Sueddeutsche Zeitung München-Ausgabe : 2020-07-04

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HISTORIE GESELLSCHA­FT 55 Nr. 152, Samstag/Sonntag, 4./5. Juli 2020 DEFGH Paraguay wehrte sich lange und zäh gegen die überlegene Allianz, die 1866 in der Schlacht von Curupaytí eine schwere Niederlage erlitt. FOTO: MUSEO NACIONAL DE BELLAS ARTES Das Land ohne Männer Südamerika­s Erster Weltkrieg: Vor 150 Jahren endete ein brutaler Konflikt, der das kleine Paraguay entvölkert­e und bis heute prägt. Alle sozialen Missstände lassen sich auf die alte Niederlage gegen drei große Nachbarn schieben von christoph gurk W den in Asunción beigesetzt. Der 1. März, sein Todestag, ist ein Feiertag, sein Kopf ziert eineMünze, und der Arbeitspla­tz des paraguayis­chen Präsidente­n ist der „López Palast“. „López ist eine Ikone“, sagt der Historiker Herib Caballero, „er hat Anhänger bei denKommuni­sten genauso wie bei den Konservati­ven, und wer auch nur leichte Zweifel an ihm äußert, wird schnell selbst angegriffe­n.“Dabei sind sich Historiker heute weitgehend einig darüber, dass Lópezzwar nicht alleineamK­rieg schuldwar. Hätte er aber aufgegeben, hätte er ihn nicht nur verkürzen, sondern Zehntausen­deMenschen­lebenrette­nkönnen, diemeisten von ihnen Paraguayer. Dass ausgerechn­et López heute als Held in dem Land gilt, das er mit ins Verderben gestürzt hat, ist eine Konsequenz ganz gezielter Politik, sagt Caballero. Nach dem Kriegpropa­gierten die Siegermäch­te inParaguay­zwardasBil­d einesTyran­nenundIrre­n. Bald aber hätten Nationalis­ten begonnen, den Diktator für ihre Zwecke zu nutzen, spätestens als wieder einmal ein Krieg bevorstand: Damals, zu Beginn der Dreißi- Gras, Tiere streifen über die Plätze. López hatte schonMonat­e zuvor die Stadt evakuiertu­ndist jetzt auf der Flucht vordenHeer­en der Feinde. Selbst die bittere Not der Menschen in seinem Land kann ihn nichtzumAu­fgeben zwingen. Weil es keine Männer mehr gibt, um die Felder zu bestellen, brechen Hungersnöt­e aus, dazuCholer­aundandere Seuchen. Längst sind López’ Truppen zerrieben, nicht mal Uniformen haben sie noch, schreiben Kriegsberi­chterstatt­er. Der Tripel-Allianz-Krieg ist auch einer der ersten Konflikte in Südamerika, von denen es Fotos gibt. Sie erlauben den Blick in jene ferne Zeit, in endloses Leid, zeigen zerlumpte Soldaten, zermürbteG­esichterun­d von der Sonne verdorrte Leichen. Und längst müssen auch Verwundete, Alteundsog­ar Kinder kämpfen. Mitaufgema­lten Bärten und Stöcken in der Hand werden sie ins Feld geschickt. Tausende sterben am16. August 1869 in der Schlacht von Acosta Ñu, noch heute feiert man an diesem Tag in Paraguay den „Tag des Kindes“zu ihrem Gedenken. Jeden Widerstand in den eigenen Reihen schlägt der Diktator gnadenlos nieder. Hunderte vermeintli­che Verräter werden hingericht­et, viele erstochen mit Lanzen, um Kugeln zu sparen. Im März 1870 stellen alliierte Soldaten endlich López und sein letztes Aufgebot. Der Diktator ist verwundet, sterben werde er aber nur mit seiner Heimat, sagt López der Legende nach. Mit gezücktem Säbel geht er auf dieFeinde los, die Brasiliane­r eröffnen dasFeuer. AmFinger der Leiche finden sie später angeblich einen Ring, auf dem „Sieg oder Tod“steht. Nach dem Krieg setzen die Siegermäch­te eine ihnengeneh­meRegierun­gein, Paraguay bleibt ein souveräner Staat, der Friedensve­rtrag wird unterschri­eben, die letzten brasiliani­schen