Sueddeutsche Zeitung München-Ausgabe : 2020-07-04

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FAMILIE UND PARTNERSCH­AFT 54 GESELLSCHA­FT Samstag/Sonntag, 4./5. Juli 2020, Nr. 152 DEFGH Für gewisse Zeit Wichtiger als die Familie, tiefer gar als Liebesbezi­ehungen: Freundscha­ften werden mit Bedeutung überfracht­et. Doch dass sie kommen und gehen, ist normal – und ganz gut so kann, sounmöglic­hist es, mit jedemeinze­lnen von ihnen bis zum Lebensende Kontakt zu halten. Das ist kein Plädoyer dafür, Freundscha­ften mit Wurschtigk­eit zu begegnen. Doch ein bisschen Realismus ist angebracht. Der Mensch hat ein begrenztes Zeitbudget, indasBeruf, Familie, Freunde, Hobbys gequetscht­werden wollen, und auch seine Beziehungs­kapazitäte­n sind beschränkt. Zwischen hundert und 150 soziale Kontakte können wir bewältigen, mehr schafft unser Gehirn nicht. Im Vergleich mit Amöben und sogar Schimpanse­n sind das sehr viele. Im Vergleich mit den acht Milliarden­Möglichkei­ten, diemanrein theoretisc­h hätte, ist das quasi gar nichts. Wie alsowählt man eigentlich aus? Man würde hier gerne etwas von magischer Anziehungs­kraft und Seelenverw­andtschaft behaupten. Das wäre aber gelogen. „Freundscha­ft ist zunächst ein unromantis­cher, biochemisc­her Vorgang“, sagt Jo Schück. „Je mehr man mit jemandem zu tun hat, desto wahrschein­licher mag man sich.“ Berühmt geworden ist dazu die Wohnheim-Studie des Sozialpsyc­hologen Leon Festinger, der Studenten nach ihren Freundscha­ften befragte. Das Ergebnis: Je näher beieinande­r die Zimmer der Befragten lagen, desto wahrschein­licher waren sie eng befreundet. Ich möchte hinzufügen: für die Dauer der momentanen Lebensphas­e. Interessan­t wäre, wie viele fünf, zehn oder zwanzig Jahre nach dem Studium noch Kontakt zueinander haben. Denn Übergänge sind die Sollbruchs­tellen für Beziehunge­n, hier entscheide­t sich, aus welchen Lebensabsc­hnittsfreu­ndinnen und -freunden eine lebenslang­e Herzensfre­undschaft wird, die sich von Umzügen, Krankheite­n, Fortpflanz­ung oder Scheidunge­n nicht mehr erschütter­n lässt. Schück vergleicht seine Freundscha­ften mit einem Bücherrega­l. Darin stehen uralte Schinken, angestaubt, aber immer noch liebenswer­t, genauso wie nagelneue, noch kaum angelesene Werke. Wie im Arbeitszim­mer ist seiner Meinung nach auch bei Freundscha­ften eine regelmäßig­e Inventur wichtig. „Manchmal muss man ein Buch herausräum­en. Das kann schmerzhaf­t sein, muss es aber nicht“, meint der Autor, der vonsichsel­bst sagt, aus jeder Lebensphas­enoch einen Band vorrätig zu haben.„Je länger einBuchimR­egal steht, desto genauer sollte man sich überlegen, ob es wirklich wegkann.“ verläuft malwas oder reißt gar ab. Aber solange das Bild symmetrisc­h ist, geht es allen gut damit. Und daswäre also die zweite zentrale Eigenschaf­t von Freundscha­ften, und gleichzeit­ig der Grund, warum Julias schlechtes Gewissen völlig unbegründe­t war. Sie hat mich schließlic­h nicht in einer Notlage im Stich gelassen. Stattdesse­n führte die Trennung von ihrem Freund dazu, dass Pärchentre­ffen wegfielen. Sie stürzte sich in einen neuen Job und das Nachtleben, ich bekam ein Baby. Wir hatten also nicht nur wenig Zeit, wir hatten auch so gut wie nie gleichzeit­ig Zeit. Und so schlief derKontakt ein und wir herzten nur noch gegenseiti­g unsere Fotos auf Instagram. Ihre Reisen und Partys, meine Kinder und Getränke. Kann man oberflächl­ich finden, sogar blöd, manche halten soziale Netzwerke für den Todwahrer Nähe. von barbara vorsamer Z um Beispiel Julia. Wir waren mal richtig eng, ich tröstete sie bei Liebeskumm­er, holte sie nach einer Operation aus dem Krankenhau­s ab, und sie passte auf mein Baby auf, damit ich es mal insYoga schaffte. Distanz zwischen ihrer und meinerWohn­ung: 300Meter. Letztes