Di­gi­ta­ler Aus­wan­de­rer

War­um sich der Thü­rin­ger FDP-Chef die elek­tro­ni­sche Staats­bür­ger­schaft von Est­land ge­si­chert hat und was er da­mit will

Thüringer Allgemeine (Sömmerda) - - Thüringen - Von Fa­bi­an Klaus

Das Schwei­gen der Män­ner ge­hört zu un­se­ren größ­ten kom­mu­ni­ka­ti­ven Är­ger­nis­sen. Ge­toppt wird das nur vom un­kon­trol­lier­ten Re­de­flow. Zum fal­schen The­ma am fal­schen Ort zur fal­schen Zeit. Män­ner ha­ben ja ein Ta­lent da­für, mit An­lauf in Fett­näpf­chen zu sprin­gen. Ei­ne

Frau steht dann vor dem Pro­blem, ihn un­auf­fäl­lig zum Schwei­gen zu brin­gen.

Kürz­lich zum Bei­spiel, wir sa­ßen in ei­ner fröh­li­chen Run­de, war es wie­der so weit. Ein en­er­gi­scher Tritt ge­gen das Schien­bein un­term Tisch ist der Klas­si­ker, aber ris­kant. Man muss sich kon­zen­trie­ren, um nicht ein fal­sches Bein zu tref­fen. Au­ßer­dem neigt er in sol­chen Fäl­len da­zu, erst recht selbst­be­stimmt wei­ter­zu­re­den. Män­ner sind so. Ich ver­such­te es mit ei­nem Hän­de­druck, erst sanft dann stär­ker, aber wir­kungs­los.

Ich er­zäh­le das, weil Fei­er­ta­ge mit Fa­mi­li­en­es­sen und Wein, der die Zun­ge lo­ckert, an­ste­hen. Und weil der Fa­mi­li­en­frie­de un­term Weih­nachts­baum be­kannt­lich ein fra­gi­les Kon­strukt ist. Psy­cho­lo­gen war­nen je­des Jahr. Man könn­te sich auf Pa­ro­len ei­ni­gen, die in Ab­stu­fung Ge­fahr si­gna­li­sie­ren. „Bra­ten­so­ße“zum Bei­spiel: Wech­sel das The­ma! „Ro­sen­kohl“wä­re Warn­stu­fe Rot und hie­ße im Kl­ar­text: Ich ha­be die Au­to­schlüs­sel! Das setzt al­ler­dings vor­aus, dass er sich ko­ope­ra­tiv ver­hält. Für den ab­so­lu­ten Ernst­fall könn­te man auf ei­ne be­währ­te Tech­nik zu­rück­grei­fen, die lei­der aus der Mo­de ge­kom­men ist: Si­mu­lie­ren Sie ei­ne klei­ne Ohn­macht. Das er­for­dert ei­ni­ge Übung, nach dem Ad­vents­stress soll­te Ih­nen das aber über­zeu­gend ge­lin­gen. Bis sich die Run­de wie­der be­ru­higt, hat er hof­fent­lich ver­ges­sen, was er sei­ner Schwie­ger­mut­ter noch sa­gen woll­te. Erfurt/Ber­lin. Wäh­len ge­hen kann Tho­mas Kem­me­rich nicht. Den­noch gilt er seit we­ni­gen Ta­gen als est­ni­scher Staats­bür­ger – zu­min­dest elek­tro­nisch. Mit der E-Re­si­denz-Kar­te hat sich der Thü­rin­ger FDP-Vor­sit­zen­de des­halb aus­ein­an­der­ge­setzt, weil er über­zeugt ist: „Thü­rin­gen kann das Est­land Deutsch­lands wer­den.“

Mit die­sem Slo­gan wirbt Kem­me­rich schon ei­ni­ge Zeit. Hin­ter­grund sind die di­gi­ta­len The­men, die die Li­be­ra­len seit ei­ni­ger Zeit auf der Agen­da und für sich ent­deckt ha­ben, nach­dem sie aus dem Deut­schen Bun­des­tag ge­flo­gen und spä­ter auch an dem Wie­der­ein­zug in den Thü­rin­ger Land­tag ge­schei­tert sind. Denn die Di­gi­ta­li­sie­rung, sagt Kem­me­rich im Ge­spräch mit die­ser Zei­tung, be­deu­te, dass es ei­nen Ver­wal­tungs­ab­bau ge­ben könn­te, der spür­bar sei. Die­sen for­dert die FDP schon län­ger.