Truppen ziehen aber erst 1876 ab. Wie viele Menschen genau gestorben sind, lässt sich heute nur schätzen. Neuere Rechnungen gehen davon aus, dass von einer Bevölkerun­g von etwa 450 000 Menschen vor dem Krieg am Ende nur noch 150000 am Leben waren, darunter nur 28000 Männer. Heute diskutiert die Forschung darüber, ob das ungleiche Verhältnis von Männern und Frauen von eins zu vier dazu geführthab­en könnte, dass Frauen in Paraguay bis heute benachteil­igt und Opfer von Gewalt sind, weil die Gesellscha­ft Männern gewisserma­ßen stets einen schützensw­erten Status einräumte. Ein weiterer Streitpunk­t ist, ob und inwiefern England den Krieg befeuert haben könnte. Einige Autoren haben in der Vergangenh­eit die Theorie aufgestell­t, Großbritan­nien habe das abgeschott­ete Paraguay mit dem Krieg für Geschäfte öffnen wollen. Konkrete Beweise aber gibt es dafür nicht, sagt die argentinis­che Forscherin María Victoria Baratta, dennoch aber halte sich derMythos: „Es ist einfach praktische­r, einer Nation von außerhalb die Schuld zu geben, statt sich einzugeste­hen, dass in diesem Krieg lateinamer­ikanische Länder miteinande­r gekämpft haben.“Dabei wäre es wichtig, dass man ehrlich miteinande­r ist, sagt Baratta, allein schon wegen der zwischenst­aatlichen Beziehunge­n, zum Beispiel im Staatenbün­dnis Mercosur, das die vier Länder heute formen. 150 Jahre nach dem Kriegsende sind nuneinigeB­ücherersch­ienen, in Argentinie­n, Brasilien und natürlich auch Paraguay. Und dort geht es vor allem um die Rolle eines Mannes: Francisco Solano López. Sein Leichnam ist heute im Pantheon der Hel- zugleich. „Viele Menschen glauben, dass Paraguay mal so etwas wie ein Paradies war“, sagt der aus Paraguay stammende Historiker­Herib Caballero: „Dannkamder Krieg, und von da an lief alles falsch. Aber so einfach ist das natürlich nicht.“ Tatsächlic­hwar Paraguay zu Beginn des 19. Jahrhunder­ts ein abgeschott­etes Land in der Mitte eines Kontinents, den noch kaum Straßen, geschweige denn Schienen durchzogen. Kurz nach der Unabhängig­keitParagu­ays vonden spanischen­Kolonialhe­rren 1811 übernahm eine Reihe von Diktatoren dieMacht. Einervonih­nen, Carlos Antonio López, versuchte von den 1840er-Jahren an, das Land nicht nur zu militarisi­eren, sondern auch notdürftig zu industrial­isieren. Mit Hilfe europäisch­er Ingenieure entstanden eine Gießerei und eineWerft, dazunochei­ne der ersten Eisenbahnl­inien des Kontinents. Als López 1862 starb, ging dieMacht auf seinenSohn über, Francisco Solano López, ein Name, den mansich merken muss. López würde nicht nur der Mann sein, der sein Land in den Krieg und so auch ins Verderben führt. Er wird auch bis heute als größter Held stilisiert, der in Paraguay je gelebt hat. Francisco Solano López wurde schon als Kindauf seineRolle alsHerrsch­er vorbereite­t, mit 19 wirderGene­ralundOber­befehlshab­er der Armee. Stets darauf bedacht, sich als Staatsmann zu geben, ist er gleichzeit­ig von Ängsten getrieben: Er fürchtet, nicht ernst genug genommen zu werden, er hat Angst vorVerschw­örungen, Anschläge und Vergiftung­en. Selbst loyale Unterstütz­er und enge Familienmi­tglieder lässt er einsperren, foltern und ermorden. Die politische Situation Lateinamer­ikas ist damals komplizier­t und verworren. Auch ein halbes Jahrhunder­t nachdem die Kolonialhe­rrschaft abgeschütt­elt ist, sind vieleGrenz­en nochimmern­ichtgenaud­efiniert. Caudillos und Zentralgew­alt streiten um Macht, Staaten und Länder um Grenzziehu­ngen und Einfluss. Immer wieder kommt es so zwischen Brasilien und Paraguay zu Streit. 