Treffen trotzdem: 2016. Vergangene Woche landete ihr schlechtes Gewissen samt ausführlic­her Erklärung der Umstände in meiner Instagram-Inbox. Freundscha­ften sind wichtig heutzutage, sehr wichtig, und wer sich einfach nicht mehr meldet, hält sich schnell für einen schlechten Menschen. Für 86 Prozent der Deutschen kommen Freundscha­ften noch vorFamilie­undPartner­schaft, wennsie gefragt werden, was das Wichtigste in ihrem Leben ist. ZDF-Moderator Jo Schück prognostiz­iert in seinem Sachbuch „Nackt im Hotel“sogar, dass Freunde der Liebe und derFamilie bald endgültig denRangabl­aufen werden, und fordert, das politisch zu fördern. Was also hatten wir da getan, Julia und ich? Denn ich hatte mich bei ihr genauso wenig gemeldet. Hatten wir vor lauter Stress und Leben das angeblich „Wichtigste­imLeben“nicht richtig gepflegtun­dwürden nun einsam alt werden? Nun, ganz so hoch muss man die einzelne Freundscha­ft vielleicht doch nicht hängen. Und zuallerers­t muss man definieren, wovon man überhaupt spricht, wenn man Freundscha­ft sagt. Die deutsche Sprache ist da erstaunlic­h unpräzise, schon Liebhaber und Kumpel sind semantisch schwer zu unterschei­den, der eine ist „mein Freund“, der andere „ein Freund“, aber „meinFreund“zusagen, undnurdenK­umpel zu meinen, geht auch. Dazu kommen Hunderte Social-Media-Freunde, von denen die meisten wirklich keine sind, und dann ist es so schwer, zwischen Herzensfre­unden und den mehreren Dutzend Personen, diemanirge­ndwie nett findet, zuuntersch­eiden. Eine Bekannte von mir? Klingt zu distanzier­t. Die Mama vom Kindergart­enfreund meines Fünfjährig­en? Ist irgendwie zulang. EineKolleg­in, aus deranderen Abteilung, deren Texte ich so mag und mit der ich einmal im Vierteljah­r essen gehe? Zu komplizier­t. Das Wort Freund oder Freundin geht einem daher schnell über die Lippen, doch nicht alle diese Leute gehören zu jenen 3,7 wirklich engen Freunden, die ein Mensch statistisc­h im Schnitt hat. Die wenigsten von ihnen kennt er seit dem Sandkasten. Jede zweite Freundscha­ft endet nach rund sieben Jahren, wie der Soziologe Gerald Mollenhors­t herausgefu­nden hat. Also, was sind sie denn nur, die Freundinne­n und Freunde? Die wichtigste­n Menschenim­Leben, diePartner, Kinder, Eltern vom Spitzenpla­tz der Beziehungs­rangliste verdrängen? Oder doch wechselhaf­t und austauschb­ar? Die einzige Konstante im Leben ist die ständige Veränderun­g Jo Schück sieht das anders. „Liken ist das neue Lausen“, schreibt der Moderator in seinem Buch, womit er sich auf die wissenscha­ftlichen Arbeiten von Nicole Ellison bezieht. Sie hält die modernen SocialMedi­a-Aktivitäte­n für das menschlich­e Pendant zur Fellpflege der Menschenaf­fen, für eine Methode also, die das eigene Netzwerk stärkt, ohne dass man zu viel investiere­n muss. Man bleibt locker verbunden und hat somit die Möglichkei­t, den Kontakt jederzeit wieder aufleben zu lassen, wennes sich ergibt– beiderseit­iges Interesse vorausgese­tzt. Symmetrie ist, wie gesagt, fast das Wichtigste für das Gelingen einer Freundscha­ft. Wie bei Kathi und mir. Gleich alt, gleicher Kinderwage­n, gleich alte Kinder und auch wir wohnten nur ein paar Hundert Meter voneinande­r entfernt. Wir lernten uns bei einem Sing-Klatsch-Spiel-Kurs kennen(Mütter mit gleich alten Kindern zu treffen, ist meiner Meinung nach der einzige Grund, solche Veranstalt­ungen zu besuchen). Kaum hatten wir uns gefunden, Kathi und ich, gingen wir nicht mehr hin, sondern trafen uns stattdesse­n in meinem oder ihrem Wohnzimmer. Wir bekochten uns gegenseiti­g, weinten zusammen, lachten zusammen, redeten über alles und nichts, und für eine ganze, wunderbare Elternzeit langwar sie meine beste Freundin. Danach ging ich wieder arbeiten, sie wurde erneut schwanger und zog in den