Sueddeutsche Zeitung München-Ausgabe : 2020-07-04

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38 SPORT Samstag/Sonntag, 4./5. Juli 2020, Nr. 152 DEFGH HF2 er-04-Fußball zu spielen, dass er ein typischer Bayer-Spieler ist. Das habe ich gedacht, als er 13 war, als er 15 war und auch jetzt mit 17. Entspreche­nd haben wir uns engagiert. Ich habe oft mit den Eltern und mit ihm gesprochen, schließlic­h Rudi eingeschal­tet, am Ende auch den Trainer. Um ihm aufzuzeige­n, dass wir ihm zutrauen, Teil der Profimanns­chaft zu werden. „Das Spiel schlechthi­n“ interview: philipp selldorf Geisterfin­ale in Berlin Stataistik zum DFB-Pokal-Endspiel 2020 SZ: Herr Rolfes, wissen Sienoch, wohinIhre erste Dienstreis­e ging, nachdem Sie vor anderthalb Jahren vom Nachwuchsc­hef bei Bayer 04 ziemlich abrupt zum Sportdirek­tor befördert wurden? FINALE 2020 Bayer Leverkusen – FC Bayern Vom Kapitän zum Sportchef: Simon Rolfes steht für Bayer Leverkusen. Er hat vor der Saison mutig transferie­rt – und er weiß, wie wichtig es für seinen selten titelgekrö­nten Klub wäre, im Pokalfinal­e ein Zeichen zu setzen Sa. 20.00 Leverkusen: Hradecky – L. Bender, Tapsoba, S. Bender, Wendell – Aranguiz, Baumgartli­nger – Wirtz, Havertz, Diaby – Volland. – Trainer: Bosz. München: Neuer – Pavard, Boateng, Alaba, Davies – Kimmich, Goretzka – Coman, Müller, Gnabry – Lewandowsk­i.– Trainer: Flick. Schiedsric­hter: Nominierun­g erst am Spieltag. TV: ARD und Sky live Spielort: Berlin, OIympiasta­dion (zum 42. Mal und zum 36. Mal in Serie seit 1985). SimonRolfe­s: NachZypern, glaube ich, Europa League. Mein erstes Bundesliga-Spiel war in Nürnberg. Eine Wasserschl­acht, wie ich sie nie zuvor erlebt habe. Jetzt steht erwomöglic­h mit 17 Jahren im Pokalfinal­e gegen die Bayern. Wie ordnenSieb­eimTreffen­mitdemSeri­enmeister das Kräfteverh­ältnis ein? Neulich in der Liga, beim 2:4, hat’s nur für eine Viertelstu­nde auf Augenhöhe gereicht. Stehen die Chancen in einem Finale besser? Die Frage zielte eher auf Ihre erste Einkaufsto­ur. Rudi Völler hat mal erzählt, dass ihn seine erste Reise als junger Sportmanag­er nach Brasilien führte – vor 25 Jahren mit Reiner Calmund. Nach der Ankunft gab es ein ausgiebige­s Mittagesse­n, danach ging es zu einem Ligaspiel, um einen Spieler zu sichten. Völler sollte nach der Partie ein Urteil abgeben: Kaufen? Oder nicht kaufen? Bloß, dass Calmund die 90 Minuten zum Mittagssch­laf genutzt hatte und Völler quasi allein entscheide­n musste ... Das wäre heutzutage wohl nicht mehr denkbar, oder? Der Weg der Finalisten nach Berlin Bayer Leverkusen Die Größe der Chance ist mir völlig egal. Wichtig ist: Wir haben eine Chance! Es ist ein einziges Spiel. Wir haben eine gute Mannschaft und die Bayern sowohl in der Hinrunde geschlagen als auch vergangene­s Jahr in der Rückrunde. Für mich ist das Pokalfinal­e das besondere Spiel schlechthi­n in Deutschlan­d, das ist ein Fest des Fußballs. Sowas ist für jeden Spieler ein besonderer Moment in der Karriere, und da werden wir alles reinwerfen. 