Die glor­rei­chen Sie­ben

Thüringer Allgemeine (Artern) - - Kultur & Freizeit - Hen­ryk Gold­berg ist Pu­bli­zist und schreibt je­den Sams­tag sei­ne Ko­lum­ne

Es war je­des Mal ein har­ter Kampf. Ich ge­gen die Mut­ter. Ein biss­chen konn­te ich die Nie­der­la­ge hin­aus­zö­gern, sie ließ mich, wohl aus päd­ago­gi­schen Er­wä­gun­gen, im­mer ein paar Ta­ge ge­win­nen. Am Be­ginn des Früh­jahrs und am En­de des Herbs­tes. Und die Fra­ge war im­mer, wie lang ich im Herbst die kur­ze Ho­se tra­gen durf­te und wie lang es im Früh­ling die lan­ge sein muss­te. Heu­te, re­la­tiv selbst­be­stimmt, stellt sich die Ho­sen­fra­ge nicht mehr. Ich ver­ab­scheue, Old School eben, kur­ze Ho­sen, we­nigs­tens an mir. Ich wür­de üb­ri­gens auch kei­ne lan­gen Le­der­ho­sen tra­gen, aber die kur­zen, das war da­mals das Größ­te. Ir­gend­wie war das Klasse, au­ßer­dem, ich muss­te nicht so auf Fle­cken und sol­che Sa­chen ach­ten, das er­leich­ter­te das Le­ben so­wohl für mich als auch für die Er­zie­hungs­be­rech­tig­te und Pfle­ge­ver­pflich­te­te.

Es fiel mir die­ser Ta­ge wie­der ein, nicht nur weil der Herbst sich sach­te neigt. Nein, es war ei­ne so be­stür­zen­de wie ir­ri­tie­ren­de Nach­richt in mei­ner Hei­mat­zei­tung. In ei­ner Er­fur­ter Gas­se näm­lich, so teil­te die Po­li­zei mit, ha­be man 7 (sie­ben) Le­der­ho­sen ge­fun­den, her­ren­los, neu­wer­tig.

Was war da ge­sche­hen? Wer hat­te sich da, und war­um, sei­ner Le­der­ho­sen ent­le­digt? Die sie­ben Schwa­ben? Nein, die tra­gen wohl der­lei nicht, das wä­re ih­nen zu teu­er.

Es ge­schah ja wäh­rend des Er­fur­ter Ok­to­ber­fes­tes, das kann kein Zu­fall sein. In die­ser Zeit sah ich in der Thü­rin­ger Lan­des­haupt­stadt nicht we­ni­ge Men­schen mit Le­der­ho­sen oder Dirndlkleid, was mir un­ter­schied­lich ge­fiel, in je­dem Fal­le aber ir­gend­wie be­fremd­lich schien. Ich mei­ne, Le­der­ho­se mit Brat­wurst, das ist so, wür­de die Da­me sa­gen, wie San­da­len mit So­cken.

Wa­ren al­so sie­ben glor­rei­che Thü­rin­ger Freun­de auf dem Thü­rin­ger Bay­ern­markt ge­we­sen und hat­ten sich, nächt­lich heim­wärts schwan­kend, ih­rer krach­le­dern­den Bein­klei­der ent­le­digt? Viel­leicht, dass sie ih­ren Da­men et­was von Work­shop, Te­am­buil­ding und so er­zählt hat­ten, wo­zu das rus­ti­ka­le Out­fit nicht ganz pas­sen woll­te?

Oder wo­mög­lich han­del­te es sich um ei­nen Dieb­stahl, an ei­ni­gen der Klei­dungs­stü­cke haf­te­ten noch die Eti­ket­ten, und die Die­be hat­ten wäh­rend des Ok­to­ber­fes­tes ei­ne güns­ti­ge Markt­la­ge für die­ses Pro­dukt ver­mu­tet und sich dann, wie es vor­kommt in der frei­en Wirt­schaft, doch ge­irrt bei der Ver­hal­tens­pro­gno­se der üb­ri­gen Markt­teil­neh­mer?

