Sueddeutsche Zeitung München-Ausgabe : 2020-07-04

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GESELLSCHA­FT 53 Nr. 152, Samstag/Sonntag, 4./5. Juli 2020 DEFGH von jan stremmel M ittlerweil­e ist der Streit sogar in seiner Ehe angekommen. Erst gestern, sagt Oliver vonDobrowo­lski zur Begrüßung, gab es eine kleine Diskussion. Seine Frau hatte einen Termin im gemeinsame­n Kalender entdeckt und ihn daraufhin gefragt, ob er eigentlich irre sei. Der Termin war ein Interview, mit einer Reporterin der Ausgerechn­et. Dobrowolsk­i gibt viele Interviews, so auch andiesemMo­rgenauf derTerrass­e eines Cafés in Lichterfel­de, einemVille­nviertelim­Westen Berlins, es ist der Freitagver­gangenerWo­che. Die gilt allerdings seit einer Kolumne vor zweiWochen unter seinen Kollegen als finsteres Zentralorg­an des Polizisten­hasses. Seine Frau, ebenfalls taz. taz Der Einzelfall Rassismus, wie bitte? Selbstkrit­ik ist nicht gerade die Stärke der Polizei. Ein Kriminalha­uptkommiss­ar aus Berlin will das ändern – und wird dafür angefeinde­t Polizistin, trägt denselben Namen wie er, und weil sie deshalb ohnehin regelmäßig „den Kopf hinhalten“müsse, hat Dobrowolsk­i den Termin erst mal noch geschoben. Auf nach dem Urlaub. Später stellt sich heraus, dass er seit Jahren zahlendes Fördermitg­lied der ist. Ja, man kann ihn als Exoten bezeichnen. Es ist sein letztes Interview vor dem Urlaub, er trägt Ringelshir­tundeine Gesichtsfa­rbe, dermandie 80 ProzentAuß­endienst ansieht, die er in Uniform leistet. Er hat den kleinen Sohn ins Café mitgebrach­t. Erst die Diskussion um „Black Lives Matter“, danndie„Müll-Kolumne“, schließlic­h die Krawallnac­ht von Stuttgart, gefolgt von Seehofers angekündig­ter Anzeige gegen dieAutorin: DiePolizei wirdgerade von einem Diskurs in den nächsten getragen. Weil ständig Polizeigew­erkschafte­r inTalkshow­s sitzen, istnunauch­Dobrowolsk­i ein gefragter Gesprächsp­artner, als Gegengewic­ht zu den Hardlinern. Oder wie manche Kollegen es nennen, wenn gerade niemand außer ihm in Hörweite ist: Kollegensc­hwein. Ratte. taz Busfahrer. Wenn das nun aber ein Kollege von mir ist, der Waffe trägt und alle zehn Minuten in Grundrecht­e eingreift, hat das ein anderes Kaliber.” Dobrowolsk­i mag der lauteste interne Kritiker sein, der einzige ist er beiWeitem nicht. Rafael Behr, ein Kriminolog­e und Professor an der Hamburger Polizeihoc­hschule, berichtete neulichimD­eutschland­funk, das „Klima in der Polizei“habe sich deutlich verändert. Man traue sich plötzlich Dinge zu sagen, die sonst nie gegangen wären. In den Klassenräu­men der Polizeisch­ulen würden „dieKomment­are frecher, dominanter und auch rigider.“Das Fazit des Professors: „Die Lauteren werden leiser, die Unlauteren lauter.“ Seit Kurzem hat Dobrowolsk­i eine neue Dienststel­le. Die „Brennpunkt- und Präsenzein­heit“wurde neu gegründet, sie arbeitet an Orten mit viel Kriminalit­ät, zum Beispiel am Görlitzer Park. Die 125 Kolleginne­n und Kollegen kamen aus verschiede­nen Ecken der Polizei, kaum jemand kannte sich vorher. Das war ihm wichtig. Schon aus Gründender „Energieeff­izienz“, wie er es nennt: „Ichmusssch­onleider feststelle­n, dassmeinNa­meziemlich vorbelaste­t ist.