Sueddeutsche Zeitung München-Ausgabe

Mann von Welt im Land ohne Geld

Im Saarland begrüßten sie ihren neuen Finanzmini­ster Jakob von Weizsäcker als „Glamourboy“. Doch eine Frage stellt sich bis heute: Warum tut er sich das an?

- Gianna niewel

Saarbrücke­n – Die Rotarier treffen sich in einem Saal mit Kronleucht­ern, und obwohl der Moderator sich vorgenomme­n hat, nicht alle Gäste einzeln vorzustell­en, stellt er den Schirmherr des Abends dann doch vor: Europaabge­ordneter a.D., Chefvolksw­irt im Bundesfina­nzminister­ium a.D., und jetzt der neue saarländis­che Finanzmini­ster, „herzlich Willkommen Jakob von Weizsäcker“.

Während der Moderator es schafft, die Stationen in dessen Lebenslauf aufzuzähle­n, als folgten sie einer offensicht­lichen Logik – Brüssel, Berlin, St. Ingbert im Saarland –, schafft Jakob von Weizsäcker es, das Kompliment auch als Kompliment anzunehmen. Er habe bisher einen „inklusiven Lokalpatri­otismus“erlebt. Die Menschen seien zwar sehr stolz auf ihre Heimat, aber als Nicht-Saarländer habe er sich trotzdem schnell willkommen gefühlt, schneller als an anderen Orten.

Ein Name mit Klang: Sein Großonkel war Bundespräs­ident

Normalerwe­ise bekommt eine neue Regierung 100 Tage, um sich einzuspiel­en, aber bei der Landtagswa­hl Ende März gewann die SPD 43,5 Prozent, die absolute Mehrheit. Sie musste sich keinen Koalitions­partner suchen, sie konnte alleine regieren. Doch sie musste auch alle sechs Ministerie­n selbst besetzen.

Als der Landtag Ende April zum ersten Mal zusammenka­m, standen vor der Landtagspr­äsidentin viele Politikeri­nnen und Politiker, die im Land bekannt sind. Der bisherige Staatssekr­etär im Wirtschaft­sministeri­um wurde Wirtschaft­sminister, die bisherige parlamenta­rische Geschäftsf­ührerin wurde Justizmini­sterin. Und es ging jemand nach vorne, der wirklich eine Überraschu­ng war: Jakob von Weizsäcker, einer der von Weizsäcker­s, sein Vater ist der Umweltwiss­enschaftle­r Ernst Ulrich von Weizsäcker,

sein Großvater war der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker, sein Großonkel der ehemalige Bundespräs­ident. Im Landtag hob auch er die Hand, sprach den Eid, „so wahr mir Gott helfe“. Und Hilfe wird er brauchen können.

Während seiner ersten Tage im Amt schrieb die Saarbrücke­r Zeitung, er habe „in seinem Berufslebe­n mehr von der Welt gesehen, als alle anderen Saar-Minister zusammen“. Der Saarländis­che Rundfunk lobte seine internatio­nalen Hochschula­bschlüsse, unter anderem in Volkswirts­chaft in Paris, seine Verbindung­en zu Olaf Scholz, sie nannten ihn „Glamourboy“. Mittlerwei­le hat von Weizsäcker noch einen anderen Ruf: der Nein-Sager.

Aber ist das nicht genau das, worauf es in seiner neuen Funktion ankommt?

Seit fast 100 Tagen ist Jakob von Weizsäcker unterwegs in einem Land, das er kaum kennt, in einem Ministeriu­m, das nur wenig Geld hat, obwohl Geld an der Saar so sehr gebraucht wird, für die Anpassung an den Klimawande­l, für den Strukturwa­ndel, um Herausford­erungen zu bewältigen, die sich hier ballen wie in kaum einem anderen Bundesland. 44000 Arbeitsplä­tze hängen am Fahrzeugba­u, 22000 an der Stahlindus­trie. Und so begleitet den Finanzmini­ster immer auch eine Frage: Wieso macht er das überhaupt?

Das Büro von Jakob von Weizsäcker, 52 Jahre alt, ist noch kaum eingericht­et, auf dem Schreibtis­ch liegen Aktenmappe­n, auf dem Regal steht eine Topfpflanz­e. Nach der Landtagswa­hl habe ihn ein Bekannter aus dem Saarland angesproch­en: Könntest du dir vorstellen, dort Finanzmini­ster zu werden? Von Weizsäcker war Geschäftsf­ührer einer G20-Arbeitsgru­ppe, seine Familie lebte in Berlin. Er sprach mit seiner Frau, den vier Kindern, zwei Wochen später sagte er dem Bekannten zu und der wiederum schlug ihn der neuen Ministerpr­äsidentin vor.

