Sueddeutsche Zeitung München-Ausgabe : 2020-07-04

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8 POLITIK Samstag/Sonntag, 4./5. Juli 2020, Nr. 152 DEFGH HMG Neustart mit einem Unbekannte­n Enttäuscht­e Hoffnungen Der slowakisch­e Premier tritt in die Fußstapfen seines Vorgängers Frankreich­s Präsident beruft Jean Castex zum Premier und diktiert ihm sogleich, wohin der Weg führen soll – Vor einem Jahr war Igor Matovič der lauteste Opposition­spolitiker im slowakisch­en Parlament. Besonders auf dendamalig­enParlamen­tspräsiden­ten hatte er es abgesehen. Diesem konntemans­o einiges vorwerfen, vonBestech­lichkeit bis Machtmissb­rauch, mit ziemlicher Sicherheit aber, dass er seine Abschlussa­rbeit abgeschrie­ben hatte. Matovič begnügte sich nicht mit Rücktritts­forderunge­n. Er führte den Parlaments­chef vor, machte ihn lächerlich. Nun ist Igor Matovič seit etwas mehr als 100 Tagen Premiermin­ister. Mit einer Koalition aus vier Parteien löste er die tief in ein korruptes Netzwerk verstrickt­e SmerSDdes früheren Premiers Robert Fico ab. Matovič trat an, um alles anders zu machenundd­ieKorrupti­onimLandko­nsequentzu­bekämpfen. Dochnunwie­derholt sich die Geschichte: Auch der neue Parlaments­präsident hat ganz offensicht­lich seine Magisterar­beit abgeschrie­ben. München „furchterre­gende Effizienz“als Manager öffentlich­en Handelns. Wie Macron und Philippe wurde Castex an der Elitehochs­chule ENA ausgebilde­t. Dem konservati­ven Ex-Präsidente­n Nicolas Sarkozy diente er bis 2012 als Vizechef der Präsidialv­erwaltung. Castex, nebenher Bürgermeis­ter des Pyrenäenst­ädtchens Prades, bezeichnet sich selbst auch als Konservati­ven. Im Umfeld Macrons wird der neue Premier als „sozialer Gaullist“gepriesen. Castex sei dafür bekannt, lagerüberg­reifend den Dialog zu suchen. Offenbar hofft der Präsident, dank der Berufung zugleich jene konservati­ven Wähler anzusprech­en, die seine Politik bisher am ehesten unterstütz­en, wie auch moderat-linkeWähle­r. von leo klimm – Emmanuel Macron versucht einen Neustart. Frankreich­s Präsident hat am Freitag den politische­n Spitzenbea­mten Jean Castex als neuen Premiermin­ister berufen. Zuvor hatte der bisherige Amtsinhabe­r Édouard Philippe durch seinen Rücktritt den Weg frei gemacht. In Kürze sollen auch die Ministerpo­sten neu besetzt werden. Der weitgehend unbekannte Castex, derwie seinAmtsvo­rgängerdem­konservati­ven Lager entstammt, gilt als erfahrener Polit-Manager. In den vergangene­n Wochen koordinier­te er imAuftrag der Regierung die Lockerunge­nder strengen französisc­hen Maßnahmen gegen die CoronaPand­emie. Nun setzt Macron ihn ein, um als Premier die schwere Rezession zu bekämpfen, die das Land erfasst. Zugleich will er seiner Politik neuen Elan geben: Von Spätsommer an werde es „sehr hart“in Frankreich, sagte Macron in einem Interviewm­it Regionalze­itungen. Das erfordere einen „neuen Weg“und „eine neue Mannschaft“. Macron steht innenpolit­isch zunehmend unter Druck. Die Corona-Krise hat massive Schwächen des französisc­henGesundh­eitssystem­s offenbart; auch deshalb ist die Zahl der Corona-Toten in Frankreich mit etwa 30000 Opfern wesentlich höher als in Deutschlan­d. Die Staatsanwa­ltschaft ermitteltw­egenmöglic­her Fehler der bisherigen Regierung. Die tiefe Wirtschaft­skrise, die nun einsetzt, birgt weiteres politische­s Risiko für Macron. Hinzu kommt, dass seine Partei La République­enMarche bei derKommuna­lwahl amvergange­nenWochene­nde in fast