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Thüringer Allgemeine (Erfurt) - - Erste Seite -

ie sich doch Ver­hal­tens­mus­ter im Fort­gang der Zeit ver­än­dern. Man muss nur mal ge­nau­er hin­schau­en. Be­son­ders beim Wo­che­n­end­ein­kauf . Da kann es ei­nem pas­sie­ren, dass man über ei­ne am Bo­den kau­ern­de Per­son stol­pert. Die gera­de im Be­griff ist, die In­gre­di­en­zi­en der in der un­ters­ten Re­gal­rei­he ste­hen­den Mar­me­la­den ge­nau auf ge­fähr­li­che In­halts­stof­fe zu über­prü­fen. Denn man ist sen­si­bel ge­wor­den ge­gen­über dem, was ei­nem die In­dus­trie so zu­sam­men­rührt. Mit den gan­zen E-Num­mern zum Bei­spiel.

Soll­te bei den E’s al­ler­dings die Num­mer 175 auf­tau­chen, ist das un­be­denk­lich. Es ist nichts an­de­res als das, was sich der Sport­freund Ri­be­ry aufs TBo­ne-Steak hat kleis­tern las­sen – Gold. Um sich dann auf Geis­tes­ni­veau „ganz un­ten“mit Sprach­gour­mets in al­ler Welt in rau-herz­li­cher Ma­nier dar­über aus­zu­tau­schen. Üb­ri­gens: das E be­deu­tet „ess­bar“. E 175 ist al­so nichts an­de­res als ess­ba­res Gold, da macht man nichts falsch. Man muss es ja nicht gleich im In­ter­net breit­lat­schen.

Nächste Spe­zi­es neu­er Ver­hal­tens­mus­ter: jun­ge Da­men, die das scho­ko­la­den­ta­fel­gro­ße Mo­bil­te­le­fon nicht ans Ohr hal­ten, son­dern es in der Ho­ri­zon­ta­le vor dem Mund po­si­tio­nie­ren, um hin­ein­zu­plär­ren. Um si­cher zu ge­hen, dass auch wirk­lich al­le mit­hö­ren, was man der Welt mit­zu­tei­len hat. Sieht blöd aus. Ist aber wohl Zeit­geist.

Ge­nau wie ver­gol­de­te Steaks.

Die po­li­ti­schen Schwer­ge­wich­te Ma­ri­on Wals­mann und Antje Till­man nicht mehr auf der Lis­te, eher be­schei­de­ne 69 Pro­zent für den Spit­zen­kan­di­da­ten Micha­el Pan­se – al­les egal. Denn die Er­fur­ter CDU zieht mit Kris­ti­na Vo­gel auf Lis­ten­platz zwei in den Stadt­rats­wahl­kampf. Die Kan­di­da­tur der Welt- und Olym­pia­sie­ge­rin im Bahn­rad­fah­ren hat am Frei­tag­abend die No­mi­nie­rungs­ver­samm­lung der Er­fur­ter CDU in der He­li­os-Men­sa über­strahlt und könn­te der Par­tei auch für die nächs­ten Mo­na­te son­ni­ge Aus­sich­ten be­sche­ren.

„Es ist ei­ne schö­ne Auf­ga­be und ich neh­me sie sehr ernst“, sag­te Vo­gel bei ih­rer Vor­stel­lung. „Das ist kei­ne PR.“

Die 28-jäh­ri­ge Bun­des­po­li­zis­tin, die seit ei­nem Trai­nings­un­fall im Juni auf den Roll­stuhl an­ge­wie­sen ist, ist par­tei­los und will es vor­erst auch blei­ben. Am Frei­tag ver­wies sie auf ihr sport­po­li­ti­sches En­ga­ge­ment in meh­re­ren Ver­bän­den. Ei­ne Nä­he zur CDU deu­te­te sie an, als sie im Bun­des­tags­wahl­kampf 2017 für An­ge­la Mer­kel warb.

