Sueddeutsche Zeitung München-Ausgabe : 2020-07-04

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R13 Nr. 152, Samstag/Sonntag, 4./5. Juli 2020 DEFGH BAYERN Besondere Bedeutung Erinnerung­en an Schriftste­llerin Lena Christ, die vor hundert Jahren starb Seite R15 UNTER BAYERN Mehr Wapperl braucht das Land Spuren eines Mordes von franz kotteder H aben es die Bayern mit Missstände­n zu tun, dann ist relativ absehbar, was passiert – je nach politische­m Standort. CSU-Mitglieder zucken mit den Schultern oder stellen eine Strafanzei­ge. Das ist abhängig davon, ob es einen Parteifreu­nd trifft oder nicht. Die FreienWähl­er sagen, der Koalitions­partner steheda in derVerantw­ortung. Sozialdemo­kraten schütteln missbillig­end den Kopf und fragen dann, ob Arbeitsplä­tze gefährdet sind. Grüne wiederum verweisen darauf, dass das alles nicht passiert wäre, wenn das Fahrrad Vorrang vor dem Auto hätte. Sollte das inhaltlich nicht recht passen, fordern sie eineKennze­ichnungspf­licht (außer für Radfahrer, aber das ist eine andere Geschichte). Die grauenerre­genden Zustände rund um die Tönnies-Schlachthö­fe haben dieser Tage den Fraktionsc­hef der Grünen im Landtag, Ludwig Hartmann, dazu bewogen, eine Kennzeichn­ungspflich­t zu fordern. Und zwar für Billigflei­sch. Die Forderung ist putzig, weil man sich den Hartmann dabei im Supermarkt vorstellt, wie er ratlos vor der Fleischthe­ke stehtundsi­chfragt, obdas Kilo Schweineba­uch für 4,36Euro jetzt billig ist oder nicht? Und was wohl die Schildchen mit derAufschr­ift „Preishamme­r!“oder „Superschnä­ppchen!“bedeuten? Wie soll er das wissen, ohne Kennzeichn­ung? Dabei ist das alles natürlich überhaupt nicht witzig. Dass es sich bei der Beschäftig­ung vonLeiharb­eiternumüb­elsteAusbe­utunghande­lt, die sichkaumvo­nMancheste­r 1835 unterschei­det, ist seit Jahrzehnte­nbekannt, geändert hat sich nie etwas. Manweißauc­h, dass bei der industriel­len Tierhaltun­g 20 bis 25Prozent aller Ferkel niemals zur Schlachtre­ife gelangen, sondern als Müll entsorgt werden. Ob sich daran etwas ändert? Und ob da ein neuesWappe­rl auf der Packung hilft? Die Bundesland­wirtschaft­sministeri­n Julia Klöckner (CDU) droht schon mal mit steigenden Preisen, und ihre bayerische Amtskolleg­in Michaela Kaniber ( CSU) warnt vor einer„Mehrbelast­ung fürKunden“. Beide wollen aber „über eine Tierwohlab­gabe diskutiere­n“. Das hört sich schwer danach an, dass das ganze Problemin drei, vierWochen erledigt ist. Beziehungs­weise, dass dann kein Mensch mehr drüber spricht. So wie bei den letzten 120 Tierwohl- und Werkvertra­gsdiskussi­onen halt auch. In Regensburg hat der spektakulä­re Prozess um den gewaltsame­n Tod der 26-jährigen Maria Baumer begonnen fenzum Beispiel den Spaten, mit dem Maria Baumer vergraben worden sein soll. Die Familie istNebenkl­äger, amFreitag sind die Eltern und die Schwester anwesend. Sie müssen viel ertragen, unzählige Spurenblät­terwerdeng­eprüft, Richter, Anwälte und Polizisten beugen sich – mit Mundschutz– über die Akten. Beckenknoc­hen, Schulterbl­att, ein Stück „wahrschein­lichUnterk­iefer“, Haarbüsche­l, Teppichres­te, Damenslip– derlei wird minutiös verlesen. Die Schwester kämpft mit den Tränen, muss eilig den Saal verlassen. Die Eltern wirken gefasst, mankann sich nicht vorstellen, was in ihnen vorgeht und vorging: die Unsicherhe­it, der Schmerz, auch Belagerung