Z

Thüringer Allgemeine (Erfurt-Land) - - Erste Seite -

u der Fra­ge, ob vor 30 Jah­ren in der DDR Er­eig­nis­se statt­fan­den, die dem Be­griff Re­vo­lu­ti­on ge­nü­gen, wer­den im­mer mal wie­der aka­de­mi­sche De­bat­ten ge­führt. Wä­re der Staat oh­ne die so­wje­ti­sche Schutz­macht nicht so­wie­so im­plo­diert, so wie ja der ge­sam­te Ost­block zer­fiel? Wahr­schein­lich.

Den­noch be­steht Kon­sens dar­über, dass es oh­ne den Mut und die Ent­schlos­sen­heit der Bür­ger, oh­ne die De­mons­tra­tio­nen und oh­ne die klei­ne, aber doch laut­star­ke Op­po­si­ti­ons­be­we­gung auf je­den Fall län­ger ge­dau­ert hät­te – und dass al­les ganz an­ders hät­te ab­lau­fen kön­nen.

Denn die­se Re­vo­lu­ti­on, ob man sie nun so nen­nen will oder nicht: Sie blieb fried­lich. Es gab kei­ne To­ten und kaum Ver­letz­te. Die Men­schen in Leip­zig, Ber­lin und spä­ter in Er­furt rie­fen nicht nur „Wi­der­stand!“, „Wir sind das Volk!“oder „Gor­bi!“.

Sie rie­fen: „Kei­ne Ge­walt!“

Kei­ne Ge­walt: Das soll­te ein gu­ter, ge­mein­sa­mer Vor­satz für das ge­ra­de be­gon­ne­ne Jahr sein. Nicht, weil bald wie­der ei­ne run­de An­zahl von Jah­ren seit dem Herbst 1989 ver­gan­gen wird, son­dern weil es um sich um ei­nen ka­te­go­ri­schen Im­pe­ra­tiv der of­fe­nen Ge­sell­schaft han­delt.

Da­bei sind hier nicht zu­erst Ge­walt­ver­bre­chen wie am Wo­che­n­en­de in Je­na ge­meint, die po­li­zei­lich, straf­recht­lich und ins­be­son­de­re prä­ven­tiv zu be­kämp­fen sind. Auch sie kön­nen, wenn sie ge­häuft auf­tre­ten, den Zu­sam­men­halt ei­nes Ge­mein­we­sen ero­die­ren las­sen – zu­mal dann, wenn sie in­stru­men­ta­li­siert wer­den, um Ängs­te zu ver­stär­ken und aus­zu­beu­ten.

Ge­fähr­li­cher je­doch ist die po­li­tisch mo­ti­vier­te Ge­walt. Sie geht in ei­ner De­mo­kra­tie, an­ders wie in ei­nem au­to­ri­tä­ren Re­gime, nicht vom Staat aus. Er be­sitzt zwar das Ge­walt­mo­no­pol, aber er übt es nur ent­spre­chend gel­ten­der Ge­set­ze aus, kon­trol­liert von Par­la­ment, Ge­rich­ten und Zi­vil­ge­sell­schaft.

Das zu­min­dest ist ver­fas­sungs­recht­lich ze­men­tier­te Theo­rie. In der Pra­xis gibt es auch in de­mo­kra­ti­schen Rechts­staa­ten schlech­te oder schlecht an­ge­wand­te Ge­set­ze und ge­walt­tä­ti­ge oder doch zu­min­dest über­for­der­te Po­li­zei­be­am­te. Die Ge­schich­te der De­mo­kra­tie ist auch ei­ne Ge­schich­te staat­li­chen Ge­walt­miss­brauchs.

Dies ist die ei­ne Sei­te po­li­ti­scher Ge­walt, de­ren Zu­nah­me ge­ra­de in ei­ni­gen, vor al­lem jun­gen De­mo­kra­ti­en in der Nach­bar­schaft zu be­ob­ach­ten ist. Die Tür­kei hat be­reits wie­der ein­mal ge­zeigt, wie Ver­fas­sungs­bruch, die Aus­höh­lung des Rechts und der Ein­satz von Ge­walt den Weg in den au­to­ri­tä­ren Staat eb­nen.

