Im Feu­er der Zeit M

Thüringer Allgemeine (Erfurt) - - Kultur & Freizeit - Hen­ryk Gold­berg ist Pu­bli­zist und schreibt je­den Sams­tag sei­ne Ko­lum­ne

an nennt das, glau­be ich, Evo­lu­ti­on. Frü­her da be­sorg­te er das Fleisch – „Nein, Schatz, Mam­mut ist heu­te nicht, nur ein paar Erd­männ­chen“–, und sie briet es, we­nigs­tens, nach­dem sie das Feu­er er­fun­den hat­ten. Spä­ter än­der­te sich das, sie kauft, er brät. Am Grill. Auf dem Stuhl Pe­tri und am Grill, da wa­ren wir si­cher un­ter uns, die heiß Society.

Aber al­les fließt, Ge­schich­te ist Ve­rän­de­rung. So kann ich ei­ne kürz­lich auf­ge­stell­te The­se des Kol­le­gen Han­no M. em­pi­risch ve­ri­fi­zie­ren. Der teil­te un­längst mit, es sei die Herr­schaft des Man­nes am Grill ge­bro­chen. So ist es, we­nigs­tens die des äl­te­ren Man­nes.

In ei­nem frü­he­ren Le­ben näm­lich, da war ich der Mann am Grill, es war, ne­ben dem Au­to­fah­ren, die ein­zi­ge prak­ti­sche Ver­rich­tung, in de­ren Aus­übung ich als kom­pe­ten­ter galt. Al­ler­dings, da muss ich nun wie­der­um dem Kol­le­gen wi­der­spre­chen, als ge­bo­re­ner Thü­rin­ger bin ich old school. Brat­wurst & Brä­tel, wenn es hoch kam, ei­nen ein­ge­klemm­ten Fisch. Ich war nie ein An­hän­ger von Ap­fel in Pfef­fer­minz­schaum oder kan­dier­ter Ba­na­ne mit Pis­ta­zi­en­schaum als Trä­ger­mas­se. Das ist Teil mei­ner Thü­rin­ger Leit­kul­tur, Brat­wurst, Senf, aus die Maus. Schließ­lich ha­ben wir, wir Thü­rin­ger, das er­fun­den, die Brat­wurst, das Gril­len und das Rein­heits­ge­bot fürs Bier. So ha­be ich das ge­hal­ten, als ich noch Chef war am Grill. Ich war es nicht ein­mal be­son­ders gern, aber ein Mann muss tun, was sei­ne Frau wünscht, das er tut. Das war in ei­nem frü­he­ren Le­ben.

Aber dann kam Il­ja. Das heißt zu­vor kam die Da­me und auch die hat ein frü­he­res Le­ben, und da­von blieb, un­ter an­de­rem, der be­sag­te Sohn. Der wie­der­um ist, was im­mer er sonst sein mag, ein am­bi­tio­nier­ter Gril­ler. Sein Ar­beits­ge­rät, das sind nicht ein­fach ein paar Me­tall­stä­be mit ei­ner Scha­le dr­un­ter, das ist High­tech und beim Ar­bei­ten wird, an der Stel­le an der ich die Schwär­ze des Grill­gu­tes prüf­te, die Kern­tem­pe­ra­tur ge­mes­sen. Und der Pis­ta­zi­en­schaum ist da nicht nur ein Zi­tat, er macht wirk­lich so Zeug. Das schmeckt auch al­les, al­ler­dings, ich bin weg vom Fens­ter, will sa­gen: vom Grill. Und nun fra­ge ich mich, mit Mr. Spock zu re­den, vom Feu­er der Zeit ge­grillt, was Her­bert Grö­ne­mey­er sich und uns auch fragt, näm­lich, was den Mann zum Man­ne macht.

