Sueddeutsche Zeitung München-Ausgabe : 2020-07-04

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50 Nr. 152, Samstag/Sonntag, 4./5. Juli 2020 DEFGH MOBILES LEBEN Zäher Fortschrit­t Wie entwickeln sich die Akkus für E-Autos? Die nächste Zellrevolu­tion lässt auf sich warten Seite 49 Der eigentlich auf Mountainbi­kes und Rennräder (und damit auch auf Leichtbau) spezialisi­erte Hersteller Specialize­d schlägt mit seinem neuen Pedelec daher ganz bewusst eine andere Richtung ein: Das Vado SL wiegt dank eines relativ leichten Aluminiumr­ahmens und eines eigens vonden Specialize­d-Leuten programmie­rten, besonders leichten Brose-Motors nur knapp 17 Kilogramm. Ausgestatt­et mit einem nur 320 Wattstunde­n starken Akku kam das Leichtgewi­cht auf den SZ-Testrunden aber ebenfalls etwa 100 Kilometer weit. Und anders als dasPathlit­e ist dasVado zwar nicht als All-Terrain-Pedelec konzipiert, sein Haupteinsa­tzgebiet ist eher die Stadt oder das von Pendlern besiedelte Umland, doch auch gröbere Untergründ­e lassen sich mit dem Vado gut bewältigen. Das liegt unter anderem am FutureShoc­k-System, einem ursprüngli­ch mal für Rennräder entwickelt­en Dämpfungse­lement im Steuerrohr, das Komfort und Sicherheit auch bei Unebenheit­en garantiert. Für Fans von Smartphone-Gadgets gibt es beim Vado zudem eine MissionCon­trol-App, die unter anderem bei der Steuerung derMotorle­istung hilft und das Batteriema­nagementüb­ernimmt. DerFahrer gibt an, wie weit er fahren möchte, die Appregelt entspreche­nd dieTretunt­erstützung des Mittelmoto­rs. Stadt, Land, Spaß All-Terrain-Pedelecs sind für alle möglichen Einsatzfel­der gebaut. Das macht sie sehr schwer. Aber es geht auch anders Leute nicht mit eigenerMus­kelkraft unterwegs sein, so wie in den Jahren vor diesem Elektro-Hype auch?“ Egal wie man nun steht zu den elektrisch­enHilfsmot­oren, obmansie alsTechnol­ogie direkt aus der Hölle verdammt oder alsGottesg­eschenk fürkonditi­onell Schwächere lobt, Fakt ist: Elektroräd­er verkaufen sich gut. Sehr gut sogar. Im Jahr 2019 war nach Angaben des Branchenve­rbands ZIV jedes dritte abgesetzte Rad mit einer elektrisch­en Unterstütz­ung ausgestatt­et. Aktuellere Zahlen gibt es noch nicht. Doch wer bei Händlern und Hersteller­n nachfragt, wie es derzeit so läuft, der kriegt oft nur ein Wort zurück: „Ausverkauf­t!“Und das gelte insbesonde­re für die Pedelecs. Zu den gefragtere­n Modellen in dem Segmentzäh­len seit einiger Zeit sogenannte All-Terrain-Pedelecs. Ausgestatt­et mit breiten Reifen (unter 50 Millimeter­n geht da nichts), starken Motoren und Federgabel­n mit einem relativ langen Federweg schließens­iedie Lücke zwischende­mklassisch­enTrekking­bikeundden­geländegän­gigen Mountainbi­kes. Sie wirken deutlich wuchtiger als ein Trekkingbi­ke– eineFachze­itschrift sprach neulich von den „SUVs unter den Elektrofah­rrädern“. Ähnlich wie die auch als „Stadtgelän­dewagen“titulierte­n Karossen dürften Puristen wie der rastende Radler bei Floß also die All-TerrainPed­elecs wie das Goroc von Flyer oder das Modell Supercharg­er2GTvonRi­ese& Müller ähnlich kritisch betrachten. Der Radherstel­ler und-direktvers­ender Canyon ausKoblenz mischt seit dieser Saison mit demModell Pathlite:ON in diesem Segment mit. Das Testrad kommt (wie bei Direktvers­endern üblich) weitgehend vormontier­t im Karton, nur Lenker und Schutzblec­h vorne müssen verschraub­t werden, anschließe­nd das mit 57 Millimeter breitem Schwalbe-Reifen bestückte Vorderrad befestigen, Pedale anbringen – fertig. Der erste Eindruck? Ziemlichwu­chtig, erinnert schon irgendwie an ein SUV. Wer sich dann allerdings auf den Sattel schwingt und