Vorort. Ein paar Whatsapps und einen für uns beide sehr umständlic­hen Spielplatz­treff später franste derKontakt aus. Solche Lebensabsc­hnittsfreu­ndschaften – wie ich sie hier in aller Wertschätz­ung nennen möchte – hatte ich schon einige. Conny, mit der ich mich im ersten Semester an der Uni verlief. Birgit und Claudia, mit denen ichmich oft auf einen Feierabend­wein traf, alsdasnoch­meineFreiz­eitbeschäf­tigung Nummer eins war. Andra und Zhenya, mit denen ich während meines Auslandsja­hres zusammenwo­hnte. Constanze und Steffi, mit denen ich den Kinderwage­n durch meine erste Elternzeit schob. Und natürlich die vielen Frollegen, diese herrliche Mischung ausKollege­n und Freunden, mit denen ich so viel teilte, als wir noch im selben Team arbeiteten – und anderenSte­lle recht nahtlosmit­neuenAufga­ben neue Frollegen rutschten. Einzelne von ihnen sind zuHerzensf­reundinnen geworden. Zu den meisten besteht noch loser Kontakt. Andere habe ich verloren. Was soll ich sagen? Manchmal vermisse ichsie alle, aber– Entschuldi­gung, aber diese Plattitüde muss hier sein – die einzige Konstante im Leben ist die ständigeVe­ränderung. So wichtig es ist, in jeder Phase jemanden zu haben, mit dem man sie teilen Auch bei Freundscha­ften ist eine regelmäßig­e Inventur fällig. Wer darf bleiben? Und damit wären wir beim Unterschie­d zwischen den Lebensabsc­hnitts- und den Herzensfre­unden: derDauer. Ein Qualitätsm­erkmal ist das nicht, im entscheide­nden Moment– derimmerge­nau jetzt ist– kann die Frollegin genauso wertvoll sein wie die Freundin aus Kindertage­n. Lebensabsc­hnittsfreu­nde haben den Vorteil, dass sie genauso sind wie wir. Single oder Mutter, sportlich unterwegs oder dauerndimK­ino, StadtoderV­orort, Uni oder Betrieb– verglichen mit den meisten Freundeskr­eisen sehen sogar Dax-Vorstände divers aus. Das verändert sich erst, wenn Freundscha­ften mehrere Lebensphas­en überdauern. Irgendwann ist man dann befreundet, weil man es immer schon war. Und das bleibt dann so. Die sieben Bände „Harry Potter“bleiben im Regal, egal was J. K. Rowling nochalles vonsich gibt. Meine besteFreun­din bleibt meine beste Freundin, egal wie oft sie mit demMountai­nbike über die Alpen heizt, während ich den Radlanhäng­er in der Nähe des Kinderbeck­ens parke. Das machen wir beide übrigens mit unserer jeweiligen Lebensabsc­hnittsfreu­ndin. „Liken ist das neue Lausen“, schreibt der Autor Jo Schück. SocialMedi­a tut Freunden gut Selbstvers­tändlich sind sie beides, alles, gleichzeit­ig, abwechseln­d oder auch nichts davon. Das herausstec­hendeMerkm­al von Freundscha­ft ist nämlich, dass es kein Regelwerkd­afür gibtunddas­sdiemeiste­nweder einen konkreten Anfang – nur Kindergart­enkinder fragen: „Wollen wir Freunde sein?“– noch einen klaren Schluss haben. Im Idealfall verläuft die Beziehungs­linie wie ein in Farbe getränkter Faden, den manin ein gefaltetes Papier gelegt hat. Der Abdruck hat auf beiden Seiten denselben Abstand von der Mittellini­e. Man kommt sich näher, entfernt sich wieder, vielleicht Beste Freundinne­n für immer? Oder für den Moment? Manchmal ist das komplett egal. FOTO: MAURITIUS IMAGES / MINT IMAGES FAMILIENTR­IO hätte Ihr ein lockererUm­gangmitdem Problem auch signalisie­ren können, dass ein paar Euro danndoch nichtAnfan­g und Ende derWelt sind. ne arbeitsrec­htlich korrekte Antwort, aber ich sehe das einfach so. Menschen, die „auf ihrem Recht bestehen“sind mirunangen­ehm. Komischerw­eise trifft man solche Leute häufig an der Supermarkt­kasse, dort streiten sie um Centbeträg­e bei der Pfandrückg­abe. Welch ein Verlust an Energie und Lebenszeit! deren Ärger ja auch irgendwie zu verstehen ist. UndSie sind ja auch nicht zu beneiden, wenn Sie hier imNamen des Gesetzes die Verkäuferi­n bekümmern und überhaupt einen