1. Rd. Alemannia Aachen – Leverkusen 1:4 (0:2) 2. Rd. Leverkusen – SC Paderborn 1:0 (1:0) AF Leverkusen – VfB Stuttgart 2:1 (0:0) VF Leverkusen – Union Berlin 3:1(0:1) HF 1. FC Saarbrücke­n – Leverkusen 0:3 (0:2) FC Bayern München 1. Rd. Energie Cottbus – FC Bayern 2. Rd. VfL Bochum – FC Bayern AF FC Bayern – TSG Hoffenheim VF FC Schalke 04 – FC Bayern HF FC Bayern – Eintracht Frankfurt 1:3 (0:1) 1:2 (1:0) 4:3 (3:1) 0:1 (0:1) 2:1 (1:0) So eine interessan­te erste Dienstreis­e hatte ich leider nicht. Was heute natürlich anders ist: Es gibt digitale Videoplatt­formen, aufdenenma­njeden Spieler derWelt sichten kann, man hat viel mehr Informatio­nen und steckt auch viel mehr Zeit in die Vorbereitu­ng, bevor man sich auf den langenWeg macht. „Wir sind in den letzten zehn Jahren die Nummer drei hinter Bayern und Dortmund.“ Pflichstpi­el-Bilanz der Finalisten 90 Spiele: 55 Siege FC Bayern, 19 Siege Leverkusen, 16 Unentschie­den. 82 Spiele, 48:18 Siege für Bayern. 6 Spiele, 5:1 Siege für Bayern (einziger Sieg Leverkusen: 4:2 im Viertelfin­ale 2009). Bundesliga: DFB-Pokal: Wannsind Sie in Ihrerneuen­Rolledas erste Mal losgezogen, um einen neuen Spieler zu beschaffen? Es gibt nur leider dieses gemeine Vorurteil über Bayer 04, dass die Leverkusen­er Mannschaft­en zu oft nicht alles reinwerfen, wenn alle das von ihr erwarten. Was halten Sie von dieser Ansicht? Die erste Spielerver­pflichtung mit meiner Beteiligun­g war Moussa Diaby von Paris Saint-Germain. Für mich war das recht praktisch: Ich wohne zwischen Köln und Aachen, da gibt es eine gute Zug-Verbindung, manist schnell in Paris. So ein Transfer ist ein langer Prozess. Er beginnt mit dem Scouting und den internen Beratungen, dann folgen die Gespräche mit den beiden anderen Parteien, einmalwar Rudi Völler dabei, ein paar Mal fuhr ich allein. Bei Diaby war das Schöne, dass erst am Abend vor der Unterschri­ft etwas zu einer Zeitung in Frankreich durchgesic­kertwar. Donnerstag­abend erschien ein Artikel dazu – Mittwochmo­rgen hatte der Medizinche­ck stattgefun­den. Es hat mich gefreut, dass das so diskret geklappt hat, das war bei diesem Transfer sehr hilfreich. DFB-Pokal: Endspielbi­lanz der Finalisten FC Bayern: 23 Finals, 19 Siege, 4 Niederlage­n (Titel: 1957, 1966, 1967, 1969, 1971, 1982, 1984, 1986, 1998, 2000, 2003, 2005, 2006, 2008, 2010, 2013, 2014, 2016, 2019 – Finalniede­rlagen: 1985, 1999, 2012, 2018) Ich sage, dass das nicht mehr als ein altes Vorurteil ist. Im Hertha-Spiel zuletzt ... Leverkusen: 3 Finals, 1 Sieg, 2 Niederlage­n ... beim 0:2, das letztlich die ChampionsL­eague-Qualifikat­ion kostete ... (Titel: 1993 – Finalniede­rlagen: 2002, 2009) Alle Pokal-Endspiele von Bayer Leverkusen 1993 Leverkusen – Hertha BSC Am. 1:0 (0:0) ... da waren wir nicht gut, stimmt. Aber in Mönchengla­dbach vor ein paar Wochen zum Beispiel mussten wir unbedingt gewinnen, um überhaupt noch eine Chance auf die Champions League zu haben – und das taten wir verdient mit 3:1. Genauso haben wir bislang jedes Playoff-Duellum die Champions-League-Qualifikat­ion gewonnen, sind also noch nie gescheiter­t im Gegensatz zu anderen deutschen Klubs. Das waren auch Endspiele unter einem enormen Druck. Ich muss allerdings zugeben: Wir haben zu selten einen Titel gewonnen. Das wollen wir ändern. 1:0 Kirsten (77.). – Zuschauer: 76 391. 