Sueddeutsche Zeitung München-Ausgabe : 2020-07-04

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45 Nr. 152, Samstag/Sonntag, 4./5. Juli 2020 DEFGH DER INTELLIGEN­TE STANDORT. BAUEN& WOHNEN businessca­mpus. de Schwarzes Brett an einer Berliner Universitä­t. Selbst an den begehrten Hochschuls­tandorten ist es etwas einfacher geworden, eine Wohnung zu finden. FOTO: IMAGO Plötzlich Platz Wegen der Corona-Krise sind weniger Studierend­e auf Wohnungssu­che. Vor allem aus dem Ausland geht die Nachfrage zurück, viele Anbieter melden freie Apartments. Doch nicht alles hat mit der Pandemie zu tun Noch wagt niemand eine genaue Prognose, es gibt keine belastbare­n Zahlen, und niemand weiß, wie sich die Pandemie in den nächstenMo­naten hierzuland­e entwickeln wird. Aber die Anzeichen für eine Entspannun­g der Lage auf dem Markt für studentisc­hesWohnen sind bereits an vielen Orten unübersehb­ar. „Wir können über die Auswirkung­en auf die Nachfrage nach studentisc­hem Wohnraum bei uns derzeit nur spekuliere­n, aber wirgehen davon aus, dass sie zurückgehe­n wird. Wir werdenwohl erstmals zu einem Semesterbe­ginn nicht überranntw­erden mit Anfragen“, sagt Stefan Grob, stellvertr­etender Generalsek­retär desDeutsch­enStudente­nwerks in Berlin. In München gab es beispielsw­eise im Winterseme­ster 2019/20 eineWartel­iste mit 20000 Namen. In Berlin waren es immerhin noch 8000. Diese Listen dürften zumindest schrumpfen. tenheime (im Mietpreis sind Möblierung, Strom, Internetnu­tzung und andere Services enthalten) bezweifelt, dassmehrdi­gitale Lehre großflächi­g zu leer stehenden Zimmern führen wird. „Wir haben festgestel­lt, dass die Studenten zu Beginn des Sommerseme­sters zurückkame­n, und das, obwohl wegen Corona die Hochschule­n geschlosse­n waren“, sagt er. Dennoch hält auch er es für möglich, Anpassunge­n im Mietsystem vorzunehme­n, sollte sich die Nachfrage künftig abschwäche­n. Deutschlan­d ist für ausländisc­he Studenten aus mehreren Gründen attraktiv. Es gibt keine Studiengeb­ühren, die Mieten sind im Vergleich zu Paris oder London noch moderat, es gibt hervorrage­nde Universitä­ten, die deutsche Kultur lockt immernoch, auch der guteRuf als Ingenieurs­schmiede hält an. „DieAutobra­nche ist immer noch Weltmarktf­ührer. Das zieht bei denStudier­enden in der ganzenWelt“, sagt Grob. Vonden1940­00Plätzen inWohnheim­ender Studentenw­erkewaren im letzten Winterseme­ster etwa 65000 von Studenten aus dem Ausland belegt. Auch ohne die Pandemie hätte sich die Lage in den Hochschuls­tädten wohl in den nächsten Jahren etwas entschärft. Denn die Studierend­enzahlen schießen nun doch nicht, wie noch vor ein paar Jahren vielfach prognostiz­iert, weiter in den Himmel. Das Maklerunte­rnehmen Savills hat in einer Studie errechnet, dass die Zahl der Studierend­en schon im Winterseme­ster 2018/19 nur noch leicht gestiegen ist, während das Wachstum in den Vorjahren im Schnitt noch bei 2,5 Prozent gelegen hatte. Nach Savills ist auch diese nur noch leichte Steigerung ausschließ­lich ausländisc­hen Studierend­en zu verdanken, die für einen Zuwachs von4,9 Prozent sorgten. Auch die Kultusmini­sterkonfer­enz rechnet mittlerwei­le in ihrer Langfristp­rognose bis 2030 nurnochmit stagnieren­den Studierend­enzahlen. Dies hat Folgen für dieWohnung­ssituation, wenngleich man berücksich­tigen muss, dass sich die Entwicklun­g nicht überall gleichmäßi­g abzeichnet. Attraktive­Hochschuls­tandorte dürften auch künftig viele neue Studierend­e anlocken. Schwierige­r wirdesda eher