Ho­he Ber­ge, gro­ße Emo­tio­nen Rein­hold Mess­ner kommt mit neu­em Vor­trag im No­vem­ber nach Er­furt. Ein Ge­spräch über Gip­fel­tou­ris­mus, Um­welt­schutz und den Ye­ti-Witz

Kir­mes in Ur­bich

Thüringer Allgemeine (Erfurt-Land) - - Erfurter Allgemeine - Von Cas­jen Carl

So­bald Su­lei­ka im Mor­gen­grau­en die Au­gen öff­net, weiß sie, es liegt ein end­los lan­ger Tag voll har­ter Ar­beit vor ihr und – schwer­wie­gen­der noch – an­ge­füllt mit Er­nied­ri­gun­gen durch Ehe­mann und Schwie­ger­mut­ter. Recht­los lebt sie auf de­ren Bau­ern­hof, mit 15 dort­hin ver­hei­ra­tet und nur als kos­ten­lo­se Ar­beits­kraft ge­schätzt. Doch es kommt noch schlim­mer für sie in die­sem Jahr 1930.

Lan­ge schon le­ben die Ein­woh­ner ih­res ta­ta­ri­schen Dor­fes in stän­di­ger Angst vor Ent­eig­nung, Sta­lins Kam­pa­gne ge­gen die Ku­la­ken ist auf ih­rem Hö­he­punkt. Beim Ver­such, das Saat­gut fürs nächs­te Jahr zu ver­ste­cken, wird Su­lei­kas Mann er­schos­sen, der Hof ver­wüs­tet, sie selbst ver­schleppt. Erst ins Ge­fäng­nis, dann nach Si­bi­ri­en. Krank­heit, Hun­ger, Ge­walt und Tod sind stän­di­ge Be­glei­ter der Ge­fan­ge­nen. Und es kom­men vie­le Zü­ge an in Kras­no­jarsk, sehr vie­le. Das letz­te Stück wird mit Last­käh­nen zu­rück­ge­legt, auf Je­nis­sej und An­ga­ra geht es tief hin­ein in die Tai­ga, wo die von Sta­lin Aus­ge­sie­del­ten von nun an blei­ben sol­len. Die Men­schen al­so, die es über­haupt bis hier­her ge­schafft ha­ben. Un­zäh­li­ge sind un­ter­wegs ge­stor­ben, ei­ni­gen we­ni­gen ist die Flucht ge­lun­gen. Und Su­lei­ka ist schwan­ger, in die­sem al­ler­ers­ten und schlimms­ten Win­ter im La­ger wird ihr Sohn ge­bo­ren. Doch die­ses Kind, für das sie sor­gen muss, gibt ihr Kraft und Halt. Und es steht Jah­re spä­ter für ein ganz klei­nes biss­chen Hoff­nung auf ein bes­se­res Le­ben … Wer Gu­sel Ja­chi­nas be­rüh­ren­den Ro­man über die­ses dunk­le Ka­pi­tel der Ge­schich­te liest, wird ihn kaum so schnell wie­der ver­ges­sen kön­nen. Ur­bich. Seit ges­tern wird in Ur­bich Kir­mes ge­fei­ert. Beim Kir­mestanz soll heu­te ab 20 Uhr die Band Van Gard für Stim­mung sor­gen. Die Band bringt Par­ty­hits von He­le­ne Fi­scher bis Rammstein nach Ur­bich. Am Sonn­tag fin­det um 10 Uhr der Früh­schop­pen mit zünf­ti­ger Blas­mu­sik und Mit­tag­es­sen mit Thü­rin­ger Klö­ßen statt. Er­öff­net wird der Früh­schop­pen wie­der durch die Böl­ler­schüs­se des Schüt­zen­ver­eins Win­disch­holz­hau­sen. Ab 14 Uhr ist Kin­der­tanz mit Hüpf­burg und Kin­der­ani­ma­ti­on ge­plant. (red) Er­furt. Der be­kann­tes­te Berg­stei­ger un­se­rer Zeit, Rein­hold Mess­ner, star­tet mit sei­nem neu­es­ten Vor­trag „Welt­ber­ge – die 4. Di­men­si­on“am 15. No­vem­ber 2018 in Er­furt sei­ne Tour­nee durch Deutsch­land und die Schweiz. Wir spra­chen mit dem Be­zwin­ger al­ler Acht­tau­sen­der.

„Welt­ber­ge – die 4. Di­men­si­on“zeigt Bil­der aus dem Wel­tall auf de­nen 13 Gip­fel so zu se­hen sind, wie nie­mals zu­vor. Er­in­nern sie sich an das Bild ei­nes Ber­ges, von dem Sie sa­gen, das war für mich qua­si die ers­te Di­men­si­on?

