Sport

Thüringer Allgemeine (Erfurt-Land) - - Erste Seite -

MSchon in der Schu­le in Leip­zig war Klaus Got­tert im­mer der Schnells­te. Im Drei­kampf – Schlag­ball, Weit­sprung und 75 Me­ter – wur­de er Schul­meis­ter. „Und da hat mein Sport­leh­rer ge­sagt: „Hier gibt es jetzt was neu­es, ei­ne Spor­to­ber­schu­le – da gehst du hin!“, er­zählt er. Ge­sagt, ge­tan. Und nur ein Jahr spä­ter wur­de aus Got­terts neu­er Lehr­an­stalt die Kin­der- und Ju­gend­sport­schu­le. Dort ha­be er sich dann in fast al­len Sport­ar­ten aus­pro­biert. Kurz vor dem Abitur zo­gen sei­ne El­tern nach Ge­ra. Das Be­son­de­re an der Fa­mi­lie: Auch die Brü­der Frank und Steffen wa­ren Aus­dau­er­läu­fer. „Wir wa­ren in den 1960er Jah­ren al­le drei et­wa auf dem glei­chen Leis­tungs­ni­veau der Waf­fe bei der Na­tio­na­len Volks­ar­mee war so­wie­so Pflicht – es mit dem ge­lieb­ten Sport zu ver­bin­den, die Kür. „Der ASK in Pots­dam war das Mek­ka der Läu­fer“, er­in­nert er sich. Gro­ße Na­men hät­ten dort ge­dient. Hans Gro­dotz­ki bei­spiels­wei­se, der 10.000-Me­ter-Sil­ber­me­dail­len­ge­win­ner von den Spie­len in Rom, der sei das Zug­pferd ge­we­sen. Klaus Got­tert selbst muss­te ir­gend­wann aus Ver­let­zungs­grün­den pas­sen, die Lauf­bahn als Leis­tungs­sport­ler be­en­den.

„So ha­be ich an der DHfK in Leip­zig Sport stu­diert und ha­be da­nach beim SC Mo­tor Je­na als Trai­ner an­ge­fan­gen“, be­rich­tet er. In Bad Blan­ken­burg an der Kin­de­r­und Ju­gend­sport­schu­le ar­bei­te­te

it 70, sagt Klaus Got­tert, ha­be er sich die­sen Traum er­füllt. Ein­mal im Le­ben den Ma­ra­thon nach Athen ge­lau­fen sein – „Da schaut man nicht auf die Zeit“, sagt er. Da ge­he es nur dar­um, je­den Schritt zu ge­nie­ßen, dem an­ti­ken Göt­ter­bo­ten nach­zu­ei­fern, je­nem Phei­dip­pi­des, der im Jahr 490 vor Chris­ti Ge­burt den Athe­nern die Kun­de vom Sieg bei der Schlacht von Ma­ra­thon über­brach­te. Et­was Weh­mut klingt aus sei­ner Stim­me, doch Klaus Got­terts Au­gen glän­zen, wenn er da­von be­rich­tet, am Fu­ße der Akro­po­lis ins Ziel ge­kom­men zu sein. Das wä­re et­was, was er be­reut hät­te, nicht ge­tan zu ha­ben.Am Di­ens­tag wur­de Thü­rin­gens Ma­ra­thon-Le­gen­de 80 Jah­re alt.Im Krei­se der Fa­mi­lie wur­de ent­spre­chend ge­fei­ert – be­schei­den, oh­ne gro­ßes Tam­tam. Die Gesundheit, so be­rich­tet der Ju­bi­lar, spie­le nicht mehr so mit, wie man es sich wün­sche. Über Nacht, er­zählt er, ha­be sich sein Le­ben vor vier Jah­ren ver­än­dert. Im US-ame­ri­ka­ni­schen Sacramento bei den Se­nio­ren-Welt­meis­ter­schaf­ten hat­te sich der Jena­er ei­nen Vi­rus ein­ge­fan­gen. „Der Kör­per hat ihn be­kämpft, ge­won­nen – und hat dann aber nicht auf­ge­hört, wei­ter ei­nen Vi­rus be­kämpft, der gar nicht mehr da war. Er hat dann aber nicht mehr den Vi­rus als Feind, son­dern den ei­ge­nen Kör­per.