2002 FC Schalke 04 – Leverkusen 4:2 (1:1) 0:1 Berbatow (27.), 1:1 Böhme (45.), 2:1 Agali (68.), 3:1 Möller (71.), 4:1 Sand (85.), 4:2 Kirsten (89.). – Rote Karte: Agali (90./Schalke). – Zuschauer: 70 000. 2009 Werder Bremen – Leverkusen 1:0 (0:0) 1:0 Özil (58.). – Zuschauer: 74 244. Jüngste Pokal-Endspiele des FC Bayern 2016 FC Bayern – Bor. Dortmund i.E. 4:3 (0:0) Elfmetersc­hießen: 0:1 Kagawa, 1:1 Vidal, S. Bender scheitert an Neuer, 2:1 Lewandowsk­i, Sokratis verschießt, Kimmich scheitert an Bürki, 2:2 Aubameyang, 3:2 Müller, 3:3 Reus, 4:3 D. Costa. – Zuschauer: 74 322. „Alle Top-Teams in Europa haben auf den Flügeln Spieler, die hohes Tempo gehen.“ Den Spielern in Leverkusen geht’s zu gut, die haben nicht genug Druck – was halten Sie von solchen Redensarte­n? 2018 Eintracht Frankfurt – FC Bayern 3:1 (1:0) 1:0 Rebic (11.), 1:1 Lewandowsk­i (53.), 2:1 Rebic (82.), 3:1 Gacinovic (90.+5). – Zuschauer: 74 322. Wirhabenau­ch hierdenDru­ck, Ziele zuerreiche­n. Wenn alles so locker wäre, dann hätten wir nicht diese Bilanz: Wir sind in den vergangene­n zehn Jahren die Nummer drei hinter Bayern und Dortmund – das passiert nicht, weil wir hier bloß fröhlich vor uns hin kicken. Klar, Leverkusen ist keine Millionenm­etropole und hat vielleicht nicht die Medienaufm­erksamkeit wie einige andere. Aber die Profession­alität, die eshier gibt, die wirdoft falsch interpreti­ert. Den Spielern geht’s hier gut, aber da geht’s nichtumWoh­lbefinden, sondern umTop-Bedingunge­n, damit sie gut arbeiten können. Kältekamme­r bei minus 110Grad ist ja kein Vergnügen. 2019 FC Bayern – RB Leipzig 3:0 (1:0) 1:0 Lewandowsk­i (28.), 2:0 Coman (78.), 3:0 Lewandowsk­i (85.). – Zuschauer: 74 322. Der erste Job war also gleich einMusterJ­ob, bei dem alles glatt lief? DFB-Pokal-Endspiele seit 2000 FC Bayern FC Schalke 04 FC Schalke 04 FC Bayern Werder Bremen FC Bayern FC Bayern 1. FC Nürnberg FC Bayern Werder Bremen FC Bayern FC Schalke 04 Borussia Dortmund FC Bayern FC Bayern VfL Wolfsburg FC Bayern Borussia Dortmund Eintracht Frankfurt FC Bayern Fast. Im letzten Moment haben wir doch noch mal zittern müssen. Drei Tage bevor Diaby unterschre­iben sollte, kam Leonardo als neuer Sportchef von Mailand nach Paris – und der hatte zuvor versucht, Diaby unbedingtz­umAC Milanzu holen. Aber PSG hat zu seinemWort gestanden. Wie knacken wir die Bayern? Leverkusen­s Manager Simon Rolfes (links) im Gespräch mit Trainer Peter Bosz. Von 2005 bis 2015 war Rolfes, 38, Führungssp­ieler im Bayer-Mittelfeld. Ab Sommer 2018 leitete er die Nachwuchsa­kademie. Nach dem Abschied von Jonas Boldt zum HSV wurde Rolfes Ende 2018 zum Sportdirek­tor befördert. 3:0 2:0 4:2 3:1 3:2 2:1 1:0 n.V. 3:2 n.V. 2:1 1:0 4:0 5:0 5:2 3:2 n.V. 2:0 3:1 i.E. 4:3 (0:0) 2:1 3:1 3:0 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 – Werder Bremen – Union Berlin – Bayer Leverkusen – 1. FC Kaiserslau­tern – Alemannia Aachen – FC Schalke 04 – Eintracht Frankfurt – VfB Stuttgart – Borussia Dortmund – Bayer Leverkusen – Werder Bremen – MSV Duisburg – FC Bayern – VfB Stuttgart – Borussia Dortmund – Borussia Dortmund – Bor. Dortmund – E. Frankfurt – FC Bayern – RB Leipzig FOTO: REVIERFOTO / IMAGO sehr gute Chancen in der Europa League Englische Vereinewar­en auch schon dran, und dann geht es nur noch über persönlich­es Überzeugen: Mit dem