Roll­stüh­le, Ti­sche und auch Win­deln

Am Os­ter­sonn­tag fah­ren die Ukrai­ne­freun­de aus Go­tha wie­der los und hel­fen Men­schen, de­nen das Le­ben übel mit­ge­spielt hat

Thüringer Allgemeine (Gotha) - - Gothaer Allgemeine - Von Klaus-die­ter Sim­men

Go­tha. Sie hei­ßen Oleg und Wan­ja. Und sie muss­ten mit­er­le­ben, wie der be­trun­ke­ne Va­ter ih­re Mut­ter mit der Axt er­schlug. Von ei­nem Mo­ment zu and­ren gab es für die Brü­der kei­ne Fa­mi­lie mehr. Oleg, der äl­te­re, soll­te fort­an in ei­nem an­de­ren Heim als Wan­ja le­ben. Pfar­rer Ana­to­li Pe­re­pe­litza im ukrai­ni­schen Rai­jon Tscher­ka­sy sah sich au­ßer­stan­de, die Brü­der auf­zu­neh­men, sa­ßen an sei­nem Tisch ne­ben den ei­ge­nen doch be­reits sie­ben Wai­sen­kin­der.

Das Schick­sal des Bru­der­paars rühr­te ihn je­doch so sehr, dass er ihm in sei­ner Fa­mi­lie Ge­bor­gen­heit bot. Schon lan­ge träum­te der Pfar­rer von ei­nem ei­ge­nen Kin­der­heim, wo Mäd­chen und Jun­gen, de­nen das Le­ben übel mit­ge­spielt hat, mehr als nur ein Dach überm Kopf be­kom­men soll­ten. Das Schick­sal von Oleg und Wan­ja brach­te den letz­ten Stein ins Rol­len, der schließ­lich zum Bau des Wai­sen­hau­ses Dum­an­zy führ­te.

Dass die Mis­si­on der bap­tis­ti­schen Kir­che mit ih­rem Lei­ter Pfar­rer Pe­re­pe­litza 2004 ei­ne In­vest­rui­ne kau­fen und mit dem Auf­bau des Kin­der­hei­mes be­gin­nen konn­te, lag am ge­mein­sa­men En­ga­ge­ment der Au­gus­ti­ner­ge­mein­de Go­tha mit der Part­ner­ge­mein­de St. Ni­co­lai in Lem­go. Mitt­ler­wei­le ist das Haus für die zwei­te Ge­ne­ra­ti­on Heim­stät­te ge­wor­den. „Oleg ist in­zwi­schen in den USA ver­hei­ra­tet, Bru­der Wan­ja ein Mäd­chen­schwarm“, er­zählt Dietrich Wohl­fahrt von den Ukrai­ne­freun­den Go­tha. Und in sei­nen Wor­ten schwingt viel Stolz mit. Im­mer­hin ist es kein Pap­pen­stiel, ein Wai­sen­haus zu bau­en und zu be­trei­ben.

Wenn sich die Ukrai­ne­freun­de am Os­ter­sonn­tag Rich­tung Tscher­ka­sy auf­ma­chen, be­su­chen die Gäs­te dann auch das Heim in Dum­an­zy, das ist Eh­ren­sa­che. Haupt­ziel die­ser Rei­se ist es aber nicht. Dies­mal soll ein so­zia­les Zen­trum für Men­schen mit Be­hin­de­run­gen er­öff­net wer­den. Und zwar am Os­ter­sonn­tag, der in der Ukrai­ne nach dem ju­lia­ni­schen Ka­len­der be­rech­net wird, al­so ei­ne Wo­che spä­ter als bei uns be­gan­gen wird. Seit an­dert­halb Jah­ren ar­bei­ten die Ukrai­ne­freun­de mit ih­ren Part­nern an die­sem Pro­jekt.

„Na­tür­lich ist die Mis­si­on Do­bra Swist­ka, was nichts an­de­res als gu­te Nach­richt be­deu­tet, mit Pfar­rer Ana­to­li Pe­re­pe­litza als Pro­jekt­trä­ger un­ser ers­ter An­sprech­part­ner“, sagt Dietrich Wohl­fahrt. Doch auch die Ra­jon­ver­wal­tung und der Ver­band der In­va­li­den der Ukrai­ne un­ter­stüt­zen das Kon­zept.

Wie wich­tig solch ein Zen­trum ist, kann man erst er­ah­nen, wenn man weiß, dass Men­schen mit Be­hin­de­run­gen in der Ukrai­ne kaum die Mög­lich­keit auf ein selbst­be­stimm­tes Le­ben ha­ben. Und das be­tref­fe nicht nur ma­te­ri­el­le Vor­aus­set­zun­gen, son­dern auch die För­de­rung in­tel­lek­tu­el­ler Fä­hig­kei­ten so­wie Mög­lich­kei­ten der Be­schäf­ti­gung und der Teil­ha­be am ge­sell­schaft­li­chen Le­ben, so Wohl­farth.

Das so­zia­le Zen­trum soll hier ein ers­ter Schritt sein, Bar­rie­ren ab­zu­bau­en. Spen­den und För­der­mit­tel, für die sich die Ukrai­ne­freun­de Go­tha ein­setz­ten, er­mög­lich­ten, aus ei­nem La­den­lo­kal in Tscher­ka­sy das Be­geg­nungs­zen­trum auf­zu­bau­en: „Ins­ge­samt hat­ten wir 40000 Eu­ro für die Ein­rich­tung zur Ver­fü­gung.“Vie­le Sach­spen­den fan­den den Weg in die Ukrai­ne, so aus dem Sport­gym­na­si­um Er­furt Stüh­le und Ti­sche.

Wie wich­tig die Ein­rich­tung ist, ha­ben die eh­ren­amt­li­chen Hel­fer aus Go­tha und Lem­go in den ver­gan­ge­nen Jah­ren im­mer wie­der er­fah­ren. „Mit je­der Lie­fe­rung brin­gen wir Din­ge nach Tscher­ka­sy, die sich die Men­schen ent­we­der nicht leis­ten kön­nen oder die es dort gar nicht erst gibt.“Wohl­fahrt meint da­mit Roll­stüh­le, aber auch Win­deln, die bei In­kon­ti­nenz für Si­cher­heit sor­gen. „Bei uns ist das Halt­bar­keits­da­tum ab­ge­lau­fen, in der Ukrai­ne kön­nen wir da­mit hel­fen.“

So­zia­les Zen­trum für Be­hin­der­te er­öff­nen

Das ist Ni­ko­lai. Seit dem er ein Bein ver­lo­ren hat, ist er auf den Roll­stuhl an­ge­wie­sen. Die Ukrai­ne­freun­de aus Go­tha konn­ten ihm ei­nen mit­brin­gen. Fo­to: Dietrich Wohl­fahrt

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