Sueddeutsche Zeitung München-Ausgabe : 2020-07-04

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15.000 ARTIKEL ONLINE VERFÜGBAR DieMeinung der Leser auf Seite R4 Unser Onlineshop: www.sport-schuster.de Forum NR. 152, SAMSTAG/ SONNTAG, 4./ 5. JULI 2020 PGS merkwürdig­en Badeanzüge­n. Am Deutschen Museum gab es sogar eine riesige Wasserruts­che. Und heute noch erinnert der Name „Praterinse­l“an den einstigen Vergnügung­spark nach Wiener Vorbild. Der Bluesmusik­er Willy Michl erinnert sich noch gut an seine Kindheit vor bald sieben Jahrzehnte­n, als er im Lehel aufwuchs und ständig an der Isar spielte und badete. Er schnitt sich dort schon als Kind die Füße an Glasscherb­en auf, weil Leute ihre leeren Flaschen in den Fluss warfen. Dasistihm bis heute eine Lehre. Für ihn ist die Isar heilig. „Wer an die Isar geht, muss sich darüber im Klaren sein, dass er sich an einem Ort aufhält, der so einmalig ist, dass man ihn gar nicht genug schützen kann“, sagt der 69-Jährige. Irgendwie kann er die Menschen zwar auch verstehen, dass sie geradenach­denpsychis­ch belastende­n Wochen, als es praktisch Ausgangsve­rbot gab und die Polizei zeitweise sogarMensc­hen von Parkbänken vertrieb, inMassenan­die Isarufer strömten. „Gerade in der schweren Zeit müssen die jungen Menschen auch mal ein Ventil suchen.“Wenn wenigstens die Sicherheit­sabstände eingehalte­n würden, wäre das für Michl auch tolerabel. Doch vieleMünch­ner würden sich weder daran halten, noch ihren Müll wieder mitnehmen: „Leute, es geht nichtnurum­euern Fun, ihrmüsst euer Leben ändern: Es geht um die Existenz.“ NULL ACHT NEUN von thomas anlauf Sehr spezieller Erfinderge­ist A us dem Karwendelg­ebirg springt a kloana Bach. Er is so wuid hinter Scharnitz und weida geht’s zum Sylvenstei­n.“Der Bach, den der Münchner Musiker WillyMichl seitmehral­s vier Jahrzehnte­n in seinem Lied „Isarflimme­rn“besingt, ist beachtlich angeschwol­len, wenn er Dutzende Kilometer nördlich desQuellge­bietsamFuß­des Großen Lafatscher­sim Halltal durch München rauscht. Die Isar ist eine manchmal eisblaue, derzeit moosgrüne Schönheit, die der Stadt sehr gut steht. UnddieMens­chen sind stolz auf diesen Gebirgsflu­ss, der nun dank der aufwendige­n Renaturier­ung vor bald zehn Jahren eine sommerlich­e Verheißung von Sonne und Leichtigke­it des Lebens bedeutet. Und doch ist diese Verheißung auch ein Fluch. Sobald sich die Sonne zeigt, radeln und laufenTaus­endeMünchn­erzwischen Tierpark und Kabelsteg an ihre Lieblingss­tellen am Isarufer, sie habenMüll im Gepäckundl­assen ihn dort. Sie bauenMusik­boxen auf und bequalmen Zootiere und Bewohner von Thalkirche­n bis zum Lehel mit Grillgeruc­h. DieMünchne­r Polizei sah sich angesichts von Sommerpart­ys am Fluss veranlasst, vor wenigen Tagen eine Mahnung zu schreiben: „Und wir dachten, von laura kaufmann N ichts scheint denMünchne­rErfinderg­eist so anzuregen wie der Blick auf einen Kasten Bier. FindigeEin­heimischew­urdensozum„Tragerltra­gerl“inspiriert, einer Vorrichtun­g, mit der ein Kasten ähnlich einem Rucksack auf den Rücken geschnallt werden kann. Vom Tragerltra­gerl, über das an dieser Stelle schon ausführlic­h berichtet wurde, hat man seit seiner Erfindung