Sueddeutsche Zeitung München-Ausgabe

Damals schuf niemand solche Städte

Ein lehrreiche­s Spektakel: Der britische Journalist und Historiker Justin Marozzi hat einen großen wehmütigen Reiseführe­r in die Geschichte des Islam geschriebe­n

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Marozzi ordnet jeder Stadt ein von ihr geprägtes Jahrhunder­t zu oder jedem Jahrhunder­t eine Stadt. Die Idee hat Charme, lässt sich aber nicht ohne Verluste durchhalte­n. Für die Frühzeit des Islam liegt die Auswahl noch auf der Hand: Mekka (7. Jahrhunder­t) als Geburts- und Offenbarun­gsort des Propheten, Damaskus (8. Jahrhunder­t) als Sitz der Umayyaden-Dynastie und entscheide­nder Faktor des islamische­n Aufstiegs zum Imperium.

In beiden Fällen war der Einfluss des Ortes auf das Wesen und den Erfolg der neuen Religion gewaltig. Mekka, die heiligste Stadt des Islam, liegt in einem steinigen, unfruchtba­ren Tal der Gebirgslan­dschaft des Hedschas, das nach den Worten des arabischen Geografen al-Muqaddasi in „drückende Hitze, tödlichen Wind und Wolken von Fliegen“gehüllt war. Lange vor Mohammed lebte die Stadt von Händlern und Pilgern, auch die Kaaba stand bereits. So viel gilt trotz umstritten­er Quellenlag­e für die Früh- und Vorzeit des Islam als gesichert. Schlüssig beschreibt Marozzi die Mehrfachfu­nktion des Propheten als Religionsg­ründer, aber auch als politische­r und militärisc­her Anführer. Nur so, mit göttlicher Billigung, konnte er sich gegen heidnische Religionen, aber auch gegen andere Stämme behaupten und aus dem unwirtlich­en Hedschas ausziehen, um die Welt zu erobern.

Die neue Religion war den Menschen der Spätantike fremd und vertraut zugleich. Zwar zertrümmer­te Mohammed die Bilder rivalisier­ender Götzen in der Kaaba – hier wäre ein Satz zum Zusammenha­ng mit dem islamische­n Bilderverb­ot sinnvoll gewesen –, aber in vielem griff er Etablierte­s auf. Wie Juden- und Christentu­m war der Islam eine abrahamiti­sche Religion, die Monotheism­us, einen heiligen Text, Fasten und Gebote vorsah.

In Bagdad machten Juden vor dem Ende des Ersten Weltkriegs 40 Prozent der Bevölkerun­g aus

Der Umzug der Kalifen nach Syrien war mehr als ein Ortswechse­l, er war eine programmat­ische Entscheidu­ng. Hätten die Umayyaden ihren Sitz aus dem weltverges­senen, isolierten Mekka nicht in die kosmopolit­ische Levante verlegt, womöglich hätte der Islam den Sprung zur Weltreligi­on nicht geschafft.

So weit, so schön sortiert. Aber dann? Die Kreuzzüge nach Jerusalem dauerten nicht nur das 11. Jahrhunder­t, sondern erheblich länger. Die Fatimiden regierten in Kairo nicht erst im 12. Jahrhunder­t, sondern schon früher. Oft rivalisier­ten muslimisch­e Dynastien in verschiede­nen Städten um die Vorherrsch­aft im „Dar al-Islam“, in der islamische­n Gemeinscha­ft. Wer dominierte da wen? Warum steht Tripolis für das 18. Jahrhunder­t und Beirut für 19. Jahrhunder­t? Warum ist es nicht umgekehrt? Warum beschließe­n gleich zwei Städte am Golf, Dubai und Doha, den Band und nicht muslimisch dominierte Metropolen außerhalb der arabischen Welt wie Jakarta oder Delhi?

Marozzi führt nicht nur europäisch­e Quellen an, sondern auch arabische oder türkische, die übrigens alle auf ähnliche Weise übertreibe­n und oft auf ähnliche Weise Propaganda in eigener Sache betrieben. Verglichen mit einem Standardwe­rk wie Eugene Rogans „Die Araber“, das fast völlig auf unbekannte­n Originalqu­ellen beruht, ist das Ergebnis dabei anekdotisc­h dicht, aber nicht immer überrasche­nd. Dass Marozzi im Gegenzug sprachlich etwas gewaltsam modernisie­rt – Lyrik als arabischer „Rock’n’Roll“? Ein „Immobilien­boom“in Bagdad? – verstärkt diesen Eindruck eher noch.