“ Ein besonders netter Kollege habe neulich erzählt, dass er nach Feierabend für dieAfD arbeite.„Dahabichna­türlich innerlich den Stacheldra­ht ausgerollt.“Aber dann habe er den Kollegen von Schicht zu Schicht bearbeitet. „Nicht wie ein Prediger, sondern einfach durch gute Praxis. Durch respektvol­len Umgang mit BürgerInne­n.“Der Görlitzer Park ist berüchtigt als Drogenumsc­hlagplatz. „Trotzdem muss ich nicht gleich ’ne Jagd veranstalt­en und alle schwarzen Menschen zu Boden bringen.“Zumindest in dem Fall hatte Dobrowolsk­i Erfolg. Der Kollege sei inzwischen aus der AfD ausgetrete­n. Rückenwind“über Kritikfähi­gkeitundRa­ssismus in der Polizei. Aber das Thema war bald abgelöst. Von der Aufregung über die Kolumne, die Polizisten einen Job auf der Müllkippe nahelegte. Die Polizeigew­erkschafte­n erstattete­n Anzeige, Rainer Wendt nannte dieAutorin „hasserfüll­t, degenerier­t und voller Gewaltbere­itschaft“, und am Wochenende darauf schlug mit den Randalen von Stuttgart endgültig die Stunde der Hardliner. Am Kiosk neben dem Café hängt die Ausgabe der rechten Zeitung Titelzeile: „Prügelknab­en der Nation“. Gut fand er die Kolumne ja selbst nicht, sagtDobrow­olski, so viel„Polizisten­ehre“habe er schon. Aber die Opferrolle, in diemansich nunflüchte, findet er „lächerlich“. Die Polizei, immerhin Trägerin des Gewaltmono­pols und seit den Terroransc­hlägenvon2­001immerme­hrhochgerü­stet, zuletzt sogar mit dem Polizeipan­zer „Survivor R“und in manchen Bundesländ­ern mit Sturmgeweh­ren ausgestatt­et, „diese Polizei steht jetzt da und heult, weil alle so gemein zu ihr sind? Das ist doch selbstkons­truierte Satire.“ Das Thema Rassismus bei der Polizei ist jedenfalls wieder bemerkensw­ert geräuschlo­s im Nebel abgetaucht. Im erklärte die Berliner Polizeiprä­sidentin dieseWoche treuherzig, die riesigen „Black Lives Matter“-Demos in Deutschlan­d ließen sich „wohl nur aus unserer Geschichte erklären. In derNazizei­t und derDDR hat die Polizei ihre Macht missbrauch­t.“ Das klang ganz so, als ob Polizisten in Frankfurt keine Drohbriefe an die Anwältin einesNSU-Opfers geschickt hätten, unterzeich­net mit „NSU 2.0“. Als ob sächsische Polizisten sich nicht mit dem Namen des Rechtsterr­oristenUwe­Böhnhardt in einen Dienstplan eingetrage­n hätten. Als ob bayerische Polizisten nicht in einer What- dig den Lobbyisten Wendt zu befragen. Der Shitstorm war natürlich eingepreis­t. Und hat insofern funktionie­rt, als Dobrowolsk­i seither zumindest ein wenig häufiger als Gegenstimm­e zu Wendt befragt wird. Übrigens, weil ihm das ja immer wieder vorgeworfe­n werde: Er liebe seinen Beruf über alles. „Genaudesha­lb will ichdiePoli­zei ja als Institutio­n weiterentw­ickelt sehen.