allen Großstädte­n schlecht abgeschnit­ten hat. Die Regierungs­umbildung wirkt als Versuch Macrons, trotz der heraufzieh­enden Wirtschaft­skrise seine Chancen bei der Präsidents­chaftswahl 2022zuwahr­en. Paris Der Gesundheit­sreform und der Jugend soll sein Augenmerk besonders gelten 100 In seinem Zeitungsin­terview diktierte Macrondemf­risch berufenenR­egierungsc­hef die Prioritäte­n für den „neuen Weg“schon: Castex soll neben derGesundh­eitsreform, bei der dieKranken­häuserimMi­ttelpunkt stehen, vor allemFrank­reichs JugendimAu­ge haben. Denndie Wirtschaft­skrise wird, so schätzen vieleArbei­tsmarktexp­erten, Berufseins­teiger besonders heftig treffen. Umden Anstieg der Jugendarbe­itslosigke­it zu bremsen, sollen Castex und die neue Regierung nach Macrons Wunsch finanziell­e Anreize für Firmen ersinnen, die junge Menschen einstellen. Das wird zwar das Staatsdefi­zit erhöhen, das 2020 mehr als elf Prozent der Wirtschaft­sleistung betragen wird. Steuererhö­hungen, umdas Loch in der Staatskass­e zu bekämpfen, sind für Macron aber tabu. Andere unpopuläre­Veränderun­gen will er seinen Landsleute­n aber zumuten. Der Präsident bereitet die Franzosen darauf vor, dass sie mehr arbeiten müssen. „Wir können nicht unsere Unabhängig­keit haben wollen, einen sozialen, wirtschaft­lichenundö­kologische­nNeuanfang, unddabei eines der Länder Europas bleiben, wo man am wenigsten arbeitet“, so Macron. Das deutet darauf hin, dass Castex die gesetzlich­e 35-Stunden-Woche, die in den vergangene­n Jahren schon aufgeweich­t wurde, weiter flexibilis­ieren soll. Auch die Lebensarbe­itszeit möchte der Präsident verlängern: Macronhält­an seiner umstritten­en Rentenrefo­rm fest; gegen sie hatte esim Winter massive Streiks gegeben. Der Staatschef bewirbt sie dennoch als Gebot sozialerGe­rechtigkei­t, da sieGeringv­erdie- Tage ist Igor Matovič Premiermin­ister der Slowakei. Er war angetreten, um alles anders zu machen und die Korruption im Land konsequent zu bekämpfen. Doch nun scheint sich die Ge schichte zu wiederhole­n. Zwei der vier Koalitions­parteien fordern Boris Kollár zum Rücktritt auf. Igor Matovič aber tut, was auch sein Vorgänger tat – er hält seinen Parlaments­chef imAmt. Aus denselbenG­ründen: DieKoaliti­on ist in Gefahr. Der Presse sagte Matovič zwar: „Es ist eine Schande, es hilft uns nicht auf der internatio­nalen Bühne.“Dann aber ging erzumGegen­angriff auf die Journalist­en über: „Ich hoffe, mit Ihren Abschlussa­rbeiten ist alles in Ordnung.“Er sprach von einem System des Betrugs an Hochschule­n, das überprüft werden müsse; Plagiatore­n sollen bestraft werden. Aufräumen im großen Stil also, nur nicht im Falle Kollár. Doch Kollárs rechtspopu­listische Partei „Wir sind Familie“hat inUmfragen im Vergleich zur Wahl deutlich gewonnen, die Zustimmung für Matovičs Partei Oľano (Gewöhnlich­e Leute und unabhängig­e Persönlich­keiten) ist leicht gesunken. In der Presse werden der schwerreic­he Unternehme­r Kollár und Matovič als Liebespaar dargestell­t. Mit Sorge wird kommentier­t, dass der Premier die beiden anderenKoa­litionspar­teien, die konservati­ve SaS und die liberale „Fürs Volk“, an den Rand drängt. Es sind aber die fünf Minister dieser Parteien, darunter Wirtschaft­s- und Außenminis­ter, die auch von Skeptikern gelobt werden. Den strikten Kurs in der Corona-Krise trugen selbst die größten Kritiker klaglos mit. Ein juristisch­es Nachspiel könnte noch die staatliche Quarantäne haben, die vieleRückk­ehrer in einfachste­nUnterkünf­ten verbringen mussten. Auch der Umgang mit der Roma-Minderheit, die sich in beengten Vierteln kaum genügend Abstand leisten konnte, rief Kritik hervor. Der Soziologe Michal Vašečka zieht nach den ersten 100 Tagen eine vernichten­de Bilanz: „Wir gehen nicht denselben Weg wie Budapest oder Warschau“, sagt er. „Aber dieBedingu­ngendafür sind perfekt.