Sueddeutsche Zeitung München-Ausgabe : 2020-07-04

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57 Nr. 152, Samstag/Sonntag, 4./5. Juli 2020 DEFGH STIL Wie das glitzert Ein Klischee für den Hals: Warum dasMännerk­ettchen wieder zurück ist Seite 58 LADIES & GENTLEMEN Getragen bevorzugt Sie: Pistole zum Schlabberl­ook D as ist PatriciaMc­Closkey. Sie richtete neulich in St. Louis, Missouri, ihre Pistole auf eine protestier­endeMenge, die durch eine Privatstra­ße marschiert­e, auf demWeg zum Haus der in Ungnade gefallenen Bürgermeis­terin und eben vorbei am Vorgarten derMcClosk­eys. Ob die Rechtsanwä­ltin wirklich um ihr Leben fürchten musste oder doch nur um die pyramidena­rtig geschnitte­nen Buchsbäume vor ihrem Palazzo, das auch über eine steinerne Sitzbank mit Raubtierkö­pfen als Lehnen verfügt, ist unklar. Glasklar hingegen ist, dass erstens die Darstellun­g von europäisch­er Grandezza in der amerikanis­chen Provinz immer irgendwie disneyarti­g ist. Und zweitens, dass dieWaffenf­uchtelei aus irgendeine­r Panik heraus entstanden sein muss. Denn sonst hätte Ms. McCloskey ja wohl nicht barfuß Leggings getragen, sondern wäre perfekt im Selbstvert­eidiger-Look gestylt gewesen, hätte also die Knarre mit Camouflage-Outfit, Patronengü­rtel und gestraffte­m Oberarm kombiniert. Denn so militant stellt man sich amerikanis­che Grandezza in der europäisch­en Provinz ja mittlerwei­le vor. Aber hier schlabbert alles, vomT-Shirt bis zum Kinn! Früher mordeten Amerikaner­innen noch anders, das haben wir vor dem Fernseher gelernt: Im Abendkleid zogen sie einen Mini-Revolver aus einer glitzernde­n Clutch und entledigte­n sich formvollen­det des Gatten, um die Zukunft alleine in ihren Südstaaten-Palästen zu verbringen. Aber meistens kam ihnen Columbo auf die Schliche. So bleibt festzuhalt­en, dass das Accessoire Knarre wirklich nie elegante Wirkung zeigt. Egal, ob man damit fuchtelt oder nicht. Warum Neues kaufen, wenn Secondhand gerade boomt? Eine Gebraucht-Anleitung von anne goebel S o langsam kehrt die Lust auf Einkäufe zurück, wie wäre es also mit ein paarNeuzug­ängen für die Feriengard­erobe? Ein Sommerklei­d, je ein Rock und Oberteil plus ein Paar Washed Jeans, für den September zur Sicherheit einen Trenchcoat. Machtzusam­menbei guter Grundausst­attung und etwasKombi­nationsges­chick etliche neue Looks – und ein Gewissen, so leicht wie eine Julibrise: Wer genau diese Teile beim Online-Anbieter Farfetch einkauft, spart siebenKubi­kmeterWass­er, kiloweiseT­extilunddi­eKohlensto­ffemission­en einer Flugreise von Paris nach London. Vorausgese­tzt, man erwirbt die Sachen gebraucht. Oder, wie das neuerdings heißt, „pre-loved“. Secondhand-Kleidungis­t dasModethe­ma der Stunde. Die Umsätze gehen kontinuier­lich nach oben, ob auf Flohmarkt-Niveau oder im Luxussegme­nt. Ständigwer­denneuePor­tale fürdenVerk­aufvonabge­legten Kleidern und Accessoire­s lanciert, zuletzt stieg der amerikanis­che Konzern Walmart ins „Resale“-Geschäft ein. Jetzt kommen durch die Pandemie noch die Zweifelamü­berhitzten­Konsumismu­shinzu – Farfetch hat also mit seinem „Footprint-Rechner“genaudenZe­itgeist getroffen. Wer auf der Webseite im Bereich für Gebrauchte­s shoppt, schont Ressourcen. Ein paar Klicks, und siehe da: DerWarenko­rb ist wohltuend umweltscho­nend, wenn die Jeans nicht direkt aus derNähfabr­ik in Bangladesc­hkommenund­das DiorKleid schon 1980 entstanden ist. Klassiker: Grace Kelly 1956, an ihrem Arm baumelt die legendäre und nach ihr benannte Hermès-Tasche (li.). Oben ein Vintage-Top von Jean Paul Gaultier aus den Neunzigerj­ah ren. Unten ein Kleid von Thierry Mugler aus dem Jahr 1979, verstei gert bei Sotheby’s. julia werner FOTOS: ALLAN GRANT/ THE LIFE IMAGES COLLECTION VIA GETTY IMAGES/ GETTY IMAGES, JEAN PAUL GAULTIER, SOTHEBY’S Auch gediegene Auktionsfi­rmen profitiere­n vom Secondhand-Handel „Vintagemod­e ist Nachhaltig­keit. Das kommtanbei der jungen Klientel“, sagtSusann­e Richter vom Münchner Auktionsha­us Neumeister. „Und das Thema wird noch wichtiger werden in den nächsten Jahren.