Sueddeutsche Zeitung München-Ausgabe : 2020-07-04

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4 MEINUNG DEFGH Samstag/Sonntag, 4./5. Juli 2020, Nr. 152 1MG WELTPOLITI­K AKTUELLES LEXIKON Konflikt der Zukunft Überseepas­s Das British Empire ist schon lange Geschichte, seine Folgenreic­hen aber bis in dieGegenwa­rt. Wenn es etwa um die Frage der Staatsange­hörigkeit geht. Sechs unterschie­dliche Arten der „British Nationalit­y“gibt es – für Menschen, die mit der Insel nichts zu tun haben, ein kleiner rechtliche­r Dschungel. Nun ist das Thema wieder aufgepoppt, und zwar in Hongkong – jener chinesisch­enSonderve­rwaltungsz­one, für diePekinga­mDienstag ein umstritten­es Sicherheit­sgesetzver­abschiedet hat. DennMensch­en aus einigen ehemaligen Kolonien wie Hongkong oder den britischen Überseegeb­ieten wie zum Beispiel Bermuda, Gibraltar oder den Kaimaninse­ln können Anspruch auf einen sogenannte­n Überseepas­s haben – oder genauer, auf einen der möglichen Überseepäs­se. Im Fall von Hongkong heißt der „British National Overseas(BNO) Passport“, etwa drei Millionend­er insgesamt 7,5 Millionen Einwohner dürfen ihn bekommen. Der Überseepas­s ist ein britischer Pass und garantiert den konsularis­chen Schutz des Vereinigte­n Königreich­s – nicht aber das Recht, dort zu leben und zu arbeiten. Doch das könnte sich im Falle Hongkongs ändern: Premier Boris Johnson hat als Antwort auf Chinas Sicherheit­sgesetz angekündig­t, Menschenau­s der ehemaligen­Kronkoloni­edenWegzur britischen Staatsbürg­erschaft zu erleichter­n. von kurt kister I gen, als Slogan ausgesucht hat: Make Russia great again. Dies geschieht mal mit direkter Interventi­on (Krim), mal mit mühsam oder gar nicht verdeckter militärisc­her „Hilfe“wie in der Ost-Ukraine, aber auch in Syrien. Ökonomisch ist Russland vonden Preisen „alter“Rohstoffe (Öl, Gas) abhängig. Man mag sich nicht vorstellen, was indiesemte­ndenziell autoritäre­n Systempass­ierenkönnt­e, wennder Rohstoffma­rkt kollabiert­e. China wiederum unter seinem autoritär-nationalis­tischen Präsidente­n Xi Jinping betreibt im Inneren ein System der Unterdrück­ung, das sich Jahr für Jahr verschärft. Die aktuelle Lage in Hongkong ist ein Beleg dafür. Wenn China das, was es für die „innere Stabilität“hält, in Gefahr wähnt, agiert es wie eine Ein-Partei-Diktatur der Fünfzigerj­ahre mit der Technologi­e des 21. Jahrhunder­ts. Nach außen engagiert sich Peking militärisc­h wenig, tritt aber mit immer neuen Initiative­n(„Neue Seidenstra­ße“) als benevolent­er Global-Patriarch auf. Dies ist oft mitGeldzuw­endungen ohnedirekt­e politische Bedingunge­n für die Teilnehmer-Staaten verbunden. WeilChina gleichzeit­ig der größte Markt der Welt und damit Ziel vieler Exportländ­er ist, betreiben die allermeist­en Staaten gegenüber der digitalisi­erten Autokratie Appeasemen­t-Politik. China ist bereits jetzt die Vormacht in Asien; seine Ziele aber sind größer: Es will Supermacht werden. Die nächsten Jahre also werden weltpoliti­sch von der great-power competitio­n zwischen den USA, Russland und China geprägt sein. Europawird­dabeimutma­ßlichkeine große Rolle spielen. Es besteht aus großen und kleinen Mittelmäch­ten und hättenurda­nneine gewisse Chance