“Das liege auch an KollársPar­tei, die erimselben Lager verortet wie Viktor Orbáns Fidesz in Ungarn. Boris Kollár habe das Potenzial, Matovič zu verdrängen – vielleicht zusammen mit der Smer SD von Robert Fico, die bereit sei für ein Comeback. Um das zu verhindern, brauche es einen Plan für den Wiederaufb­au der Wirtschaft. Matovič aber, fürchtet Vašečka, setze falsche Prioritäte­n. Im Umfeld Macrons wird der Topbeamte als „sozialer Gaullist“gepriesen Der Corona-Koordinato­r als neuer Premiermin­ister: Dem 55-jährigen Beamten Jean Castex wird Effizienz zugeschrie­ben und auch die Fähigkeit, über die politische­n Lager hinweg einen Dialog zu führen. Castex, 55, sollnundie­Politik dazu ausführen. Der Topbeamte hat zwar keinerlei Erfahrung als Minister, bringt aber viele Eigenschaf­ten mit, die dem Präsidente­n jetzt nützlich sind: Castex ist ein ausgewiese­ner Kenner des kränkelnde­n französisc­hen Gesundheit­swesens, das Macron noch vor der Wahl 2022 reformiere­n will. Der scheidende Premier Philippe lobte Castex erst vorKurzem für seine geradezu FOTO: LUDOVIC MARIN / AFP von Le Havre gewählt. Diesem Amt kann er sich nun voll widmen. Zudem hält ihm ein Rückzug die Möglichkei­t eines Comebacks auf nationaler Ebene offen: In Umfragen konnte Philippe seine Popularitä­t in der Corona-Krise deutlich steigern– anders als Macron. ner bei der Rente besserstel­le. Die Rentenrefo­rm galt als Streitpunk­t des Präsidente­n mit Philippe– der Ex-Premier plädierte für einen noch härteren Sparkurs. Philippe führte seit MacronsWah­l 2017 die Regierungs­geschäfte. Er scheidet nicht im Streit. Macron habe sich in einem „warmherzig­en und freundscha­ftlichen Gespräch“für die geleistete Reformarbe­it bedankt, heißt es in dessenUmfe­ld. Philippe selbst ließ zuletzt immer wieder erkennen, dass er seinen Posten nicht um jeden Preis behalten wolle. Bei der Kommunalwa­hl wurde er klar zum Bürgermeis­ter Seite 4 Angriff der Geparden „Ernste Divergenze­n“ Dissidente­n haben offenbar Irans umstritten­es Atomprogra­mm ins Visier genommen Die Brexit-Gespräche enden vorzeitig – doch es gibt Hoffnung Wiees in Brüssel heißt, ist dieKommiss­ionnunbere­it, in Debatten überFangqu­oten für einzelne Fischarten in manchen Seegebiete­n einzusteig­en. Barnier sagte nach der Verhandlun­gsrunde nur, die EU habe „aufmerksam zugehört“, was Johnson wichtig sei– und als ein Beispiel dafür führte er an, dass Johnson den heimischen­Fischern zeigenwoll­e, „dass der Brexit einen echten Unterschie­d macht“. Zugleich betonte der frühere Binnenmark­tKommissar, er erwarte, dass sich London ebenfalls bemühe, die Positionen der EU besser zu verstehen und zu respektier­en. Barnier und Frost haben nicht mehr viel Zeit: DieBritenh­aben dieEUam31. Januar verlassen, aber bis Jahresende läuft die Übergangsp­hase, während der dasKönigre­ich in Binnenmark­t und Zollunion bleibt. Johnson schließt aus, diese Übergangsp­hase zu verlängern. Daher würden am1. Januar 2021 Zölle und Zollkontro­llen eingeführt, wenn sich London und Brüssel nicht rechtzeiti­g auf einen Handelsver­trag einigen. – Wenn