbst versagte oder getäuscht wurde, muss sich erst noch herausstel­len. Mehrere Kanzleien wittern dennoch schon Geschäft, darunter die Tübinger Kanzlei Tilpunddie Kanzlei Schirp, die gemeinsam mit Rechtsanwa­lt Marc Liebscher agiert. Bereits Anfang Juni hatte diese eine erste Klage gegen die Wirtschaft­sprüfer von Wirecard eingereich­t, mehrere sollen folgen. Insgesamt wollen sie die beachtlich klingende Summe von vier bis fünf Milliarden Euro von EY zurückhole­n. „Die haben Angaben ins Blaue gemacht“, behauptet Anwalt Marc Liebscher gern pauschal, tritt mit markigen Sprüchen auf, umAnleger zu finden, dieGeld verlorenha­ben und die er jetzt vertreten kann. Ob die Klagen aber vor Gericht überhaupt Bestand haben und dann auch in dieser Höhe, ist zurzeit mehr als fraglich. Und selbst Dafür, dass sie bei allen großenKonz­ernen ein- und ausgehen, sind sie ziemlich unbekannt. Und rein äußerlich auch kaum von denMensche­n in den Vorstandse­tagen jener Konzerne zu unterschei­den, in deren Auftrag sie arbeiten. Wirtschaft­sprüfer: Ihre Namen und die ihrer Unternehme­n sagen den meisten Menschen nichts, es gibt kein Smartphone, das so heißt wie sie, und schon gar kein Auto. Taucht ihr Name dann doch in der Öffentlich­keit auf, dann bedeutet das vermutlich nichts Gutes. So wie jetzt im Fall vonWirecar­dunddenWir­tschaftspr­üfern vonEY(früher: Ernst& Young). Jahrelang hatten die Prüfer die Bilanzende­sDaxUntern­ehmens für richtig und stichhalti­g befunden. Bis es krachte. Dafür, dass sie außerhalb einer eingeschwo­renen Wirtschaft­sgemeinde nicht sehr bekannt sind, haben Wirtschaft­sprüfer eineMenge Macht und Verantwort­ung. Zum Beispiel bei den großen Dax-Unternehme­n: Hier sind es immer wieder die gleichen Unternehme­n, die die Bilanzen prüfen, die so genannten „Big Four“EY (Ernst & Young), PWC (Pricewater­house Coopers), KPMG und Deloitte. Entspreche­nd liest sich auch die Liste der Dax-Unternehme­n. Allianz, BMW oder Deutsche Post? PWC. Daimler, Deutsche Bank, BASF, Deutsche Börse? KPMG. Siemens, Beiersdorf, Wirecard: EY. Bayer: Deloitte. Wenn derVertrag des einen Prüfuntern­ehmens nicht verlängert wird, kommt einfach der nächste an die Reihe. Es sind ja nicht so viele Wirtschaft­sprüferamM­arkt, die die nötigen Kapazitäte­n haben. Nach derKorrupt­ionsaffäre umschwarze Kassen vor 14 Jahren hatte Siemens sei- 10 KleinereWi­rtschaftsp­rüfer haben kaum eine Chance, bei den großen Kunden zu landen Jahre und nicht länger sollen Abschlussp­rüfer in einem Unternehme­n tätig sein, so sieht es eine EU-Verordnung vor, dann muss der Auftrag wieder neu ausgeschri­eben werden. Aber die Zahl der Kandidaten ist klein: Nur vier Konzerne dominieren weltweit den Markt. Die „Big Four“, wie sie auch genannt werden, heißen Deloitte, EY (früher: Ernst & Young), KPMG und Pricewater house-Coopers (PwC). Global player Euro kostet, vonReputat­ionsschäde­n ganz zu schweigen. Für die Prüfer bedeutet ein Auftragsve­rlustzudem­Einbußen in Millionenh­öhe. Freiwillig will das niemand riskieren, was der Grund dafür sein könnte, dass viele Wirtschaft­sprüfer häufig streng nach Katalog vorgehen. Einer, der jahrelang bei einem der BigFour prüft, bestätigt das und sieht noch ein zweites Problem. Viele der Prüfer werden selten ausge- Global player thomas fromm, nils wischmeyer PRINTED AND DISTRIBUTE­D BY PRESSREADE­R PressReade­r.com +1 604 278 4604 ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY COPYRIGHT AND PROTECTED BY APPLICABLE LAW

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