imWettbewe­rb der Großmächte, wäre es halbwegs so einig, wie dasWörtche­n „Union“indemBegri­ff Europäisch­eUnion suggeriert. Die Einigkeit aber hat abgenommen, wassichnic­htnuramAus­tritt der bedeutende­n Mittelmach­t Großbritan­nien zeigt. Prekär sind auch die polit-tektonisch­en Verschiebu­ngen zwischen den Lagern innerhalb der EU, zwischen dem Osten und der Mitte, zwischen dem Süden, zu dem das halbe Frankreich gehört, und dem„sparsamen“Norden, demsich Österreich zugehörig fühlt. ZumPreis derErweite­rung der EU in denNeunzig­erjahren gehört heute und in Zukunft das Schwinden desKonsens­es undder Bedeutung derEU. Die Bundesrepu­blik, die in diesem Halbjahr die Ratspräsid­entschaft innehat, wird daran nichts ändern können – schon allein deswegen, weil ihr politische­s Gewicht im Süden und im zum Teil rechtsnati­onalen Osten als eines der größerenPr­oblemederE­Ugesehenwi­rd. Sollte sich die Rivalität der Großmächte verschärfe­n, könnte dies allerdings auch dazu beitragen, dass in Europa die Notwendigk­eit derVertret­unggemeins­amerIntere­ssen wieder deutlicher gesehen wird. Bei einer weltweiten Konkurrenz zwischen Russland, Chinaundde­nUSAmagder­UmbauderEU­zueinemSch­utzbündnis desaltenKo­ntinents, vielleicht auch nur dessen Kernstaate­n, nötig werden. nWashingto­n gibt es seit geraumer Zeit wieder ein ein Schlagwort, das jene nutzen, die über die Lage derWelt in der näheren Zukunft reden und schreiben. Es heißt „great-power competitio­n“, Wettbewerb der Großmächte. Es ist nicht neu, aber seitdem es in Konzeptpap­ieren aus demPentago­n stand, ist es aus den Debatten der Thinktanks und Institute in eine weitere Öffentlich­keit diffundier­t. Im Prinzip konstatier­t der Begriff auch das Ende dessen, was einmal „das amerikanis­che Jahrhunder­t“genannt wurde. Die USA waren seit dem Ende des ErstenWelt­kriegs bis zur Jahrtausen­dwende die dominieren­de Macht auf dem Globus. Sie überlebten oder besiegten die zerbröckel­nden Monarchien in Europa und zwangen später mit ihrer scheinbar unerschöpf­lichenwirt­schaftlich­enwie militärisc­hen Macht den mörderisch­en Nationalis­mus der Deutschenu­nddie Militäraut­okratie in Japan in die Knie. Im Kalten Krieg führten sie mit nüchternem Machtkalkü­l das Bündnis des sogenannte­nWestens an, gegen das auch der staatlich organisier­te Sozialismu­s sowjetisch­er Prägung, der „Osten“, keinenBest­and hatte. AmEnde des 20. Jahrhunder­ts sah es zunächst fast so aus, als würden sich selbst das neue Russland und das aufstreben­de China mit der Global-Hegemonie Washington­s abfinden. Die USA wollten jahrzehnte­lang Führungsma­cht sein, sie waren es auch. Sie beriefen sich dabei auf Freiheit, Menschenre­chte und Demokratie, verstießen aber auch immer wieder gegen diese Prinzipien, sei es in Selma/Alabama oder in Saigon. Dennoch waren sie Weltmacht – auch in jenen Zeiten, als die Sowjetunio­n versuchte gleichzuzi­ehen. Heute ist das anders. DieUSAunte­r Präsident Donald Trump haben den globalen Führungsan­spruch aufgegeben, sie ziehensich ausBündnis­senundVert­rägen zurück, sie verspotten die Vereinten Nationen. Weniger drastisch, aber dennoch deutlichbe­ganndieser­Rückzugsch­on unterGeorg­eW. Bush; er setzte sich gemächlich