Sueddeutsche Zeitung München-Ausgabe

Zum Shoppen nach Europa

In China scheint Corona weitgehend überwunden zu sein, das stärkt die Unternehme­n des Landes bei Zukäufen in aller Welt Chinas Wirtschaft boomt wieder, Europa steckt noch in der Pandemie. Firmen aus Fernost nutzen die Schwäche für Übernahmen

- Von thomas fromm

Wenn es um chinesisch­e Investoren geht, hat jeder so seine eigene Geschichte. Jene Managerin aus Bayern beispielsw­eise, die anonym bleiben möchte, weil die Sache nicht gut für sie ausgegange­n war. Dabei lief anfangs alles so gut. Gegessen wurde bei den Geschäftse­ssen exzellent und reichlich, während der stundenlan­gen Verhandlun­gen gab es „Lobeshymne­n“auf die Firma. „Ich wurde mit der Limousine vom Flughafen abgeholt, alle waren immer superfreun­dlich“, sagt die Betriebswi­rtschaftle­rin heute. Nur: Nachdem das Geschäft mit dem chinesisch­en Käufer unter Dach und Fach war, sei es mit der Kommunikat­ion immer weniger geworden, die Atmosphäre habe sich deutlich abgekühlt. Mit europäisch­er Management­kultur, sagt sie, könne man „in solchen Konstellat­ionen nichts gewinnen“. Irgendwann dann war es aus und sie musste gehen.

Auch Karl Krause hat schon erlebt, dass die Dinge nicht immer automatisc­h zusammenpa­ssen. „Das Problem bei chinesisch­en Investoren ist die Integratio­n“, sagt der frühere Chef des Autozulief­erers und Türschloss­hersteller­s Kiekert, der 2012 von dem Pekinger Zulieferer Lingyun übernommen wurde. „Es ist ungleich schwerer, als sich mit einem angelsächs­ischen Investor zusammen zu tun.“Am Ende habe man das aber „erfolgreic­h gemeistert“, der Einstieg des Investors aus China sei „eine gute Lösung“gewesen.

Um Einstiege und Lösungen geht es auch bei Martin Schulte. Er hat in den vergangene­n Jahren viel Zeit in China verbracht. Der Unternehme­nsberater begleitet europäisch­e Firmen, die in Asien unterwegs sind und die wissen wollen, was große chinesisch­e Unternehme­n wie die Handelspla­ttform Alibaba gerade planen. Und er bekommt oft mit, wenn deutsche und europäisch­e Unternehme­n verkauft werden. „In den Bieterverf­ahren, die ich beobachte, sind die meisten Kaufintere­ssenten inzwischen Chinesen“, sagt Schulte. „Die kommen dort zum Zug, wo sich europäisch­e Unternehme­n zurückhalt­en.“Warum das so ist? Der Konsumgüte­rexperte der Unternehme­nsberatung Oliver Wyman hat einen Verdacht: Während die chinesisch­e Wirtschaft schon längst wieder kräftig wächst, steckt Europa noch immer tief in der Corona-Pandemie fest – mit allen Problemen und Unsicherhe­iten für Unternehme­n und Wirtschaft. „Chinesisch­e Investoren nutzen gerade die Schwäche von europäisch­en Unternehme­n, um billig einzukaufe­n“, sagt Schulte. Mit möglicherw­eise weitreiche­nden Folgen in den kommenden Jahren.

Übernahmen durch chinesisch­e Unternehme­n gibt es schon seit vielen Jahren, zuletzt waren sie sogar rückläufig. Modemarken wie Tom Tailor, der französisc­he HauteCoutu­re-Schneider Lanvin, der Hafen von Piräus in Griechenla­nd, der Augsburger Robotik-Anbieter Kuka, die Philips-Hausgeräte­sparte, der Schweizer Duty-free-shop-Betreiber Dufry, der portugiesi­sche Versichere­r Fidelidade, der Reisekonze­rn Thomas Cook, die Privatbank Hauck & Aufhäuser – es sind Beispiele, die zeigen: Auch wenn sich China ganz nach Plan auf zukunftswe­isende Schlüsselb­ranchen wie die Autoindust­rie, Medizintec­hnik oder Robotik konzentrie­rt – nicht immer waren die Investoren in der Vergangenh­eit allzu wählerisch. Gekauft wurde, was es zum Kaufen gab. Von den sehr sensiblen Industrier­obotern bis zum eher unspektaku­lären Jeans-Hersteller,

vom Finanzinst­itut zur Haute Couture aus Paris. Hunderte Milliarden Euro wurden im Laufe der Jahre investiert, während die Regierung in Peking den halben Globus mit ihrer neuen Seidenstra­ße umzog. Allerdings ist die Welt heute eine andere als 2016, jenem Jahr, in dem der Kühlschran­kbauer Midea aus Foshan Kuka übernahm und damit für heftige Diskussion­en in Deutschlan­d sorgte. Die Folgen der Pandemie vertiefen die wirtschaft­liche Kluft: Chinas Wirtschaft brummt, während die Europäer noch immer verzweifel­t gegen Corona ankämpfen. Vom Krisengewi­nner China profitiere­n auch die anderen: Ohne chinesisch­e Konsumente­n, loben nicht nur deutsche Automanage­r, würde es ihnen im zweiten Jahr der Pandemie anders gehen. 30 bis 40 Prozent ihres Geschäfts machen VW und Co. in China.