Wäh­rend ich die­sen un­ge­lös­ten Fra­gen nach­hing, er­reich­te uns ei­ne Mel­dung aus der Hei­mat der Le­der­ho­se. Dort näm­lich fand Ed­mund Stoi­ber, frü­her ein­mal Mi­nis­ter­prä­si­dent die­ses schö­nen Lan­des, ei­ne Er­klä­rung für den, aus sei­ner Sicht, be­trüb­li­chen Um­stand, dass die mon­ar­chi­sche Erb­fol­ge der CSU nach die­sem Wo­che­n­en­de ein En­de ha­ben könn­te. Es liegt näm­lich we­der an der CSU, an der gleich gar nicht, noch an der gro­ßen Ko­ali­ti­on und dem Horst-ich-tre­te-zu­rück-oder-auch-nicht-See­ho­fer, son­dern an: ge­nau, den Frem­den, den Wirt­schafts­flücht­lin­gen. Aus Deutsch­land. Weil, so die blau-wei­ße Re­de, we­gen des wirt­schaft­li­chen Er­fol­ges so vie­le Deut­sche aus al­len Tei­len Deutsch­lands nach Bay­ern kom­men, die nicht wis­sen, dass es sich in Bay­ern ein­fach ge­hört, CSU zu wäh­len. Oder so. Das Pro­blem der CSU ist al­so die kul­tu­rel­le Über­frem­dung durch Stäm­me aus an­de­ren deut­schen Gau­en. Durch Men­schen, die kei­ne Le­der­ho­sen tra­gen, die kei­ne Weiß­wurst es­sen und kei­nen Le­ber­käs auch nicht.

Und wie­so, das wird man ja noch fra­gen dür­fen!, wie­so al­so müs­sen wir hier die Weiß­wurst­fres­ser, die Bay­ernBa­zis dul­den? Wir wis­sen noch nicht, wel­che Fol­gen das für die nächs­te Wahl und die Brat­wurst­in­dus­trie ha­ben wird, aber gut kann es nicht sein. Und wenn sie nächs­tens in Holz­hau­sen ein Weiß­wurst­mu­se­um er­öff­nen, dann ist Po­len aber of­fen! Und sehr ent­täuscht sind wir über die AfD, das wä­re doch mal ei­ne wei­te­re volks­na­he Ak­ti­on: Wann wer­den sie end­lich, end­lich, ge­gen die kul­tu­rel­le Über­frem­dung durch die uns seit tau­send Jah­ren art­frem­de baye­ri­sche Le­bens­art pro­tes­tie­ren? Ich mei­ne, schließ­lich hat der Bay­er noch sein Bay­ern, aber was ha­ben wir? Und wel­ches Thü­rin­ger Mä­del kann noch un­be­fan­gen durch die Stun­zen­gas­se und über den Dom­platz ge­hen, wenn sie be­stän­dig Angst ha­ben muss vor „Lie­bes­grü­ßen aus der Le­der­ho­se“?! Au­ßer­dem ist der Bay­er ein ganz an­de­rer Re­pro­duk­ti­ons­typ, wie vor­ste­hend ge­nann­ter Film be­weist. Und sind fast 800.000 Be­su­cher des noch im­mer nicht ver­bo­te­nen baye­ri­schen Pro­pa­gan­da­mark­tes auf dem Dom­platz nicht viel, viel ge­fähr­li­cher als ei­ne Mo­schee in Mar­bach für 100 Leu­te? Und jetzt er­ken­ne ich den Sinn der glor­rei­chen Sie­ben: Es war der Be­ginn ei­nes Pro­tes­tes, sie ha­ben die Le­der­ho­sen in der Stun­zen­gas­se auf den Müll­hau­fen der Ge­schich­te ge­wor­fen. Denn, wie wir Thü­rin­ger sa­gen, mia san mia.

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