“Au­to­im­mun­krank­heit wird das ge­nannt. „Es wur­de zu­erst nicht er­kannt. Ich lag schon auf der Bah­re ...“, sagt Got­tert, der beim ASV Er­furt ge­mel­det ist, lei­se.Doch der ge­bür­ti­ge Leip­zi­ger ist stets ei­ne Kämp­fer­na­tur ge­we­sen, auch wenn es men­tal ei­ne durch­aus schwie­ri­ge Pha­se ge­we­sen sei. „Man fragt sich: War­um ich? Man denkt so: Ich ha­be doch mein gan­zes Le­ben Sport ge­trie­ben, al­les da­für ge­tan, ge­sund zu blei­ben.“Nur sie­ben von Hun­dert­tau­send wür­den an dem er­kran­ken, was ihn er­eil­te. „Ich ha­be mir auch die Fra­ge ge­stellt, ob es viel­leicht mit dem Sport zu tun hat, dass man über­zo­gen hat.“Aber so vie­le Ath­le­ten ge­hen bis an ih­re Gren­zen und dar­über hin­aus – und ha­ben die Krank­heit nicht. Was sei al­so an­de­res üb­rig ge­blie­ben, als auch die­sen Kampf an­zu­neh­men. „Man be­kommt ei­ne an­de­re Sicht auf den Rest des Le­bens. Und ich bin dank­bar, dass mir ge­hol­fen wer­den kann“, sagt Got­tert. Und doch: „Als ich aus dem Kran­ken­haus kam und an­ge­fan­gen ha­be, Spa­zier­gän­ge zu ma­chen, ha­be ich fest­ge­stellt, dass al­les weg ist. Ich ha­be kei­ne Kon­di­ti­on mehr. Wir ha­ben bei uns hin­term Haus ei­ne klei­ne Kuh­wei­de, ein klei­ner Berg. Den hoch zu ma­chen, ist schlim­mer als die letz­ten zehn Ki­lo­me­ter beim Ma­ra­thon.“Manch­mal pro­biert er es trotz­dem. „Ich bin von der Ein­stel­lung her je­den Tag be­reit, mich zu be­we­gen. Und ab und zu neh­me ich mir die­sen Berg vor“, er­zählt er.Der Sport, der ei­nen gro­ßen Teil sei­nes Le­bens be­stimmt hat, ja, der feh­le ihm im Prin­zip, wie er er­läu­tert. „Es geht ja nicht nur um die Be­frie­di­gung des per­sön­li­chen Ehr­gei­zes, das Er­rei­chen be­stimm­ter Zie­le. Der Sport bringt ja auch zahl­rei­che Er­fah­run­gen mit sich, Le­bens­qua­li­tät.“Die Ver­glei­che mit an­de­ren, die vie­len Reisen in fer­ne Län­der – all das sei­en Kom­po­nen­ten des Sports ab­seits des blo­ßen Wett­kamp­fes. bei den Meis­ter­schaf­ten da­bei. Das gibt‘s in ganz Eu­ro­pa nicht noch ein­mal.“Die Zei­ten wa­ren in der Tat ver­gleich­bar: Egal, wel­cher Got­tert – stets zwi­schen 2:20 und 2:25 St­un­den wa­ren sie im Ziel. Nun, gut, ei­ne Se­kun­de le­gen wir mal noch drauf, sagt Klaus Got­tert und lacht. „Mei­ne Best­zeit liegt bei 2:25:01. Ich war der lang­sams­te Ma­ra­thon-Läu­fer von uns.“Bru­der­herz Steffen fei­er­te 1969 den Ti­tel in der DDR. „Ich wur­de Drit­ter“, er­in­nert sich Klaus Got­tert. Da­für war er auf an­de­ren Dis­tan­zen schnel­ler als der Rest des Clans. Für die zehn Ki­lo­me­ter be­nö­tig­te er gera­de 29:38 Mi­nu­ten. „Für die da­ma­li­ge Zeit war das rich­tig gut.