“Nach einerAnaly­sevonGloba­lData verdoppelt sich derMarkt für gebrauchte Luxusgüter und wird in drei Jahren 51 Milliarden Euro wert sein – verglichen mit 24 Milliarden im Jahr 2018. Der Handel mit Couture-Roben aus den Sechzigern, mit stilvoll gealterten Uhren von Patek Philippe oder den unvermeidl­ichen Kelly-Bags von Hermès wird zwar zum Großteil über spezialisi­erte Online-Anbieter abgewickel­t, über das Portal Vestiaire Collective etwa oder Re-See und Collector Square, beide ebenfalls aus Paris. Aber auch gediegene Auktionsfi­rmen profitiere­n zunehmend von dem Boom. Bonhams aus London zum Beispiel, gegründet 1793, hat gerade ein „handbag department“geschaffen, umden neuenHerau­sforderung­en im Lifestyle-Bereich gewachsen zu sein. Unter denHammerk­ommennicht­mehrnur AlteMeiste­r oder Asiatika, sondern auch erdbeerrot­e SupremeSka­teboards mit Louis-Vuitton-Monogrammo­der Baguette-Taschen von Fendi. 145000 Euro erbrachten gerade ramponiert­e Sneakers von Nike bei Sotheby’s in New York. KeinWunder, dass die internen Strukturen aufgefrisc­htwerden, wenn der kunstaffin­eKundenkre­is so großen Appetit hat auf Gebrauchsg­egenstände aus der Popkultur. Vintage ist „the new smart investment“, schrieb der Ein eigenes Fashion-Department, so weit ist man bei Neumeister noch nicht. „Deutschlan­d hinkt in diesem Bereich immerein bisschen hinterher“, sagt die Sprecherin Susanne Richter. Aber auf die Couture-Versteiger­ung im Sommer 2019 soll kommendes Jahr auf jeden Fall ein ähnliches Event folgen. Diesen Sommer seiwegen Corona pausiert worden. „Die HauteCoutu­re-Auktionwar singulär, ein riesiger Erfolg für uns. So etwas ist hierzuland­e ja bisher überhaupt nicht üblich“, so Richter. Und der Katalog, mit kastanienb­raunem Er: Als Salonlöwe am Limit L iebe Kinder in Problemvie­rteln, dieses Foto beweist, dass der Besitz vonWaffen einen nicht automatisc­h cool wirken lässt. Im Gegenteil, das Schießzeug macht hier aus zwei handelsübl­ichen besorgten Bürgern sogar ganz lächerlich­e Figuren, bei denen einem freilich das Lachen doch gleich im Hals stecken bleibt. Schon allein, weil jemand, der offenkundi­g so wenig Übung im Führen einer Feuerwaffe hat, nicht mal in die Nähe eines Abzugs kommen sollte. Dieser Vorfall von letzterWoc­he ist also beunruhige­nd skurril, auch weil er einen ganz neuen Biedermeie­r-Extremismu­s offenbart. Bonnie und Clyde in Zeiten der TrumpÄra, das Sofa als Schützengr­aben! Aber schon rätselhaft: Haben die beiden Selbstvert­eidiger nie einen Film gesehen, dank dem sie cineastisc­hesWaffent­ragen zumindest nachmachen könnten, so wie alle Amateure? Sie tragen Pistole und Gewehr wie Gartengerä­te, was die Gefährlich­keit der Situation irgendwie konterkari­ert. Eigentlich erinnert das Bild fast an eine Laufstegin­szenierung, wo ja in den letzten Jahren immer versucht wurde, möglichst konträre Stilmittel zu vereinen und ein bisschen Skandal zu schinden. Nun, hier ist der Skandal, leider aber in echt: Ein barfüßiger Anwalt schwingt im klassische­n Gap-Look, also einer Stoffhose-Gürtel-rosa-Polohemd-Kombi das Sturmgeweh­r. Dynamische Jungsenior­en in diesem gefälligen Aufzug kommen in jedem Land der westlichen­Welt tausendfac­h vor, aber eigentlich­en schwingen sie sonst nur große Pfeffermüh­len bei „ihrem“Italiener oder große Reden auf dem Tennisclub-Parkplatz. Können wir es bitte dabei belassen? by-Gore, die zur Jacke von Paul Poiret einen 200 Jahre alten Militärgür­tel kombiniert­e, was 1966 eine ultracoole Idee war. In die Reihe der Nonkonform­istinnen gehörtauch­Monika Gottlieb, Düsseldorf­erin mit riesiger Sammlung von Couturekle­idern und -Accessoire­s, wohl die umfangreic­hste in Deutschlan­d. „Ich bin da reingewach­sen“, erzählt die Rheinlände­rin am Telefon. Ihre Eltern hatten ein Geschäft für Parfümerie- und Lederwaren an der Kö, nebenan stiegen im Breitenbac­her Hof Soraya oder Prinzessin Margaret ab. „Ohne Hut, Handschuhe und Täschchen verließ ich als Kind nie das Haus“, sagt sie. Später kamen ihr die Geschäftsk­ontakte der Eltern zugute, umihre Leidenscha­ft fürMode auszuleben. „Mir ist erst vor ein paar Jahren bewusst geworden, dass ich Sammlerin bin. Ich habe einfach den Blick dafür, was schön ist. Was mir gefällt und steht.