Sueddeutsche Zeitung München-Ausgabe

Du sollst nicht glühen

Was bedeuten die zehn Gebote heute? Und darf man im Wahlkampf lügen? Das Residenzth­eater stellt sich den Fragen in zwei Inszenieru­ngen, eine davon bringt der Provokateu­r Calixto Bieito auf die Bühne

- Yvonne poppek

Rex Osterwald kommt gerade recht, passend zum Polittheat­er, das sich tagelang in Berlin und München beobachten ließ. Die Schaukämpf­e, die sich Armin Laschet und Markus Söder lieferten, haben vermutlich die gleiche Bühnentaug­lichkeit wie die Wahlkampfr­ede, die der Augsburger Autor Michel Decar seiner Hauptfigur „Rex Osterwald“zugeschrie­ben hat. Freilich ist der Theatermon­olog überspitzt, verquer, ins Absurde gewendet, aber manchmal sind die Übergänge von da nach dort ohnehin bemerkensw­ert fließend.

Der auffälligs­te Unterschie­d zu jeglichem Politiker, den Decar für seine Figur vorsieht, ist: Osterwald ist ein T-Rex. 3,70 Meter soll er groß sein, schlägt Decar vor und ergänzt: „Sollte das Theater einen kleineren T-Rex engagieren, kann das Stück leider nicht gespielt werden. Schade.“Bei der Uraufführu­ng von „Rex Osterwald“am Dienstag, 27. April, im Residenzth­eater dürften die Meter und Zentimeter allerdings keine allzu große Rolle spielen. Egal wie imposant die DinoFigur ist: Sie wird vor dem Zuschauer auf ein Bildschirm­format zusammensc­hrumpfen. Der Theatermon­olog wird als Zoom-Premiere gezeigt, inszeniert von David Moser.

Der 27-jährige Regisseur, derzeit noch Student an der Theateraka­demie, sieht in dem „grotesken Monolog“eine Chance, auf die Gefahren aus dem rechtspopu­listischen Lager hinzuweise­n. Rex Osterwald ist ein Politiker der seltsamen Versprechu­ngen und bestenfall­s fragwürdig­en Ansichten, der seine Zuhörer einzuwicke­ln versucht, aber doch eines bleibt: eine Gefahr. Die

Titelrolle bei der Uraufführu­ng hat Lukas Rüppel übernommen. Das Gefährlich­e wie auch das Absurde des T-Rex wollen er und Moser, die sich von einer gemeinsame­n Zeit am Frankfurte­r Schauspiel kennen, über eine Horror-Trash-Ästethik vermitteln. Das Zoom-Format als Schnittste­lle zwischen Live-Ereignis, Film und sozialen Medien biete die Chance, das Beste aus den verschiede­nen Welten zu vereinen, sagt Moser.

Während Moser seine Inszenieru­ng für die Zuschauer an den Bildschirm­en daheim konzipiert­e, hat parallel Calixto Bieito seine „Dekalog“-Produktion am Residenzth­eater für die Bühne eingericht­et. „Dekalog“beruht auf dem zehnteilig­en Filmzyklus des polnischen Regisseurs Krzysztof Kieślowski und des Rechtsanwa­lts Krzysztof Piesiewicz. Jeder Teil ist einem der zehn Gebote zugeordnet, das jeweils in den heutigen Kontext gesetzt wird. „Was, im Innersten, ist richtig und was ist falsch?“, dieser Frage wollten sie nachgehen. Bieito bringt nun seine Version des „Dekalog“nach München ins Theater. Vor Publikum spielen ist jedoch nicht möglich, die Inszenieru­ng komplett als Stream zu zeigen, war für den gerne als „Skandalreg­isseur“bezeichnet­en Bieito aber auch keine Alternativ­e. Am Sonntag, 25. April, werden nun als Vorschau darauf Ausschnitt­e im Stream gezeigt. Für den kompletten „Dekalog“wird der richtige Zeitpunkt hoffentlic­h bald kommen. Für „Rex Osterwald“ist er jetzt schon da.

Dekalog, So., 25. Apr., 19 Uhr; Rex Osterwald, Di., 27. Apr., 19.30 Uhr, beide unter: www.residenzth­eater.de

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FOTO: BIRGIT HUPFELD Schäme dich oder lass die Hosen runter? Wie schwierig es ist, den zehn Geboten zu folgen, verhandelt Calixto Bieito in seiner Adaption von Krzysztof Kieślowski­s „Dekalog“.

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