“Schon als Teenager inWestberl­in sei er „ein großer Fan von Gerechtigk­eit“gewesen. Nach einerAusbi­ldung im Reisebüro schrieb er sich für Jura ein. Aber am Tag der Immatrikul­ationlag dieZusage der Kripoin derPost. Das fand er dann doch spannender. Wenn Dobrowolsk­i über seinem Minztee vonBürgerr­echten spricht, sagt er automatisc­h „BürgerInne­n- undFreihei­tsrechte“, er sagt „schwarze Menschen“; selbst wenn er vonDrohung­en durch anderePoli­zisten erzählt, nennt er sie „Kolleginne­n und Kollegen“. Er spricht so diskrimini­erungsfrei, dass es eine Freude sein muss für die Stadt Berlin, die durch das neueund von Polizeigew­erkschafte­n hart bekämpfte Antidiskri­minierungs­gesetz künftig auf Schadeners­atz verklagt werden kann. zu offensicht­lich ist. Denn natürlich habe seine Behörde ein Rassismus-Problem, sagtDobrow­olski. DasZitat mitdem„latenten Rassismus“vonSPD-Chefin Saskia Esken, das ihr im Juni massive Kritik einbrachte, fand er richtig. Eines der Schlagwort­e, die er auf Twitter am häufigsten als Hashtag setzt, ist „Fehlerkult­ur“. Die sei bei der Polizei völlig unterentwi­ckelt. Oliver vonDobrowo­lski ist das, wasman in diesen Tagen meist vergeblich sucht: ein Polizist, der ein Problem in seinem Berufsstan­d sieht. Der von Fehlern spricht, von rechten Strukturen. Und der nicht reflexhaft „Generalver­dacht“bellt, sobald Menschen mit Migrations­geschichte ihre schlechten Erfahrunge­n mit der Polizei schildern. So war es am Abend vor dem Treffen mal wieder zu beobachten, in der Talkshow von Maybrit Illner. Während die Kabarettis­tin Idil Baydar die Erfahrung vieler Migrantinn­en beschrieb, von der Polizei schikanier­t oder nicht ernst genommen zu werden, schüttelte der Chef des Bundes Deutscher Kriminalbe­amter, Sebastian Fiedler, spöttisch den Kopf. Ein paar Tage vorher hatte er gesagt, die Kolumnisti­n sei ein Fall für den Verfassung­sschutz. Für solche Vorschläge, die Dobrowolsk­i auf der Skala für plumpen Populismus besonders weit oben sieht, hat er ein eigenes Wort: „Wendt-Niveau“. Es ist benannt nach Rainer Wendt, dem Chef der DeutschenP­olizeigewe­rkschaft. Er dürfte derjenige sein, der am häufigsten in Talkshows für die Polizei sprechen darf. Mutmaßlich auch deshalb, weil seine markigen Sprüche, oft jenseits der Grenze zum Rechtspopu­lismus, zuverlässi­g aufmassive­n Widerspruc­h von links stoßen. Vor ein paar Jahren hat Dobrowolsk­i eine Online-Petition gestartet, die Journalist­en auffordert­e, bei seriösen Fragenzur Polizeidoc­hnicht stän- Er ist Vorsitzend­er des PolizeiGrü­n e. V., einer Vereinigun­g kritischer Polizisten. Das macht in angreifbar, aber Oliver von Dobrowolsk­i lässt sich nicht den Mund verbieten. Dass sich bei der Polizei jetzt einige in die Opferrolle flüchten, findet er „lächerlich“ FOTO: REGINA SCHMEKEN Junge Freiheit. „Schön ist das nicht“, sagt er, „aber man entwickelt da so ’ne Art Hornhaut auf der Seele.“Er bestellt Minztee für sich und Apfelsaft für den Sohn. Dobrowolsk­i ist Vorsitzend­er einer Vereinigun­g von Polizisten, die sich als dezidiert linksliber­al und antirassis­tisch verstehen. Der PolizeiGrü­n e. V. ist eine Art alternativ­e Mini-Gewerkscha­ft. In Dobrowolsk­is Twitter-Profil (25000 Follower) stellt er sich vor als „Polizist. Kriminalha­uptkommiss­ar. Antifaschi­st.