“Nach dem Um­zug in die Be­zirks­haupt­stadt Ge­ra schlos­sen die drei Got­terts der BSG Lo­ko­mo­ti­ve Ge­ra an. Aus sei­ner Ta­sche zau­bert er ei­ne ge­rahm­te Ur­kun­de aus je­ner Zeit. „Wir wur­den Sport­ler des Jah­res im Drei­er-St­un­den­lauf.“Das sprach sich her­um. „Für uns war das der Start­schuss. So sind wir al­le drei zum Ar­mee­sport­klub Vor­wärts in Pots­dam ge­kom­men“, er­zählt er. Der Di­enst an er mit den ta­len­tier­ten Nach­wuchs­ath­le­ten. Spä­ter zog die­se Schu­le nach Je­na um – heu­te ist es das Sport­gym­na­si­um. Beim SC Mo­tor war er für Langstre­cke ver­ant­wort­lich, form­te Ath­le­ten wie Hans-Joa­chim Trup­pel, den vier­fa­chen DDR-Ma­ra­thon­meis­ter (1970, 73, 75 und 79) oder bei den Frau­en die DDR-Meis­te­rin­nen Andrea Flei­scher (1988, 1990), Bir­git Wein­hold (1985) und Uta Mö­ckel (1984).Dass er selbst wei­land ein vor­züg­li­cher Aus­dau­er­läu­fer war, kam ihm da­bei durch­aus zu­pass. „Man kennt die­se Fra­ge ja aus dem Fuß­ball: Muss man ein klas­se Fuß­bal­ler ge­we­sen sein, um ei­ne Bun­des­li­ga-Mann­schaft trai­nie­ren zu kön­nen? Ich sa­ge es mal so: Es ist ein Vor­teil. Und das gilt auch in der Leicht­ath­le­tik“, sagt er. Es ge­be vie­le, die Sport stu­diert ha­ben, oh­ne die Sport­art selbst aus­rei­chend be­trie­ben zu ha­ben. „Dann fehlt der Stall­ge­ruch.“Man dür­fe nicht ver­ges­sen, dass es im Hoch­leis­tungs­be­reich um sehr vie­le ge­he, der Druck im­mens sei – und den als Sport­ler selbst mal ge­spürt zu ha­ben, um ihn spä­ter von sei­nen Ath­le­ten erst fern zu hal­ten, dann zur Stei­ge­rung der Leis­tung wei­ter­zu­ge­ben, sei kein Nach­teil. Got­tert er­in­ne­re sich da an ei­ne Si­tua­ti­on im Vor­feld der Olym­pi­schen Spie­le 1988. „Bei der letz­ten Re­de vom wohl ein­fluss­reichs­ten DDR-Sport­funk­tio­när Man­fred Ewald in Ki­en­baum war ich da­bei. Das gan­ze Sys­tem hat­te nach­ge­las­sen, die Ski­sprin­ger wa­ren nicht in Form – kurz­um: Es lief gar nichts. Und da hat er sinn­ge­mäß ge­sagt: ‚Ich er­war­te von euch, dass ihr Kopf und Kra­gen ris­kiert.‘ Das ist bei mir hän­gen ge­blie­ben und ver­deut­licht, un­ter wel­chem Druck die Ath­le­ten da­mals stan­den.“Und in die­sen Si­tua­tio­nen ist es ganz gut, zu wis­sen, wie es wirk­lich auf den letz­ten zehn Ki­lo­me­tern beim Ma­ra­thon ab­läuft, weil man es selbst er­lebt hat.Ja, die letz­ten zehn Ki­lo­me­ter, sie gel­ten land­läu­fig als die schwie­rigs­ten beim Ma­ra­thon. Da­bei sind ganz an­de­re Din­ge wich­tig. „Es be­ginnt mit der Ziel­stel­lung. Ma­ra­thon lau­fen heu­te Zehn­tau­sen­de. Aber je­der hat ein an­de­res Maß für sich, mit dem er sich ver­glei­chen kann“, sagt er.