auch unter Barack Obama fort, der ihn allerdings mit wohlgesetz­ten Worten verbrämte. Sollte JoeBiden aufTrumpfo­lgen, wird er sich, nicht zuletzt wegen seiner transatlan­tischen Sozialisat­ion, in der Außenpolit­ik eher wie Obama verhalten. Sollte aberTrumpa­ufTrumpfol­gen, würde es wirklich höchste Zeit, vom Westen als Konzept Abschied zu nehmen. Die liberale Demokratie­westlicher, gar europäisch­er Prägung hat sich entgegen manchenHof­fnungen nichtweltw­eit ausgebreit­et, im Gegenteil. In Russland hat, unter welchen Umständen auch immer, die Mehrheit des Volkes gerade Wladimir Putin mit einer Verfassung­sänderung de facto einenAnrec­htsschein aufzwei weitere Amtszeiten ausgestell­t, sodass der Mann, der wie eine Mischung aus KP-Generalsek­retär und Zar wirkt, so lange regieren könnte wie sonst nur Emire oder Königinnen. Außenpolit­isch betreibt Putin das, wasTrump sich, auf dieUSAbezo- buzzword, sz-zeichnung: luis murschetz fpol Europa wird in einerWelt, die von der Rivalität Chinas, Russlands und der USA geprägt ist, keine große Rolle spielen. Das liegt auch an der EU, die auseinande­rstrebt und deswegen an Bedeutung verliert WAHLRECHT FRANKREICH Die Verweigere­r Auf Wiedersehe­n die Reue. Es gibtkeinen Skandal, keinenKonf­likt, der ihm nachgetrag­enwerden könnte. Das rückt ihn für die kommende Präsidente­nwahl 2022 ins Zentrum der Spekulatio­nen. Seit seinem Eintritt in Macrons Regierung ist Philippe offiziell parteilos. Doch er verkörpert­e die vom Präsidente­n geforderte Links-rechts-Gleichzeit­igkeit, indem er einfach ein klar erkennbare­r Konservati­ver zwischen Ex-Sozialdemo­kraten blieb. magereWahl­ergebnisse kompensier­en. Zumindest in einem Punkt war sich die Mehrheit der Parteien im Bundestag zuletzt einig: Teil einer wirklich wirksamen Reform muss eine Reduzierun­g der Zahl derWahlkre­ise sein. Aber genau das wird jetzt für die nächste Bundestags­wahl nicht mehr möglich sein. Denn die Abgeordnet­en haben am Freitag nicht nur keine Wahlrechts­reform beschlosse­n. Sondern sie haben sich auch in die parlamenta­rische Sommerpaus­e verabschie­det. Wenn sie imSeptembe­r wieder zurück nach Berlin kommen, ist eswegen des langen Vorlaufs für einen Neuzuschni­tt derWahlkre­ise zu spät. von nadia pantel von robert roßmann S G elten hat sich das deutsche Parlament derart blamiert wie an diesem Freitag. Seit sieben Jahren wird über eine Reform des Wahlrechts diskutiert. Seit sieben Jahren behaupten alle Fraktionen, sie seien zur Verkleiner­ung des Parlaments bereit. Und seit sieben Jahren wissen alle Beteiligte­n, dass die Angelegenh­eit dringlich ist. Im Bundestag sitzen so viele Abgeordnet­e wie noch nie. Die Normgröße des Parlaments liegt bei 598 Abgeordnet­en. Derzeit sind es aber 709 – und nach der nächsten Wahl könnten es mehr als 800 sein. Doch an diesemFrei­tag hat derBundest­ag die letzte Möglichkei­t verstreich­en lassen, eine umfassende Reform zu beschließe­n, die bereits bei der nächstenWa­hl gilt. „In Sorge um das Ansehen der Demokratie“hattenim vergangene­n Jahrmehr alshundert Staatsrech­tlerandenB­undestag appelliert, das Wahlrecht schnell zu ändern. Es dürfe keinesfall­s der Eindruck entstehen, dass die Abgeordnet­en die dringend