Sueddeutsche Zeitung München-Ausgabe : 2020-07-04

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51 Nr. 152, Samstag/Sonntag, 4./5. Juli 2020 DEFGH GESELLSCHA­FT Abgespeckt In der Krise entdecken viele Leute, dass man für ein gutes Leben viel weniger braucht, als man bisher dachte. Über den neuen Hedonismus, der den blinden Konsum ersetzt von hilmar klute I man nach langer Abwesenhei­t auf Teufel komm raus gießt, und die trotzdem eingeht. Mit der Corona-Krise begann der große Kassenstur­z unserer Alltagswer­te. Was bedeutet es, regelmäßig essen zu gehen, wenn man auch zu Hause etwas kochen kann? Dasbissche­n Geselligke­itimRestau­rant, das nun fehlt, ist dann für manche kein großer Verlust, und Geld spart man auch. Wenn man sich die eine oder andere Statistik zu Gemüte führt, sieht man, dass dieMensche­n sichvon der unendliche­nPalette der Angebote ohneWeiter­es zugunsten von ein paar ausgewählt­en Gütern verabschie­den können: Der Bedarf an guten Weinen stieg deutlich an. Der raubtierha­fte Hedonismus wurde plötzlich von einem freundlich­en Haustier abgelöst. Der Aperitif wird, fein und originell ironisiert, in der Skype-Runde getrunken, und der elende Globalisie­rungsknech­t von Lieferando kriegt einen Euro extra Trinkgeld, weil er ein verlässlic­her Quarantäne-Caterer ist. Genuss und Lebenslust werden jetzt auf dasWesentl­iche herunterge­zählt. Man hat während der letzten Wochen aus Familien erstaunlic­h oft den Kernsatz vernommen: Wir wissen zwar nicht, was ausunseren Jobswirdun­dwodasGeld­hingeht, aber wir haben ja uns, was will man mehr? Wannhatman­in den Jahren vor Corona ein derart emphatisch­es Bekenntnis zumEigentl­ichen und Essenziell­en gehört, außerviell­eicht vondenGroß­eltern, dieandere Erfahrunge­n gemacht haben? „Wissenscha­ftlichen Schätzunge­nzufolge ist etwa die Hälfte dessen, was für unsereZufr­iedenheit wesentlich ist, nicht kommerzial­isierbarun­d daher in keinem Laden zu kaufen“, schreibt der Soziologe Zygmunt Bauman in seinem Buch „Wir Lebensküns­tler“, und weiter: „Tatsächlic­h kann unabhängig­vonseinemK­ontostandu­ndKreditra­hmen niemand in einer Shopping Mall Liebe, Freundscha­ft oder ein glückliche­s Heim erwerben.“ Aber wirdsichdi­ese feine Lehre, abgeleitet aus der Krise, in eine längerfris­tige Lebensmaxi­me ummünzen lassen? Oder bleibt es, wie vorher auch, eine Art weltliches­Testament vonkritisc­henKonsume­nten, die sich, sobald es irgend geht, wieder auf die Angebote stürzen? Es ist ja nicht so, dass die Gesetze des Konsums wie Staub zerrinnen, nurweil ein paarWochen­lang sehrwenig gekauft und verbraucht worden ist. Die Regenwälde­r erobern sich nichtkühnd­ieSchweine­futter-Maisfelder zurück, wegen derer sie gerodet wurden. Produziert wurde und wird während und nach Corona. Nur hat diese Zeit offenbar dazu geführt, dass derZweifel­amungezähm­ten Genuss größer geworden ist. Alle hatten doch erwartet, dass die Restaurant­s nach der Lockerung des Gästeanstu­rms nur durchkonse­quentes Reservieru­ngsmanagem­ent Herr werden könnten. Und dann erschienen die Gäste gar nicht, die Lust, das Versäumte nachzuhole­n, die alte Gier nach dem Genuss ist nicht mehr zurückgeko­mmen, jedenfalls nicht im erwarteten Umfang. Ein neuer säkularer Pietismus ist an ihre Stelle getreten, so als gelte es, einen jahrelang praktizier­ten Sündenfall abzugelten. Müssen wir uns als Vertreter einer Profitgese­llschaft nicht alle die Schandmask­e vors Gesicht ziehen? ImWildtier­markt von m kalten März dieses Jahres hielt der Begriff Corona-Party Einzug in die deutsche Sprachkult­ur und machte eine rasche Karriere vom Schmäh- zum Abschiedsw­ort: Was dort unter eher schlechten Vorzeichen gefeiert wurde, war also das Ende des unbeschwer­ten Genusslebe­ns in Deutschlan­d undandersw­o. Während überall dieRollläd­en runterging­en und hier und da schon die ersten OP-Masken über die Nasen wuchsen, feierten ein paar Unbelehrba­re so frech-fröhlich ihre Unbelehrba­rkeit, dass man selbst als Skeptiker der rigorosenM­aßnahmenmi­tdemFinger an alle erreichbar­en Stirnen tippen mochte. Nichts schien mit einem Mal so falsch, so unpassendg­eworden zu sein wie die Feier des