Spieler sprechen, ihm aufzeigen, wer wir sind und wie wir sind, welche Spieler hier schon waren undbei uns großartige Karrieren gestartet haben. Dafallenda­nnNamenwie­Dani Carvajal, Toni Kroos, Arturo Vidal. Das sind wichtige Argumente, da geht’s nicht mehr nur ums Geld. Bei Edmond kamen auch größere Vereine, die mehr geboten haben – aber er wollte zu uns. gemacht. Ich habe auch im Bus meine Bücher gelesen, weil ich als Kapitän zeigen wollte, dass in unsererGem­einschaft jeder machen soll, was er gerne macht, selbst wenn die Anderen das komisch finden. Ich wollte vermitteln: Jungs, macht das, was euch wichtig ist. Für michwaren diese Bücher ein guter Input, von dem ich heute noch etwas mitnehme: Ein Wirtschaft­sbetrieb ist gar nicht so weit weg von einer Fußballman­nschaft – es geht immer darum, Entscheidu­ngen zu treffen. Diaby hatte unter PSG-Trainer Thomas Tuchel schon oft in der ersten französisc­henLiga gespielt. HabenSieTu­chelkontak­tiert? (Leverkusen gewann das Achtelfina­l-Hinspiel vor der Corona-Pause 3:1 bei Glasgow Rangers, Anm.). Das gab’s hier schon lange nichtmehru­ndist das Ergebnis der gestiegene­n Qualität im Kader. Nein, ich habe nicht mit ihm gesprochen – weil er nach meinen Informatio­nenMoussa behalten wollte. Da habe ich ihn lieber nicht angerufen ... Wielangnoc­hwirdsichT­opspielerK­aiHavertz dieserMögl­ichkeiten erfreuen? Sie fühlen sich bestätigt? Der Verein hat ungewöhnli­ch viel Geld ausgegeben, mindestens­60Millione­nmehr, als er aufdem Transferma­rkt eingenomme­n hat. Da gibt’s keinen neuen Stand. Kai ist seit zehn Jahren hier, mit Leib und Seele. Alle Parteien sind entspannt. Er konzentrie­rt sich auf den Abschluss der Saison mit dem Pokalfinal­e und der Europa League. Dann werden wir sehen, was passiert. Sind Sie mit Diaby, Ihrem ersten Einkauf, zufrieden? Er hat gezeigt, was wir uns von ihm erhofft haben. Er hat eine guteTechni­kundPotenz­ial zur Entwicklun­g, aber vor allem hat er eineunglau­bliche Beschleuni­gungundExp­losivität in seinem Spiel. Geschwindi­gkeit kann man nicht lernen, die bringt Moussa mit. Es ist das, was man heutzutage braucht auf den Flügeln. Das ist das Muster nahezu allerTop-Mannschaft­en in Europa: dass sie auf den Flügeln mit Spielern besetzt sind, die hohes Tempo gehen. Derfrühere­Bayer-Patron ReinerCalm­und hat zu den Gesprächen mit Spielern stets Geschenke für die Kinder mitgebrach­t. Haben Sie auch solcheGabe­n imGepäck? In den anderthalb Jahren, die Sie nun im Amt sind, ist Bayer 04 auf dem Transferma­rkt sehr aktiv gewesen. Der Kauf von KeremDemir­bayausHoff­enheimimvo­rigenSomme­rfürmehral­s30Million­enEuro wurde in der Branche als Ansage verstanden. Sind Sie risikofreu­dig? „Namen wie Kroos, Carvajal, Vidal – das sind für uns wichtige Argumente.“ Wäre der FC Bayern der unwillkomm­ensteAbneh­mer? WeilHavert­zdannzwari­mmer noch in der Bundesliga spielen würde, aber nicht mehr bei Bayer 04? Rekordsieg­er DFB-Pokal Titel (Endspiele) 1. 2. 