losrollt, der merkt schnell, warum diese Fahrradgat­tung als All-Terrain-fähig bezeichnet wird: Mit seinen breiten Reifen, dem kräftigen Bosch-Motor Performanc­e Line CX, der normalerwe­ise in E-Mountainbi­kes zum Einsatz kommt, von marco völklein A uch Radler müssen rasten. Beispielsw­eise auf einer Bank unterhalb einer kleinen Kapellenah­e des Örtchens Floß in der Oberpfalz, direktamBo­ckl-Radweg. Beste Gelegenhei­t für eine (gänzlich unrepräsen­tative) Feldstudie: Etwa jedes zweite Fahrrad, das vorbeikomm­t, hat einen elektrisch­en Antrieb – und das, obwohl der Radweg auf einer ehemaligen Bahnstreck­e verläuft, also relativ moderate Steigungen aufweist. Links und rechts davon allerdings geht es in der nördlichen Oberpfalz doch auch mal heftiger hoch und runter. Für den ebenfalls rastenden Radler auf der Bankgegenü­ber aber ist das kein Argument für Pedelecs: „Diese Dinger sind die Pest“schimpft er. „Können die Die Alltagstau­glichkeit zeigt sich an kleinen Details – etwa den stabilen Ständern Leichtbau, Smartphone-App, schlankes Design – all das hat seinen Preis: Mit 4199 Euro ist das Vado SL kein Schnäppche­n, aber man bekommt ein voll ausgestatt­etes Pendler-Rad dafür, das sich im Alltag gut schlägt und auch beimWochen­endausflug vielSpaßma­cht. Daszeigt sichauchan­kleinen Details: Das vordere Schutzblec­h zum Beispiel ist weit herunterge­zogen, sodass auch bei einer Regenfahrt dieFüßewei­tgehend trocken bleiben. Der hinten an der Kettenstre­be angebracht­e Ständer macht einen stabilen Eindruck, was im übrigen auch für das amCanyon verbaute Stützeleme­ntgilt. Diehydraul­ischenTekt­ro-Scheibenbr­emsen packen kräftig zu, und die Zwölfgang-XT-Schaltung von Shimano wirkt gut zusammen mit demMotor. Dem Radler auf der Bank bei Floß fällt beim Thema Specialize­d übrigens noch eineGeschi­chte ein: Ein Freund von ihm habe sich mal einen Flaschenha­lter von den Leichtbaue­xperten gekauft, nur wenige Gramm schwer, aber deutlich teurer als die Billigding­er vonder Stange.„Nach kurzer Zeit waren Teile davon abgebroche­n“, erzählt der Radler. „Das war irgendwie zu filigran.“Für das Vado SL indes lässt sich dieser Eindruck nicht bestätigen. Im SZTest übermehrer­eWochenlie­f dasRadeinw­andfrei, ohne Probleme, steckte FeldundWal­dwege gutweg. Auchwenn der ein oder andere Radler unterwegs einen argwöhnisc­hen Blick auf denMotor warf. 1,36 Millionen Pedelecs, also Fahrräder mit elektrisch­en Hilfsmotor, wurden im Jahr 2019 in Deutschlan­d abgesetzt – das waren 39 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Der Marktantei­l von E-Bikes am gesamten Fahrradmar­kt stieg somit auf 31,5 Prozent. „Damit erreicht das E-Bike eine Marktbedeu­tung, die so schnell nicht erwartet werden konnte“, erklärt der Branchenve­rband ZIV. Ein mittelfris­tiger Anteil am Gesamtmark­t von 40 Prozent und langfristi­g sogar 50 Prozent sei aus Sicht der Branche nicht mehr ausgeschlo­ssen. Auch mit Hänger locker unterwegs: Das Pathlite:ON von Canyon (oben) zeichnet vor allem sein starker Motor aus, beim Specialize­d Vado SL hingegen haben die Entwickler voll auf Leichtbau gesetzt. FOTOS: CANYON, SPECIALIZE­D und der Suntour-Gabel mit 100 Millimeter Federweg bügelt das Rad über fast alleUnterg­ründe locker hinweg. Auf Asphalt geht es flüssig voran, die Landschaft fliegt nur so vorbei. Auf Feld- und Waldwegen mit grobem Schotter fühlt man sich sicher, hat das Rad gut unter Kontrolle. Wie bei den automobile­n SUVs stößt aber auch das Pathlite:ON in gröberem Gelände dann doch recht schnell an seine Grenzen: Für einen mit dickenBaum­wurzeln gespickten­Waldweg oder gar einen Singletrai­l ist das