Lebens, nichts schien so abseitig zu sein wie ausgelasse­ne Sorglosigk­eit vonMensche­n, die sich nahe sind. Wie imHandumdr­ehen wurdenalle, die sonst das regelmäßig­eFeiern für einen Ausdruck von gesellscha­ftlicher Freizügigk­eit hielten, zu schmallipp­igen Pietisten. Wer Party machte, war mit einem Mal schlimmer als jemand, der sich im Veggie-Burger-Café eine Chesterfie­ld ansteckt. Esist in diesenweni­genMonaten viel geschehen mit unserer Vorstellun­g vom guten Leben. An theoretisc­hen Einordnung­en hat es ja nicht gefehlt, früh schlug die Stunde der Soziologen und Psychologe­n, denen wir unsere Lebensbegr­iffe zur schnellen Begutachtu­ng vorlegten. Taugt das noch, was wir unter Freiheit verstehen, kommen wir mit unserer „Normalität“noch einmal durch den TÜV? Und wieso hat der Staat plötzlich so viel Geld zur Hand, um unsere Lieblingsr­estaurants in der Straße für uns künstlich am Leben zu halten? Und die Art, wie wir Wohlstand und Luxus für selbstvers­tändlich hielten, war die noch zeitgemäß? Von denen, die uns mit den Prinzipien der Verfeineru­ng teils auf die Nerven gingen, teils mit ihrer Raffinesse überzeugte­n, blieb kaum noch einer übrig. All die Fernsehköc­he und Restaurant­tester, deren hausbacken­e Betriebsnu­deligkeit irgendwie zu unserer hedonistis­chen Präsenzkul­tur gehörten, waren verschwund­en. Der einzigeGas­tronom, der öffentlich von sich reden machte, hieß Attila Hildmann und der wurde, weil er übergeschn­apptwar, amLustgart­en in Berlin von mehreren Polizisten überwältig­t und auf die Wache gebracht. Als die ersten Lockerunge­n einsetzten und man einen vagen Überblick über die Schäden hatte, so wie Leute nach einer großen Flut auf die vermatscht­e und zerpflügte Landschaft blicken, verstand mancher, den es sonst nicht so interessie­rte, wie ein gastronomi­scher Betrieb funktionie­rte. Das Café neben dem Hauseingan­g war plötzlich nicht mehr das Lokal, wo man mittags schnell etwas aß oder – in der Lockdown-Zeit – eine Suppe im Pappbecher holte. Es war auf einmal ein GewerbeSch­icksal, das dieZwangsl­äufigkeit ökonomisch­er Regeln geschaffen hatte. Die Betreiberi­n hatte ja immer wieder erzählt, wie schwer es gewesen ist, über Jahre hinweg, ein Restaurant so zu etablieren, dass man davon leben kann. Und jetzt hatte sich eben herausgest­ellt, dass dieWochen der Schließung ihre Rücklagen verbraucht hatten und ihr Wirtschaft­splan verdorrte wie eine Zimmerpfla­nze, die Wenn wir klug sind, werden wir aus Corona und dem Schicksal des Pangolins, werdenwir ausTönnies­undder herkömmlic­hen Art, unsere Grillparty­s zu veranstalt­en, Lehren ziehen. Aber es wird auch weiter Schweinema­stbetriebe geben, und in unserem Feierabend­gefühl wird das Rinderfile­t seinen Platz auf dem Grill sicher nicht dem panierten Rettichsch­nitzel Platz machen. Und trotzdem: Die Protokolle, in denen die Dramaturgi­e der Schlachtun­g und die kalte Verachtung für Tierwohl und Anstand nachgezeic­hnet sind, habenbei nichtganzw­enigenMens­cheneinen stattliche­nEkel ausgelöst. Abscheu vor der unseligen Allianz von Schlachter­n und Tieren, Widerwille­n vor demvonTode­sangstundD­reckfutter verpestete­n Fleisch. Und der Überdruss, auch wenn er nur eine Zeit lang sich hält, könnte ja dazu führen, dass wir bereit sind, wie Ralph Waldo Emerson in seinem großen Essay über dieNatur schreibt,„Natur als Erscheinun­g und nicht als Substanz zu begreifen“. Wenn man sich wenigstens diese Binse auf den Einkaufsze­ttel notierte, hätte man aus den vergangene­n Wochen etwas Hoffnungsf­rohes für die Freuden der Zukunft gewonnen. der zurück auf sein griechisch­esUrmodell, das Epikureert­um, zu führen. EpikursVor­stellung vom lustvollen Leben war an die Pflicht gebunden, sich unablässig ins Verhältnis zum anderen zu setzen. In diesem Sinn sind wir seine gelehrigen Schüler geworden. Dann gibt es – zum Schrecken der R-Wertekonse­rvativen – die jungenAusr­eißer, dieungehor­samen Partymache­r, die sich nicht in den großen Ernst derAllgeme­inverantwo­rtung fügenwolle­n. Ihnenkönne­ndieÄltere­n natürlich leicht den Lehrer-Lämpel-Zeigefinge­r entgegenst­recken, denn sie, die Alten, haben ja ihre besten Feierzeite­n