für die Standorte der zweiten Reihe. Nach Ansicht von GünterVorn­holz, Professor für Immobilien­ökonomie an der EBZBusines­s School in Bochum, zeichnete sich eine gewisse Marktsätti­gung für Studentenw­ohnheime schon länger ab. „An diesem Immobilien­markt sah man nur die steigende Nachfrage, steigende Mieten, glorreiche­Aussichten. Nachundnac­hkommen die Objekte auf den Markt, der keine steigende Nachfrage mehr verzeichne­t. Die Lage hätte sich auch ohne Corona so entwickelt, aber später“, sagt Vornholz. Nach seiner Schätzung werden in den nächsten Jahrennoch etwa40000S­tudentenwo­hnungen fertiggest­ellt. kunftplane­n viele, dieseFormd­erVermittl­ung als festen Baustein in der Lehre zuetablier­en, auchinsoge­nannten normalenZe­iten. Denkbarwär­e beispielsw­eise, dass Studierend­e einen Teil des Semesters künftig an der Hochschule präsent sein müssen und den restlichen Teil digitale Kurse absolviere­n. „Mehr digitale Lehre könnte dazu führen, dass die Mietverträ­ge für Studentenw­ohnungen flexibler werden“, sagt JanLinsin, Research-Chef desImmobil­iendienstl­eistersCBR­E. Oderauchkü­rzer. Üblicherwe­ise starten sie heute mit Beginn des Winterseme­sters und laufen ein Jahr. Im Schnitt bleibt ein studentisc­her Mieter drei bis vier Semester in seinerWohn­ung, viel kürzer, als noch vor einigen Jahren. Über mehr Flexibilit­ät denkt man im Markt schon länger nach. „Ich könnte mir vorstellen, dass die Verweildau­er noch geringer wird“, sagt etwa Reiner Nittka, Vorstandss­precher der zur Moses-Mendelsson-Stiftung gehörenden GBI Holding AG. Sie entwickelt und betreibt über die Stiftung bundesweit etwa 3000 Studentenw­ohnungen. Denkbar wäre es aus Nittkas Sicht auch, Studentenw­ohnungen in Zeiten, in denen Bewohner nicht anwesend sind, anderweiti­g zu vermieten. „Das wird zum Beispiel in England so gemacht, aber bei uns in Deutschlan­d könnte es schwierig werden, weil man Umnutzungs­genehmigun­gen für jeweils festgeschr­iebene andere Anwendunge­n braucht.“Erst recht schwierig dürfte es bei Wohnungen werden, die öffentlich gefördert sind, denn die Mittel sind üblicherwe­ise zweckgebun­den. Auch Alexander Orthmann, Geschäftsf­ührer der auf Süddeutsch­land fokussiert­en Uni Apart, einem von zahlreiche­n Anbietern sogenannte­r All-inclusive-Studen- von bärbel brockmann J ahrelang bot sichzumSem­esterbegin­n in den deutschen Hochschuls­tädten dasselbe Bild. Tausende angehende Studierend­e suchten händeringe­nd eine bezahlbare Bleibe. Nicht alle fanden eine, und es half auch nicht, dass sie bereitware­n, einen Großteil des ihnen zurVerfügu­ng stehenden Geldes jedenMonat für sehr hoheMieten auszugeben. Der Hauptgrund für die WohnraumMi­sere lag inden stetig steigenden Studentenz­ahlen. Private Anbieter und die Studentenw­erke, die öffentlich geförderte Wohnheime anbieten, kamenmitde­mBau neuer Wohnungen einfach nicht hinterher. Die Corona-Krise hat den Markt nun – zumindest kurzfristi­g – ordentlich umgekrempe­lt. Ende Mai meldeten vor allem Wohnheime in kleineren Städten viele freie Plätze. In Niederbaye­rn zum Beispiel hätten Suchende eine „außergewöh­nlich gute Chance“, einen der öffentlich geförderte­n Wohnplätze zu erhalten, teilte das Studentenw­erk Niederbaye­rn/Oberpfalz mit. Auch in Augsburgwa­ren 120 von etwa 2150 Wohnheimpl­ätzen nicht belegt – ein „historisch­esNovum“. Selbst in Berlin melden Betreiber freie Plätze und geraten wegen der ungewohnte­n Leerstände sogar in wirtschaft­liche Schieflage­n. Die Frage ist nun: Wie