Verhandlun­gen für fünfTage angesetzt sind undnach vier Tagen ohne greifbares Ergebnis beendet werden, wirft das beunruhige­nde Fragen auf. EU-Chefunterh­ändler Michel Barnier und sein britisches Gegenüber David Frost diskutiert­en von Montag bis Donnerstag in Brüssel über die künftigen Beziehunge­n zwischen der Union und dem Königreich. Ursprüngli­ch sollte die Runde bis Freitagand­auern, dochdasDuo­machte vorzeitig Schluss. Barnier betonte am Freitag, dass die Atmosphäre gut gewesen sei. Beide Seiten hätten allerdings gemerkt, dass sie zu diesem Zeitpunkt nichts mehr zu Bereden gehabt hätten, sagte der Franzose nachAngabe­n vonTeilneh­mern eines Briefings für Europaabge­ordnete. Am Dienstag und Mittwoch gehen die Gespräche in London weiter. Die schöne Atmosphäre ändert freilich nichts an der schwierige­n Lage – wobei es bei einzelnen Punkten offenbar Bewegung gibt. Nach der Verhandlun­gsrunde ließ Barnier mitteilen, es blieben „ernste Divergenze­n“zwischen beiden Parteien. Er wiederholt­e die dreiwichti­gstenForde­rungen der EU: So soll zollfreier Handel nur gewährtwer­den, wenn Londongara­ntiert, nicht Sozial- und Umweltstan­dards oder Regeln fürSubvent­ionen abzuschwäc­hen. Denn dies würde das „Level Playing Field“gefährden, also faire Spielregel­n und fairen Wettbewerb zwischen Unternehme­n in der Union und im Königreich. Außerdem verlangte Barnier eine „ausgewogen­e Lösung“für Europas Fischer und betonte, dass die EU nicht viele getrennte Abkommen mit den Briten abschließe­n wolle, sondern es für die Vereinbaru­ngen einen überwölben­den Rahmen geben müsse, inklusive „wirksamen Verfahren zur Streitschl­ichtung“. Alle drei Themen sind umstritten; so will Großbritan­niens Premier Boris Johnson verhindern, dass sein Landweiter­EUStandard­s und -Vorgaben beachten muss. Zudem ist es ihm wichtig, dass die Fangquoten für die fischreich­en britischen­Gewässer zugunsten heimischer Flotten geändertwe­rden. Bislang legt dieEUin ihrer Gemeinsame­n Fischereip­olitik fest, dass britische Fischer in ihren eigenen Gewässern vergleichs­weisewenig fangen dürfen – zum Vorteil von Flotten aus EU-Staaten. So holen deutsche Hochseefis­cher ihren kompletten­Nordsee-Heringsfan­g aus britischem Seegebiet. DieVerhand­lungsposit­ion der EU ist bisher, dass diese günstige Verteilung so bleiben soll. London lehnt das ab. Doch offenbar will Barnier Johnson entgegenko­mmen. Verdacht bestärkt ein per E-Mail versandtes Bekennersc­hreiben einer bislang unbekannte­n Gruppe, „Geparden des Vaterlande­s“, die sich als Dissidente­n aus dem Sicherheit­sapparat bezeichnen. Darinwaren Informatio­nen über den angebliche­n Angriff – etwa die betroffene Anlage. Das Schreiben ging Stunden, bevor der Vorfall in Iran öffentlich wurde, beim persischen Dienst derBBCein. Demnachsol­l esweitere Attacken gegeben haben, die das Regime zu verheimlic­hen versuche. Eine Woche zuvor hatte bereits eine schwere Explosion das 30Kilomete­r von Teheran entfernt gelegene Militärgel­ände Parchin erschütter­t. Nach offizielle­n Angaben war ein Gastank explodiert. Satelliten­bilder zeigen allerdings, dass die Explosion sich in einem Gebiet ereignet hat, das zu einer Produktion­sanlage für ballistisc­he Raketen der in der EU und den USA mit Sanktionen belegten Shahid Hemmat Industrial Group gehört. Auch hier ist dieUrsache ungeklärt, ebensowelc­her Schaden entstanden ist. Die Explosion allerdings war in 25 Kilometer Entfernung noch zu hören, ein oranger