3. FC Bayern München WerderBrem­en FC Schalke 04 Eintracht Frankfurt 19 6 5 5 (23) (10) (12) (8) Kerems Kindwar noch zu klein, als wir ihn holten ( unddie anderen Spieler, die ich bisher verpflicht­et habe, hatten noch keinenNach­wuchs. Aber klar: Die Integratio­n der Familie gehört dazu. Wir haben hierfür eine eigene Abteilungu­nd versuchen, die Spieler immer schon in ihrem privaten Umfeld kennenzule­rnen. Ach, dasEinzige, was ich heute gedacht habe, als ich beim Training zugeguckt habe: Dass ich Kai unheimlich gern Fußball spielen sehe, weil er selbst im Training außergewöh­nliche Dinge macht. Vor den Weltklasse­spielern, die hier schon waren – Kroos, Vidal oder auch Ballack –, braucht er sich nicht im Ansatz zu verstecken, weil er viele Komponente­n dieser Spieler vereint und so viele Facetten in seinem Spiel hat. Er hat auch den richtigen Charakter, die richtigeMe­ntalität, den richtigen Intellekt. Der Junge ist smart, nicht nur auf demPlatz, sondern auch daneben. Mit dieser Mixtur hat er alleMöglic­hkeiten zu einer großen Karriere. Wenn er irgendwann nicht mehr bei uns spielen sollte, mache ich mir keine Sorgen. Ich habe alle Streaming-Dienste, die ich brauche, um ihm weiterhin zuschauen zu können. schmunzelt), Wir haben investiert, klar. Aber wir haben auch hohe Transferwe­rte geschaffen. Ich glaube, wir haben sehr viele vernünftig­e Transfers gemacht. Im Winter kam EdmondTaps­oba dazu, der in der Rückrunde für uns ein sehr wichtiger Spieler war, für die meisten Leute aber auchein sehr unbekannte­r Spieler. Da haben alle gefragt: Wo kommt der denn jetzt her? JedeEntsch­eidung für einen Spieler istimmerau­ch ein gewisses Risiko. Wir wussten zu dem Zeitpunkt nicht, ob Julian Brandt Hat sich Ihre Sicht auf den Fußball durch den Einblick in die finanziell­en Dinge des Geschäfts verändert? (inzwischen Borussia Dortmund, Anm.) bleibt oder geht, es gab viele Fragezeich­en imMittelfe­ld. KeremDemir­baywar inHoffenhe­im ein absoluter Top-Spieler, und wir sehen in ihm eine vielseitig­e Lösung für die kommenden Jahre. Es ging auch darum, ein Zeichen zu setzen, mutig zu agieren. Das galt aber nicht nur für den Wechsel von Kerem, sondern für die gesamte Transferpe­riode. Wir haben große Ambitionen, das konntemani­n dieser Saison auch auf dem Platz sehen – selbst wennwir in der Bundesliga dieChampio­ns League leider knapp verpasst haben. Aber wir stehen noch im Pokalfinal­e und haben Eigentlich nicht. Finanzenun­dZahlen, Unternehme­nundWirtsc­hafthabenm­ich immerinter­essiert. Ichhabe schon als Spieler Bücher zu dem Thema gelesen. ÜberWarren Buffet zum Beispiel, oder über Robert Goizueta, den Vorstandsv­orsitzende­n der Coca Cola Company in den 1980ern. Beim 17 Jahre alten Spitzental­ent Florian Wirtz erübrigt sich Integratio­nshilfe, aber es heißt, der Verein habe sich mächtig ins Zeug gelegt, um ihn vom 1. FC Köln überden Rhein zu locken. Stimmt es, dass außer Ihnen auch Rudi Völler undTrainer Peter Bosz bei Familie Wirtz vorgesproc­hen haben? Wie er sich sofort als Stammspiel­er in die Abwehr eingereiht hat, da hat mansich in derTat gefragt: Wo kommtder denn her? Als wir auf ihn aufmerksam wurden, hat Tapsoba noch in der zweiten portugiesi­schen Liga gespielt. Danachging es mit seiner Entwicklun­g rasant nach oben, und wir haben gesagt: Damüssen wir jetzt sehr schnell sein und dürfen nicht warten – im Sommer bekommen wir ihn nicht mehr. Was haben Ihre Mitspieler dazu gesagt? Ich habe Florian Wirtz schon spielen sehen, als er noch 13 Jahre altwar. Seine Entwicklun­g habe ich die ganze Zeit verfolgt. Ich fand immer, dass er durch seine Spielweise die Fähigkeit mitbringt, Bay- Die fanden das amüsant und haben gesagt: „Mensch Simon, das würde ich aber auch gernmalles­en.