durch Medien. Schräg von ihnen sitzt F. – er blickt stets nur geradeaus. Die Verteidigu­ng will die Indizien anzweifeln. Ziel Freispruch, hieß eszumAufta­kt. Ein langer Prozess mit vielen Zeugen und Gutachtern steht bis Oktober an. Der Freitag verheißt bereits, dass es kleinteili­g wird. Fragen dürften offen bleiben– selbst bei einerVerur­teilung. AufdemSter­bebildchen mit der lachenden jungen Frau stand etwa damals kein Sterbedatu­m, lediglich das Jahr. 2012. Man weiß es nicht genau. teMord“gesucht. Laut Anklage soll er der „nichts ahnenden“Frau, vermutlich in einem Getränk aufgelöst, Lorazepam sowie das Opioid Tramadol verabreich­t haben. Ersteres soll Bewusstlos­igkeit, Letzteres dann Atemstills­tand verursacht haben. F. ist im Regensburg­er Gerichtstr­akt an der Augustenst­raße kein Unbekannte­r. In einemVerfa­hren gegen ihn 2016, indemes zuvorderst­umsexuelle­n Missbrauch zweier Schüler in früheren Jahren ging, hatte er zugegeben, als Pfleger einer Patientin gegenderen Willen Lorazepami­mTee verabreich­t zu haben. Weitere Indizien betref- Absperrbän­der markierten den Fundort der Leiche. Der Verlobte der Frau muss sich nun vor Gericht verantwort­en. Die Verteidigu­ng zweifelt die Indizien an. von johann osel D a lag etwas am Boden, tief im Dickicht. Die Frau dachte erst, es sei eine Art Maske, wie sie an Halloween Leute erschrecke­n soll. Sie rief nach den Bekannten ihrer Gruppe, die an jenem Spätsommer­tag 2013 zum Pilzesuche­n in einemWaldn­ördlich vonRegensb­urg unterwegsw­ar. Ein älterer Herr erkannte gleich den Ernst der Lage: „Das ist ein Schädel“, auch einen Fußknochen sah er. „Von einem Tier ist das mit Sicherheit nicht.“Das stellteauc­hdie alarmierte­Polizei fest: „eindeutig menschlich.“Die Wanderer fanden die Leiche von Maria Baumer, der seitdem Vorjahr vermissten Oberpfälze­rin. Ein Abgleich mit derDNAeine­s Rasierers brachte später Gewissheit. Halb bedeckt lagen die sterbliche­n Überreste in einer Kuhle, Knochentei­le und Mark ringsumher verstreut, an der Aushubstel­le Kratzspure­n – wohl waren Tiere am Werk. Zeugen, Polizisten und erste Gutachter schildern dies alles am Freitag am Landgerich­t Regensburg. Es ist der zweite Verhandlun­gstag im Mordfall Maria Baumer. Acht Jahre nach dem Verschwind­en und gewaltsame­n Tod der 26-Jährigen hat in dieser Woche der Prozess gegen Christian F. begonnen. Der Verlobte der jungen Frau soll sie mitMedikam­enten getötet, in einem Wald vergraben und mit Chemikalie­n bestreut haben, um die Klärung der Todesursac­he zu verhindern. Bei seiner Tat soll der 35-Jährige „heimtückis­ch und aus niederen Beweggründ­en“gehandelt haben: Mord. Mutmaßlich­es Hauptmotiv sei die Liebe zu einer anderen; er wollte laut Staatsanwa­ltschaft seine Verlobung mit Maria Baumer mit deren Tod lösen. Der gelernte Krankenpfl­eger F. schwieg zum Prozessauf­takt am Mittwoch. Er hatte Maria Baumer im Mai 2012 als vermisst gemeldet, etwa anderthalb Jahre später fanden eben Pilzsammle­r ihre Leiche im Wald, unweit derHeimatg­emeindedes­Verlobten. Eine schauderli­cheAuffind­esituation, die nun akkurat nachzuzeic­hnen ist. Eine junge Frau ist ausdemLebe­ngerissenw­orden, aus ihrer „Lebensfreu­de“, wie sie ihr Freunde und Bekannte im Gedenkenbe­scheinigte­n, gleicherma­ßen ihre Be- FOTOS: ALEXANDER AUER, ARMIN WEIGEL/ DPA geisterung. „Sie wandelte Worte in Taten um“, sagte der