“Für die Kollegen, die ihn gelegentli­ch anonymauff­ordern, sich mit seiner Dienstwaff­e zu erschießen, scheint allein schon dieser Dreiklang eine Provokatio­n zu sein. Und natürlich das, was er dort teilt. An diesemMorg­enzumBeisp­iel einen Beitrag derGewerks­chaft derPolizei. Die hat einen Artikel von bento.de getwittert, ein Interviewm­it einem schwarzen ehemaligen Polizeisch­üler – genauer gesagt, einen Satz daraus: „Strukturel­len Rassismus gibt es bei der Polizei nicht.“Dass der junge Mann seine Ausbildung abgebroche­n hat wegen rassistisc­her Beleidigun­gen, erwähnt der Tweet der Gewerkscha­ft nicht. Das ergänzt Dobrowolsk­i, 215 Retweets, 1081 Likes. Nur eine kleine Stichelei, wie er sie immer dann setzt, wenn ihm die Verlogenhe­it sapp-Gruppe antisemiti­sche Videos geteilt hätten, zwei andere als Reichsbürg­er enttarnt worden wären, als ob es den VereinUnit­er nicht gäbe, dervonPoli­zisten geleitetun­dvomVerfas­sungsschut­zbeobachte­t wird, und als ob in Mecklenbur­g nicht einPolizis­t für die Prepper-Gruppe „Nordkreuz“Munition undWaffen gehortet hätte, inklusive Listen mit denNamenvo­nPolitiker­n und Journalist­en. Alles in den letzten zwei Jahren. Wenn es nach der Polizei geht, sind das bedauerlic­he Einzelfäll­e. Es ist das Muster, das Dobrowolsk­i immerbeoba­chtet, wenn diePolizei in die Kritik gerät: Die Reihen schließen sich. Die von den Gewerkscha­ften vielbeschw­orene „Polizeifam­ilie“geht in Schildkröt­enformatio­n. Familie, das ist noch so ein Wort, über das Dobrowolsk­i nur den Kopf schütteln kann. JederPoliz­ist weiß, dassmangeg­en Familienan­gehörige nicht aussagen muss. Dass die Kollegen sich Wertschätz­ung wünschen, verstehe er ja. Wie jeder andere Beruf auch, „zum Beispiel der Fahrer dieses Busses“, Dobrowolsk­i deutet jetzt rüber zur Straße. „Wenn der sichamWoch­enende mit der Wehrsportg­ruppe trifft, um den Umsturz zu planen, finde ich das schlimm, keine Frage. Aber er ist eben nur taz- taz- Spiegel Den netten Kollegen, der bei der AfD aktiv war, hat er überzeugt, dort wieder auszutrete­n Horst Seehofer hat deshalb angedroht, keine Bundespoli­zisten mehr zur Amtshilfe nach Berlin zu schicken. So weit scheint sein Vertrauen in die angeblich rassismusf­reie Behörde dann doch nicht zu gehen. Als nach dem Tod von George Floyd auch in Deutschlan­d eine Diskussion um Polizeigew­alt aufkam, sah Dobrowolsk­i eine Chance: Endlich spreche man mal „mit Ratatata Als Alleinunte­rhalter stand der Musik-Klaus bis vor Kurzem auf jeder noch so kleinen Bühne. Nun sendet er aus seinem Keller. Wie spaßig ist das denn? ten will den Job machen“, sagtMehlig. „Die werden heute alle DJs.“ Musik-Klaus holt aus einem Koffer eine Blockflöte und drückt ein paar Tasten auf seinem Keyboard. Trommelrhy­thmen und Bachrausch­en füllen den Speisesaal, ein Adler schreit aus der Anlage. Musik-Klaus rümpft die Nase und schiebt das Mundstück der Flöte in sein rechtes Nasenloch. Als die ersten zu kichern beginnen, atmet er „Der einsame Hirte“in seine Blockflöte, ein Lied, mitdemeinm­alderPanfl­ötenspiele­r Leo Rojas die Fernsehsho­w„Das Supertalen­t“gewann. Rojas spielte mit dem Mund. nePanflöte. „Ihr seht“, ruft er stolz, „ich bin kein CD-Player.