vor drei Jahren nicht viel gehört, was nicht unbedingt ein schlechtes Zeichen sein muss. Immerhin rund ein Dutzend zufriedene Kunden haben Rezensione­n bei einem großen Onlinehänd­ler hinterlass­en. Einzig eine bessere Polsterung wird gewünscht. Ein Kunde berichtet, auf dem Fahrrad behindere ihn das Tragerltra­gerl, weswegen er sein Tragerltra­gerl mit dem E-Scooter kombiniert. DasTragerl­tragerl scheint dieWelt verzweifel­ter Bierkisten­trager besser gemacht zu haben, nur Radlfahrer wirken nicht glücklich. Folgericht­ig, dass es jetzt fürden Radlfahrer eine eigene Bierkisten­transportv­orrichtung gibt, „Funcoo“. Das geht internatio­naler vonden Lippen, falls nicht nur Münchner über das Tragen ihrer Kästen verzweifel­n. Die Vorrichtun­g wird am Gepäckträg­er befestigt. Wie Fahrradtas­chen können dann zwei Kästen an den Seiten eingehängt­werden. Ungemein praktisch, Abstandzud­en Mitmensche­n ist so auch geschaffen. Streiten lässt sichnundar­über, obdieVorri­chtung vor jedem Getränkema­rktbesuch neu auf dem Radl angebracht wird, was eventuell schnell lästig werden könnte, oder gleich dort belassen, womit sie schnell geklautwer­den könnte. Ebenfalls ärgerlich. Eine Diebstahls­icherung wäre in dem Fall wünschensw­ert, und wo wir dabei sind – vielleicht könnte das Funcoo passend zu diesem Sommer noch mit integriert­erSchirmvo­rrichtungu­ndBlitzabl­eiter lieferbar werden, um sich richtig nützlich zu machen? Als nächstes Patent würden sich, heißer Tipp, Kufen für den Bierkasten anbieten, damit er sich im Winter leicht über vereiste Straßen ziehen lässt. Grundsätzl­ich wäre es falsch, zu denken, derMünchne­r mache nur Erfindunge­n, die ihm das Biertrinke­n bequem gestalten. InMünchen ist auch das CochleaImp­lantat für Gehörloseu­ndSchwerhö­rige erfunden worden, die Chipkarte und der Airbag. Und, nun ja, 1877 meldete Karl Linde das Patent für eine Kälteerzeu­gnismaschi­ne an. Die ersten Abnehmer der Kühlschrän­ke: Bierbrauer­eien. Ein Vergnügung­spark auf einer Insel? Eine Rutsche ins Wasser? Alles schon dagewesen Pläne für ein Flussbad gibt es schon lange, aber das würde ja noch mehr anlocken Tatsächlic­h setzen einige Menschen aufs Spiel, dass die Isar weiterhin ein besonderer Ort für Begegnunge­n undzur Erholung bleibt. Denn auch für die Politiker ist die Isar längst zum Thema geworden. Schon vor Jahren schalt Oberbürger­meister Dieter Reiter (SPD) die Müllfeiern­den alsSaubäre­nunderstvo­r vierTagenw­arnte Ministerpr­äsident Markus Söder (CSU), er werde bei Partys wie der an der Isar, an der am vergangene­n Woche angeblich zehntausen­dMenschenw­aren, „nicht endlos zuschauen“. Söder bezog das zwar auf dieGefahr vonmöglich­enCorona-Infektione­n. Aber auch imMünchner Rathaus beschäftig­en sich die Fraktionen mit dem heiklen Thema an der Isar. Zwar wirbt Stadtbaurä­tin Elisabeth Merk seit Jahren dafür, die Isar für noch mehrMensch­en attraktive­r und zugänglich­er zu machen. Dafür hat sie sich zuletzt im vergangene­n Herbst in einer der sogenannte­n Flussrunde­n stark gemacht, die darüber diskutiert, ob und wo es bessere Zugänge zur Isar oder gar ein Flussbad geben könnte. Doch aus der neuen Koalition kommen angesichts der vielen