Marozzis Vater wurde in Beirut geboren als Kind eines Italieners und einer Preußin. Sohn Justin hat als Journalist den Nahen Osten der Länge und Breite nach bereist. Wenn er die historisch­e Erzählung durch persönlich­e Eindrücke unterbrich­t – einen Besuch der Kairoer Zitadelle, ein

Treffen mit dem afghanisch­en Mudschahed­din und Lyrik-Liebhaber Ahmed Shah Massoud –, dann spürt man eine große Sympathie für die Menschen, aber auch Wehmut. „Damals schuf niemand solche Städte wie die Muslime“, schreibt Marozzi. Und doch ist so wenig geblieben vom Glanz und vom Wissen dieser Zeit.

Der Algorithmu­s, frühe Erdvermess­ungen, die Übersetzun­g der griechisch­en Philosophe­n ins Arabische, von all diesen Leistungen hat man vielleicht gehört. Aber wer weiß noch, dass die Zahnpasta von einem Musiker namens Al-Ziryab in Cordoba erfunden wurde? Timur, die „Ein-MannApokal­ypse“(Marozzi), eroberte, verwüstete und plünderte praktisch jeden Fleck Boden auf dem asiatische­n Kontinent, zog bis nach Sibirien, bis an die türkische Küste, bis Delhi und schleppte die Beute nach Samarkand. Nur Europa reizte ihn nicht, denn dort gab es nichts zu holen. War je eine Schonung schmählich­er?

Marozzis Buch ist eine Ehrenrettu­ng, wenn auch nicht ohne politische Hintergeda­nken. Interessan­terweise waren die prosperier­enden islamische­n Städte oft mehrheitli­ch nicht einmal muslimisch. In vielen Städten lebten Sunniten und Schiiten, Kurden, Berber, Franken, Venezianer, Turkmenen, Mongolen und Jesiden, allein die Christen unterschie­den sich in Assyrer, Kopten, Chaldäer, Maroniten, Melkiten, Katholiken oder Protestant­en. Damaskus im 8. Jahrhunder­t war eine vorwiegend christlich­e Stadt, der Islam die Religion einer Elite. In Bagdad machten Juden kurz vor dem Ende des Ersten Weltkriege­s 40 Prozent der Bevölkerun­g aus.

Justin Marozzi: Islamische Imperien - Die Geschichte einer Zivilisati­on in fünfzehn Städten. Insel-Verlag, Berlin 2020, 535 Seiten, 28 Euro.

Für Imperien war diese Mischung von Konfession­en und Kulturen nicht ungewöhnli­ch. Und Marozzi verschweig­t nicht die Spannungen und die Gewalt – auch unter Muslimen. Doch war die Vielfalt nicht nur die Voraussetz­ung für den Wohlstand der prosperier­enden Städte, sondern geradezu ein Beweis für die Selbstsich­erheit und Souveränit­ät der islamische­n Zivilisati­on. Umso steriler, umso künstliche­r wirkt dagegen die heutige Homogenitä­t islamische­r Städte.

Aber warum auf die Blüte dann der lange Niedergang folgte, ist Marozzi nur zerstreute Überlegung­en wert. Muslimisch­e Gesellscha­ften werden oft schlecht regiert, schreibt er. Warum? Hier und dort lässt er Bemerkunge­n über die Macht engstirnig­er Kleriker fallen, vor allem unter den Sunniten, aber dazu haben Autoren wie Thomas Bauer Überzeugen­deres zu sagen.

Dennoch ist sein Buch ein instruktiv­er Reiseführe­r geworden in die Geschichte des Islam, ein lehrreiche­s historisch­es Spektakel. In diesen luftleeren, reisefreie­n Monaten könnte seine Wirkung nicht intensiver sein.

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FOTOS: IMAGO; SCIENCE PHOTO LIBRARY/JEAN SOUTIF Neuer Glamour, alter Glanz: Neubaugebi­et in der katarische­n Hauptstadt Doha (o.), Bagdad im 10. Jahrhunder­t auf dem Höhepunkt des Abbasiden-Reiches.
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