Uni­on legt um vier Punk­te zu

Um­fra­ge: CDU/CSU nun bei 30 Pro­zent

Thüringer Allgemeine (Arnstadt) - - Politik - Von Kers­tin Müns­ter­mann

Ham­burg. Die bei­den Frau­en ge­hen auf­ein­an­der zu. In der Mit­te der Büh­ne um­ar­men sie sich kurz. An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er ist die neue Vor­sit­zen­de der CDU. Sie über­nimmt die Macht von An­ge­la Mer­kel – der Frau, die sie nach Ber­lin ge­holt hat. Die Über­ga­be der Macht kommt frü­her, als bei­de dach­ten. Die Jün­ge­re der bei­den, die Wahl­sie­ge­rin, weiß ge­nau: Sie hat ge­won­nen, doch das knap­pe Er­geb­nis ist ei­ne Prü­fung. Sie muss die Par­tei ei­nen, sie muss ge­nau hin­hö­ren, wie sich die Merz-An­hän­ger den Kurs der Par­tei künf­tig vor­stel­len. Es ist ei­ne Mam­mut­auf­ga­be für die 56Jäh­ri­ge. Wer ist die neue Frau an der Spit­ze der Kon­ser­va­ti­ven?

An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er. Kann man mit die­sem Na­men Kar­rie­re ma­chen? Sie kann. Sie hat sich mit dem Kür­zel AKK ein Mar­ken­zei­chen ge­setzt. Selbst­be­wusst­sein – das zog am Frei­tag bei den 1000 De­le­gier­ten. AKK ist die neue Vor­sit­zen­de der CDU. Wie­der ei­ne Frau, al­len Un­ken­ru­fen zum Trotz.

Was ist ih­re größ­te Stär­ke, wur­de sie kurz nach Be­kannt­ga­be ih­rer Kan­di­da­tur ge­fragt: „Ich re­ge mich sel­ten auf. Ich ha­be gu­te Ner­ven“, kam prompt zu­rück. Was ist ihr wirk­lich wich­tig? „Mei­ne Fa­mi­lie.“Nun mag ein Teil der nach au­ßen ge­tra­ge­nen Bo­den­stän­dig­keit auf­ge­setzt sein, doch ih­re Un­auf­ge­regt­heit ist tat­säch­lich groß. We­nig spek­ta­ku­lär, fast lang­wei­lig manch­mal, aber im­mer ver­läss­lich.

AKKs nüch­ter­ne Art ließ vie­le zwei­feln, ob sie den Wil­len zur Macht wirk­lich be­sitzt. Doch das mach­te sie nicht zu­letzt in den ver­gan­ge­nen drei Wo­chen mehr als deut­lich. Kramp-Kar­ren­bau­er ge­lang es, sich von Mer­kel zu dis­tan­zie­ren. Re­spekt vor der Per­son, aber ei­ne Ab­kehr von ei­ner „blei­er­nen Zeit“– ei­ne har­te An­sa­ge an Mer­kel, die AKK schließ­lich nach Ber­lin ge­holt hat.

Kramp-Kar­ren­bau­er war, nach in­ten­si­ven Ge­sprä­chen mit Mer­kel, im Fe­bru­ar 2018 als Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin nach Ber­lin ge­kom­men, ver­ließ da­für das Saar­land, ob­wohl sie dort ih­re Macht als Re­gie­rungs­che­fin 2017 er­folg­reich ver­tei­digt hat­te. Die Par­tei dank­te es ihr. Sie wur­de mit 98,87 Pro­zent der Stim­men An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er

zur CDU-Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin ge­wählt – das bes­te Er­geb­nis, das es für die­sen Pos­ten je­mals ge­ge­ben hat­te. „Ich kann, ich will und ich wer­de“, sag­te sie da­mals nach der Wahl.

„Un­auf­ge­regt“und „un­ei­tel“ge­hö­ren zu den Ad­jek­ti­ven, die Kramp-Kar­ren­bau­ers Weg be­glei­ten. „Vie­le glück­li­chen Zu­fäl­le ha­ben mir da­bei ge­hol­fen“, sagt die Mut­ter von drei er­wach­se­nen Kin­dern. Ei­gent­lich woll­te sie vor dem Abitur Hebamme wer­den, da­nach dach­te sie an ei­nen Be­ruf als Leh­re­rin. Mit 18 trat sie in die CDU ein – und ent­deck­te ih­re Lei­den­schaft für Po­li­tik. Spä­ter stu­dier­te sie Ju­ra und Po­li­tik.

Ih­ren Mann, den Berg­bau­in­ge­nieur Helmut Kar­ren­bau­er, hei­ra­te­te sie 1984. Die bei­den ha­ben zwei Söh­ne und ei­ne Toch­ter. Ihr Mann gab für sie sei­nen Job auf, küm­mer­te sich um den Haus­halt und die Kin­der. Sie sei oft mit Trä­nen in den Au­gen nach Bonn ge­fah­ren, er­in­ner­te sich AKK kürz­lich. Jun­ge Mut­ter und Po­li­ti­ke­rin, das ha­be sich da­mals noch mehr aus­ge­schlos­sen als heu­te. Und doch – sie zog es durch. Weil sie hart zu sich selbst ist, weil sie un­be­dingt will.