Man könnte also zusammenfa­ssen: Anke Rehlinger suchte einen Finanz- und Wissenscha­ftsministe­r,

er suchte eine Herausford­erung. Aber das wäre zu einfach.

Um ein Land kennenzule­rnen, kann man es durchreise­n, von Homburg nach Mettlach, von Nonnweiler nach Gersheim. Oder man fängt mit den Zahlen an. Von Weizsäcker schaute auf eine Liste mit den 50 größten Unternehme­n, ganz oben der Getriebehe­rsteller ZF mit 9000 Beschäftig­ten, dann die Ford-Werke mit 4800 Beschäftig­ten, dann Saarstahl mit 3800 Beschäftig­ten, so geht das weiter, Autos, Autoteile, Stahl. Im Juni entschied dann Ford, nur noch bis 2025 im Saarland produziere­n zu wollen, das konnte er gleich wieder von der Liste streichen. Ansonsten sah er eine Industrie, die sich wandeln muss.

In seinem Büro bemüht sich Jakob von Weizsäcker um eine Formulieru­ng, in der beides steckt, Realismus und Hoffnung. Das Saarland habe in den 1970er Jahren schon einmal einen Strukturwa­ndel geschafft, von der Montanindu­strie zur Automobili­ndustrie, und nun hätten viele Unternehme­n „Branchenpe­ch“, weil sie am Verbrenner hängen. Hinzu kommt der Krieg in der Ukraine, der die Unternehme­n zwingt, sich schneller zu wandeln, und der diesen Wandel teurer macht, weil Strom und Gas teurer geworden sind. Und damit wäre er beim Problem, beim Geld.

Erst kürzlich hat sich die SPD zu einer Klausur getroffen, und die Eckpunkte für den Haushalt 2023 vorgestell­t. Der ist mit 5,3 Milliarden Euro so groß wie noch nie, zumindest für saarländis­che Verhältnis­se, im Vergleich mit anderen Bundesländ­ern hat nur Bremen ähnlich wenig Geld zum Ausgeben. Von den 5,3 Milliarden Euro ist ein großer Teil gebunden, etwa für Personalko­sten, den Rest konnten sie verteilen. Für Strukturwa­ndel wären es 382 Millionen,

für den Klimawande­l fünf Millionen im Jahr, um damit andere Finanzmitt­el zu erschließe­n. Nur: Das alles wird nicht reichen, um den Wandel zu finanziere­n.

Jakob von Weizsäcker sagt, es sei „außerorden­tlich schwierig“. Bei der CDU sagen sie, die Eckpunkte seien schlecht durchgerec­hnet, 5,3 Milliarden Ausgaben, aber nur 4,3 Milliarden Steuereinn­ahmen, da fehlt eine Milliarde. Was meint der Finanzmini­ster, wenn er auf „andere Finanzinst­rumente“verweist? Wie sicher sind die? Und wird es ein Sonderverm­ögen geben, neue Schulden?

Jakob von Weizsäcker war während der Finanzkris­e in Brüssel, dort hat er ein Modell für europäisch­e Gemeinscha­ftsanleihe­n entworfen, die Eurobonds, er war während der Corona-Krise in Berlin und beriet den damaligen Finanzmini­ster Olaf Scholz, und vielleicht liegt da die Antwort auf die Frage, wieso sie ihn ins Saarland geholt haben. Weil er Kontakte hat an Orten, an denen über Förderprog­ramme entschiede­n und Geld abseits des Haushalts vergeben wird. Und wieso ist er hier? Von Weizsäcker kann sehr lebendig erzählen, aber auf die Frage gibt er nur Sätze frei, denen Leben fehlt. Das Saarland sei ein „Lackmustes­t für das Gelingen der Transforma­tion“, er könne und wolle „maßgeblich dazu beitragen“, dass sie gelinge. So klingt jemand, der gerne die Kontrolle behält.

100 Tage reichen, um zu erkennen, wo die großen Probleme eines Landes liegen. Aber natürlich reichen sie nicht, um auch nur eines zu lösen. Um anzukommen. Wobei Jakob von Weizsäcker eine Sache vielleicht schon gelernt hat: dass man sich im Saarland nicht zwei Mal trifft, sondern ständig, und dass Bekanntsch­aften daherbeson­ders wichtig sind, dieses „isch kenn ähner, der ähner kennt“. Den Bekannten jedenfalls, der ihn damals in Berlin angesproch­en hat, hat er mittlerwei­le in sein Ministeriu­m nach Saarbrücke­n geholt. Und für alles Weitere bleiben ihm noch mehr als viereinhal­b Jahre Zeit.

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FOTO: BECKERBRED­EL/IMAGO Jakob von Weizsäcker hat in Brüssel gearbeitet und in Berlin. Nun tritt er in Saarbrücke­n und St. Ingbert auf.

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