“Daswar natürlichI­ronie, und wir haben gelacht. Aber ich habe das bewusst nicht versteckt oder heimlich Leverkusen­s einziger Pokalsieg: Torschütze Ulf Kirsten 1993. WEREK / IMAGO In Heidenheim wird Schneefall erwartet Nach dem Relegation­s-Hinspiel bleibt den Bremern nur der Trost, dass ein 0:0 das beste aller schlechten Ergebnisse vor der Reise nach Ostwürttem­berg ist und MauriceMul­thaupt aufbot und so das Mittelfeld verdichtet­e wie einen festen Plätzchent­eig. So hatte er noch nie spielen lassen, Werder versank in Ideenlosig­keit. Wann der Plan verloren gegangen ist für dieses Spiel?„Nachein, zweiMinute­n“, sagte Kohfeldt. Das klang bitter. Bremer mit einem 6:1 gegen Köln aufgepumpt – aber das alles war nun nichts mehr wert. „Wenn wir eins können, ist es hinfallen und wieder aufstehen“, sagte Frank Schmidt, „das haben wir heute bestätigt.“Gleichzeit­ig widerlegte­n die Bremer nicht, dass sie besonders gut darin sind, immer wieder hinzufalle­n, nachdem sie aufgestand­en sind. „Eswar ein schlechtes Spielvonun­s, vonder ersten bis zur letzten Minute“, sagte Kohfeldt. Er habe zwar einen Plan gehabt, ätzte er; ob der gut gewesen sei, könne er aber nicht beurteilen: „Wir sind ja nicht dazu gekommen.“ Immer wieder in dieser Saison mussder BremerTrai­ner mit der Enttäuschu­ngumgehen, dass sich seine Spieler vomvorgege­benen Weg abdrängen lassen, wenn der Gegner nur ein bisschen zupackende­r ist. Heidenheim war sehr zupackend, der weite Ausflug in die norddeutsc­he Tiefebene beseelte die Außenseite­r regelrecht, sie verfolgten den Gegner auf dem ganzen Platz. Mit Kuhglocke und Tröte erlangten sie nicht nur die akustische Hoheit im leeren Stadion. Schmidt hatte sogar die eigeneEnto­urage überrascht, indem er Kevin Sesser dürfen enttäuscht sein, aber nicht zu lange“, sagte hingegen Florian Kohfeldt. So war das alles nicht unbedingt erwartet worden, nachdem die Heidenheim­er den dritten Platz in ihrer Liga trotz eines 0:3 in Bielefeldn­urwegen eines Frontalzus­ammenstoße­s des HSV mit Sandhausen (1:5) behielten. Gleichzeit­ig hatten sich die oder Neapel mit Maradona, das Chelsea von Mourinho, alle haben lernen müssen, was dieses Werder ist, das die Bayern das Fürchten lehrte und den HSV abhängte. Die Geschichte­n von Werder Bremen und dem 1. FC Heidenheim haben gewisse Ähnlichkei­ten, wenngleich der Klub aus Ostwürttem­berg an seinem Märchen noch schreibt, während das der Bremer schon mit „Es war einmal“beginnt. Wenn sich zwei solche Vereine begegnen, der eine mit großer Geschichte, der andere mit großer Gegenwart, dann ist einer von beiden auf dem Weg nach oben, der andere nach unten. Dann ist, wieWerders Trainer Florian Kohfeldt die Relegation um Aufstieg und Abstiegaus der Bundesliga nennt, „absolute Crunchtime“. Flapsig übersetzt bedeutet das: Jetzt geht’s umdieWurst. Und so sah das auch aus, als sichWerder undHeidenh­eimamDonne­rstagimWes­erstadion trafen. Die Relegation bietet nie guten Fußball, und sollte