Konn­te sie sich mit ih­rem Mann be­ra­ten, als sie am 29. Ok­to­ber ih­ren Hut in den Ring warf? Nun, sie ha­be ihm ei­ne SMS ge­schrie­ben. Da­mit er es nicht von an­de­ren er­fah­ren. Mehr Zeit sei nicht ge­blie­ben.

Ih­re Kar­rie­re be­gann sie im Stadt­rat ih­res Hei­mat­or­tes Pütt­lin­gen. Der frü­he­re Saar-Re­gie­rungs­chef Pe­ter Müller (CDU) rief sie im Jahr 2000 als bun­des­weit ers­te In­nen­mi­nis­te­rin in sein Ka­bi­nett. Nach ver­schie­de­nen Mi­nis­ter­jobs wur­de sie 2011 ers­te Mi­nis­ter­prä­si­den­tin des kleins­ten Flä­chen­staa­tes. Im März 2017 ge­wann sie auf dem Ze­nit der Be­liebt­heit von SPDKanz­ler­kan­di­dat Mar­tin Schulz die Land­tags­wahl im Saar­land haus­hoch für die CDU. Schon da­mals hat­te sie sich mit be­stimm­ten The­men po­si­tio­niert: Sie plä­dier­te für ei­nen här­te­ren Um­gang mit Asyl­be­wer­bern, die Be­hör­den über ih­re Iden­ti­tät täu­schen – und for­der­te kon­se­quen­tes staat­li­ches Han­deln bei Ab­schie­bun­gen. Sie trat ein für ei­ne bes­se­re Ver­ein­bar­keit von Fa­mi­lie und Be­ruf und ist für Pries­te­rin­nen in der ka­tho­li­schen Kir­che und ge­gen Wer­bung für Ab­trei­bung. An Kar­ne­val trat sie als „Putz­frau Gre­tel vom Land­tag“auf, zog Po­li­ti­ker al­ler Cou­leur durch den Ka­kao. Vor al­lem aber sich selbst.

Sie zahl­te für ih­ren Um­zug nach Ber­lin ei­nen sehr ho­hen Preis. Sie wuss­te das. Als sie noch Mi­nis­ter­prä­si­den­tin war und zwi­schen dem Saar­land und den Ber­li­ner Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen hin- und her­pen­del­te, kam es im Ja­nu­ar zu ei­nem Un­fall. Ihr Di­enst­wa­gen fuhr bei Pots­dam auf ei­nen Last­wa­gen auf – drei Ta­ge lag sie im Kran­ken­haus. Ih­re Fa­mi­lie war schwer ge­schockt. Und doch traf sie we­nig spä­ter die Ent­schei­dung: Ja, ich ge­he nach Ber­lin.

Dort bau­te sie ih­re Macht sys­te­ma­tisch auf. Sor­tier­te das Kon­rad-Ade­nau­er-Haus neu, in­stal­lier­te ein paar we­ni­ge Ver­trau­te in Schlüs­sel­po­si­tio­nen. Sie ging auf Zu­hör-Tour in die CDU-Ver­bän­de, übe­r­all im Land. Sie for­der­te die Mit­glie­der zu Dis­kus­sio­nen auf über das, was sich ver­än­dern muss in der Par­tei. Sie hör­te ge­nau zu, al­len Strö­mun­gen, auch de­nen, die sich von Mer­kel und ih­rer Flücht­lings­po­li­tik ver­ra­ten fühl­ten. AKK iden­ti­fi­zier­te den Wohl­stand im di­gi­ta­len Zeit­al­ter, die Si­cher­heit und den Zu­sam­men­halt der Ge­sell­schaft als die drei wich­tigs­ten ak­tu­el­len Fra­gen. Aus der ei­ge­nen Par­tei ha­be sie in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten Stolz, aber auch Frust, Sor­ge und Ve­r­un­si­che­rung ge­hört.

Der CDU, der gan­zen Uni­on, müs­se es ge­lin­gen, zu­sam­men­zu­blei­ben und sich nicht aus­ein­an­der­di­vi­die­ren zu las­sen, die Par­tei müs­se das Ge­mein­sa­me über das Tren­nen­de stel­len. Da­für ste­he sie. Des­we­gen schwor sie im Asyl­streit mit der CSU im Som­mer die Par­tei mit ei­nem Brief auf die Li­nie der Kanz­le­rin ein: „Ich wer­de jetzt nicht, nur um ei­nen Wett­be­werbs­vor­teil zu ha­ben, mich künst­lich von je­man­dem ab­set­zen, den ich in ei­nem ho­hen Ma­ße schät­ze.“Und kon­sta­tier­te für sich, dass die An­grif­fe aus der CSU di­rekt auf Mer­kel ziel­ten. Ei­ne ers­te Ah­nung, dass es viel­leicht schnel­ler ge­hen müss­te mit der Be­wer­bung um die Nach­fol­ge.