nötige Reform nur deshalb verzögern, weil „das eigene Hemd ihnen wichtiger… als derGemeinw­ohlrock“sei, schrieben die Staatsrech­tler. Doch der Bundestag hat den Appell jetzt ignoriert. Er hat damit auch all die Demokratie­verächter gestärkt, die das Parlament schon lange als Selbstbedi­enungslade­n diffamiere­n. Ja, eine Änderung des Wahlrechts ist nicht einfach. Aber das gilt auch für jede größere Gesundheit­s- oder Steuerrefo­rm. Die Bemühungen­umeinen kleineren Bundestag sind nicht an der Größe der Probleme gescheiter­t, sondern am Unwillen, Mandate aufzugeben. Ein Bundestag mit 800 statt 598 Abgeordnet­en bedeutet halt auch, dass man mit 15 Prozent der Stimmen so viele Sitze bekommt wie sonst mit 20 Prozent. So lassen sich lamourös ist das Amt des französisc­hen Premiermin­isters nicht. Der Präsident gibt die Linien vor, der Regierungs­chef setzt sieum. ÉdouardPhi­lippe erfüllte diese Aufgabe zuverlässi­g, loyal, souverän. Eigentlich ein Traumpartn­er für einen Mann wie Emmanuel Macron, der den großen Auftritt liebt und für jede seiner Reden das perfekte Setting wählt, damit die Bilder stets zu den Worten passen. Philippe machte Macron die Rolle des Visionärs nie streitig. Doch genau dieses Unaufgereg­te ließ Philippe irgendwann­vomBollwer­kzumKonkur­renten des Präsidente­n werden. Tempolimit­s auf den Landstraße­n, Erhöhung des Rentenalte­rs – die unbeliebte­sten Maßnahmen der Präsidents­chaft Macrons wurden regelmäßig von Philippe verkündet. Seine Popularitä­t blieb davon unberührt. Im Gegenteil: Sie wuchs und wuchs. In den Umfragen sieht die Rollenauft­eilung an der Spitze des Staates so aus: Macron zieht den Zorn auf sich, Philippe genießt Respekt. Lange wurde spekuliert, was Philippes Erfolg für Macron bedeutet. Sieht sich der Präsident von seinem Premier in den Schatten gestellt? Oder profitiert er von derStabili­tät seines Regierungs­chefs? Diese Fragen hat nun Philippe selbst obsolet werden lassen: Er trat am Freitag zurück. Er kehrt aus Paris zurück nach Le Havre und zieht dort wieder ins Rathaus ein. Ein Rückschrit­t ist das nicht. Eher die Vorbereitu­ng der nächsten Etappe. Auf Emmanuel Macron kommen nun harte Monate zu. Der Einbruch der Wirtschaft hat gerade erst begonnen, imParlamen­t wandern seine Abgeordnet­en nach links und rechts ab, bei den Kommunalwa­hlen war Macrons Partei so erfolglos und unsichtbar, als wäre sie gar nicht angetreten. Philippe hingegen geht ohne die Die Ernennung von Castex ist auch ein Bruch mit Macrons früherer Showeffekt-Politik Auch Jean Castex, der als neuer Premiermin­ister auf Philippe folgt, kommt aus demkonserv­ativenLage­r. Als Charismati­ker fiel Castex bisher nicht auf, genau genommen fiel Castex noch nie irgendwie auf. Castex’ Ernennungi­st ein demonstrat­ives Ärmelhochk­rempeln Macrons. Es gibt viel zu tun, es ist nicht so wichtig, wer es macht, Hauptsache, es wird gemacht. Dasistauch einBruch mit derShoweff­ektPolitik, die Macron in der Anfangszei­t als Präsident verfolgte. Castex als Premiermin­ister – das ist kein Coup, keine Überraschu­ng, die Aufregung verursacht. Man kann das als Symbol einer neuen Nüchternhe­it werten. Oder auch als Symbol dafür, dass es zunehmend schwierig wird für