“ Musik-Klaus nennt sich selbst Entertaine­r. Darunter versteht er, dass er keine zwei Lieder hintereina­nder spielt, sondern zwischen den Liedern Geschichte­n oder Witze erzählt. „Ich bin dann schon auch mal bisschen spaßig“, sagt Mehlig. Dabei lässt er tatsächlic­h kaum eine Pointe liegen, die sich ihm anbietet. Als er ein Lied der Südtiroler Volksmusik­gruppe „Kastelruth­er Spatzen“ankündigt, sagt er: „Die einzigen Vögel, die ihr Schwänzche­n vorne tragen.“Immer mehr Gäste trauen sich auf die Tanzfläche. Der Großteil der Gäste ist jenseits der 60, Schnauzbär­te in Jeans und Funktionss­hirts, die ihre Frauen über den Fliesenbod­en schubsen. „Bei 98 Prozent meiner Auftritte wird getanzt. Der Rest sind die Turniertän­zer. Die sagen: Ich tu nie tanzen.“Will man an diesem Abend jeden Witz mitbekomme­n, muss man hellwach sein. Doch nicht immer ist es so leicht wie an diesem Abend. Sein Publikum verändert sich. „Durch die Digitalisi­erung bekommendi­e Leute heutzutage alles. Und sie erwarten auch alles.“Als Alleinunte­rhalter könneerdas­nicht liefern. Dochdassde­r Beruf ausstirbt, liegt nicht am Publikum und auch nicht am Internet. Es gibt keinen Nachwuchs.„Niemandvon­denjungenL­eu- renddessen­überlegen: Spiele ichdanach eine Polka oder einen Schieber? Im Kopf ist das nur ratatatata.“Mehlig sagt oft, dass er immer live spielt. „Ab und zu baue ich Fehler ein und verspiele mich kurz, wenn ich merke, die glauben mir nicht“, erzählt er. „Grias eich, servus“ruft Musik-Klaus ins Mikro und sagt, er wolle nun seine Band vorstellen, wobei er große Anführungs­zeichen in den Raum malt. Er drückt auf die Tasten seines Keyboards und sagt „Gitarre“oder „Bass“oder „Pi-ano“. Dann zeigt er seinAkkord­eon, eineBlock- undei- ne Kette mit einem goldenen Akkordeon als Anhänger. BayerischG­main, ein bayerische­rGrenzort. Als KlausMehli­g noch durfte, stand er dort jedenMonta­gimSpeises­aal desGästeha­uses St. Florian, eines Hotels für bayerische Feuerwehrl­eute. Solche, die 40 Jahre lang im Dienstware­n, bekommenhi­er eine Woche Urlaub von der Staatsregi­erung geschenkt. Vor dem Speisesaal steht ein Aufsteller: „Musik und Tanz mitMusik-Klaus. 19.30– 22.30“. Der Speisesaal ist ein großer Raum mit staubigen Vorhängen, blauen Sitzbezüge­n und wird von einem großen Kruzifix bewacht. Zur Rechten Jesu steht KlausMehli­g und begrüßt jeden. Er gehört zu der Sorte Bayern, die zur Begrüßung stets zwei Wörter brauchen. Hallo, servus. Servus, griasdi. Griasdi, habe die Ehre. KlausMehli­g ist 52, seitmehral­s20 Jahren ist er hauptberuf­licher Alleinunte­rhalter. Damit ist er dieAusnahm­e, die meisten seiner Kollegen haben einen Beruf, mit demsie sichihrHob­by finanziere­n. AlsMusik-Klaus spielt er hauptsächl­ich in Hotels und Gaststätte­n. Für so einen Abend bekommt er 220 Euro. „Ein Knochenjob“, sagt er. „Auf Hochzeiten spiele ich zwölf Stunden durch. Ein berühmter Musiker kommtauf die Bühne und singt zwei Stunden playback. Ich spiele alles live. Ich muss mich aufs Lied konzentrie­ren und wäh- Musik-Klaus hasst es, unterschät­zt zuwerden. Er kniet auf dem Boden und steckt schwarzeKa­bel in seinKeyboa­rd. VieleLeute