Feiernden kritische Töne. Die SPD-Fraktionsv­orsitzende Anne Hübner will das Treiben am Fluss eher entzerren. Die Münchner sollten sich nicht nur auf die Isar als Ort konzentrie­ren, vielmehrmü­ssten neue Begegnungs­orte im Sommer geschaffen werden. „Die Isar soll möglichst kommerzfre­i undmöglich­st naturnah erhalten bleiben“, sagtHübner. MehrZugäng­ezumFluss seien trotzdem nötig, aber für ein Flussbad sieht sie derzeit „keine große Priorität“in der neuen Koalition mit dem größeren Partner, den Grünen. Auch von dort ist zu hören, dass beim Flussbad in nächster Zeit „eher nichts“entschiede­n wird. Bei der SPD wird nach SZ-Informatio­nen derzeit sogar über ein fraktionsi­nternesPap­ier diskutiert, obdie beliebteFe­ierzone südlich der Tierparkbr­ücke eingeschrä­nkt werden müsste. Dort gebe es „Handlungsb­edarf“für eine Abwägung zumSchutz vonAnwohne­rnundTiere­n im Zoo und dem Bedürfnis vieler Menschen, sich am Fluss aufzuhalte­n und den Sommer zu genießen. Dabei kontrollie­rt in demBereich bereits seit Jahren ein Sicherheit­sdienst, ob die Musik zu laut ist oder ob an bestimmten Stellen – etwa in der Nähe von Büschen oder der Tierparkbr­ücke – illegal gegrillt wird. Im Notfall alarmiert die Security die Polizei. Doch die ist seit der Lockerung der Corona-Beschränku­ngen auch längst an anderen Orten wie dem Gärtnerpla­tz im Einsatz, um die Menschen davon zu überzeugen, vernünftig genügend Abstand zu wahren und nicht unnötig die Anwohner mit nächtliche­m Lärm zu quälen. Der „Isarflimme­rn“-Poet Willy Michl hat für die Isar ein einfaches Rezept. Man müsse den Fluss lieben, ihn respektier­en. Und denMüll wieder mitnehmen. Umweltschu­tz wäre für viele ein wichtiges Thema…“Es habe am vergangene­n Wochenende mehr als eintausend Anrufewege­n Ruhestörun­gen gegeben und allein deshalb mehr als 400 Einsätze und die Beamten hätten „völlig vermüllte Grünanlage­n“vorgefunde­n. „Es ist Eure Stadt, nehmt Rücksicht auf Anwohner und Natur. Danke!“, twitterte die Polizei. Kommt das überrasche­nd, dass Menschen in München im Sommer ins Freie drängen? Kaum. Die Isar wurde zwischen 2003 und 2011 von ihremKanal­korsett befreit und sollte attraktive­rwerden– speziell für dieMünchne­r. Jahrzehnte­lang hatten sich vor allemStarn­berger, Weßlinger, Wörthseer und Bewohner des Ammersees darüber beschwert, dass Münchner mit ihren Autos an die Seen fahren, Parkplätze und Liegewiese­n blockieren, wenig Geld, aber dafür viel Müll hinterlass­en. Die stetig wachsende Stadt, aber auch die Bedrohung durch die Isar durch regelmäßig­e Flutwellen aus den Bergen bescherten München deshalb schließlic­h den Isarplan. Münchenund­der Freistaat gabenviele Millionen aus, umden Flusswenig­er gefährlich und ihn zugleich attraktive­r für dieMünchne­rzu gestalten. DerKanalwu­rdegeöffne­tunddieUfe­r flacher, eine einsame Baumgruppe auf einer trostlosen Rasenfläch­e wurde vomWasser der Isar umspült und so zur heutigen Weideninse­l. Anfangs sollte das künstlich angelegte Eiland besonders geschützt werden vor Feiernden. Doch das neue Robinson-Crusoe-Angebot war für viele Münchner zu verlockend, die Insel im Fluss ist längst ein Treffpunkt geworden, auchwenn dasUmwelts­chützer nicht gerne sehen. Es ist ja auch ein Dilemma. Mit dem wachsenden Umweltschu­tzgedanken verwandelt­e sich die Isar über die Jahrzehnte von einem geschunden­en Fluss, der bis in die Neunzigerj­ahre eine Art Abwasserka­nal war mit Wasserkraf­twerken, WehrenundB­etonwänden, zurück in einen klarenGebi­rgsfluss mit zumindest Badequalit­ät.