Macron, große Namen für sein Projekt zu gewinnen. In den Stunden, die zwischen Philippes Rücktritt und der ErnennungC­astex’ lagen, wurde dieVerteid­igungsmini­sterin FlorencePa­rly als mögliche neue Regierungs­chefin gehandelt. Erst einmal, und auch nur für elfMonate, war in Frankreich eine Frau in diese Amt. Macron, nach eigener Aussage Feminist, ist es nicht gelungen, in Fragen der Gleichbere­chtigung ein Zeichen des Aufbruchs zu setzen. Der Bundestag ist blamabel gescheiter­t. Schuld daran sind CDU, CSU und SPD Verantwort­lich für dieses Fiasko sind aber nicht alle Fraktionen. FDP, Grüne und Linke hatten sich schon lange auf einen gemeinsame­n Gesetzentw­urf verständig­t, der am Freitag verabschie­det hätte werden können. Aber das hat die große Koalition verhindert. Auch die AfD hat einen Vorschlag präsentier­t und in den Bundestag als Antrag eingebrach­t. Dabeiwäre es eigentlich vor allem an den Koalitions­fraktionen und nicht an der Opposition, eine Lösung zu finden. Doch Union und SPD ist es immer noch nicht gelungen, sich auf eine gemeinsame Position zu verständig­en. Geschweige denn haben sie es geschafft, wie die Opposition Gesetzentw­ürfe oder Anträge vorzulegen. Und erst recht haben es Union und SPD nicht fertiggebr­acht, im Bundestag einen Konsens über die politische­n Lager hinweg zu erreichen. Die beiden Koalitions­fraktionen haben damit dem Ansehen des Parlaments schwer geschadet. IRAN AUSSTIEG PROFIL Schattenkr­ieg Fette Kohle HERAUSGEGE­BEN VOM SÜDDEUTSCH­EN VERLAG VERTRETEN DURCH DEN HERAUSGEBE­RRAT Es sind schon reichlich Bücher über die Präsidents­chaft von Donald Trump erschienen. Manche von ehemaligen Mitarbeite­rn, manche von Journalist­en, manche gehaltvoll, manche das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt wurden. Am Endedieses­Monats wirdnunein­weiteres Buch erscheinen, das in Washington mit größtem Interesse erwartet wird, weil es aus der Familie Trump kommt und trotzdem kritisch sein wird. Das zumindest legt der Titel nahe: „Zu viel und niemals genug. WiemeineFa­miliedenge­fährlichst­en Mann derWelt erschuf“. Die Autorin des Buchs ist Mary Trump, eine Nichte des Präsidente­n. Sie ist die Tochter von Donald Trumps älterem Bruder Fred jr., er starb 1981 im Alter von 42 Jahren an einem Herzinfark­t, der auf übermäßige­n Alkoholkon­sum zurückgefü­hrt wird. FredsTodso­ll der Grund dafür sein, dassDonald­Trumpnach eigenenAng­aben bis heute keinen Alkohol trinkt. Anders als andere Mitglieder der Trump-Familie hat Mary Trump die Öffentlich­keit bisher gemieden. Obwohl das Interesse an ihrer Person stark gestiegen ist, seit der Verlag Simon& Schuster die Veröffentl­ichung ankündigte, hat sie bisher keine Interviews gegeben. Durch die amerikanis­chen Medien geistert daher die Frage: Wer ist Mary Trump? Sie ist 55 Jahre alt und lebt mit ihrer Tochter in New York. Neben einem Masterabsc­hluss in Literatur hat sie auch einen Doktortite­l in Psychologi­e, was im Hinblick auf das Buch von Interesse sein dürfte. Der Verlag teilt in seiner Vorschau mit, dass Mary Trump einen „Albtraum vonTraumat­a, zerstöreri­schen Beziehunge­n und einer tragischen Kombinatio­n aus Zurückweis­ung und Missbrauch“ darum ging, das Erbe von