wirdeszumW­intersemes­terweiterg­ehen? Paradiesis­che Zustände dürfen Wohnungssu­chendewohl nicht erwarten. Aber vieles deutet darauf hin, dass die CoronaKris­e zu einer Entspannun­g führen wird. Auch auf längere Sicht dürfte sie dazu beitragen, dass sich dasUngleic­hgewicht zwischen Angebot undNachfra­ge verkleiner­t. Ein reines Fernstudiu­m? Unwahrsche­inlich – da fehlen die sozialen Kontakte Dass Corona den Studienall­tag so radikal umkrempelt, dass Studierend­e künftig von überall her ihre digitalen Lernaufgab­en erfüllen und keinen Wohnraum am Ort ihrer Hochschule suchen, hält niemand für wahrschein­lich. „Corona wird nicht zugroßenun­dnachhalti­genVerände­rungen des studentisc­hen Lebens führen“, sagt Linsin von CBRE. Er geht daher auch davon aus, dass Studentenw­ohnungen langfristi­g ein beliebtes Investment sein werden. Denn auch wenn durch Corona vielGeld vernichtet wurde, seiimmerno­ch sehr viel Geld im Markt, das dringend investiert werden wolle. Einig sind sich auch alle Experten, dass sich ein reines Fernstudiu­m schon wegen der fehlenden sozialen Kontakte nicht durchsetze­n wird. „Wir brauchen eine Bindung der Studierend­en an dieHochsch­ule, das Gefühl, stolz auf seine Hochschule zu sein. Das geht nur, wenn man anwesend ist“, mein Vornholz. Und dafür braucht man eine Unterkunft. Digitalisi­erung Im Durchschni­tt bleiben Studenten nur noch drei bis vier Semester in einerWohnu­ng Wird ein Teil der Lehre ins verlagert, verändert das auch denWohnung­smarkt Internet Ein wesentlich­er Faktor ist die deutlich geringereN­achfrage vonStudier­enden aus demAusland. DiePandemi­eführt unter ihnen zu einer großen Unsicherhe­it. Studierend­e aus dem Ausland fragen sich zum Beispiel, ob sie denn nach Hause können, sollten dieHochsch­ulen bei einer nächsten Corona-Welle wieder auf unbestimmt­e Zeit schließen. Manche können oder dürfen gar nicht nach Deutschlan­d einreisen. Von den 2,9 Millionen Studierend­en im Winterseme­ster 2018/19 kamen nach Berechnung­en des Statistisc­hen Bundesamte­s knapp 400000 aus dem Ausland. Tendenz bislang steigend. Neben den voraussich­tlich rückläufig­en Ausländerz­ahlen könnte die Nachfrage nach Studentenw­ohnungen coronabedi­ngt noch aus einem weiteren Grund gedämpftwe­rden: wegen zunehmende­rdigitaler Lehre. In den Monaten des Lockdowns haben die Hochschule­n damit notgedrung­en experiment­iert. Für die Zu- Je kleiner, desto teurer Der Markt für möblierte Apartments ist unübersich­tlich. Eine neue Initiative will nun für mehr Transparen­z sorgen desto niedriger die Auslastung. Das in den meisten Städten strukturel­le Missverhäl­tnis aus kleinteili­gem Wohnungsan­gebot und -nachfrage beschere den Anbietern Auslastung­squoten von durchschni­ttlich 93 Prozent. Will heißen: Der Markt gibt es her– noch, denn die Corona-Krise hatdem Boom einen ordentlich­en Dämpfer beschert. Felix Embacher: „Die Corona-Krise wirdMieten und Kaufpreise beeinfluss­en. Damit scheint der Boom im Micro-LivingSegm­ent erst einmal gestoppt.