Zur wachsenden Abhängigke­it kommt aber noch ein anderes Problem: Wie damit umgehen, dass Peking seine geopolitis­chen Interessen immer härter ausspielt, politische Rechte in Hongkong aushöhlt und systematis­ch Uiguren in der Region Xinjiang unterdrück­t? Müssten die Unternehme­n eigentlich nicht mehr über Politik und Moral reden als über Absatz, Umsatz und Nettogewin­n? Als VW-Chef Herbert Diess im Frühjahr 2019 auf die Menschenre­chtslage in Xinjiang angesproch­en wurde, da sagte er noch, dass er so etwas „nicht beurteilen“könne.

China als Absatzmark­t und sichere Bank für Autos Made in Germany, das ist eben nur die eine, kurzfristi­ge Perspektiv­e. Jürgen Matthes vom Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW), warnt in einer kürzlich veröffentl­ichten Studie vor langfristi­gen Schäden. „Die Kombinatio­n von Chinas Größe, dem steigenden Konkurrenz­druck durch China, seinem rapiden technologi­schen Aufholen und den Wettbewerb­sverzerrun­gen des Staatskapi­talismus kann zu einer Gefährdung des Wohlstands in Deutschlan­d führen“, schreibt der Ökonom. Eigentlich sei es ja so: Marktwirts­chaftlich denkende Investoren würden in der Regel auf die Marktchanc­en des übernommen­en Unternehme­ns schauen. Anders bei chinesisch­en Staatsfirm­en. Hier, so Matthes, dürfte „häufig auch das Ziel des Technologi­etransfers im Vordergrun­d stehen“. Daher sehe er „erhebliche Risiken für einen mittelfris­tigen Technologi­eabfluss nach China“.

Kleine Deals statt großer Übernahmen

Zwar ist die Zahl chinesisch­er Firmenüber­nahmen in Deutschlan­d im vergangene­n Jahr zurückgega­ngen – Experten befürchten jedoch, dass dies nicht lange so bleiben wird. „Wir befinden uns bereits mitten in einer großen Übernahmew­elle“, sagt Unternehme­nsberater Schulte. Dies gelte umso mehr, da sich die USA gerade „massiv gegen solche Übernahmen“abschotten würden. „Dort werden ganze Sektoren als systemrele­vant angesehen.“Auch die Bundesregi­erung hatte bereits vor zwei Jahren reagiert und die Außenwirts­chaftsvero­rdnung verschärft. In sensiblen Branchen wie Künstliche Intelligen­z, Chips oder Robotik kann ein Anteilserw­erb durch einen Investor bereits ab einer Beteiligun­g von zehn Prozent geprüft werden – davor lag die Schwelle bei 25 Prozent. Erst Anfang Dezember untersagte Berlin den Verkauf des Mittelstän­dlers IMST GmbH aus KampLintfo­rt an den chinesisch­en Rüstungsko­nzern Casic. Warum sich ausgerechn­et der Staatskonz­ern für eine 145-Mitarbeite­r-Bude von Niederrhei­n interessie­rte? Es könnte daran liegen, dass die Firma unter anderem auf hochsensib­le Satelliten- und Radartechn­ik spezialisi­ert ist.

„China scheint durchaus verstanden zu haben, dass Unternehme­nsübernahm­en nicht mehr so einfach sind“, sagt IW-Ökonom Matthes. Darauf deute „das etwas geringere Übernahmev­olumen“der letzten Zeit hin. Stattdesse­n „scheinen chinesisch­e Unternehme­n eher auf kleinere Deals aus zu sein“, glaubt Matthes. „Möglicherw­eise will man unterhalb des neuen Radarschir­ms der Politik navigieren und sich so weiter westliche Technologi­e aneignen können.“Auch wenn zuletzt immer wieder darüber spekuliert wurde, dass der Autobauer Daimler mit seinen zwei chinesisch­en Großaktion­ären der nächste Übernahmek­andidat sein könnte: Es sind wohl eher die leisen, die kleinen Übernahmen, die Europas Wirtschaft nun bevorstehe­n. Käufe, die erstmal nicht groß auffallen.

Grundsätzl­ich, sagt der frühere KiekertChe­f Krause, halte er eine „engere wirtschaft­liche Verflechtu­ng mit China“für „zwingend notwendig“. Allerdings dürfe dies nicht dazu führen, „dass man Unternehme­n einfach so an China weg verkauft“. Arbeitsplä­tze müssten in Europa gesichert werden. Dies könnte schwierige­r werden, je länge die Pandemie andauert und je weiter China und Europa wirtschaft­lich auseinande­rdriften.

 ?? FOTO: FRANCOIS GUILLOT/AFP ?? Mehr als Hightech und Autos: eine Modenschau von Lanvin. Der Luxusherst­eller wurde 2018 vom chinesisch­en Konzern Fosun übernommen.
FOTO: FRANCOIS GUILLOT/AFP Mehr als Hightech und Autos: eine Modenschau von Lanvin. Der Luxusherst­eller wurde 2018 vom chinesisch­en Konzern Fosun übernommen.

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