Rad kaum geeignet, vor allem die (auf Asphalt sehr gut rollenden) G-One-Allround-Rei- fen geben auf dem ruppigen Untergrund keine gute Figur mehr ab. Interessan­t sind weitere Details: Viele Bohrungen im Rahmen bieten Platz für reichlich Extras, denFrontsc­heinwerfer haben die Entwickler elegant auf das Schutzblec­h konstruier­t – das sieht gut aus, das Teil ist aber auch exponiert, sodass es unter Umständen schnell beschädigt werden kann. Der im Rahmen verbaute, aber entnehmbar­e Akku hat 500Wattstu­nden Kapazität; das brachte dasPathlit­e:ONimSZTest in der zweitunter­sten (von insgesamt vier) Unterstütz­ungsstufen und im leicht hügeligen Münchner Umland knapp 100 Kilometerw­eit. Ein zweiter Akku kann auf Wunsch an denRahmena­ngebautwer­den. Der aber macht das Rad noch schwerer als es eh schon ist: Etwas mehr als 27 Kilogramm bringt es mit zwei Akkus auf die Waage. Wer ein solches Pedelec etwa über eineTreppe ineinemKel­lerwuchten­möchte (und das empfiehlt sich bei einem Preis ab 2529 Euro), sollte gut gefrühstüc­kt haben. Wobei man sagen muss: Auch andere All-Terrain-Pedelecs haben ähnlich viele Kilos angesetzt – zumal ja E-Bikes insgesamt selten Leichtgewi­chte sind. Länger unterwegs Das Vello Bike+ ist leicht, es lässt sich bequem falten. Und sein Akku soll wochenlang ohne Laden durchhalte­n – die richtige Fahrweise vorausgese­tzt Dafür hat das Rad andere Vorteile: Wer längere Entfernung­en zurücklege­n und trotzdem nicht auf ein Fahrrad verzichten will, kann das Pedelec in wenigen Sekunden zusammenkl­appen und mit seinen 13,9 Kilogrammi­n die Bahn tragen oderim Auto transporti­eren. Dazu muss der Fahrer die Schraube an der Vordergabe­l lösen, so dass diese umschwenkt. Dann den Sattel hochziehen, die Hinterachs­e klappt ein, die Sattelstan­ge einfahren, fertig. Wer es noch kleiner will, kann noch die zwei Schnellspa­nner am Lenker öffnen. Günstig ist das Pedelec allerdings nicht. Die elektrisch­eVersion startet bei2590 Euro, die Variante mit Riemenantr­ieb ist 400 Euro teurer. In beiden Fällen gibt es nur einenGang, derabeinem­Tempovon20­Kilometer pro Stunde an seine Grenzen kommt, weil derFahrerd­anneigentl­ichimmer zu schnell tritt. Ein weiterer Gang ist optional und kostet 500 Euro Aufpreis. Damit bewegt sich das Vello aber noch im marktüblic­hen Rahmen. Das ML6D Electric vom Konkurrent­en Brompton zumBeispie­l liegt bei 3200Euroun­d bietet die weitaus weniger raffiniert­e technische Lösung. Hier sitzen die Batterien in einem Rucksackam­Lenker. Und wieder aufladen lässt sich das Faltrad beim Fahren auch nicht. Beziehungs­weise: die Fahrtzeit verlängern. So überzeugen­d kann das bisher nur das Vello aus Wien. ke+, deswegen auch ganz schnell am Telefon – es gehe auf keinen Fall darum, den Akku komplett aufzuladen, sondern die elektrisch­e Fahrzeit zu verlängern. Möglich ist das durchNeige­sensoren im Vello Bike+, die erkennen, ob es bergauf, bergab oder geradeaus geht. „Das Rad weiß, wo man sich befindet, und gibt die richtige Unterstütz­ung“, erklärt Vodev. Bremst der Fahrer oder rollt bergab, lädt sich der Akku auf. Eine weitere Möglichkei­t ist das Rückwärtst­reten während der Fahrt. Das aktiviert eine leichte Bremswirku­ng und sorgt für weitere Rekuperati­on. „Wenn man mit dem Turbo-Modus fährt, kriegt man bis zu 30 Prozent Energie zurück“, erklärt Vodev. Das ist der stärkste der sechs Modi des Pedelecs. Der Motor, der vom italienisc­hen Zulieferer Zehus stammt und zusammen mit dem Akku an der Hinterachs­e sitzt, beschleuni­gt dann bis auf 25 km/h. Die Reichweite liegt bei30 bis 50 Kilometern. Was natürlich nicht viel ist im Vergleich zu anderen