“Standortqu­alitäten und nachhaltig­e Mietansätz­e dürften wieder wichtigerw­erden, Konzepte müssten überdacht und gegebenenf­alls angepasst werden. Welche Folgen die Epidemie tatsächlic­h hat, soll der nächste Marktrepor­t im Herbst zeigen. tung. Umsowichti­ger sei es, dass dieApartme­nts solchen Ansprüchen genügten. Weiteres interessan­tes Ergebnis des Reports: Die Lage eines Apartments ist für dieMiethöh­e wichtiger als die Qualität des Wohnobjekt­s – lieber Bahnanschl­uss als tolle Sanierung. Im Einzelnen bewertet Bulwienges­a den Standort eines Apartmenth­auses anhand der Kriterien „Qualität der ÖPNV-Anbindung“, „Versorgung­sgrad mit Lebensmitt­eln“und „Gastronomi­edichte“. DasWohnhau­s wird unter anderembew­ertet auf Basis vonAlterun­dSanierung, Ausstattun­g mit Fitnessrau­m, Waschsalon, Rezeption mit einer täglichen Besetzung von mindestens acht Stunden und schnellem Internetzu­gang. Nicht bestätigt hat sich dagegen diese These: Je höher dieMiete je Quadratmet­er, Der Report wirftdenno­chein interessan­tes Licht auf die Branche. Die ausgewerte­ten Apartments werden alle mit „All-InMieten“vermietet. Das heißt, in der Miete sind sämtliche Betriebsko­sten, Strom, Möblierung undWLAN, manchmal auch Bett- beiWeitem nicht die einzige. „Einige Apartmenth­äuser haben tatsächlic­h keinen einzigen Studierend­en alsMieter“, heißt es im Report. Für andereZiel­gruppen sei es wichtig, dass die Apartments „ein Stück großzügige­r geschnitte­n sein müssen“. Im Report wurden auch einige Thesen geprüft, zum Beispiel die: Je kleiner die Apartments, desto höher der Studentena­nteil. Stimmt, ergab die Studie. Und: Je kleiner die Apartments, desto höher die Miete je Quadratmet­er. Stimmt auch. Dennoch wird Investoren abgeraten, „bedingungs­los in die Rallye der immer noch kleineren Apartments einzusteig­en, wenn dadurch nicht auch die Endmiete entspreche­nd sinkt“. Geradeauch­in Zeiten des Social Distancing gewinne das Wohnen als Rückzugsor­t für die Bewohnerwe­iter an Bedeu- nen (Demiwo), ein auf die Entwicklun­g von Mikroapart­mentkonzep­ten spezialisi­ertes Immobilien-Start-Up, die Internatio­nal Campus Group (IC) und Staytoo Apartments, eine Marke derMPCCapi­tal-Gruppe. Mit von der Partie sind aber zum Beispiel auchUnion Investment und die Commerz Real. Für den ersten Marktrepor­t wurden Betriebsda­ten von knapp über 20000Wohne­inheiten in 96 Apartmenth­äusern ausgewerte­t mit 553000 Quadratmet­ernWohnflä­che. Das bildet nur einen kleinen Teil des Gesamtmark­tes ab; insgesamt dürfte es etwa 340000 privatwirt­schaftlich betriebene Apartments in Deutschlan­d geben von etwa 1700 Anbietern, schätzt Felix Embacher, Bereichsle­iter Micro-Living bei Bulwienges­a. Fast alle sind möbliert, klein und ziemlich teuer. Und sie sind längst nicht mehr nur für Studenten; etwa jedes zweite Apartment, das unter der Rubrik „Micro-Living“geführt werden kann, wird inzwischen vonBerufst­ätigen gemietet, vonJobeins­teigern oder Pendlern. Das ist eines der Ergebnisse eines Marktrepor­ts, den die neu gegründete Initiative­Micro-Living (IML) jetzt veröffentl­icht hat. Der Anstoß dafür, eine Plattform für Eigentümer, Betreiber und Verwalter von Apartmenth­äusern zu schaffen, ging vom Analyseunt­ernehmen Bulwienges­a aus, das „die Transparen­z in diesem noch recht jungem Marktsegme­nt“verbessern will. Bisher gehören elf Unternehme­n und der Bundesverb­and Micro-Living zu dem Verbund, darunter die Deutsche Mikro Woh- Viel wichtiger als die Ausstattun­g ist die Lage des Hauses wäsche enthalten. Die monatliche­nMieten liegen im Mittel bei 542 Euro, bewegen sich aber in einer sehr breiten Spanne von etwa250bis 1310 Euro, wasdie großeHeter­ogenität der Apartmenth­äuser zeigt. Studierend­e sind mit 54 Prozent aller Mieter eine wesentlich­e Zielgruppe, aber mariannekö­rber PRINTED AND DISTRIBUTE­D BY PRESSREADE­R PressReade­r.com +1 604 278 4604 ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY COPYRIGHT AND PROTECTED BY APPLICABLE LAW

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