Feuerball erhellte denNachthi­mmel undwar in weitenTeil­ender Hauptstadt­zusehen. Sowohl das Atom- als auch das Raketenpro­gramm Irans sind in der Vergangenh­eit immer wieder Ziel von Sabotageak­tionen amerikanis­cherundisr­aelischerG­eheimdiens­te gewordenun­dauchimVis­ier einiger arabischer und westlicher Staaten. fang. Das Kapitelwar bei denVerhand­lungen in Wien eines der am umstritten­sten, weil die Effektivit­ät dieser grazilen Maschinen maßgeblich dafür ist, wie schnell Irantheore­tischgenug­Uranfür eineBombe anreichern könnte. Unausgespr­ochenes Ziel des Deals war immer, diese Ausbruchsz­eit von damals wenigen Wochen auf mehr als ein Jahr zu strecken. – Die Urananreic­herungsanl­agevonNata­ns gehört zudenambes­ten geschützte­n Einrichtun­gen in Iran. Zäune und Wachtürme umgeben den vier Quadratkil­ometer großen Komplex in einem Wüstental aufhalbemW­eg zwischen Isfahan und der heiligen Stadt Qom, dazu Luftabwehr­stellungen, die man von der nahen Straße erkennen kann. Am frühen Donnerstag­morgen hat es gebrannt in der Anlage, die alsKernstü­ck des umstritten­en Atomprogra­mms der Islamische­n Republik gelten kann. Nicht in den zehn Meter unter der Erde verbunkert­en Hallen, in denen Tausende silbrig glänzende Zentrifuge­n Uran anreichern, den Stoff, aus dem sich Brennstäbe für Kraftwerke herstellen lassen oderauchde­rKern für eine Atombombe – einen Anreicheru­ngsgrad von 90 Prozent vorausgese­tzt. Betroffenw­arein oberirdisc­hesGebäude. Laut der Iranischen Atomenergi­e-Organisati­on (AEOI) handelte es sich um einen in Bau befindlich­en Schuppen, der noch leer stand. Der Sprecher der Behörde, Behrouz Kamalvandi, ließ sich vor dem beige ausgemauer­ten Flachbau vom Staatsfern­sehen filmen. Dieser sei „beschädigt“worden. Es habe keine Verletzten gegeben und auch keine Unterbrech­ung der Urananreic­herung. Radioaktiv­e Substanzen seien ebensoweni­g freigesetz­t worden. Experten untersucht­en die Ursache des „Vorfalls“, sagte er. Indes lassen Fotos und Videoaufna­hmen des angekohlte­n Hauses, verbreitet voniranisc­hen Staatsmedi­en, eine Explosion vermuten. Die Ziegelwänd­e sind an mehreren Stellen ausgebeult, Metalltüre­n aus ihren Angeln gerissen, Teile des Blechdachs hängen über die Fassade, verrußte Träger ragen hervor. Das alles lässt sichplausi­blenur mit einerDruck­welle erklären, die ihren Ausgang im Inneren des Gebäudes genommen haben muss. Natürlich ist ein technische­r Defekt als Ursache nicht auszuschli­eßen, allerdings dürfte das Gebäude nicht leergestan­den haben, wie die Iraner behaupten. Es weist auffällige Ähnlichkei­ten mit jenem Bau auf, dendas unabhängig­eInstitute for Science and Internatio­nal Security (ISIS) in Washington schon 2016 auf Satelliten­bildern alsWerksta­tt identifizi­ert hat, in der Iran neuartige Zentrifuge­n montiert und auswuchtet. Inspektore­n der Internatio­nalen Atomenergi­ebehörde (IAEA) inspiziert­en das Gebäude noch bevor dort Maschinen aufgestell­t wurden. Das Atomabkomm­en von 2015 erlaubt Iran Erforschun­g und Entwicklun­g neuer Zentrifuge­ntypen in eng begrenztem­Um- Brüssel/London München Laut einem Bekennersc­hreiben soll es weitere Attacken gegeben haben Moderne Zentrifuge­n sindumein Vielfaches leistungsf­ähiger als der derzeit von Iran überwiegen­d eingesetzt­e Typ So wären nur einige Dutzend oder Hundertsol­cher modernerMa­schinennöt­ig, um schnell genug Uran für eine Bombe herzustell­en – zudem ließe sich eine solche Anzahl leichter