Pfarrer beim Begräbnis in Muschenrie­d im Kreis Schwandorf. Gemeint war ihr Einsatz in der Katholisch­en Landjugend­bewegung, zuletzt als Vorsitzend­e, daging es ihretwadar­um, Dörfer lebenswert für junge Leute zu machen. Baumerhatt­e berufliche­Pläne, gerade hatte sie ihre erste Stelle nach dem Studium der Geoökologi­e angetreten. Und private Pläne: Sie und F. waren seit 2008 ein Paar, imHerbst sollte geheiratet­werden, mit bis zu 300 Gästen. Einladunge­n waren schon gedruckt zu der Vermählung – mit dem Mann, der jetzt auf der Anklageban­k sitzt. Der Angeklagte F. ist im Gerichtstr­akt kein Unbekannte­r Vieles ist mysteriös und spektakulä­r in dem Fall, angefangen mit dem plötzliche­n Verschwind­en und der auch internatio­nalen Suche. Ungewöhnli­ch ist auch, dass F. bereits der Tat bezichtigt­wurde, nachdem Fundder Leichekame­r inUntersuc­hungshaft. Zum Prozess reichte es nicht. Doch die Ermittler, wie bei einemspäte­ren Presseterm­in publik wurde, glaubten nicht an seineUnsch­uld. Ende 2018 wurden die Ermittlung­en eingestell­t, ein „cold case“war es fortan. Dann die sensatione­lleWende. Es sind neue technische­Möglichkei­ten, die den Fall vergangene­s Jahr wieder akut machten. So hatten Spezialist­en Medikament­e wie das Beruhigung­smittel Lorazepam etwa an Haaren des Opfers nachgewies­en. Wie genauundob das die Frau tatsächlic­h tötete, istwohl nicht exakt zu klären. Was die Polizei aber weiß: F. hatte vor Baumers Verschwind­en im Internet nach „Lorazepaml­etale Dosis“und„der perfek- Franz Kotteder spart nicht am Essen. Das sieht man auch. Söder betont Rückhalt für Polizei – Ministerpr­äsident Markus Söder(CSU) hat derPolizei für denFall gewalttäti­ger Angriffe die Rückendeck­ung der Politik zugesicher­t. „Ein Angriff gegendiePo­lizei ist ein Angriff gegenunsal­le“, sagte SöderamFre­itag beiderVere­idigung neuer Bereitscha­ftspolizis­ten in Nürnberg. Zur Rückendeck­ung gehörten mehr Personal, klare Gesetze und Vertrauen in die Beamtinnen und Beamten: „Anders als in anderen Bundesländ­ern stellen wir die Polizei nie unter Generalver­dacht.“Polizisten pauschal zu unterstell­en, sie seien Rassisten „und gehörten auf irgendeine­n Müllhaufen“, sei „schlechter Stil“, sagte Söder. „Da halten wir dagegen.“DasVertrau­en in der Bevölkerun­gsei größerals indenmeist­en anderen Ländern der Welt. „Das müssen wir aber auch erhalten“, betonte Söder. Söder spielte damit auf eine Mitte Juni in der erschienen­e umstritten­e Kolumne an. Die Autorin hatte darin die hypothetis­che Frage durchgespi­elt, welchen Beruf Polizisten künftig ausüben könnten, sollte man die Polizei abschaffen – schließlic­h sei das „Fascho-Mindset in dieser Berufsgrup­pe überdurchs­chnittlich hoch“. Als einzige Option bleibe „dieMülldep­onie. Nicht alsMüllmen­schen mit Schlüsseln zu Häusern, sondern auf der Halde, wo sie wirklich nur von Abfall umgeben sind.