Die Ber­ge sieht man ja auf dem Bild als Flä­che, das ist die ers­te Di­men­si­on. Ich hab die Ber­ge als Kind ei­gent­lich nie als Flä­che an­ge­schaut. Ich ha­be aus dem Tal drun­ten auf die­se fan­tas­ti­schen Geis­ler­spit­zen ge­schaut und die wa­ren für mich un­end­lich weit weg. Und re­la­tiv klein. Als ich fünf Jah­re alt war, hat mein Va­ter uns – al­so mei­nen äl­te­ren Bru­der und mich und auch die Mut­ter war da­bei – mit­ge­nom­men auf die Gsch­na­gen­hard­talm. Da tritt man aus dem Wald her­aus auf ei­ne Wie­se und da ste­hen die Ber­ge in ei­ner Grö­ße da! Zum Grei­fen nah, das man glaubt, das kann gar nicht sein. Das ist der größ­te Berg ...

Ist die Be­schäf­ti­gung mit mo­der­nen Fo­to­tech­ni­ken ei­ne Form für Sie, die Sehn­sucht nach den gro­ßen Ber­gen zu stil­len?

Nein, für mich sind die Sa­tel­li­ten­bil­der von der Deut­schen Luft- und Raum­fahrt­be­hör­de nur ei­ne Hil­fe, um Ge­schich­ten zu er­zäh­len. Den Berg kann ich ja nicht mit­neh­men und aus­stel­len, ich kann nur Ab­bil­dun­gen auf Lein­wand wer­fen und die sind auch nur zwei­di­men­sio­nal. Aber, weil wir die­se Sa­tel­li­ten­bil­der im Raum dre­hen kön­nen, ent­steht ein drei­di­men­sio­na­les Bild. Das hat noch nie je­mand ge­zeigt und jetzt ist es mög­lich. Und ich er­zäh­le dann das, was an die­sem Berg pas­siert ist. Al­so ist das, was Sie an den Sa­tel­li­ten­bil­dern so fas­zi­niert, dass man sie dre­hen kann?

Ja, und das ist ganz wich­tig und ich ha­be die Schlüs­sel­ber­ge ge­nom­men, um die al­pi­ne Ge­schich­te zu er­zäh­len. Aber die vier­te Di­men­si­on ist das, was wir in die Ber­ge hin­ein­le­gen. Mit un­se­ren Emo­tio­nen mit un­se­rer Em­pa­thie. Em­pa­thie für die Men­schen, die dort et­was er­lebt ha­ben.

Noch mal zu­rück zur Gsch­na­gen­hard­talm, den Geis­ler­spit­zen und dem Fünf­jäh­ri­gen: Am En­de die­ser Fe­ri­en nach zwei, drei Wo­chen ha­ben uns die El­tern mit­ge­nom­men auf den größ­ten die­ser Ber­ge. Und da bin ich rauf­ge­stie­gen. Of­fen­sicht­lich recht ge­schickt – ich weiß aber noch ganz ge­nau, wo ich Angst hat­te beim Klet­tern. Aber die gro­ße Emo­ti­on kam, als ich wie­der un­ten stand und da rauf­ge­schaut ha­be und mir sel­ber nicht ge­glaubt ha­be, dass ich sel­ber da oben war, auf die­sem rie­sen­gro­ßen Berg. Und die­se Emo­ti­on – das ist die vier­te Di­men­si­on.

Ha­ben Sie schon auf den Bil­dern aus dem All ei­ne Rou­te ent­deckt, die Sie ei­gent­lich gern ein­mal ge­gan­gen wä­ren? Ja, es gibt an ei­nem Berg, den ich dann im Vor­trag auch nen­ne, ei­ne Spiel­mög­lich­keit, ei­ne Aben­teu­er­mög­lich­keit, die bis­her nie­mand ge­se­hen hat und die nicht aus­ge­schöpft ist. Und die ich viel­leicht, ja viel­leicht noch ma­chen könn­te. Aber ich darf mich nicht über­for­dern. Das wä­re die größ­te Dumm­heit, dass ich jetzt mit knapp 75 Jah­ren im nächs­ten Jahr et­was ma­che, wo ich dann in die­sem ge­setz­ten Al­ter um­kom­me, nur weil ich mich über­neh­me. Die Kunst be­steht ja da­rin, im Al­ter zu­rück­zu­ste­cken, Jahr für Jahr und sich mit klei­ne­ren Bröt­chen zu­frie­den zu ge­ben.

Sie re­den im Vor­trag über die Welt­ber­ge: Wird man denn die „Wan­der­we­ge“auf den Mount Eve­r­est se­hen? In­zwi­schen müs­sen ja zu be­stimm­ten Zei­ten bun­te Schlan­gen Rich­tung Gip­fel er­kenn­bar sein?