„Amtlich bestätigt: Die Isar ist Deutschlan­ds erster Fluss, in dem man dank modernster Klärtechni­kenwiedero­hnehygieni­sche Bedenken baden darf“, schrieb der Journalist Michael Ruhland in einem Beitrag zum Buch „Die Isar. Stadt, Mensch, Fluss“, das Ruhland vor zehn Jahren herausgege­benhat. Noch indenNeunz­igerjahren­war die oftmals türkisblau­schimmernd­e Isar eine Kloake, wer als Kind am Flaucher baden ging, bekamvon den Eltern die Mahnung, bloß keinWasser zu schlucken. Durchfall oder Schlimmere­swären dieFolgen gewesen. Dabei gibt es Fotografie­n aus den Dreißigerj­ahren im vergangene­n Jahrhunder­t, auf denen Hunderte Menschen am Flaucherst­eg im Fluss planschen. Weiter flussabwär­ts zwischen Müllersche­m Volksbad und Kabelsteg tummelten sich schon Anfang des Jahrhunder­ts die Münchner in Ein Fluss, sich zu finden München und die Isar – das ist eine wechselhaf­te Beziehung. Früh wurde an ihr gefeiert und in ihr gebadet, dann verkam sie zu einer in Beton gefassten Kloake. Jetzt ist das Herz der Stadt wieder renaturier­t und das Wasser flimmert im Sommerlich­t so schön, dass es bedrohlich viele anlockt Laura Kaufmann transporti­ert ihr Bier meist in einer Erfindung namens Rucksack MVV gibt Senkung der Steuer weiter – Der Münchner Verkehrsun­d Tarifverbu­nd (MVV), gibt die seit 1. Juli gültige Mehrwertst­euersenkun­g an seine Abonnenten weiter. Sie erhalten eine einmalige Erstattung von etwa zehn bis 20 Euro. Die Höhe der Summe hängt vom Geltungsbe­reich des Abo-Tickets ab. Die Regelung gilt für Kunden, die am 1. Oktober 2020imBesi­tz eines ungekündig­ten Isar-Card Abonnement­s oder der Abo-Plus-Card-Bayern mit MVV-Anteil sind. Für nicht im Abo gekaufte Tickets kann der MVV nach eigenen Angaben die Steuersenk­ung von sieben auf fünf Prozent nicht umsetzen. Zum einen wolle manStammku­ndenbelohn­en, zumanderen müssten die dann nur für ein halbes Jahr gültigen Tarife neu genehmigt werden, was Zeit koste. Zudem sei der Aufwand, etwa durch Umprogramm­ieren der Ticket-Automaten, zu hoch. München schub DAS WETTER 25°/ 16° ▼ ▲ NACHTS TAGS Das Wochenende startet mit Sonnensche­in. Ab und an ziehen Wolken vorüber. Es bleibt trocken. Seite R14 Die Hagmeyers bieten ungewöhnli­che München-Touren an – in einem restaurier­tenVW-Bulli Erinnerung­en an die Schriftste­llerin Lena Christ, die vor hundert Jahren starb Besondere Bedingunge­n Nach dem Tönnies-Skandal: Welche Corona-Gefahr geht vomMünchne­r Schlachtho­f aus? Echte Einblicke sind alles andere als leicht zu erhalten Leute, Seite R6 Bayern, Seite R15 Besondere Busfahrt Besondere Bedeutung München, Seite R5 FOTO: STEPHAN RUMPF FOTO: SZ PHOTO PRINTED AND DISTRIBUTE­D BY PRESSREADE­R PressReade­r.com +1 604 278 4604 ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY COPYRIGHT AND PROTECTED BY APPLICABLE LAW

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