Ise­grim und der ma­gi­sche Ort

Die Au­to­rin Ant­je Ba­ben­der­er­de hat die Rück­kehr des Raub­tie­res nach Thü­rin­gen in ei­nem Kri­mi­nal­ro­man vor­her­ge­sagt

Thüringer Allgemeine (Gotha) - - Thüringen - Von Pe­ter Rat­hay

Ein Jahr, be­vor in Thü­rin­gen die ers­te Wöl­fin für je­de Men­ge Wir­bel sorg­te, be­schrieb die Thü­rin­ger Schrift­stel­le­rin Ant­je Ba­ben­der­er­de just die­ses Sze­na­rio in ih­rem Ro­man „Ise­grim“. Ein Ge­spräch mit der 53-Jäh­ri­gen über das fas­zi­nie­ren­de Raub­tier und die Zu­fäl­le des Le­bens.

Hat Sie die zeit­li­che Nä­he des Auf­tau­chens des Raub­tie­res zu Ih­rer Buch­ver­öf­fent­li­chung über­rascht?

Be­reits wäh­rend des Schrei­bens ha­be ich mich im­mer wie­der ge­fragt, wann wohl der ers­te Wolf durch Thü­rin­gen schlei­chen wird. Als das Tier dann plötz­lich da war, war es aber ei­ne rie­si­ge Über­ra­schung. Denn so schnell ha­be ich nicht da­mit ge­rech­net.

So­gar den Ohr­d­ru­fer Trup­pen­übungs­platz als Re­vier ha­ben Sie in ih­rem Kri­mi­nal­ro­man be­reits vor­her­ge­sagt . . .

. . . ur­sprüng­lich woll­te ich den Wolf in mei­nem Buch in Süd­thü­rin­gen an­sie­deln – in ei­nem rie­si­gen und dun­k­len Wald­stück. Mei­ne Re­cher­che ließ mich aber um­schwen­ken. Vom Thü­rin­ger Na­tur­schutz­bund er­fuhr ich, dass das Ar­mee­ge­län­de in Ohr­d­ruf ein ty­pi­sches Wolfs­er­war­tungs­ge­biet ist. Die Tie­re wer­den von sol­chen Ge­bie­ten ma­gisch an­ge­zo­gen – und sie las­sen sich nicht ein­mal durch das Ge­bal­le­re stö­ren. Das weiß man be­reits aus der Lau­sitz.

Die Idee, dass sich die Wöl­fin mit ei­nem lie­bes­tol­len Haus­hund ver­gnügt, ist Ih­nen aber nicht ge­kom­men?

Das wä­re wohl zu viel der Wahr­sa­ge­rei ge­we­sen. Mein Sze­na­rio ist aber eben­so span­nend: ein Wolfs­paar – dann wird der Rü­de von ei­nem Au­to über­fah­ren – und die Mut­ter muss die Jun­gen al­lein groß zie­hen. Wie sind Sie denn über­haupt auf den Wolf als Haupt­dar­stel­ler ge­kom­men, nor­ma­ler­wei­se schrei­ben Sie In­di­aner­bü­cher? Ich ha­be ge­spürt, dass der Zeit­punkt ge­kom­men ist, sich mit ei­nem an­de­ren The­ma zu be­schäf­ti­gen. Na­tur und Tie­re soll­ten dabei aber wei­ter ei­ne Rol­le spie­len. Und die Rück­kehr des Wol­fes in die Lau­sitz hat­te mich schon im­mer fas­zi­niert. Nach­dem ich dort Zeit mit Ex­per­ten ver­bracht hat­te, wuss­te ich, dass ich mein neu­es The­ma ge­fun­den hat­te. Und dann ha­be ich es nach Thü­rin­gen ge­zo­gen . . .

Was ge­nau fas­zi­niert Sie denn an den Raub­tie­ren?

Seit vie­len Jah­ren flie­ge ich schon zu Re­cher­che­zwe­cken nach Ame­ri­ka – und dort be­we­ge ich mich größ­ten­teils in der Wild­nis. Wenn man zel­tet, dann sind Bä­ren, Wa­pi­tis oder eben auch Wöl­fe kei­ne Sel­ten­heit. Wirk­lich Angst hat­te ich vor den Tie­ren nie – aber es hat die Fas­zi­na­ti­on ge­schärft. Beim Wolf kommt hin­zu, dass er nach so lan­ger Zeit nach Deutsch­land zu­rück­ge­kehrt ist.

Kann denn das Zu­sam­men­le­ben mit dem Raub­tier auf Dau­er funk­tio­nie­ren? Das wis­sen wir noch nicht. Ich hal­te das Gan­ze für ein Ex­pe­ri­ment. An­de­rer­seits: In der Lau­sitz hat man sich mit den Tie­ren be­reits ar­ran­giert. In Thü­rin­gen ist die Auf­re­gung noch recht groß. Ich per­sön­lich hof­fe, dass die Wöl­fe dau­er­haft zu­rück­keh­ren – und ich glau­be nicht, dass Men­schen ge­fähr­det sind.

Sie wa­ren auch auf dem Ohr­d­ru­fer Ar­mee­ge­län­de zur Re­cher­che, hat man Sie mit of­fe­nen Ar­men emp­fan­gen?

Nicht wirk­lich. Zu­erst ha­be ich mich an den zu­stän­di­gen Ober­förs­ter ge­wandt – oh­ne Er­folg. Die Be­hör­den wa­ren auch nicht be­reit, mir ir­gend­ei­ne Aus­kunft zu ge­ben. Nur ei­ne jun­ge Re­vier­förs­te­rin stand mir mit Rat und Tat zur Sei­te. Am En­de hat mich dann auch der Kom­man­dant des Trup­pen­übungs­plat­zes über das gan­ze Ar­mee­ge­län­de ge­führt.

Ha­ben Sie den Per­so­nen, die Ih­nen ge­hol­fen ha­ben, in Ih­rem Buch ein klei­nes Dankeschön-denk­mal ge­setzt? Auf je­den Fall ha­be ich Er­fah­run­gen und Be­geg­nun­gen in den Ro­man ein­ge­ar­bei­tet. Die net­te Förs­te­rin hat mich bei­spiels­wei­se da­hin­ge­hend be­ein­flusst, dass der Jä­ger in mei­nem Buch auch ein recht sym­pa­thi­scher Zeit­ge­nos­se ge­wor­den ist.

Soll­te man Ca­nis lu­pus ab­schie­ßen, wenn ih­re Po­pu­la­ti­on über­hand nimmt?

Es müss­te si­cher­lich re­gu­lie­rend ein­ge­grif­fen wer­den. Es fällt mir aber sehr, sehr schwer, von Ab­schuss zu spre­chen. Ich ver­fol­ge der­zeit al­les, was über die Thü­rin­ger Wöl­fin und ih­re Hy­bri­den be­rich­tet wird. Mir wä­re es lie­ber ge­we­sen, man hät­te die Misch­lin­ge ge­fan­gen und nach Wor­bis ge­bracht. Für die Fä­he wün­sche ich mir, dass sie ei­nen Wolf­s­part­ner be­kommt.

Sie hat den grau­en Räu­ber her­bei­ge­schrie­ben: Ant­je Ba­ben­der­er­de. Fo­to: Pri­vat

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