Si­cher, ich fah­re Rad, bis es weh­tut, ich ge­be gern an da­mit, dass ich vor Men­schen­ge­den­ken ein­mal we­gen ei­ner Prü­ge­lei vor die Kon­flikt­kom­mis­si­on des Er­fur­ter Thea­ters ge­la­den wur­de, und da­mit, dass ich kurz vor die­sem Urlaub aus ei­nem Flug­zeug ge­sprun­gen bin, auch. Das ist ver­mut­lich, wie ich ein­räu­me, Teil ei­nes Kom­pen­sa­ti­ons­syn­droms. Denn was ich hier so ma­che, am Schreib­tisch sit­zen, Buch­sta­ben rei­hen, das ist nun eben auch nicht der In­be­griff der Männ­lich­keit.

Im Üb­ri­gen ver­brin­ge ich viel Zeit in der Kü­che, ren­ten­emp­fan­gen­der Mann ei­ner be­rufs­tä­ti­gen Frau. Frü­her hieß das Schlüs­sel­kind, wenn ich aus der Schu­le kam, war mein Fräu­lein Mut­ter auch aus­häu­sig Geld ver­die­nen. Dann muss­te ich mir die Sup­pe auf­wär­men oder frisch aus der Tü­te selbst her­stel­len, dann kam der Ab­wasch, die Kü­che fe­gen, Bet­ten ma­chen. Das hat mir da­mals nicht wirk­lich ge­fal­len, aber es war ei­ne gu­te Schu­le für das spä­te­re Le­ben. Denn ge­nau das tue ich jetzt wie­der. Nur, dass die Fer­tig­ge­rich­te jetzt deut­lich hö­her­wer­ti­ger sind, nur dass ich jetzt den Ge­schirr­spü­ler ein- und aus­räu­me. Doch der Be­sen ist im­mer noch der Be­sen.

Au­ßer­dem bin ich so et­was wie der per­sön­li­che As­sis­tent der Da­me, ich be­ob­ach­te die Kon­to­stän­de, ich bin zu­stän­dig für die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit den un­ge­lieb­ten In­sti­tu­tio­nen, ich no­tie­re und er­in­ne­re so gut wie al­le au­ßer­dienst­li­chen Termine, ein­ge­schlos­sen die Ge­burts­ta­ge und Au­to­in­spek­tio­nen. Zur Be­loh­nung teilt sie mir im­mer recht­zei­tig mit, wo­hin wir im nächs­ten Urlaub fah­ren.

In die­sem, in dem wir uns grad be­fin­den, soll­te es ei­gent­lich Ba­li sein, aber we­gen der seis­mo­gra­fi­schen Er­eig­nis­se in der nä­he­ren und wei­te­ren Um­ge­bung ha­ben wir um­ge­bucht. Fei­ge al­so auch noch, und ich war nicht der Kerl, der ihr ver­sprach, er wer­de sie be­schüt­zen mit star­ken Ar­men.

Ir­gend­wie hat die­se ko­mi­sche Evo­lu­ti­on da­zu ge­führt, dass ich zu Hau­se sit­ze und mir am Abend er­zäh­len las­se, was so pas­siert in der Welt. Und dann kom­men noch so ein paar jun­ge Schnip­sen und er­zäh­len mir was von al­ten wei­ßen Män­nern. Da­bei, als ich, sehr da­mals, bei mei­ner ers­ten Zei­tung mei­nen ers­ten Vi­sa­an­trag für ein ziem­lich aus­län­di­sches Aus­land aus­fül­len durf­te, da schrieb ich in die Ru­brik „Haut­far­be“: braun. Die Be­ar­bei­te­rin lä­chel­te mil­de und kor­ri­gier­te: weiß. Ich woll­te nicht, ich muss­te.

Kürz­lich wa­ren wir bei dem Kol­le­gen Dr. Q. ge­la­den. Sei­ne Da­me tat dies & je­nes, er stand am Grill. Es ist al­so noch nicht al­les ver­lo­ren.

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