1864 eskaliert die Situation, Paraguay nimmt den Gouverneur des brasiliani­schen Bundesstaa­ts Mato Grosso gefangen. Beide Länder erklären sich den Krieg, amEnde steigen auchUrugua­yund Argentinie­n mit ein, teils aus Opportunis­mus, teils aus Angst vor Repressali­en durch den Giganten Brasilien. In einem Geheimvert­rag verbünden sich die Länder zur TripelAlli­anzundvers­prechen, so langegegen­Paraguaykä­mpfenzuwol­len, bis López abgedankt hat. AmAnfang scheint es noch so, als ob der Krieg ohnehin nicht allzu viel Zeit in Anspruchne­hmenwürde: Zusammenge­nommen verfügen die drei alliierten Mächte über eine Bevölkerun­g, die 25 Mal so groß ist wie die von Paraguay. Dessen Waffen sind veraltet. Brasilien, Argentinie­n und Uruguaydag­egenhabenv­ieleKanone­nboote und moderne Gewehre. Die ersten Angriffe von Paraguay schlagen die Alliierten mehr oder minder problemlos zurück, von daan verlagert sich der Krieg auf dasTerrito­rium von Paraguay. Immerwiede­rkommteszu Friedensve­rhandlunge­n, und immer wieder scheitern sie vor allem deshalb, weil López sich weigert abzutreten. Gleichzeit­ig kämpfen die Soldaten Paraguays viel zäher und geschickte­r, als die Oberbefehl­shaber in Argentinie­n, Brasilien und Uruguay gedacht haben. Immer länger dauert der Krieg. 1869 fällt Asunción. Die alliierten Truppen finden aber eine menschenle­ere Hauptstadt vor, in den Straßen wächst enige Wochen nachdem das Coronaviru­s begonnen hatte, sich auch in Paraguay auszubreit­en, veröffentl­ichte die Regierung des kleinen südamerika­nischen Landes ein Video. Mansieht darin Aufnahmen von Schlachtge­tümmel, hört Geschrei und Gewehrsalv­en. Und dann sagt ein Sprecher mit theatralis­cher Stimme, es sei nun an der Zeit, dieHeimat zu verteidige­n, einmal wieder. Jedem Paraguayer war sofort klar, was damit gemeint war: La Guerra Guasú, auf Deutsch so viel wie „Der große Krieg“. Von1864 bis 1870 kämpftePar­aguay gegen die alliierten Truppen Brasiliens, Argentinie­ns und Uruguays. Tripel-AllianzKri­eg wird der Konflikt darum auch genannt, außerhalb von Paraguay ist er – von Fachkreise­n einmal abgesehen – allerdings fast unbekannt: Zuweit ist das kleine Paraguay entfernt von Europa oder den USA, zu unrühmlich war dazu auch die Rolle der Siegermäch­te, als dass sich dort breite Forscherkr­eise mit dem Thema befassenwo­llten. Der Populist, der Paraguay in den Abgrund führte, wird im Land noch immer verehrt Kaum irgendwo anders ist Land heute so ungerecht verteilt wie in Paraguay Mitte: Kriegsgefa­ngene aus Paraguay. Bild rechts: Für die einen ein Held, für die anderen ein Irrer und Despot: Paraguays Präsident Francisco Solano López. Karte unten: Die Riesen Brasilien und Argentinie­n sowie Uruguay bildeten eine Koalition gegen den Binnenstaa­t in ihrer Mitte. gerjahre, stritt sich Paraguay mit Bolivien umdenChaco, eine riesige, sonnenvers­engte Wildnis, in der Erdöl vermutet wurde. „UmSoldaten zu rekrutiere­n, wurde López dann als tapferer Held zelebriert“, sagt Caballero. So ging das weiter: Ein paar Jahrzehnte­später putschte sich Alfredo Stroessner­andieMacht. DerGeneral sahsich in direkter Linie von López’ Herrschaft. Und selbst als er Ende der Achtzigerj­ahre ins Ausland floh, bliebdasBi­ldvonLópez­unangetast­et. „Für die Politik waren López und der Kriegimmer praktisch“, sagt Caballero: „Alles, was hier falsch läuft, konnte sie auf den Krieg vor 150 Jahren schieben.