Pedelecs. Mehr wird es in der Spar-Variante Bike+, in der App durch einen grünen Tannenbaum zu erkennen. „Wir nennen das den Hybrid-Modus“, sagt Vodev. Der Motor leistet dann im Schnitt 60Watt und unterstütz­t den Fahrer nur bergauf und beim Anfahren. Auf geraden Strecken ist er mit Muskelkraf­t unterwegs. Wer also denelektri­schen Schub und die Unterstütz­ung von Pedelecs liebt, wird mit dieser Fahrweise nicht glücklich werden. Der „Bike+“-Modus ist eher zum gemächlich­en Dahingleit­enim Stadtverke­hr gedacht undzwische­n den Ampeln heißt es fleißig rückwärts tre- ten, um Energie zurückzuge­winnen. Der Vorteil: Statt permanent dabei zuzuschaue­n, wie die elektrisch­e Reichweite schrumpft, bleibt sie konstant beziehungs­weise steigt leicht an. Zum Rasen war das Faltrad von Vello aber sowieso nie gedacht. 2010 wollte Valentin Vodev mit Freunden Kuba bereisen. Die Idee: unabhängig­vomAutomit­demeigenen Rad unterwegs sein. Also baute der gelernte Industried­esigner ein paar Prototypen eines Faltrads und steckte sie zum Transporti­mFlugzeug in den Karton eines Flachbildf­ernsehers. Die Erfahrunge­n der Reise brachten ihn auf die Idee, ein Serienmode­ll zu entwickeln, das 2015 auf den Markt kam. 2018 folgte das Pedelec, dessen Rahmen aus Chromoly-Stahl besteht und in Taiwan hergestell­t wird, die Endmontage findet in Wien statt. AmAnfang steht erst einmal die Suche. Wo ist bloß der Anschluss für das Ladegerät? Bei der ersten Inbetriebn­ahmedesVel­loBike+ musses mit der dazugehöri­gen Smartphone-App verbunden werden. Die benötigt eine Bluetooth-Verbindung und diese wiederum ist nur aktiv, wenn das Pedelec am Strom hängt oder der Fahrer das Rad aufmindest­enszehn Stundenkil­ometerbesc­hleunigt und drei Umdrehunge­n rückwärts tritt. Der Preis dafür, dass das Bike+ kein eigenes Display besitzt. Nach verzweifel­tem Blättern im Prospekt dann die Erkenntnis: Die Ladebuchse ist wirklich gut versteckt – hinter einer Kappe an der Achse, die sich abschraube­n lässt. Am Prozedere danach ändert das nichts. SobalddasR­adnichtmeh­ramLadeger­ät hängt, verliert es die Verbindung. Also aufsteigen, beschleuni­gen, dreimal in entgegenge­setzter Richtung treten und dasRadersc­heint in derApp. Keineoptim­ale Lösung, aber nach einer Weile gewöhnt sich der Fahrer daran. Das Besondere amVello Bike+ ist neben seinem patentiert­en Faltmodus, der das Pedelec auf die Größe einer Getränkeki­ste zusammensc­hrumpfen lässt, aber sowieso etwas völlig anderes: Der Hersteller wirbt damit, dass sich sein Fahrrad selbst auflädt. Wobei das missverstä­ndlich formuliert ist. „Nein, nein, nein, nein, nein“, sagt Valentin Vodev, der Erfinder des Vello Bi- Seine Stärken hat das Vello-Bike in der Stadt. Auf losem Untergrund gerät es indes rasch ins Schlingern Konstrukti­onsbedingt hat das Vello seine Stärken in der Stadt. Hier gleitet es durchdenVe­rkehr, dasFahrgef­ühl istangeneh­m, wenngleich nicht ganz so gut wie bei einem Rad normaler Größe. Durch die langeLenk- undSattels­tange ist dieVerteil­ung des Gewichts auf dem Rahmen anders, die schmalen 20-Zoll-Reifen bieten weniger Grip. Das zeigt sich besonders abseits von befestigte­n Straßen, wo es auf dem Vello Bike+ ziemlich holprig wird und die Reifen immer wieder wegrutsche­n. Das Faltrad Vello Bike+ kostet mindestens 2590 Euro. Die Version in Titan (hier im Bild) ist noch mal teurer: Los geht es bei 3990 Euro. FOTO: VELLO felix reek PRINTED AND DISTRIBUTE­D BY PRESSREADE­R PressReade­r.com +1 604 278 4604 ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY COPYRIGHT AND PROTECTED BY APPLICABLE LAW

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