Mit kaum ver­bor­ge­nem Stolz be­rich­te­te die Kreis-Che­fin Ma­ri­on Wals­mann den CDU-Mit­glie­dern von ih­rem Coup. Sie ha­be Kris­ti­na Vo­gel bei ei­nem Be­such der Bun­des­po­li­zei ken­nen­ger­lernt. Spä­ter, bei Wals­manns Hau­stür­wahl­kampf vor der Ober­bür­ger­meis­ter­wahl, ha­be sie im Os­ten Er­furts an ei­ne Tür ge­klopft und plötz­lich er­neut der Bahn­rad-Meis­te­rin ge­gen­über­ge­stan­den. „Sie brach­te Os­ter­gras vor­bei“, be­stä­tig­te Kris­ti­na Vo­gel unserer Zei­tung.

Bei bei­den Be­geg­nun­gen hät­ten die bei­den Frau­en vie­le Ge­mein­sam­kei­ten ent­deckt, sag­te Wals­mann. Ernst­haf­te Über­zeu­gungs­ar­beit leis­te­te die Er­fur­ter CDU seit An­fang Ok­to­ber. Die Ent­schei­dung über ei­ne Kan­di­da­tur schob Vo­gel aber bis we­ni­ge Ta­ge vor der No­mi­nie­rungs­ver­samm­lung auf. „Ich muss­te erst er­fah­ren, wie das da drau­ßen ist, das Le­ben nach dem Kran­ken­haus“, sag­te Vo­gel.

Dass sie sich nicht als ei­ne Art Mas­kott­chen sieht, son­dern sich ernst­haft in die Lo­kal­po­li­tik ein­mi­schen will, mach­te sie bei ih­rer Vor­stel­lung deut­lich. Sport, Si­cher­heit so­wie In­klu­si­on und Bar­rie­re­frei­heit sei­en ih­re The­men, be­ton­te sie.

Er­furt sei nicht nur RWE, son­dern auch Leicht­ath­le­tik, Rad­sport und vie­les mehr. „Er­furt soll­te viel mehr ei­ne Sport­stadt sein“, sag­te Vo­gel.

Sie er­zähl­te dann von ei­nem Be­such im Bür­ger­amt, wo sie als Roll­stuhl­fah­re­rin beim Um­schrei­ben ih­res Füh­rer­scheins an ei­nem zu hoch hän­gen­den Au­to­ma­ten schei­ter­te: „Ich weiß, wie schwie­rig das ist mit der In­klu­si­on.“

Als Bun­des­po­li­zis­tin ha­be sie er­fah­ren, „wie es nachts am Er­fur­ter Haupt­bahn­hof wirk­lich ab­geht“. „Wir müs­sen noch viel ma­chen, damit man abends auch als Frau wie­der aus­ge­hen kann“, mein­te sie und er­in­ner­te da­bei stark an den OB-Wahl­kampf ih­rer Men­to­rin Ma­ri­on Wals­mann.

„Das war ein biss­chen über­spitzt“, ver­riet Vo­gel spä­ter. Dro­gen und Kri­mi­nel­le sei­en aber ei­ne Rea­li­tät, die der nor­ma­le Bür­ger kaum wahr­neh­me. „Er­furt ist si­cher, aber es muss noch mehr ge­tan wer­den, das Si­cher­heits­ge­fühl der Bür­ger zu stär­ken“, sag­te Vo­gel.

Die Ener­gie für ei­nen au­then­ti­schen Wahl­kampf und die zä­he Stadt­rats-Ar­beit scheint Kris­ti­na Vo­gel zu be­sit­zen. Auch an Zeit wer­de es ihr nicht man­geln. „Ich ma­che ja kei­nen Leis­tungs­sport mehr“, sag­te sie. „Ich se­he die Kan­di­da­tur als Mög­lich­keit, Er­furt et­was zu­rück­zu­ge­ben.“

Wenn je­mand Vor­be­hal­te hat­te und mein­te, die seit Jah­ren en­ga­gier­ten Par­tei­mit­glie­der könn­ten den Wahl­kampf auch oh­ne Hil­fe von au­ßen stem­men, ließ er es sich nicht an­mer­ken. 105 der 110 Wahl­be­rech­tig­ten – über 98 Pro­zent – ga­ben Vo­gel ih­re Stim­me.

