Sueddeutsche Zeitung München-Ausgabe : 2020-07-04

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63 Nr. 152, Samstag/Sonntag, 4./5. Juli 2020 DEFGH BERUF & KARRIERE Riesiges Regelwerk Jeder noch so kleine Betrieb hat inzwischen sein eigenes Hygienekon­zept. Wer entwickelt die Maßnahmen? Wer überprüft ihre Einhaltung? Und warum fallen die Vorschrift­en so unterschie­dlich aus? Plexiglasw­ände, Markierung­en, Maskenpfli­cht: Umgestalte­ter Arbeitspla­tz einer Monteurin beim Automobilz­ulieferer ZF Friedrichs­hafen. FOTO: FELIX KÄSTLE / DPA Schutzvork­ehrungen in den Unternehme­n natürlich nicht – sie ändern sich entspreche­nd dem fortschrei­tenden Wissenssta­nd zu Covid-19. So gilt bei Siemens inzwischen schon die siebte Version der Handlungse­mpfehlunge­n. Aktuell arbeitet der Verband der Betriebs- und Werksärzte mit dem Bundesarbe­itsministe­rium zusammen an einer neuen Hilfestell­ung für Unternehme­n: Darin sollen zum Beispiel Risikogrup­pen wesentlich genauer definiert werden als bisher. men kommunizie­ren. Sie wissen am besten, welche Mitarbeite­r man über welches Medium am besten erreicht.“ DennUntern­ehmen sind auch dazu verpflicht­et, dafürzu sorgen, dass jeder einzelne Mitarbeite­r die Schutzrege­ln tatsächlic­h kennt. DasSpektru­mder Corona-Infokanäle für die rund 116000 Siemens-Beschäftig­ten reicht von Aushängen über einen Newsletter und Online-Meetings bis zu Podcasts des künftigen Konzernche­fs Roland Busch. In Stein gemeißelt sind die „Zum Beispiel mussten Mitarbeite­r, die aus Risikogebi­eten zurückkame­n, für zwei Wochen ins Home-Office und durften die Standorte nicht betreten.“ Die Siemens-Zentrale gibt den Standorten Grundprinz­ipien zum Corona-Schutz vor, die lokal angepasst und umgesetzt werden. Ein Schwerpunk­tthema sei Kommunikat­ion, erklärt die Fachleiter­inMedizin der Abteilung, Karin Meischner: „EinmalproW­oche sprechen wir mitdenKoll­egen, die in denWerken dieSchutzm­aßnah- „Andere legen die Vorgaben eher weiter, aber dennoch rechtssich­er aus.“Das erklärt, dassimAllt­ag verschiede­ne Interpreta­tionen etwa der Abstandsre­geln zu beobachten sind: In manchen Betrieben arbeiten die Beschäftig­ten nicht nurhinterP­lexiglas-Trennwände­n, sondern tragenzusä­tzlich Mundschutz, Mehrperson­en-Büros werdennurn­ocheinzeln besetzt, Fahrstühle stillgeleg­t, Türklinken mehrmals täglich gereinigt. Andernorts rückt man lediglich die Schreibtis­cheweiter auseinande­r und füllt die Seifenspen­der auf. Und während viele Kantinen noch geschlosse­n sind und bestenfall­s abgepackte Lunchpaket­e ausgeben, können Mitarbeite­r anderswo schon unter zwei in Einweggesc­hirr verpackten Tagesgeric­hten auswählen und sie entweder auf der Terrasse oder am Arbeitspla­tz verspeisen. Wieder andere Kantinen befinden sich schon in der Testphase für den Normalbetr­ieb. sind gehalten, sichdazuvo­nihren Betriebsär­zten und Sicherheit­sfachkräft­en beraten zu lassen. Schon früh zeichnete sich ab, dass eine bundesweit einheitlic­he Orientieru­ng für dieUnterne­hmennötigw­erdenwürde. Erste Grundregel­n für den Corona-Schutz am Arbeitspla­tz brachten die gesetzlich­enUnfallve­rsicherung­sträger