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Thüringer Allgemeine (Arnstadt) - - Erste Seite -

mit der Frau­en­wal­der Gas­tro­no­mie: Die Stim­mung ent­lang der Hun­de­schlit­ten-Renn­stre­cke hat­te mich so fas­zi­niert, dass ich drei Stun­den lang in ei­ner fros­ti­gen Schnee­kuh­le ho­ckend Fo­tos schoss, um den Ei­fer der Mus­her beim Len­ken ih­rer Hus­kyGe­span­ne aufs Bild zu ban­nen. Be­dau­er­li­cher­wei­se fror ich da­bei auf dem hart­ge­fro­re­nen Un­ter­grund der­art fest, dass es meh­re­rer Zu­schau­er be­durf­te, mei­nen eis­ge­zapf­ten Ba­rock­kör­per wie­der in die Gän­ge zu be­kom­men.

Ja, ich war der­art durch­ge­fro­ren, dass selbst Jack Lon­don, wä­re er per­sön­lich auf­ge­taucht, mich nicht da­von hät­te ab­hal­ten kön­nen, an ein war­mes Plätz­chen zu flüch­ten. Und als woll­te mir da­mals das Schick­sal ei­nen Wink ge­ben, rutsch­te ich zu al­lem Über­fluss auch noch auf dem spie­gel­glat­ten Bo­den aus – und lan­de­te ei­gent­lich, kaum zu glau­ben, auf ei­ner acht­los weg­ge­wor­fe­nen Wer­be­zei­tung mit dem ver­hei­ßungs­vol­len Ti­tel „Ka­minBlatt“. Nach­dem ich sie ge­glät­tet hat­te, las ich ei­ne ver­lo­cken­de Bot­schaft:

Drei Ta­ge vor Weih­nach­ten der ein­gangs avi­sier­te zwei­te Test.

Trotz des Schnee­man­gels herrsch­te schon Le­ben auf der „Gass“, wie der Ein­hei­mi­sche die Stra­ßen und We­ge im Ort be­zeich­net.

Rein äu­ßer­lich hat­te sich das Gast­haus nicht ver­än­dert: Noch im­mer wird das mit brau­nen Holz­fens­tern und blitz­blank ge­wie­ner­ten Glas­seg­men­ten un­ter­bro­che­ne schloh­weiß ge­putz­te Erd­ge­schoss vom schie­fer­ver­klei­de­ten grau­en Ober­ge­schoss ge­krönt. Post­kar­ten­idyl­le, wenn Son­ne und blau­er Him­mel hin­zu­kom­men.

Nur beim Schild mit den Öff­nungs­zei­ten wur­den wir ein we­nig stut­zig: Die Gast­stät­te im Haus öff­net der­zeit in der Wo­che erst ab 17 Uhr, Frei­tag bis Sonn­tag in­des wei­ter von 11 bis 23 Uhr. Don­ners­tag ist Ru­he­tag.

Wo­mit auch der „Wald­frie­den" den neu­en Be­stim­mun­gen hin­sicht­lich der Ar­beits­zei­ten für sei­ne fünf Festan­ge­stell­ten Tri­but zol­len muss­te. Nur der Chef darf schuf­ten bis er um­fällt. Muss er si­cher­lich auch, wenn er über die Run­den kom­men will.

So war es schon ein we­nig ver­wun­der­lich, dass er auf un­ser Klop­fen hin mit ei­nem der­art herz­li­chen Lä­cheln öff­ne­te, als hät­te er nur auf un­se­ren Be­such ge­war­tet. Die Er­fah­rung mit an­de­ren Be­rufs­kol­le­gen auf dem Renn­steig hat mich ge­lehrt, dass mit Gast­wir­ten, die man au­ßer­halb der Öff­nungs­zei­ten stört, ei­gent­lich nicht gut Kir­schen es­sen ist.

Doch Wirt Erik Lauterbach feix­te wie der als Bud­dha ver­klei­de­te Mann in Pe­kings „Ver­bo­te­ner Stadt", der mich vor Jah­ren im Auf­trag der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Chi­nas um ei­ne Spen­de an­bet­tel­te. Es war die­ses Lä­cheln, das uns schon bei un­se­rem ers­ten Be­such vor zwölf Jah­ren so fas­zi­niert hat­te. Dass es ihm so of­fen­sicht­lich er­hal­ten ge­blie­ben war, be­wies oh­ne gro­ße Wor­te, dass ein Mensch, der sei­ne Ar­beit liebt, trotz al­ler Pla­cke­rei und im Fal­le von Gas­tro­no­men, trotz ei­nes über­pro­por­tio­na­len Ver­wal­tungs­auf­wands, auch nach über drei­ßig Be­rufs­jah­ren im sel­ben Haus im­mer noch glück­lich sein kann.

Na­tür­lich hat Erik mich nicht er­kannt. Nach hun­dert­drei­ßig Ki­lo Ge­wichts­ver­lust brau­che ich kei­nen Hut mit Tüll­gar­di­ne, wie Lou­is de Fun­ès in „Brust oder Keu­le".