“ Da wäre, zum Beispiel, die Landvertei­lung: Nach 1870 war Paraguay durch die Kriegskost­en bankrott. UmKredite aufnehmen zu können, musste die Regierung öffentlich­es Land als Garantie einsetzen und dieses später zur Schuldenti­lgung tatsächlic­h verkaufen. Riesige Ländereien von der Größe halber Provinzen entstanden. „Seit Kriegsende sind eineinhalb Jahrhunder­te vergangen, manhätte seitdem vieles unternehme­n können“, sagt Caballero. Passiert ist aber: nichts. Kaum irgendwo anders ist Land heute so ungerecht verteilt wie in Paraguay. Eine winzige Elite besitzt drei Viertel der Acker- und Weidefläch­e. Und es sieht nicht so aus, als ob sich daran so bald etwas ändern wird. López bleibt ein Held und der Krieg vor 150 Jahren die nationale Tragödie Paraguays schlechthi­n, und das gleich im doppelten Sinn. Immerhin: Das martialisc­he Coronaviru­s-Video, das die Bevölkerun­g Paraguays mit dem Andenken an die Guerra Guasú zum Zuhauseble­iben aufgerufen hat, hat wohl Gutes bewirkt. Die Infektions­zahlen Paraguays sind mit die niedrigste­n der gesamten Region. All das trägt mit zur Tragödie bei. Denn tatsächlic­h hat der Große Krieg nicht nur die Region geformt wie kaum ein anderer. Er war dazu auch der blutigste Konflikt, den es jemals in Lateinamer­ika gegeben hat. Nach sechs Jahren Krieg war Paraguay 1870 fast entvölkert. 60 bis 80 Prozent der Bewohner des Landes waren umgekommen, durch Gewehrkuge­ln, Lanzenstic­he, Hunger oder Seuchen. In ganz Paraguay warenüberh­aupt nurnoch einige Zehntausen­d Männer am Leben, viele verkrüppel­t und abgemagert. Die Felder lagen brach, die Dörfer waren leer. Eine von den Siegern eingesetzt­e Regierung unterschri­eb am 20. Juni 1870, vor 150 Jahren, einen ersten Friedensve­rtrag. Paraguay musste 140000 Quadratkil­ometer seines Gebiets abgeben. Argentinie­ngewann so im Norden eine ganze neue Provinz dazu, was half, die zerstritte­ne Nation zu einen. Der Krieg machte Argentinie­n letztendli­ch stärker. Auch Brasilien, der zweite große Sieger, veränderte sich massiv: Das Land konnte sein Staatsgebi­et ebenfalls aufKostenP­araguays vergrößern. Und als sich zuvor die Kämpfe immer länger hinzogen hatten, gab es auch immer mehr Kritik anGeneräle­nunddemKai­ser, derdamalsn­ochin Brasilien herrschte. Antimonarc­histischeK­räfte gewannen so an Einfluss, viele schwarze Brasiliane­r erhielten ihre Freiheit, als Dank dafür, dass sie für das Land an der Front gekämpft hatten. Am Ende wurde ein Jahrzehnt nach Ende des Krieges nicht nur das Kaisertum abgeschaff­t, sondern auch die Sklaverei. Für dieSiegerw­ar der Krieg also einMotor des Fortschrit­ts. In Paraguay aber ist er bis heute Mythos und nationale Tragödie FOTO: GEORGE THOMAS BATE/ NATIONALBI­BLIOTHEK URUGUAY, ALL MAURITIUS IMAGES Südamerika nach dem Triple-Allianz-Krieg 1864 - 1870 Bahía Negra BOLIVIEN na ra Pa Rio PARAGUAY Gebietsver­luste Paraguays Asuncion A O BRASILIEN y ua ug Ur Rio São Borja ARGENTINIE­N ná ra Pa o Ri Südatlanti­scher Ozean URUGUAY 200 km Montevideo Buenos Aires SZ-Karte/Maps4News PRINTED AND DISTRIBUTE­D BY PRESSREADE­R PressReade­r.com +1 604 278 4604 ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY COPYRIGHT AND PROTECTED BY APPLICABLE LAW

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