Die an­de­re Sei­te ist die Ge­walt der Ex­tre­mis­ten. Sie kann als nack­ter, ideo­lo­gisch ge­fes­tig­ter und or­ga­ni­sier­ter Ter­ro­ris­mus da­her­kom­men, wie bei der RAF und dem NSU. Und sie kann als Ab­fol­ge von Neo­na­zi-Über­fäl­len und Brand­an­schlä­gen auf­tre­ten oder als die ri­tua­li­sier­ten Ex­zes­se des schwar­zen Blocks.

Ex­tre­mis­ti­sche Ge­walt pro­vo­ziert staat­li­che Ge­walt, da hel­fen am En­de al­le Dee­s­ka­la­ti­ons­kon­zep­te nichts – was wie­der­um zum Kal­kül von Ex­tre­mis­ten ge­hört. Der links­ex­tre­mis­ti­sche Ter­ror der Bun­des­re­pu­blik soll­te die Frat­ze des an­geb­li­chen Schwei­ne­sys­tems bloß­le­gen. Auch die neo­na­zis­ti­sche Com­bat-18-Stra­te­gie zielt dar­auf ab, das Ver­trau­en in die staat­li­che Ord­nung zu zer­stö­ren.

Da­bei bleibt es un­be­streit­bar rich­tig, dass quan­ti­ta­tiv be­trach­tet die Gefahr des Rechts­ex­tre­mis­mus deut­lich do­mi­niert, vor al­lem im Os­ten der Re­pu­blik. Es ist es des­halb nur kon­se­quent, dass sie be­son­ders im Fo­kus von Er­mitt­lern, Straf­ver­fol­gern, Po­li­tik, Me­di­en und ge­sell­schaft­li­chen Grup­pen steht.

Den­noch bleibt es eben­so un­be­streit­bar falsch, qua­li­ta­tiv zwi­schen lin­kem und rech­tem Ex­tre­mis­mus zu un­ter­schei­den. Ge­walt wird nicht da­durch harm­lo­ser, weil sie sich we­ni­ger ge­gen ge­sell­schaft­li­che Min­der­hei­ten rich­tet – und mehr ge­gen staat­li­che In­sti­tu­tio­nen und Ver­tre­ter, tat­säch­li­che oder ver­meint­li­che Neo­na­zis so­wie so­ge­nann­te Sa­chen, von der Su­per­markt­schei­be bis zum Strei­fen­wa­gen. Und sie wird da­durch erst recht nicht ge­recht­fer­tigt.

Tei­le der Lin­ken, und da­mit ist längst nicht nur die gleich­na­mi­ge Par­tei ge­meint, ha­ben mit die­ser Fest­stel­lung bis heu­te ein Pro­blem. Wo­mög­lich emp­fin­den sie, wenn ein AfD-Po­li­ti­ker an­ge­grif­fen wird, kei­ne klamm­heim­li­che Freu­de. Aber sie üben sich in Re­la­ti­vie­rung, und sei es durch Schwei­gen, da sie doch je­de Tat von Rechts­ex­tre­mis­ten laut ver­ur­tei­len.

Rich­tig, die äu­ße­re Rech­te skan­da­li­siert aus­schließ­lich die Ge­walt, die ihr ideo­lo­gisch in den Kram passt und igno­riert die Ver­bre­chen ge­gen Miss­lie­bi­ge. Und selbst Be­hör­den und Bür­ger­li­che schaf­fen es oft nicht, ras­sis­ti­sche Ge­walt als sol­che zu be­nen­nen, ob nun in Bot­trop oder an­ders­wo.

Aber wer sich für bes­ser hält, soll­te auch bes­ser han­deln – so wie die Men­schen, die vor fast 30 Jah­ren auf den Stra­ßen rie­fen: „Kei­ne Ge­walt!“

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.