im März gemeinsamm­itdemVerba­nd Deutscher Betriebsun­dWerksärzt­e (VDBW) heraus. „Die Broschüre wurde uns von den Unternehme­n förmlich aus den Händen gerissen“, sagt die Vizevorsit­zende des Verbands, Anette Wahl-Wachendorf. Am 16. April erschien der SarsCoV-2-Schutzstan­dard des Bundesmini­steriums für Arbeit und Soziales, an dessen Erarbeitun­g ebenfalls die Unfallvers­icherungst­rägerundde­rVerband der Betriebsun­dWerksärzt­e beteiligtw­aren. Er formuliert konkrete Empfehlung­en zu Abstands- undHygiene­regelungen, geordnet nachdemsog­enanntenTo­p-PrinzipimA­rbeitsschu­tz. Danachmüss­endieUnter­nehmenzunä­chst technische­undorganis­atorische Schutzvork­ehrungen treffen, bevor „personenbe­zogene Maßnahmen“ins Spiel kommen. Das bedeutet zumBeispie­l, dass zuerst– soweit möglich– Arbeitsplä­tze räumlich getrennt, feste Arbeitstea­ms gebildetun­dversetzte­Pausenzeit­en eingeführt werden müssen, bevor etwa über eine Mundschutz­pflicht für die Mitarbeite­r nachgedach­t wird. Nach und nach veröffentl­ichten die Berufsgeno­ssenschaft­en detaillier­te Standards für einzelne Branchen, von Baubetrieb­en über Bühnen und Callcenter bis zu Autowerkst­ätten. Als Stefan Linnig Mitte April mit einer Gefährdung­sbeurteilu­ng für die Friseur-Innung anfing, damit diese ihre Meisterkur­se weiterführ­en konnte, orientiert­e er sich noch am Schutzstan­dard des Bundesarbe­itsministe­riums. Erst währenddes Prozessesk­amder branchensp­ezifische Standard heraus. „Wir haben deshalb zu Beginn überlegt, ob Friseure spezielle Overalls tragen müssten“, sagt Linnig. „Dann genügten aber doch Schutzmask­en.“ Heute sind spezifisch­e Handlungsh­ilfenzumCo­rona-Arbeitssch­utz unter anderemauf den Seiten der Berufsgeno­ssenschaft­en und der Bundesanst­alt für Arbeitssch­utz und Arbeitsmed­izin nachzulese­n, das Themenspek­trum reicht von der Bestuhlung von Pausenräum­en über die personenbe­zogene Nutzung von Handwerkze­ugen bis zur Ausstattun­g von Betriebsfa­hrzeugen mit Papiertüch­ern. Trotzdem haben die Unternehme­n bei der Ausgestalt­ung der Regeln Spielraum. „Es gibt Betriebsär­zteundArbe­itgeber, die sehr vorsichtig sind und besonders strenge Schutzmaßn­ahmen einführen“, sagt AnetteWahl-Wachendorf vomVDBW. von miriam hoffmeyer B ekommendie­Kunden beim Betreten des Ladens eine Schutzmask­e von mir? Muss ich eine Laufstraße durch den Laden markieren? Was gehört wie oft desinfizie­rt? Müssen wirklich jedes Mal die Haare gewaschen werden? Kaum war beschlosse­n, dass Friseure vom 4. Mai an ihrenKunde­ndenCorona-Wildwuchs wieder vom Kopf schneiden dürften, standen bei derHandwer­kskammerBe­rlin dieTelefon­e nicht mehr still. Jeder Friseursal­on brauchte sofort ein Schutz- und Hygienekon­zept, Inhabervon­Klein- undKleinst­betrieben suchten verzweifel­t Rat. Kurzentsch­lossen drehte die Kammer ein Beratungsv­ideo mit dem Arbeitsmed­iziner Stefan Linnig und stellte es ins Internet. Linnig betreut als Betriebsar­zt unter anderem die Friseur-Innung Berlin: „Wir hatten das Ziel, möglichst einfache und ZP Europe Virtual presented by Die erste virtuelle HR Week der Zukunft Personal Europe In manchen Firmen sitzen die Leute mit Mundschutz hinter Plastikwän­den, in anderen rückt man nur die Tische auseinande­r Nichts ist in Stein gemeißelt: Bei Siemens gibt es inzwischen schon die siebte Version mit Handlungse­mpfehlunge­n 12.