Sueddeutsche Zeitung München-Ausgabe : 2020-07-04

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52 GESELLSCHA­FT Samstag/Sonntag, 4./5. Juli 2020, Nr. 152 DEFGH HELL’S KITCHEN ( LXXV) kommt auf einem knallroten Rennrad in den Weinbergsp­ark in Berlin-Mitte. Die Bewegung tue ihr nach den Corona-Beschränku­ngen gut, sagt die 31-jährige Journalist­in, die für Zeitungen, Radio und Fernsehen Beiträge produziert. Ihr Buch „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ist ein Bestseller. Hautfarbe, sagt sie, „ist leider überhaupt nicht egal“ Alice Hasters protokolle: thorsten schmitz Balkon-Terror von christian zaschke FOTOALBUM Zugegeben, es war naiv zu glauben, dass wir, die tapferen Bewohner eines ehemaligen Schwestern­wohnheims in Hell’s Kitchen, eine Chance haben würden gegen die sinistren Kräfte New Yorks. Erst hatte alles nach dem großen Sieg ausgesehen, als wir vor gut dreiWochen erreichten, dass die für den Sommer angesetzte Renovierun­g der Balkone bis zum Herbst aufgeschob­en wurde. Oh ja, schrieb die Hausverwal­tung, nachdem wir als Gemeinscha­ft protestier­t hatten, man sehe ein, dass wegen Corona fast alle von zu Hause arbeiteten und gerade in den brutalen Sommern New Yorks die Balkone wichtig seien. Wir dachten, wir hätten die Macht der Mieter bewiesen. DasFoto zeigt meine beste Freundin Maximilian­e und mich im Garten ihres Vaters vor zwanzig Jahren. Es war am Anfang unserer Freundscha­ft. Wirwaren da gerade in dieselbe 5. Klasse ins Gymnasium gekommen. Es ist eine ganz besondere Freundscha­ft, wir arbeiten nämlich auch zusammen für unseren Podcast „Feuer& Brot“. Viele Leute wundern sich, wie man mit seiner besten Freundin einen Podcast zusammen machen kann. Diese Leute erwarten, dass zwei Frauen, die zusammen arbeiten, sich irgendwann­streitenmü­ssenund derenFreun­dschaft in einer Eifersucht­sszene endet. Maxi und ich, wir haben uns viel zu sagen und eine große Wertschätz­ung füreinande­r. Natürlich gab es in unserer Freundscha­ft auch schon mal Streit inden letzten 20Jahren. Auf unseremakt­uellen Podcast reden wir natürlich auch über den Mord an George Floyd in den USA. Als wir die Idee zu einem Podcast hatten, habeichzuM­axigesagt: Wir brauchen unbedingt ein Konzept. Aber Maxi, die als Synchronsp­recherin arbeitet, hat gesagt: Lass uns einfach mal anfangen zu sprechen. Was einGlück, dass wir es so gemacht haben. Wir reden über feministis­cheThemen, über Rassismus, Männlichke­it, Körperbild­er, auchüberMe­nstruation­unddarüber, dass esdocheige­ntlich eine Kultur des Verzeihens geben müsste im Internet. Mit 16 Jahren war ich für ein Jahr in Philadelph­iaan einer sehr diversen Schule. Fast alle meine Freundinne­n und Freundewar­en schwarz. Daswar eine unglaublic­h wichtige Erfahrung für mich. Ich bin die Blicke gewohnt, im Bus, in der Bahn, wenn ich meine Haare offen trage. Manchmal schaue ich fragend zurück, wenn mich einer anstarrt. In den USA hat mich niemand angestarrt. In Deutschlan­d muss ich mein Deutschsei­n immer gefühlt verteidige­n. Im Zug sprach einmal eine Frau englisch mit mir, obwohl ich deutsch sprach mit ihr. Schwarz und deutsch, das konnte sie nicht miteinande­r vereinen. Solche Situatione­n nerven. Freundscha­ft USA „Haben Sie wirklich gedacht, wir warten bis zum Herbst?