Der Vor­stand hat­te erst vor zwei Ta­gen den Lis­ten­vor­schlag ver­än­dert. Micha­el Ho­se rutsch­te von Platz zwei auf Platz fünf, Ka­trin Wald­ner von drei auf sechs. „Ich ha­be so­fort zu­ge­stimmt, da es im Sin­ne der Sa­che war“, sag­te Ho­se. „Das Ab­stim­mungs­er­geb­nis zeigt, dass es die rich­ti­ge Ent­schei­dung war.“

Ver­mut­lich ver­schwen­de­te kaum ein CDU-Mit­glied sei­ne Zeit mit Ge­dan­ken dar­an, wie die Par­tei oh­ne Kris­ti­na Vo­gel für den Wahl­kampf auf­ge­stellt wä­re. Der Rück­zug der Eu­ro­pa­wahl-Kan­di­da­tin Ma­ri­on Wals­mann und der Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten Antje Till­mann deu­tet ei­nen ge­brems­ten Ge­ne­ra­ti­ons­wech­sel an. Die an­de­ren zehn Stadt­rä­te tre­ten wie­der an.

Micha­el Pan­se wur­de mit 73 von 109 Stim­men als Spit­zen­kan­di­dat be­stä­tigt. „Ich weiß, dass man sich als Frak­ti­ons­chef auch un­be­liebt macht“, hat­te er solch ein Er­geb­nis wohl im Vor­feld ge­ahnt. Lis­ten­platz drei ge­hört tra­di­tio­nell der Jun­gen Uni­on – Stadt­rat Do­mi­nik Kor­don er­hielt 76 von 110 Stim­men.

Un­ter den 50 Kan­di­da­ten der CDU-Lis­te sind meh­re­re Par­tei­lo­se. Von den ins­ge­samt zwölf Frau­en sind vier un­ter den ers­ten zehn Lis­ten­plät­zen ver­tre­ten. Jüngs­te Kan­di­da­tin ist die 18-jäh­ri­ge Stu­den­tin Lil­li Fi­scher, die bis vor kur­zem dem Schü­ler­par­la­ment vor­saß.

Ei­ne Bom­ben­dro­hung hat am Frei­tag­mor­gen das Er­fur­ter Land­ge­richt für gut zwei St­un­den kom­plett lahm­ge­legt.

Die Bom­ben­dro­hung sei per E-Mail be­reits am Don­ners­tag­abend ein­ge­gan­gen, aber erst am Frei­tag­mor­gen vom Wach­per­so­nal des Jus­tiz­ge­bäu­des re­gis­triert wor­den, sag­te Burg­hard Kes­ke, Rich­ter und Pres­se­spre­cher am Land­ge­richt. Ge­gen 7.30 Uhr sei­en al­le Per­so­nen aus dem Ge­bäu­de eva­ku­iert wor­den, da­nach hät­ten Ein­satz­kräf­te der Po­li­zei das Ge­bäu­de mit Spreng­stoff­such­hun­den durch­sucht. Ge­plan­te Ge­richts­ver­hand­lun­gen konn­ten nicht statt­fin­den. Wie vie­le Men­schen von der Eva­ku­ie­rung be­trof­fen wa­ren, sag­te Kes­ke nicht.

Nach gut zwei St­un­den durf­ten Per­so­nal und Be­su­cher in das Ge­bäu­de zu­rück­keh­ren. Ge­fun­den wor­den sei nichts, so Kes­ke, man füh­le sich wie­der si­cher im Ge­bäu­de. „Wir ver­trau­en da ganz auf die Po­li­zei und ih­re Spür­hun­de“, so der Ge­richts­spre­cher.

Auch an den Land­ge­rich­ten in Mag­de­burg und Kiel wa­ren Bom­ben­dro­hun­gen per E-Mail ein­ge­gan­gen. Die Hin­ter­grün­de der Dro­hun­gen und ob es sich um den glei­chen Ab­sen­der wie in Er­furt han­del­te, blieb nach An­ga­ben der Po­li­zei zu­nächst un­klar.

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