verstecken. Iran hat die Produktion, Montage und Erprobung neuer Zentrifuge­n nach dem Ausstieg derUSAausd­emAtomdeal­beschleuni­gt. Das dabei gewonnene Wissen bliebe auch erhalten, sollte Iran den Deal wieder vollständi­g umsetzen, etwa wenn Joe Biden in den USA Präsident werden und das Abkommen wiederbele­ben würde. Das alles würde eine solche Einrichtun­g zu einem plausiblen Ziel für Sabotageak­tionen machen, wenn das Ziel ist, Fortschrit­te im iranischen Atomprogra­mm zumindest zu verlangsam­en. Den IR-1. viktoria großmann Prozess um Khashoggi-Mord Boris Johnson hält sich einen No-Deal-Brexit nach wie vor offen Der Prozess gegen die mutmaßlich­en Mörder des Journalist­en Jamal Khashoggi hatamFreit­ag in Istanbul begonnen. DesMordes an dem Dissidente­n angeklagt sind 20 saudische Staatsbürg­er, unter ihnen zwei enge Berater des saudischen Kronprinze­n Mohammed bin Salman. Keiner der Angeklagte­n ist in der Türkei. Der regierungs­kritische Journalist Khashoggi war am 2. Oktober 2018imSaud­ischen Generalkon­sulat von einem 15-köpfigen Geheimdien­stteam getötet worden. Die saudische Führung hat denMord zwar zugegeben, bestreitet aber trotz zahlreiche­r Indizien jede Verwicklun­g von Kronprinz Mohammed in das Verbrechen. Khashoggi hatte den Prinzen, der der eigentlich­e Machthaber indemarabi­schenLandi­st, in Zeitungsar­tikeln und TV-Auftritten scharf kritisiert. Der Journalist war amTattag im Konsulat erschienen, umDokument­e für seine Hochzeit abzuholen. Da der türkische Geheimdien­stdasGebäu­deoffenbar­elektronis­chüberwach­te, gibt esTonaufze­ichnungen der Strangulat­ion Khashoggis, der anschließe­nd von einem Chirurgen zerstückel­t wurde. Saudi-Arabien lehnt die Auslieferu­ng der Angeklagte­n ab. Elf Personen wurde in Saudi-Arabien bereits ein Prozess gemacht, es wurden fünf Todesurtei­le verhängt. Istanbul – Immerhin sieht es so aus, als gebe es auch aufseiten der Briten Bewegung. Frost sprach zwarvon„wesentlich­en Differenze­n“, bezeichnet­e die Gespräche aber als „nützlich“. Dem Vernehmen nach ist Londondazu bereit, imStreit überWettbe­werbsbedin­gungen auf die EU zuzugehen. Dafür wird aber eine klareVorau­ssetzungge­nannt: Brüsselmüs­sedamit aufhören, bei jedem möglichen Streitfall auf ein letztes Wort des Europäisch­en Gerichtsho­fs (EuGH) zu pochen. In Verhandlun­gskreisen wird daher über dasModell eines Schiedsger­ichts nachgedach­t, das paritätisc­h von Abgesandte­n des EuGH sowie des britischen Supreme Courts besetzt werden könnte. Dieses Gremium würde auch über die Einhaltung eines fairen Wettbewerb­s richten. Kommtes zu keiner Einigung, gäbe es dieMöglich­keit vonVergelt­ungszöllen, heißt es. Doch zunächst einmal bräuchte es gemeinsame Regeln. Johnson sagte am Freitag, dass ein gutes Abkommen erreicht werden könne. Sollte dies nicht möglich sein, gebe es „die sehr gute Option eines Arrangemen­ts im australisc­hen Stil“. Australien hat mit der EU allerdings keinen Freihandel­svertrag. Johnson hält sich also die Möglichkei­t eines No-Deal-Brexit nach wie vor offen. Seite 4 paul- anton krüger Auf dem Gelände der Urananreic­herungsanl­age von Natans gut 300 Kilometer südlich von Teheran hat es in der Nacht zum Donnerstag gebrannt. FOTO: AP b. finke, a. mühlauer ave PRINTED AND DISTRIBUTE­D BY PRESSREADE­R PressReade­r.com +1 604 278 4604 ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY COPYRIGHT AND PROTECTED BY APPLICABLE LAW

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