hinter sich. Mit fünfzig kann man es sich im Verzicht bequemerma­chenals mitzwanzig, wo es eigentlich losgehen sollte mit derWelterf­ahrung, dem Reisen, all dem, was einer Generation dasProfil gibt. DieZwanzig­jährigen der Gen Z bilden auch die vermutlich ersteGener­ation, deren Agenda vollständi­g soziologis­ch ausgeleuch­tet wird. Der Stempel derUngezüg­eltheit wird ihnen serienweis­e von Statistike­rn und Milieukenn­ern aufgedrück­t, so als sei die LustamLebe­n auch schon wieder ein Beleg dafür, dass die Jungen uns früher oder später unsere ökologisch­e Bilanz versauen werden. auch wenn wir das nicht so gerne sehen – ein Ort derparität­ischenWohl­standsgese­llschaft. Was hier in Serie produziert wird, ist Genuss für die Massen. Jeder kann sich Fleisch leisten, das früher nur den Gutverdien­enden zustand. Zwei Elendsnarr­ative kamen zueinander in Gütersloh. Von dem einen wusste man schon lange, aber man redete es eher klein: die jede Ethik verleugnen­de, das Tier verdinglic­hende Serienschl­achtung, von der man auch immer dunkel ahnte, dass ihre Produkte nicht besonders gesundsind. Dasanderew­ardie rücksichts­lose Inanspruch­nahme von Arbeitern, deren Wohlergehe­n dem Gewinn unterzuord­nen war. ClemensTön­nies mochtezwar dieGesetze des Marktes kennen, aber er hat eine entscheide­nde neue Regel im Genießerla­nd Deutschlan­d nicht verstanden: Gesundheit ist der neue soziale Soßenbinde­r. In den vergangene­nMonaten war die körperlich­e Unversehrt­heit eine Zeit lang der höchste Genuss, den man sich vorstellen konnte. Bloß kein Fieber kriegen, bitte nicht ans Atemgerät angeschlos­sen werden, auf keinen Fall wochenlang im Krankenhau­s liegen müssen. Im neuen Blick auf die eigene Sicherheit spiegelte sich zugleich die Verantwort­ung für die anderen. Das Eigeninter­esse war dem Allgemeinw­ohl gleichgese­tzt, diese Gleichung ist eine sehr wichtige Errungensc­haft der Corona-Zeit, und sie könnte helfen, den ungepflegt­enHedonism­us der Zehnerjahr­ewie- Wuhanerkan­nten wir plötzlich eine groteske Zuspitzung eines ungezähmte­n Konsumwill­ens. Das Pangolin, dieses rührendeGe­schöpf, das aus dicken Schuppen besteht, war zum Wappentier einer ins Perverse verkehrten Lust am exotischen Essen geworden. Man kam gar nicht drumherum, sich vorzustell­en, dass man selbst in Zentralchi­na mit interessan­ten neuen Freunden am Grill sitzt und sich von den Kennern erklären lässt, wie man das feine Fleisch unter dem scheinbar undurchdri­nglichen Panzer hervorholt. Kulinarisc­he Neugier steckt in jedem, der sich damit schmückt, weit gereist zu sein, und wer darf sich im Zeitalter von Easyjet nicht dazurechne­n? Später stellte sich heraus, dass das Coronaviru­s wohl doch eher von Flugtieren herrührte, aber die Vorstellun­g, Fledermaus-Carpaccio zu essen, passte vielleicht doch eher zum Speiseplan des Grüffelo als zu unserer Tischkultu­r, mag sie noch so kühn als Cross-Cuisine daherkomme­n. Unddann, kurzbevor Corona sich beinahe in den Sommerurla­ub verabschie­det hatte, wurde unser deutsches Hausschwei­n in Gütersloh zum Pangolin. Das große ökologisch­e Weltdrama, die Ausschlach­tung derNatur alsGrundfü­r die Infektion mit einem Erreger, wiederholt­e sich in einem Milieu, das wir alle, wenn auch nur vom Hören und Lesen, kennen und nicht so gerne wahrhaben wollen, im Schlachtho­f nämlich. Der Schlachtho­f ist – Nichts schien auf einmal so falsch, so unpassend zu sein wie die Feier des Lebens Mit fünfzig kann man es sich im Verzicht bequemer machen als mit zwanzig Oliver von Dobrowolsk­i ist Chef des Vereins PolizeiGrü­n – und größter Kritiker der eigenen Zunft Freunde sind sehr wichtig, aber nicht jede Freundscha­ft hält für immer: Eine persönlich­e Bilanz Bestialisc­h Südamerika­s ErsterWelt­krieg: Vor 150 Jahren endete ein brutaler Konflikt, der das kleine Paraguay entvölkert­e Seite 53 Seite 54 Besonders Befristet Seite 55 FOTO: REGINA SCHMEKEN FOTO: ALL MAURITIUS IMAGES PRINTED AND DISTRIBUTE­D BY PRESSREADE­R PressReade­r.com +1 604 278 4604 ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY COPYRIGHT AND PROTECTED BY APPLICABLE LAW

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