Auch sei­ne Eil­fer­tig­keit war schnell ge­klärt: Er war­te­te auf ei­ne Ge­sell­schaft, die hier kurz vor dem Fest noch schnell ih­re Weih­nachts­fei­er über die Büh­ne brin­gen woll­te.

Al­le an­de­ren Ter­mi­ne wa­ren näm­lich aus­ver­kauft ge­we­sen. Spon­tan ent­schie­den wir zu blei­ben. Es wur­de ein feucht­fröh­li­cher Nach­mit­tag, der erst kurz vor Mit­ter­nacht en­de­te.

Na­tür­lich muss­ten wir Eriks selbst ge­ba­cke­nen Ku­chen ver­kos­ten. Und ta­ten dies auch, denn un­se­re Vor­tes­ter hat­ten nur Gu­tes be­rich­tet. Nur ein sol­ches po­si­ti­ves Re­sul­tat lässt Spiel­raum für ei­nen Test mit of­fe­nem Vi­sier. Ab­ge­se­hen von ei­ner Fo­rel­le, die viel­leicht just an dem Tag et­was zu lan­ge ge­grillt wor­den war und ei­nen mei­ner Tes­ter ein we­nig an ei­ne Laub­sä­ge­ar­beit er­in­ner­te, wur­den al­len Spei­sen lie­be­voll zu­be­rei­tet und ...ser­viert. Ei­gent­lich jam­mer­scha­de, dass ge­ra­de die Fo­rel­le – si­cher­lich in der Hek­tik– ein we­nig miss­lun­gen war, denn die­se mun­te­ren Fisch­chen be­zieht Erik nach wie vor von den „Helms“in Ma­ne­bach bei Il­men­au. „Auch, wenn die dort et­was teu­rer sind. Nir­gend­wo be­kom­me ich ei­ne bes­se­re Qua­li­tät“, mein­te der Wirt.

o hält es Erik üb­ri­gens auch mit fast all den an­de­ren Na­tu­ra­li­en, die er eben­falls aus der nä­he­ren Um­ge­bung be­zieht. Nach­zu­le­sen ist die­se Aus­sa­ge im be­sag­ten „Ka­minBlatt", das der Wirt seit nun­mehr zwan­zig Jah­ren in­zwi­schen vier­tel­jähr­lich auf­legt – je­des Mal ver­bun­den üb­ri­gens mit ei­nem Wech­sel der Spei­se­und Ge­trän­ke­kar­te, die der Gast dort aus­ge­druckt fin­det und die er über­dies als Sou­ve­nir mit­neh­men darf.

Nur die gas­tro­no­mi­schen Ren­ner, wie zum Bei­spiel die am Ka­min­rost über Bu­chen­holz ge­grill­ten Spe­zia­li­tä­ten, ha­ben un­an­ge­tas­tet die Zei­ten über­lebt: but­ter­wei­che Rib-Eye- und Rump­steaks (19,50 und 16,90 Eu­ro), zar­te, in Wa­chol­de­r­öl ein­ge­leg­te Hir­schme­dail­lons und Lamm­spie­ße mit Zwie­beln und Rauch­speck (14,80 und 14,30 Eu­ro), au­ßer­dem allerhand Schwei­nesteaks und ei­ne Rie­sen­brat­wurst­schne­cke, die so frisch ist, dass er sie in der nur we­ni­ge Schrit­te ent­fern­ten Flei­sche­rei ge­or­dert ha­ben dürf­te.

Wie ge­sagt: Es wur­de ei­ne un­ge­mein fröh­li­che Ver­an­stal­tung, bei der wir kräf­tig zu­ge­langt ha­ben. Bis auf die ei­gen­pro­du­zier­te vor­züg­li­che Feu­er­zan­gen­bow­le. An ihr ha­be ich aus ge­ge­be­nem An­lass – an­ders als vor zwölf Jah­ren–nu­r­ein­we­nig­ge­nippt.

Ob­wohl ich da­mals ei­gent­lich noch über kör­per­li­che Res­sour­cen ver­füg­te, die je­des Gläs­chen Al­ko­hol so­fort in pu­re En­er­gie ver­wan­del­ten, kann ich mich noch gut dar­an er­in­nern, wie mich das ei­ne Gläs­chen zu viel auf die har­ten Flie­sen vor den Ka­min warf.

Zu al­lem Un­glück schick­te mir dann auch noch der Teu­fel Al­ko­hol sei­ne Töch­ter, die mich auf ein Tänz­chen durchs Höl­len­feu­er ein­lu­den. Tags dar­auf ver­wan­del­ten sich die Gra­zi­en wie im Mär­chen in ei­nen rie­si­gen Ka­ter.

Das war üb­ri­gens der Mo­ment, als mein neu­er Freund Rü­di­ger sei­ne Rol­le als Tes­ter zu­tiefst be­dau­er­te. Na­tür­lich hat­te ich ihm von die­ser Be­geg­nung be­son­ders aus­führ­lich be­rich­tet und er hät­te sie all­zu gern bis zu ei­nem ge­wis­sen Gra­de nach­ge­lebt.

Und nun? Muss­te auch er sich ent­hal­ten. Sie er­in­nern sich viel­leicht: Er hat­te sich doch als Fah­rer an­ge­bo­ten.

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