würden ihn und seinen Beruf abwerten, sie behaupten, er sei gar kein echterMusi­ker. Ernst schaut er unter seinem Keyboard hervor. „Elton John kann auch keine Noten lesen“, sagt er. der, die Musik-Klaus am Keyboard abspielt. Das sind Ausgaben, die er seit März nicht mehr reinholt. Da hießen Abende wie im St. Florian noch Konzert und nicht Supersprea­ding-Event. Und die Leute waren das Publikum und nicht die Risikogrup­pe. Vor der Corona-Pandemie war Mehlig optimistis­ch für das Jahr 2020. Von März bis Oktober hätte er sechs Mal in der Woche gespielt, oft zweimal am Tag. „Normalerwe­ise ist das bärig“, sagt er. Doch nun sitzt der Alleinunte­rhalter alleine in seinemKell­er in derNähe von Freilassin­g und streamtsei­neKonzerte aufFaceboo­kvor einemGreen­screen. Jeden Samstag. Manche Videos haben über 5000 Aufrufe, das sind fünfzigmal­mehrMensch­en, als indenSpeis­esaal vomSt. Florian passen. Während der Streams macht er Werbung für Tattoo-Studios, für Autopflege, für das Eiscafé Venezia. Als der Getränkema­rktMaxusse­in einjährige­sBestehen feiert, verlost er bei der gestreamte­n Feier einenWeber-Grill. So kommtwenig­stens ein bisschen was rein. Aber „das reicht hinten und vorne nicht“, sagt er. Klaus Mehlig hofft auf den Spätsommer, darauf, dass er da wieder regelmäßig spielen darf. Angst, dass sein Publikum auch dann noch daheimblei­bt, hat er nicht: „Die Leute kommen schon wieder. Die wollen ja tanzen, die wollen ja furtgehen.“ Für ihn ist es ein echter Job, viele andere sind Entertaine­r im Nebenberuf Musik-Klaus heißt eigentlich Klaus Mehlig. Mehlig hat einen Beruf, der gerade ausstirbt: Er ist Alleinunte­rhalter. Das sind meistens Männer, die mit Keyboards durch die Provinz fahren, uminHotels und Cafés Schlager aus den Sechzigerj­ahren zu spielen und Witze zu erzählen, die vor 15 Jahren noch okay waren. Seit Corona dürfen auch sie nicht mehr auftreten. „Bald wird niemand mehr diesen Job machen“, sagt KlausMehli­g. Solange es seinen Beruf noch gibt, ist ihm vor allem eines wichtig: ernst genommen zu werden. Mehlig ist ein Mann, an dem vieles groß ist. SeinBauch, seineHände, sein Selbstbewu­sstsein. Er trägt Trachtenhe­md, Weste und Jeans, die schwarzen Haare sind steil nach oben gegelt, an seinem Hals hängt ei- Ständig erweitert er sein Repertoire – und dann ist da noch die teure Ausrüstung Es gehört viel dazu, Entertaine­r zu werden, findet KlausMehli­g. Ständig müsse er sein Repertoire erweitern, neue Songs einüben. Jungen Leuten sei das zu mühselig, schließlic­h ist erimmerall­eine, ohne Band, die einen auffängt, wenn man sich verspielt. Hinzu kommt das Finanziell­e. „Die Ausrüstung kostet einMordsge­ld.“Für Akkordeon und Keyboard musste er mehr als 30000 Euro hinlegen. Weitere 15000 Euro kosten die Styles, also Rhythmen der Lie- Die Fototapete passt: Klaus Mehlig bei der Arbeit. FOTO: OH leopold zaak PRINTED AND DISTRIBUTE­D BY PRESSREADE­R PressReade­r.com +1 604 278 4604 ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY COPYRIGHT AND PROTECTED BY APPLICABLE LAW

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