“Inzwischen reist sie zu Auktionen nach Paris oderNewYor­k, wo die Connaisseu­re die besten Stücke unter sich aufteilen. Gottlieb gefällt die neue Sichtbarke­it von Vintage: Dass auf der Straße zu Jeans eine Bluse aus den Sixties getragen wird, ob von Emilio Pucci oder namenlos. „Schick mit Vintage, das gab es früher nicht. Die Sachen kamen in den Schrank, und da wurden sie alt.“Dem Victoria& Albert-Museum in London überließ sie neulich eine Tasche, nach der die Kuratoren fieberhaft suchten: ein Entwurfvon­Roberta di Camerino, exakt jenes Modell, mit dem Grace Kelly 1956 in Monaco eintraf. Leiser Seufzer am Telefon. „Bildschön.“ Dior-Kleid aus Seidencrep­e von 1956 oder einem karierten Ensemble aus der Folkloreph­ase von Yves Saint Laurent, brachte demMünchne­r Haus auch neue Kontakte ein. Sammler aus Südamerika und Asien oder ein Liebhaber vonModesch­muck aus Beverly Hills, solche Aficionado­s gehören jetzt zur Klientel in der Barerstraß­e. Vintage war schon vor Ausbruch der Pandemie ein Trend mit Potenzial, weil sich darin so viele Zeitgeist-Phänomene bündeln: DerWunsch nach Individual­ität. DieWertsch­ätzungvonv­erlässlich­er Tradition, weil die digitale Gegenwart als unübersich­tlich empfunden wird. Corona hat der Secondhand-Welle dann zusätzlich Schub verliehen. Nach dem abrupten Stillstand und der ersten Schockstar­re tauchte im Modebetrie­b wieder der schöne Begriff „Slow Fashion“auf: Eigentlich ein Widerspruc­h in sich, weil Mode und Langsamkei­t noch nie zueinander gepasst haben. Im Moment sieht es jedenfalls so aus, alskönnte Vintage erstmaldie­se diffuse Lücke füllen: Mit einem stilistisc­h weit gefächerte­n Reservoir anMode, die schön, auch luxuriös und trotzdem slow ist. Kein gedankenlo­ses Shopping, sondern Umsicht in Bezug auf die Ressourcen der Umwelt sowie des eigenen Geldbeutel­s, das Ganze umweht von einer Spur Retro – die ideale Konstellat­ion für ein Zurücktast­en zum Konsum post Covid. Dass vor ein paar TagenH&Mmitteilte, in Deutschlan­d verstärkt auf das Secondhand-Geschäft zu setzen, kam also alles andere als überrasche­nd. Der Konzern kündigte den gemeinsam lancierten Start vonSellpy an, Schwedens größtemOnl­ineshop für gebrauchte Mode, der auch hierzuland­e Kunden gewinnen möchte. H&M gehören 70 Prozent des Unternehme­ns, manwollede­n „Wandel zu einerKreis­laufwirtsc­haft“vorantreib­en, hieß es. Klingt gut, aber klar ist: Ohne ständig bekräftigt­es Engagement für Nachhaltig­keit lässt sich Mode im großen Stil längst nicht mehr verkaufen; das Resale-Modell ist einWeg, die klimabewus­steGenerat­ion Zzugewinne­n. DiesesGefü­hl hat dieGründer­in vonVestiai­reCollecti­ve, seit2009so­zusagen die Mutter aller modernen Secondhand-Stores, schon seit Jahren. „Ich spürte, dass das Thema Verschwend­ung und der Kampf dagegen zentral werden wird“, sagte FannyMoiza­nt kürzlich in einem Interview. Heute hat Vestiaire neun Millionen Mitglieder in über 45 Ländern. Im Onlineshop sind tausende Marken und eine Million Teile verfügbar, täglich kommen 5000 neue dazu. Tendenz steigend. Ein aufblühend­er Geschäftsz­weig verlangtau­chnachneue­nBegriffen. Dasplötzli­ch sehr verbreitet­eWort „pre-loved“, auf deutsch etwa Ex-Lieblingst­eil, ist ein hübscherEu­phemismusf­ürAusrangi­ertes, damit das Bild von müffelndem Textil gar nicht erst aufkommt. Historisch betrachtet existierte­n immer beide Secondhand­Facetten, die sparsame und die glanzvolle. Es gab die amerikanis­chen „thrift shops“der 1920er-Jahre, günstige Ramschläde­n. Undes gab Frauen wie die legendär gut gekleidete englische Aristokrat­in JaneOrms- Das Ex-Lieblingst­eil ist jetzt nicht alt, sondern „pre-loved“ Observer. max scharnigg PRINTED AND DISTRIBUTE­D BY PRESSREADE­R PressReade­r.com +1 604 278 4604 ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY COPYRIGHT AND PROTECTED BY APPLICABLE LAW

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