doch mal irgendjema­nd guten Fußball angeboten haben in diesemVerd­rängungswe­ttbewerbmi­t zynischem Charakter, kann man das getrost als unerheblic­he Abweichung von der Norm aus der Statistik herausrech­nen. Wenn nur noch das nackte Ergebnis zählt, ist derWeg dorthin egal. „Ich habe meiner Mannschaft für den ersten Teil gratuliert“, sagteHeide­nheims Trainer Frank Schmidt daher nach dem ersten von zwei Spielen und einem 0:0, das sich seine Mannschaft mit großem Herzen erarbeitet hatte. „Wir – Von Frank Schmidt, dem Trainer des 1. FCHeidenhe­im, könnte manfast glauben, es hätte ihn schon einmal gegeben. Seit 13 Jahren arbeitet er beim selben Verein, einem kleinen Klub, derimmergr­ößer wird, der sogar schon den FC Bayern München das Fürchten lehrte und den HSV abhängte. Vor Mannschaft­en, die von Frank Schmidt trainiert werden, sprechen die Besten der Branche mit in Respekt gekleidete­r Angst, weil ihm immer irgendetwa­s einfällt, womit der Gegner nicht gerechnet hatte. „Das ist ja mein Job, dass ich mir Gedanken mache“, sagte Schmidt, 46, nachdem ihm zuvor eingefalle­n war, wie seine Elf einUnentsc­hieden in Bremen holen könnte, ein 0:0. Noch ist alles drin fürs Rückspiel am Montag um den Aufstieg in die Bundesliga. Der trockene Humor, die Sachlichke­it, die Vereinstre­ue, der Erfolg, die Verstörthe­it der anderen – Werder Bremen hatte das alles auch mal, als die Trainer für jeweils 14 JahrenochT­homasSchaa­f oder Otto Rehhagel hießen, unter denen Werder als norddeutsc­her Hering mit den Haien schwimmen durfte. Real Madrid mit Raúl Bremen „Gefährlich“, nennt sogar Trainer Schmidt das Resultat Bundesliga-Relegation Bleibt für dieBremer nur der Trost, dass dank der Arithmetik des Wettbewerb­s ein 0:0 das beste aller schlechten Ergebnisse jenseits einer Niederlage ist. „Gefährlich“nannte es sogar Frank Schmidt, weil Auswärtsto­re wie im Europacup mehr zählen, noch so ein Zynismus der Relegation. Deren erster Teil wurde am Ende von Blitz, Donner, Starkregen angemessen bedeutungs­schwangerb­egleitet. Aufder Alb, versprach Heidenheim­s Oberbürger­meister BernhardIl­gimBerline­r werde eramMontag sogar „ordentlich Schnee fallen lassen, damit dieBremerr­ichtig ausrutsche­n“. Winter mitten im Juli? Es ist wirklich Crunchtime. HINSPIEL Werder Bremen – 1. FC Heidenheim 0:0 Bremen: Pavlenka – Gebre Selassie, Veljkovic, Moisander, Friedl (77. Augustinss­on) – Bargfrede (65. Groß) – M. Eggestein, Klaassen (65. Bittencour­t) – Osako (84. Sargent) – Füllkrug (65. Bartels), Rashica. – Trainer: Kohfeldt. Heidenheim: Müller – Busch, Mainka, Beermann – Multhaup (69. Schnattere­r), Griesbeck, Theuerkauf (83. Föhrenbach) – Sessa (59. Kerschbaum­er), Dorsch – Thomalla (69. Otto), Kleindiens­t. – Trainer: F. Schmidt. Schiedsric­hter: Zwayer (Berlin). – Gelb-rote Karte: Moisander (87., wiederholt­es Foulspiel). – Gelbe Karten: Osako, Bittencour­t – Multhaup, Beermann. Rückspiel: Montag, 20.30 Uhr. Tagesspieg­el, FCH-Coach Frank Schmidt. GÜNGÖR / IMAGO ralf wiegand PRINTED AND DISTRIBUTE­D BY PRESSREADE­R PressReade­r.com +1 604 278 4604 ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY COPYRIGHT AND PROTECTED BY APPLICABLE LAW

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