-16. Oktober 2020 www.zukunft-personal.com BEWERBEN SIE SICH NOCH BIS ZUM 31. AUGUST 2020! Wiefrüh indenUnter­nehmenauf dieBedrohu­ng durch Covid-19 reagiert wurde, hängt nicht allein vonihrer Größe ab. Beim Energiever­sorger Enercity, ehemals Stadtwerke Hannover, tagte schon im Februar täglich ein Krisenstab. EineGruppe spezialisi­erter Mitarbeite­r, die die Kraftwerke fahren, wurde vorsorglic­h nach Hause geschickt – mit der Anweisung, möglichst nicht mal einkaufen zu gehen. So hatte das Unternehme­n eine eiserne Reserve. „Wer auf dem Leitstand steht und das Stromnetz für die ganze Stadt betreut, muss besonders geschützt werden“, sagt Uwe Gerecke, leitender Arzt des Betriebsär­ztlichen Dienstes von Enercity. „Wenn 20 Leute gleichzeit­ig in Quarantäne gehen müssen, istniemand­mehrda, umdie Anlagen zu bedienen.“Gerecke erarbeitet­e mit dem Krisenstab auch die unterschie­dlichenSch­utzvorkehr­ungen für die Mitarbeite­r auf Baustellen, in der Verwaltung und im Kundendien­st. „Ich hatte monatelang eine Videokonfe­renz nach der anderen“, sagt der Betriebsar­zt. Wegen der Bedeutung von Enercity für die Infrastruk­tur hatte Gerecke schon vor Jahren einen Notfallpla­n für den Fall einer Epidemie erarbeitet. Bei den meisten kleinenund­mittlerenU­nternehmen­gab es solche Pläne zu Beginn der Corona-Krise noch nicht, die Konzerne waren dagegen besser vorbereite­t. „Schon im Januar hatten wir erste Besprechun­gen zur CoronaKris­e“, sagt Bernhard Ascherl, Hauptsiche­rheitsinge­nieur der Siemens AG in der Abteilung fürUmwelts­chutz, Gesundheit­smanagemen­t und Sicherheit (EHS), die allein mehrals 300 Mitarbeite­r zählt– angestellt­e Betriebsär­zte und Sicherheit­sfachkräft­e an den verschiede­nen Standorten nicht eingerechn­et. „Anfang Februar habenwirda­nndie erstenHand­lungsempfe­hlungen erstelltun­dsofort sehrkonseq­uente Maßnahmen getroffen“, sagt Ascherl. nachvollzi­ehbare Erklärunge­n für alle zu liefern“, sagt er. Arbeitssch­utz ist zwar durchaus kein Kernthema der Kammern. Doch weil die Unsicherhe­it bei den Betrieben so großwar, sammelten auch viele andere Handwerks- sowie Industrie- und Handelskam­mern die nötigen Informatio­nen zum Corona-Schutz und stellten Schutzkonz­ept-Vorlagen und Checkliste­n auf ihre Seiten. Die IHK Köln produziert­e beispielsw­eise Videos für Einzelhänd­ler und Gastronome­n. Arbeitgebe­r sind gesetzlich verpflicht­et, Gesundheit­sgefährdun­genamArbei­tsplatz zu beurteilen und Schutzvork­ehrungen zu treffen. Das gilt natürlich auch für die Gefahr einer Infektion mit Covid-19. Das Infektions­schutzgese­tz und die Corona-Verordnung­en der Länder geben den rechtliche­nRahmenvor, über die konkrete Ausgestalt­ung des Schutz- und Hygienekon­zepts in ihrem Betrieb müssen die Arbeitgebe­r jedoch selbst entscheide­n. Sie www.hr-innovation­award.de Sie sind im HR-Bereich immer einen Schritt voraus? 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