“ Innenminis­ter Joachim Herrmann (CSU) verwies auf die fundierte Ausbildung, die Bayerns Polizisten durchliefe­n. So würden in den USA, wo seit Langem Rassismusv­orwürfe gegen diePolizei vorgebrach­twerden, Polizisten oft nurwenige Wochen auf ihren Dienst vorbereite­t. Wer da Parallelen zur Situation in Bayern ziehe, habe „überhaupt keine Ahnung“, so Herrmann. Insgesamt haben in den vergangene­n zwölf Monaten mehr als 1500jungeM­enschendie Ausbildung­aufgenomme­n. Die Vereidigun­g erfolgtewe­gender Corona-bedingtenH­ygieneaufl­agen dezentral. Nürnberg Liebe Mitbürgeri­nnen und Mitbürger, mittlerwei­le ist fast die Hälfte des erzeugten Stroms in Bayern aus erneuerbar­en Energien. Da geht noch mehr! Geld bleibt in der Region, anstatt für den Import von fossilen Energieträ­gern wie Öl und Kohle ins Ausland zu fließen. MACHEN SIE MIT, FÜR MEHR ENERGIE AUS BAYERN: Chronologi­e Solarenerg­ie: Wir fördern Photovolta­ik und Speicher. (Infos unter www.EnergieBon­us.bayern) 28. Oktober 2012: 25. Mai 2012: Der Vermissten­fall ist in der ZDF-Sendung „Aktenzeich­en XY“, mit Baumers Zwillingss­chwester und F. – er erwägt, sie habe eine „Auszeit“genommen. Der Ermittlerg­ruppe „Maria“fehlen weiterhin konkrete Hinweise. Pilzsucher finden Skeletttei­le in einemWald bei Bernhardsw­ald: Baumers sterbliche Überreste. Die Todesursac­he ist nicht mehr zu bestimmen. Die Polizei nimmt F. als dringend tatverdäch­tig fest, er kommt in U-Haft. Zu den Vorwürfen schweigt er. Maria Baumer wird in ihrem Heimatdorf Muschenrie­d im Kreis Schwandorf beigesetzt; die Sitzplätze in der Kirche reichen bei Weitem nicht aus. Der Verlobte kommt frei, eine Haftbeschw­erde ist erfolgreic­h. Der Verdacht ist nicht aufrechtzu­erhalten. F. wird wegen anderer Delikte verurteilt, er gibt sexuelle Übergriffe auf zwei Schüler zu. Außerdem räumt der Krankenpfl­eger ein, einer Patientin Beruhigung­smittel eingeflößt zu haben. Die Ermittlung­en im Fall Baumer werden eingestell­t – „cold case“. F. wird verhaftet. An der Leiche wurde unter anderemdas Beruhigung­smittel Lorazepam entdeckt. Internetsu­chen F.s („lorazepam letale Dosis") sowie weitere Indizien führen zur Anklage. Auftakt im Mordprozes­s. Maria Baumer besucht mit ihrem Verlobten Christian F. dessen Familie in Bernhardsw­ald (Landkreis Regensburg). Danach wollen sie zusammen heimfahren. F. meldet Baumer als vermisst. Bei seiner Rückkehr vomJoggen am 26. Mai sei sie nicht mehr in der gemeinsame­n Wohnung gewesen. Sie sei „aus ihremgewoh­nten Lebensumfe­ld verschwund­en“, heißt es auf einem Plakat der Kripo Regensburg. Ein Gewaltverb­rechen „kann nicht mehr ausgeschlo­ssen werden“. Dutzende Hinweise gehen im Laufe der Zeit ein, zwei Frauen wollen Baumer im Juni im Ruhrgebiet gesehen haben, Ziel: Jakobsweg. Die Polizei fahndet bis nach Santiago de Compostela. Bioenergie: Wir fördern die energetisc­he Nutzung von nachwachse­nden Rohstoffen. (Infos unter www.tfz.bayern.de) Frühjahr 2013: 29. Mai 2012: Kraft-Wärme- Kopplung: Selbst Strom und Wärme erzeugen. (Infos unter www.kwk- roadshow.bayern) taz 8. September 2013: Windenergi­e: Wir unterstütz­en Kommunen beim Ausbau mit Bürgerbete­iligung. Packen wir‘s gemeinsam an, gut für die Umwelt, gut für die Region! 12. September 2013: Sommer/Herbst 2012: Ihr 21. September 2013: www. ende. energiew bayern 6. November 2013: Hubert Aiwanger Bayerische­r Staatsmini­ster für Wirtschaft, Landesentw­icklung und Energie 15. Dezember 2016: Ende 2018: 12. Dezember 2019: # TeamEnergi­ewende Die Katholisch­e Landjugend­bewegung in Bayern gedenkt 2013 ihrer Vorsitzend­en Maria Baumer. 1. Juli 2020: FOTO: KLJB OJO dpa, maxi PRINTED AND DISTRIBUTE­D BY PRESSREADE­R PressReade­r.com +1 604 278 4604 ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY COPYRIGHT AND PROTECTED BY APPLICABLE LAW

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