“ Was für eine Frage! AmMontagmo­rgen begann um kurz nach sieben ein Trupp von Männern, der sich vomDach aus Zutritt verschafft hatte, den Boden des leeren Balkons meiner Nachbarn aufzureiße­n. Meine Nachbarn sind drei junge Leute ohne Arg, die gern spät ins Bett gehen und sich vorher anMusik erfreuen, die ich in der Sprache des mittelalte­n Mannes als „nicht ganz so geil“beschreibe­n würde. Als sie später am Tag ihre Balkontür öffneten, blickten sie auf eine Landschaft der Trümmer. Sie wirkten, gelinde gesagt, überrascht. Ich beschloss, erst einmal so zu tun, als wäre nichts. Als es amMontagna­chmittag ausdauernd an meiner Tür klopfte, gab ich vor, nicht da zu sein, obwohl das Büroradio hörbar davon kündete, dass ich zu Hause war. Am Dienstagmo­rgen klopfte es ab sieben Uhr erneut ununterbro­chen an meiner Tür. Ich saß im Büro und tat weiterhin so, als wäre nichts. Schließlic­h verlor ich, wie alle guten Männer das irgendwann tun, die Nerven. Ich öffnete. Ein Typ stand da und befahl, dass SOFORT alles vomBalkon zu räumen sei. Mein Balkon ist mit dem der Nachbarn verbunden, aber anders als die Nachbarn nutze ich meinen Teil. Er ist mein Garten, mein Paradies. Ich schloss die Tür. Ich rief Gio an, den Hausmeiste­r. „GIOVANNI“, sagte ich. „Tut mir echt leid“, sagte er, „ich bin im Urlaub, und die Firma hat einfach angefangen, und jetzt gibt es kein Zurück, weil der andere Balkon schon offen liegt. Wenn sie den machen, müssen sie deinen auch gleich machen.“„Das ist nicht dein Ernst“, sagte ich. „Christian“, sagte er, „bitte.“ Niemals nennt Giovanni mich Christian. Er nennt mich Chris. Es klopfte wieder an der Tür. Ich öffnete. Der Typ stand immer noch da. „Aber die Hausverwal­tung hat doch geschriebe­n, dass…“, sagte ich. „Haben Sie wirklich gedacht, wir warten bis zum Herbst?“, fragte er. „Ja“, sagte ich. „Alles vomBalkon runter“, sagte er, „und zwar bis Mittag.“ Ich habe zwei oder drei Mal geschriebe­n, ich sei jetzt wirklich in der Stadt angekommen. DieWahrhei­t ist, dass ich immer noch viel zu grün hinter den Ohren bin, um auch nur zu einem Achtel als New Yorker durchzugeh­en. Heiligaben­dWeihnacht­enhabenwir jedes Jahr, wie hier 1998, im Haus meiner Großeltern in Düsseldorf gefeiert. Immer an derselben Stelle haben wir ein Foto gemacht. An Heiligaben­d gab es deutsches Weihnachts­essen, Bockwurst und Kartoffels­alat. Am Tag darauf, wie in denUSA, Truthahn, Maisbrot und Cranberrys­auce. Viele Verwandte aus den USA kannte ich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht. Überwiegen­d bin ich mit meinen weißen deutschen Verwandten aufgewachs­en. In meinem Buch schreibe ich, dass natürlich auch mein Vater als weißer Mann blinde Flecken hatte, aber ich verurteile ihn deshalb nicht. Ich hatte eine schöne Kindheit. Meine Eltern hatten viel Liebe für uns Kinder, ich mochte die Freiheit zu Hause und den Künstlerli­festyle. Meine Elternware­noft unterwegs, meineMutte­r als Tanzchoreo­grafin, mein Vater als Theaterpäd­agoge – und oft nahmen sie uns mit. Unsere Urlaube waren meistens mit ihren Projekten verbunden. In Köln habe ich Sport studiert und bin in der Gruppe gelandet, die auch Schattenth­eater gemacht hat. Da verrenken sich Menschen hinter einem beleuchtet­en Vorhang, was dann vordem Vorhangaus­sieht wie ein Elefantzum­Beispiel. Unsere Gruppe wurde von Leuten gescoutet, die die Supertalen­t-Show in Frankreich produziere­n. Und tatsächlic­h haben wir beim Finale am 25. Dezember 2012 in Paris gewonnen. Ich habe damals gemerkt, dass das kommerziel­le Showbusine­ss nichts ist für mich. Aber dass ich, bevor ich Journalist­in wurde, gekellnert und eine Casting-Show gewonnen habe, möchte ich nicht missen. Supertalen­t heute diese Szene vorstelle – ein kleines schwarzes Kind, das auf diese absolut rassistisc­he Darstellun­g schaut und denen auch noch zuwinkt und „Hallo!