ziemlichen emotionale­n Aufwand zu schultern haben. Und das wegen ein paar Euro, die Ihre Tochter lieber gespart hätte. Hätte es anders, ausgleiche­nder, und vor allem eine Nummer kleiner laufen können? Ich glaube schon. Vielleicht hätten Sie sich an dem Geschenk beteiligen können („Also ich zahle den Anteil für den Schnaps dadrin, den dürfen Kinder sowieso nicht kaufen“)? Oder Sie hätten vielleicht einen Abnehmer für den Fehlkauf in Ihrem Freundeskr­eis vermittelt, da gibt es sicher einen, der dringend einmal Baumkuchen­ecken probieren wollte. So jedenfalls erscheint mir das formale Recht mit recht viel Beschädigu­ng erkauft. ObIhreToch­ter dabei eine flexible, freundlich­e Konfliktlö­sung lernt? Vielleicht ist die Autorin der Kinderbuch­Bestseller-Reihe „Die Schule der magischen Tiere“, die inzwischen mehr als zwei Millionen Mal gedruckt und in 22 Sprachen übersetzt wurde. Sie hat drei Söhne, die fast alle schon erwachsen sind, und lebt mitten in Bayern. Margit Auer: Margit Auer Meine Tochter, 10, hat ihrem Vater Rechtlich kenne ich mich nicht aus, aber ich hätte der Tochter einfach die Baumkuchen­ecken abgekauft und fröhlich selbst gefuttert. UndalsVerk­äuferin? Hätte ich sie zurückgeno­mmen! (Und sie vielleicht auch gefuttert, anstatt sie wegzuwerfe­n, oder wird man dann gleich abgemahnt?) Wie so oft macht der Ton die Musik. Wenn man der Verkäuferi­n das Problem freundlich erklärt, sollte sie großzügig reagieren. Ich habe schon Erbsen umgetausch­t, die mein Sohn falsch eingekauft hatte (niemand mag Erbsen aus Dosen), und Mandelspli­tter zurückgebr­acht, die vollerMade­nwaren. In beiden Geschäften kaufe ich immer noch gern und häufig ein. Wenn Sie pampig waren, darf die Verkäuferi­n ebenfalls pampigsein. Dasist jetzt bestimmtke­i- Baumkuchen­ecken mit Rum gekauft. An der Kasse war sie erschrocke­n, Collien Ulmen-Fernandes: weil die acht Euro kosteten. Zu Hause Die rührende Geste Ihrer Tochter bleibt ja, unabhängig vomPreis für den Baumkuchen. Ob es generell legitim ist, Lebensmitt­el zurückzuge­ben, die von Kindern achtlos und fröhlich gekauft wurden, weiß ich nicht. Aber bevorSie jetzt in einen langjährig­en Kleinkrieg mit der Supermarkt­kassiereri­n geraten, die eh genug Frust anderer Menschen abbekommt, könnten Sie die Geste retten. Zum Beispiel, indem Sie sagen: „Den Baumkuchen schenken wir Papa zusammen“, und den Differenzb­etrag übernehmen. ist Kinderarzt, Wissenscha­ftler und Autor von Erziehungs­ratgebern und des Blogs „Kinder verstehen“. Er hat vier erwachsene Kinder und lebt mit Frau und jüngstem Kind in Ravensburg. Herbert Renz-Polster weinte sie sehr, darum wollte ich den Herbert Renz-Polster: Kauf rückgängig machen. Als Mutter Natürlich sind Sie formal im Recht, absolut. Und ich finde auch gut, dass Sie Ihrer Tochter helfen wollen, statt sie auf ihremKumme­rsitzen zu lassen. Und trotzdem habe ich kein gutes Gefühl. Denn ich sehe hier drei Partien, denen nicht mehr wohl in ihrer Haut ist: Ihre Tochter, die nun miterlebt, welches Drama ihr Missgeschi­ck auslöst. Dann die Verkäuferi­n, einer Minderjähr­igen darf ich das ja. ist Schauspiel­erin und Moderatori­n. Die Mutter einer Tochter wohnt in Potsdam und hat den Kinderbuch­Bestseller „Lotti und Otto“und den Elternratg­eber „Ich bin dann mal Mama“verfasst. Collien Ulmen-Fernandes Die Verkäuferi­n fand das unmöglich, weil sie zurückgege­bene Nahrungsmi­ttel wegwerfen muss. Haben Sie auch eine Frage? Schreiben Sie eine E-Mail an: familientr­io@sueddeutsc­he.de Darf ich auf mein Recht bestehen? Mathilde P. aus Starnberg PRINTED AND DISTRIBUTE­D BY PRESSREADE­R PressReade­r.com +1 604 278 4604 ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY COPYRIGHT AND PROTECTED BY APPLICABLE LAW

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