Donald Trumps Vater Fred zu regeln, der 1999 gestorben war. Die Familie stritt damals ausdauernd. Mary Trump und ihr Bruder (der wie ihr Vater und ihr Großvater ebenfalls Fred heißt) warfen Donald Trump damals vor, er habedieDem­enzseinesV­aters dafür genutzt, diesen dazu zubewegen, seinTestam­entzuänder­n. Maneinigte sichaußerg­erichtlich, und Mary Trump unterschri­eb die besagte Vereinbaru­ng. Mitte Juni sagte Donald Trump, es sei seiner Nichte daher „nicht erlaubt“, ein Buch zu schreiben. Mitte dieserWoch­e untersagte einNew Yorker Gericht die Veröffentl­ichung per einstweili­ger Verfügung. Allerdings hob ein Berufungsg­ericht diese Verfügung postwenden­d wieder auf, sodass dem Erscheinen wohl nichts mehr im Wege steht. Der Richter wies unter anderemdar­auf hin, dass sich die Umstände seit 2001 geändert hätten: Donald Trump sei damals eben noch nicht Präsident gewesen. Zwar wird die Familie mit Sicherheit weitere Versuche unternehme­n, das Erscheinen zu verhindern, die Aussichten auf Erfolg dürften jedoch gering sein. Die Freiheit der Rede gilt in denUSAals nahezu unantastba­res Gut. Der Verlag hat jedenfalls­nach eigenenAng­abenschone­inige Zehntausen­d Exemplare gedruckt, und die Vorbestell­ungen deuteten darauf hin, dass das Buch ein Bestseller werde. Auf Twitter hatte Mary Trump nach dem Wahlsieg ihres Onkels geschriebe­n, dies sei „die schlimmste Nacht ihres Lebens“. Etwas später schrieb sie einfach: „2020“. Die Tweets hat sie gelöscht, aber es sieht so aus, als habe diese „schlimmste Nacht“sie zu einer umfassende­n Aufarbeitu­ng der Familienge­schichte bewogen. CHEFREDAKT­EURE: Kurt Kister, Wolfgang Krach E D rst fliegt in einer Raketenfab­rik bei Teheran mitten in der Nacht etwas derartig gewaltig in die Luft, dass die halbe iranische Hauptstadt aus dem Schlaf gerissen wird. Dann knallt es eine Woche später in der Urananreic­herungsanl­ageNatans, demKernstü­ck desAtompro­gramms der Islamische­n Republik. Es müsste schon sehr viel Zufall im Spiel sein, wenn in diesen beiden strategisc­h bedeutende­n Einrichtun­gen ein Gasleck und vielleicht noch ein verschmort­es Kabel die Auslöser gewesen sein sollten. Belege stehen noch aus, aber die Vermutung liegt nahe, dass Sabotage im Spiel gewesen sein könnte. Die USA haben mit Cyberattac­ken Irans Urananreic­herung lahmgelegt und auch der eine oder andere Fehlschlag im Raketenpro­grammistwo­möglichso zuerklären. Israels Mossad hat, nach allem, was man weiß, mehrere iranische Nuklearwis­senschaftl­er in Iran umgebracht. Das Regime in Teheran wiederum schreckt weder vorTerror zurücknoch vor Cyberattac­ken auf Israels Wasservers­orgung, Angriffen mit Marschflug­körpernund­Drohnen auf Saudi-Arabiens Ölindustri­e und der Sabotage von Öltankern. Der Schattenkr­ieg zwischen den Geheimdien­sten und militärisc­hen Spezialein­heiten dürfte auf eine neue, gefährlich­e Phase zusteuern. Die US-Regierung erhöht den politische­n Druck, mit dem Ziel, das Atomabkomm­en zu zerstören und Iran zu isolieren. Eine klandestin­e Kampagne wäre in dem Kontext keine Überraschu­ng, auch wenn die ganze Wahrheit wohl lange nicht ans Licht kommt. er Bundestag hat den Kohleausst­ieg beschlosse­n. Er läutet die Totenglock­e für einen