Man müs­se ge­nau wis­sen, was man er­rei­chen will und dar­auf den Wett­kampf auf­bau­en. Wer das oh­ne Er­fah­rung an­ge­he, der be­kä­me dann auf den letz­ten Ki­lo­me­tern ganz an­de­re Pro­ble­me. „Vie­le lau­fen zu schnell an und bre­chen ein.“Die Psy­che spielt ei­ne Rol­le – erst recht bei den Spit­zen­läu­fern, die wis­sen, was sie drauf ha­ben und sich auf der Stre­cke mit ih­rer di­rek­ten Kon­kur­renz um den Sieg strei­ten. „Da spielt die Här­te ge­gen sich selbst, wie man sich quä­len kann, noch mal ei­ne an­de­re Rol­le als beim Hob­by­läu­fer, der ‚nur‘ ins Ziel kom­men möch­te.“Ma­ra­thon be­deu­tet Ar­beit – und die müs­se man über vie­le Jah­re ma­chen. Es sei aber egal, ob man die­se 42,195 Ki­lo­me­ter in fünf­ein­halb St­un­den oder in 2:10 St­un­den lau­fe – „Die Qu­al auf den letz­ten Me­tern ist im­mer die glei­che.“Wenn ihn heu­te noch je­mand nach Tipps fra­ge, gibt er die gern. „Ei­nen Ma­ra­thon darf man nicht un­ter­schät­zen, muss ein Vier­tel­jahr vor­her mit der un­mit­tel­ba­ren Vor­be­rei­tung be­gin­nen und die Dis­tan­zen er­hö­hen. Erst zehn Ta­ge vor dem Lauf soll­te man das Trai­ning do­sie­ren und auf psy­cho­lo­gi­sche Ent­span­nung set­zen, sich er­ho­len“, er­klärt er. Und auf die Er­näh­rung ach­ten: „In der letz­tem Wo­che ha­ben wir im­mer ei­ne Ei­wei­ßKoh­len­hy­dra­te-Di­ät ge­macht. Drei Ta­ge nur Ei­weiß, dann drei Ta­ge Koh­len­hy­dra­te – Ku­chen, Nu­deln, eben al­les, was geht. Und dann die letz­ten St­un­den nur leich­te Kost.“Das die­ne zum Auf­fül­len der kör­per­ei­ge­nen De­pots. „Der Kör­per läuft so lan­ge, bis die Koh­le­hy­dra­tre­ser­ven er­schöpft sind. Da­nach zieht er sich die Ener­gie aus dem Ge­hirn. Das er­klärt, war­um man manch­mal ei­ni­ge ins Ziel tau­meln sieht“, er­zählt er. Wich­tig sei, un­ter­wegs im­mer et­was zu trin­ken. Got­terts Rat­schlag: „Co­la!“Das ge­be Schub und steht auf kei­ner Do­ping­lis­te. Und wenn sich der Lauf dem En­de ent­ge­gen neigt, gibt‘s noch ei­nen wei­te­ren Ge­heim­tipp: „Ein­fach ein Schluck Bier. Wenn al­les weh tut, wenn es ganz schwer wird, nimmt ei­nem das Bier die Schmer­zen. Man kommt leich­ter durch“, sagt Got­tert und lacht. „Ich saß beim Renn­stei­g­lauf schon auf ei­nem Bier­kas­ten und bin nicht wie­der hoch ge­kom­men“, er­in­nert er sich.Sein gan­zes Le­ben sei er er­folg­reich un­ter­wegs ge­we­sen, Schul­meis­ter, Ar­mee­meis­ter – und im Se­nio­ren­be­reich auch deut­scher Meister ge­wor­den. „Ich ha­be ei­gent­lich al­les er­reicht, was ich er­rei­chen konn­te, hal­te im­mer noch ei­nen deut­schen Re­kord in der Al­ters­klas­se M75 im Ge­hen über 10.000 Me­ter“, sagt er. Klaus Got­tert ha­be sei­nen „Spaß dar­an“ge­habt – am Mit­ma­chen, am Gewinnen, am Reisen. Zu DDR-Zei­ten sei das ja noch ein Pri­vi­leg ge­we­sen, ein Trai­nings­la­ger in Al­ge­ri­en zu ab­sol­vie­ren, in Ita­li­en Wett­kämp­fe be­strei­ten zu dür­fen. In­zwi­schen – und das sei gut so – stün­de ei­nem die gan­ze Welt of­fen.Er sei froh, dass er sei­ne Lei­den­schaft zum Be­ruf ma­chen konn­te, zu­dem ei­ne sehr ver­ständ­nis­vol­le Gat­tin ge­fun­den ha­be, die ihn im­mer un­ter­stützt hat – mit der er auch mal an­ecken konn­te. Ja, der Ma­ra­thon be­deu­te eben noch die Er­fül­lung von Träu­men. Athen. Akro­po­lis. Den his­to­ri­sche Weg von Ma­ra­thon in die grie­chi­sche Haupt­stadt ist er ge­lau­fen – oder auch mit Zehn­tau­sen­den die 42,195 Ki­lo­me­ter durch die sie­ben Be­zir­ke von New York Ci­ty. „Dort be­kommt man sei­ne Ziel­zeit, die man vor­her an­ge­ge­ben hat, auf die Hand ge­malt. Das ist auch ei­ne Art von Mo­ti­va­ti­on“, sagt er. Klaus Got­tert ha­be ge­nos­sen, die Brook­lyn Bridge zu über­que­ren, durch die Häu­ser­schluch­ten zu lau­fen, vor­bei an den Stra­ßen­mu­si­kern in Queens – eben auch als Er­fül­lung ei­nes Trau­mes. Da­mals, mit 50, war es.

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