Von Mer­kels Ver­zicht auf den CDU-Vor­sitz wur­de sie ge­nau­so über­rascht wie al­le an­de­ren, be­teu­ert sie. Sie hat­te kei­ne Zeit zur ge­ziel­ten Vor­be­rei­tung auf die­sen Mon­tag nach der Hes­sen­Wahl. Sau­er auf Mer­kel? AKK winkt ab. „Es war ein heil­sa­mer Schock für al­le – und al­le hat­ten die glei­chen Start­chan­cen.“Das hat­te Mer­kel so ge­wollt. Auch aus Angst, dass ein zu star­ker Ein­satz für AKK die­ser ge­scha­det hät­te.

AKK setz­te al­les auf ei­ne Kar­te. Sie ließ ihr Amt als Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin ru­hen, mach­te klar, dass sie auf die­sen Pos­ten auch nicht zu­rück­keh­ren wer­de. Soll­te sie ver­lie­ren, wol­le sie für die Par­tei nur noch „eh­ren­amt­lich“tä­tig sein. Doch AKK ist Op­ti­mis­tin: „Ich bin von Hau­se aus im­mer zu­ver­sicht­lich, sonst wä­re ich nicht in der Po­li­tik“, hat sie ein­mal ge­sagt.

Was sie in den Ta­gen vor dem Par­tei­tag ge­macht hat? „Weih­nachts­de­ko.“Sie ver­traue ih­rem Mann in die­sem Punkt nicht. Nun, er wird künf­tig öf­ter auf die Un­ter­stüt­zung sei­ner Frau ver­zich­ten müs­sen. Ham­burg. Kurz vor dem Wech­sel an der CDU-Spit­ze hat die Uni­on in der Wäh­ler­gunst deut­lich zu­ge­legt. Im neu­en ARDDeutsch­land­trend ge­winnt die Uni­on von CDU und CSU vier Pro­zent­punk­te hin­zu und kä­me dem­nach jetzt auf 30 Pro­zent. Die Grü­nen ver­lie­ren drei Punk­te im Ver­gleich zur letz­ten Um­fra­ge, die Mit­te No­vem­ber er­ho­ben wur­de, und lan­den bei 20 Pro­zent. SPD und AfD blei­ben sta­bil bei je­weils 14 Pro­zent. Die FDP (un­ver­än­dert) und die Lin­ke (mi­nus ein Pro­zent­punkt) kom­men auf je acht Pro­zent. Für die Sonn­tags­fra­ge im Auf­trag der ARD-„Ta­ges­the­men“hat­te das Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tut In­fra­test di­map von Mon­tag bis Mitt­woch die­ser Wo­che 1502 Wahl­be­rech­tig­te be­fragt.

Im Ren­nen um die Nach­fol­ge von Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel an der CDU-Par­tei­spit­ze war in die­ser Um­fra­ge Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er die Fa­vo­ri­tin der CDUAn­hän­ger. 47 Pro­zent von ih­nen wa­ren der An­sicht, Kramp-Kar­ren­bau­er soll­te neue CDU-Vor­sit­zen­de wer­den (plus ein Pro­zent­punkt im Ver­gleich zum Vor­mo­nat). 37 Pro­zent plä­dier­ten für den frü­he­ren Uni­ons­frak­ti­ons­chef Fried­rich Merz (plus sechs Pro­zent­punk­te), zwölf Pro­zent spra­chen sich für Jens Spahn aus (un­ver­än­dert).

„Ich bin von zu Hau­se aus im­mer zu­ver­sicht­lich, sonst wä­re ich nicht in der Po­li­tik.“

Mehr­heit sagt: Mer­kel soll bis 2021 Kanz­le­rin blei­ben

Be­trach­tet man al­le Wahl­be­rech­tig­ten in Deutsch­land, fal­len die Prä­fe­ren­zen ähn­lich aus: Fast wie im Vor­mo­nat spra­chen sich im ak­tu­el­len Deutsch­land­trend 45 Pro­zent der Be­frag­ten für An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er aus, 30 Pro­zent für Fried­rich Merz und zehn Pro­zent für Jens Spahn.

An­ge­la Mer­kel wird zwar den Vor­sitz ih­rer Par­tei ab­ge­ben, aber wei­ter Bun­des­kanz­le­rin blei­ben. Auch die Mehr­heit der Deut­schen sieht das po­si­tiv: Ak­tu­ell spre­chen sich 57 Pro­zent der Be­frag­ten da­für aus, dass An­ge­la Mer­kel die vol­len drei Jah­re bis zur nächs­ten Bun­des­tags­wahl im Jahr 2021 im Ber­li­ner Kanz­ler­amt blei­ben soll. Das ist ein Pro­zent­punkt mehr als Mit­te No­vem­ber. 39 Pro­zent sind hin­ge­gen der An­sicht, dass Mer­kel vor­zei­tig als Bun­des­kanz­le­rin Platz ma­chen soll­te (mi­nus zwei). (dpa)

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