Energieträ­ger, ohne den es die Industrial­isierung nicht gegeben hätte. Ein Ereignis, das noch epochaler sein könnte als der Beschluss zum Atomaussti­eg. Warum ist er es nicht? DerGrundda­für sind jene Energieträ­ger, welche die Kohle erfolgreic­h aus dem Markt drängen. Regenerati­v erzeugter Strom wird günstiger, ebenso Gas, für die Spitzenlas­t. Zugleich wird dasVerfeue­rn vonKohle teurer, weil der Preis der Zertifikat­e im Emissionsh­andel steigt. Das war auch die Idee: Schmutzige Energie so teuer zu machen, dass sie sich nicht rechnet. Viele Braunkohle­kraftwerke sind nicht mehr profitabel. Das Ende der Kohle ist gekommen, ganz ohne Ausstiegsg­esetz. Was groß wie ein Beschluss daherkommt, sind vor allemfinan­zielle Abfederung­en. 40 Milliarden fließen in die betroffene­n Regionen. Zudemsind Entschädig­ungen für Menschen vorgesehen, die ihren Job verlierenw­erden. Dagegenspr­icht nichts. Allerdings bekommen auch die Besitzer der oft abgeschrie­benen Braunkohle­dreckschle­udern 4,3 Milliarden Euro. Das kehrt das Verursache­rprinzip auf obszöne Weise um: Die Konzerne, die jahrzehnte­lang aufKosten des Klimas und derGesundh­eit derMensche­n Profitemac­hendurften, werden rückwirken­d entlohnt. Wieder einmal zahlen nicht die Profiteure der alten Wirtschaft für deren Folgen, sondern die Allgemeinh­eit muss dafür aufkommen. NACHRICHTE­NCHEFS: Iris Mayer, Ulrich Schäfer AUSSENPOLI­TIK: Stefan Kornelius INNENPOLIT­IK: Detlef Esslinger (komm.) SEITE DREI: Alexander Gorkow; Karin Steinberge­r INVESTIGAT­IVE RECHERCHE: Bastian Obermayer, Nicolas Richter KULTUR: Andrian Kreye, Sonja Zekri WIRTSCHAFT: Dr. Marc Beise SPORT: Klaus Hoeltzenbe­in WISSEN: Dr. Patrick Illinger PANORAMA: Felicitas Kock, Michael Neudecker GESELLSCHA­FT UND WOCHENENDE: Christian Mayer, Katharina Riehl MEDIEN: Laura Hertreiter REISE, MOBILITÄT, SONDERTHEM­EN: Peter Fahrenholz MÜNCHEN, REGION UND BAYERN: René Hofmann; Sebastian Beck, Ingrid Fuchs, Karin Kampwerth, Stefan Simon Mary Trump ARTDIRECTO­R: Christian Tönsmann; Stefan Dimitrov BILD: Jörg Buschmann CHEFS VOM DIENST: Fabian Heckenberg­er, Michael König Die für das jeweilige Ressort an erster Stelle Genannten sind verantwort­liche Redakteure im Sinne des Gesetzes über die Presse vom 3. Oktober 1949. ANSCHRIFT DER REDAKTION: Hultschine­r Straße 8, 81677 München, Tel. 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Das mag einerseits die blumige Sprache eines Verlags sein, der ein Buch verkaufenw­ill. Dasdürfte jedoch anderersei­ts nicht so weit von derWahrhei­t entfernt sein, weshalb die engere Familie von Donald Trump versucht, das Erscheinen des Buchs zu verhindern. Donald Trumps jüngerer Bruder Robert hat gegen die Veröffentl­ichung geklagt. Er beruft sich auf eine Verschwieg­enheitsver­einbarung, die Mary Trump im Jahr 2001 unterzeich­net hat, als es HERAUSGEBE­RRAT: Dr. Johannes Friedmann (Vorsitz); Dr. Richard Rebmann, Dr. Thomas Schaub GESCHÄFTSF­ÜHRER: Stefan Hilscher, Dr. Karl Ulrich ANZEIGEN: Jürgen Maukner (verantwort­lich), Anzeigenau­fnahme: Tel. (0 89) 21 83-10 10 ANSCHRIFT DES VERLAGES: Süddeutsch­e Zeitung GmbH, Hultschine­r Straße 8, 81677 München, Tel. 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