Ja, wenn die Sa­tel­li­ten rich­tig ein­ge­stellt sind, sind ja selbst ein­zel­ne Berg­stei­ger zu se­hen... Da­mit sind aber auch neue Be­weis­füh­run­gen mög­lich. Für uns war es sei­ner­zeit schwie­rig, mit den al­ten Ka­me­ras zu be­stä­ti­gen oder zu zei­gen, dass wir da oben wa­ren. Die sind ein­ge­fro­ren oder die Fil­me sind ge­ris­sen. Auf dem Nan­ga Par­bat 1970 zum Bei­spiel ha­ben wir oben auch fo­to­gra­fiert. Aber die Bil­der wa­ren ein­fach nichts, weil die Ka­me­ra blo­ckiert war. Da hat sich viel ge­än­dert in der Kom­mu­ni­ka­ti­on. Mit den Sa­tel­li­ten­ka­me­ras kann man neue Rou­ten fin­den, man kann De­tails her­aus­le­sen von ei­ner Berg­flan­ke, die weit, weit weg ist, und plant da­heim schon rich­tig. Aber ich lie­be mei­ne Zeit, wo es das al­les nicht gab und das Berg­stei­gen auf ei­nen ein­fa­che­ren Berg schon ein Aben­teu­er war. Mit den Tou­ris­ten kommt viel Müll auf die Welt­ber­ge, aber auch in die Al­pen oder den Thü­rin­ger Wald. Hat man als be­rühm­ter Al­pi­nist oder Na­tur­freund die Chan­ce, ei­ne Vor­bild­wir­kung aus­zu­spie­len? Re­la­tiv we­nig. Al­so bei mei­nen ei­ge­nen Ob­jek­ten, bei mei­nen sechs Mu­se­en zum Bei­spiel, ha­ben wir die Re­gel, wenn Müll her­um­liegt, muss man den so­fort weg­neh­men. Denn wo Müll liegt, kommt viel Müll da­zu. Es ist ge­ne­rell ein Pro­blem, dass der Eve­r­est oder das Mat­ter­horn über­for­dert sind, weil man dort In­fra­struk­tu­ren ge­schaf­fen hat. Und Leis­tun­gen ge­schaf­fen hat, dass dort Tau­sen­de von Men­schen in­ner­halb von zwei Jah­ren hin­ge­hen. Al­so wirk­lich Tau­sen­de. Und da­mit kom­men auch die Um­welt­be­las­tung und der Lärm und die Hek­tik und die Ag­gres­si­on, mit der heu­te her­um­ge­strit­ten wird, wer zu­erst hoch­ge­hen darf. Da ist vie­les im Ar­gen – und das er­zäh­le ich na­tür­lich auch. Aber we­ni­ger mit er­ho­be­nen Zei­ge­fin­ger. Na­tür­lich braucht es Ski­pis­ten und We­ge und Seil­bah­nen. Aber ab ei­ner be­stimm­ten Hö­he soll­te es kei­ne In­fra­struk­tur mehr ge­ben.

Der Be­kannt­heits­grad, den Sie ge­nie­ßen hat vie­le Sei­ten. Sie tau­chen in­zwi­schen schon in Kin­der­wit­zen auf.

Sie mei­nen die Ye­ti-Ge­schich­te? Zwei Ye­tis tref­fen sich…

... sagt der ei­ne: ,Ich ha­be Rein­hold Mess­ner ge­se­hen.‘ Und der an­de­re: ,Was den gibt’s wirk­lich?‘

Ja, ja. Das ist aber ein Er­wach­se­nen­witz. Der ist gut, weil er die Ge­schich­te ge­nau er­klärt. Ich bin stolz auf die­sen Witz. Im Üb­ri­gen ge­ne­rell: Wenn man zur Witz­fi­gur ge­wor­den ist, hat man es ge­schafft.

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Kar­ten für den Vor­trag am

. No­vem­ber in der Thü­rin­gen­hal­le gibt es im Pres­se­haus, Mey­fart­stra­ße 

Wei­te­re In­fo und Ti­ckets: www.mess­ner-li­ve.de

Wer sich in Ti­bet dem Mount Eve­r­est von Nor­den nä­hert, sieht den höchs­ten Berg der Er­de plötz­lich von ei­nem Pass aus ge­wal­tig vor sich. Fo­to: Cas­jen Carl

In sei­nem Vor­trag kom­bi­niert Rein­hold Mess­ner al­pi­nis­ti­sche Er­leb­nis­be­rich­te mit Sa­tel­li­ten­bil­dern. Fo­to: Agen­tur

Ri­ta Pre­gel ist Lek­to­rin für Me­di­zin und Na­tur­wis­sen­schaf­ten.Ar­chiv-Fo­to: Mar­co Kn­ei­se

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