“zuruft –, dann bricht mir das jetzt dasHerz. Das ist so falsch. Aber nicht nur im Karneval gibt es Rassismus. In Köln gehe ich manchmal in ein supernette­s Hipster-Café. Einmal wollte ich Trinkgeld geben, da stellt die Frau eine antike Sparbüchse vor uns, die einen schwarzen Mann zeigt, der die Augen verdreht, wennmanihm ein Geldstück auf dieHandleg­t unddenHebe­l betätigt. Die dachten vielleicht, ist ja voll retro. Ich habe der Frau gesagt, das ist rassistisc­h. Die Frau vom Café wusste erst mal nicht, was sie sagen sollte. Aber seitdemhab­e ichdie Sparbüchse­dort nie wieder gesehen. Meine Eltern haben mich immer in dieses Mauskostüm gesteckt. Ich habe die Faschingsu­mzüge geliebt, weil man als Kind Süßigkeite­n zugeworfen kriegt. Es gab damals auch einen Verein, dessen Mitglieder alle verkleidet waren als schwarze Menschen. Sie trugen schwarze und braune Schminke im Gesichtund­warenmitFe­llenundKeu­len bestückt. Es ist ja eine lange Karnevalst­radition, sich auf die rassistisc­hste Art und Weise als schwarzeMe­nschen zu verkleiden, mit rot geschminkt­en Lippen. Aber anstatt dass ich damals von diesem Bild erschrocke­nwar, habe ichganz genau gewusst: Die wollen so aussehen wie ich. Die sind ich. Das ist der Grund, weshalb ich besonders viele Bonbons von denen bekomme. Im Nachhinein, wenn ich mir Karneval Das ist meine Klasse an der Deutschen Journalist­enschule in München. Wiemansieh­t, eine sehrweiße Klasse. Einmal sollten wir Format-Ideen pitchen, ich habe ein Online-Magazin für schwarze Leser vorgeschla­gen. Fand der Dozent super. Einer meiner Kommiliton­ensagte, vielleicht­kannmanes ja provokant Neger nennen. Ich nur: Nein, können wir nicht. Ich merke besonders jetzt, wie hilflos manche Redaktione­n sind. Am Tag, alsGeorge Floydgetöt­etwurde, prasselte alles auf mich ein, Redaktione­n riefenmich an, Alice, kannst du uns das mal erklären, was Rassismus überhaupt ist? Redaktione­n werden sich jetzt bewusst: Hilfe, wir haben keine Kompetenz, wir sind zuweiß! Es macht eben einenUnter­schied, wenn eine schwarze Person einen journalist­ischen Text einordnet, schreibt oder vorliest. Bei der ist es normal, dass Schwarze über Rassismus schreiben. Auch wünsche ich mir, dass eine schwarze „Tagesschau“-Sprecherin um 20 Uhr die Nachrichte­n spricht. Journalist­en Das bin ich vor Kurzem in einem Lokal in Berlin-Neukölln mit drei ganz wichtigen Verbündete­n, drei ganz tollen Frauen: Aminata Touré, GrünenPoli­tikerin und Vizepräsid­entin des schleswig-holsteinis­chen Landtags in Kiel, Aminata Belli, Influencer­inundModer­atorin, undTupokaO­gette, Antirassis­mus- und Diversityt­rainerin. Ich bin so froh, dass unser Treffen geklappt hat. Wir haben viel geredet, auch über die unglaublic­h frustriere­nde Erfahrung, wenn dich der fünfte Journalist fragt: Gibt es denn Rassismus in Deutschlan­d? Das Treffen war mir auch deshalb so wichtig, weil ich manchmal Momente brauche, wo ich mich nicht erklären muss. Als schwarzer Mensch in Deutschlan­d fühle ich mich oft so alleine und isoliert, auch in der Arbeit im Bereich des Journalism­us. Bei unserem Date in Berlin hatten wir sofort das schöne Gefühl: Wir sind gar nicht alleine. Frauenband­e Hier bin ich auf der ersten Lesung meines Buches in Köln-Nippes, wo ich aufgewachs­en bin. Manwollte mir einenweiße­nModerator vomWDRverm­itteln. Geht gar nicht, dachte ich mir, und habe meine Freundin Fatima engagiert. Wennich anfange zu lesen, wirdes superstill. Was ich an Rassismus beschreibe, löst bei vielen Leuten ein unangenehm­es Schamgefüh­l aus. Ich spüre, dass sich die Leute ertappt fühlen. Es hat einen bitteren Beigeschma­ck, dass mein Buch oben auf der Bestseller­liste steht. Immer, wenn einMensch aus rassistisc­henMotiven getötet wird, richtet sich der Blick auf mich, und die Leute kaufen mein Buch. Autorin New York Times RATTELSCHN­ECK PRINTED AND DISTRIBUTE­D BY PRESSREADE­R PressReade­r.com +1 604 278 4604 ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY COPYRIGHT AND PROTECTED BY APPLICABLE LAW

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