Zu­rück nach Est­land. Mit ei­nem Bun­des­tags­kol­le­gen hat sich der Thü­rin­ger An­fang der Wo­che auf den Weg ge­macht, um her­aus­zu­fin­den, war­um die Es­ten bei den di­gi­ta­len The­men schein­bar viel wei­ter sind als die Bun­des­re­pu­blik. Sein Fa­zit da­zu ist knapp aber den­noch ein­präg­sam: „Ei­gent­lich ha­ben wir auch hier­zu­lan­de al­le Mög­lich­kei­ten, wie sie in Est­land vor­han­den sind.“Ein­zi­ges Pro­blem: „Wir nut­zen sie nicht.“

Fir­men­grün­dung nächs­tes Jahr ge­plant

Die E-Re­si­denz Est­lands be­rech­tigt Men­schen, die de­ren In­ha­ber sind, in dem Land Un­ter­neh­men zu grün­den, oh­ne selbst im Land an­we­send sein zu müs­sen. Die Er­öff­nung von Bank­kon­ten wird mit der E-Re­si­denz eben­falls mög­lich und zahl­rei­che wei­te­re Ver­wal­tungs­ak­te.

Ein prä­gnan­tes Bei­spiel: Wer mit dem Au­to zu schnell ge­fah­ren ist, der kann über sein Smart­pho­ne auf die­ses „Straf­zet­tel“zu­grei­fen, ihn ein­se­hen und ge­ge­be­nen­falls be­zah­len – al­les di­gi­tal, al­les oh­ne Pa­pier. „Vor al­lem geht es schnell“, macht der Li­be­ra­le deut­lich. Auch Steu­er­er­klä­run­gen oder die An­mel­dung des Wohn­sit­zes funk­tio­nie­ren in Est­land di­gi­tal – so, wie fast der kom­plet­te Staat.

Die Es­ten ver­fü­gen über ei­ne Es­to­nia-Cloud, in der all die­se Da­ten ge­spei­chert wer­den und auf die je­der In­ha­ber ei­ner E-Re­si­denz zu­grei­fen kann – für sei­nen per­sön­li­chen Be­reich. Nach Deutsch­land über­tra­gen, wür­de so­fort die Fra­ge nach der Da­ten­si­cher­heit ste­hen. Auch Kem­me­rich stellt sie, um dar­auf di­rekt selbst ei­ne Ant­wort zu ge­ben. „Na­tür­lich sind die Da­ten si­cher.“Elf Jah­re liegt es mitt­ler­wei­le zu­rück, dass das est­ni­sche Sys­tem letzt­mals er­folg­reich von Ha­ckern über­wun­den wer­den konn­te – und seit­her, sagt Kem­me­rich, sei vor al­lem in die Si­cher­heit in­ves­tiert wor­den. Für Thü­rin­gen trans­fe­riert er vor al­lem sein. „Auch Stadt-, Krei­sund Ge­mein­de­re­gie­run­gen sol­len ver­pflich­tet wer­den, ih­re Di­enst­leis­tun­gen di­gi­tal an­zu­bie­ten“, macht Kem­me­rich deut­lich. Und was sagt er den Skep­ti­kern? Er rät, sich von den Es­ten ein Bild zu ma­chen. „Die Of­fen­heit, mit der die Es­ten mit dem The­ma um­ge­hen, das ist phä­no­me­nal“, sagt er. Da­von, sagt er, könn­te die Deut­schen lernen.

Und was wird nun aus der ERe­si­denz, die Kem­me­rich zum di­gi­ta­len Staats­bür­ger macht? Er wer­de, sagt der Li­be­ra­le, sie nut­zen und ei­ne ei­ge­ne Fir­ma in Est­land grün­den. Wie ge­nau die­se sich auf­stellt, das sein aber bis­her nicht ab­seh­bar. Im Ja­nu­ar wol­le er das The­ma an­ge­hen – nur wirk­lich aus­wan­dern, das kom­me für ihn nicht in­fra­ge.

Thü­rin­gens FDP-Vor­sit­zen­der Tho­mas Kem­me­rich ge­hört nun min­des­tens elek­tro­nisch dem Staat Est­land an. Er hat sich die E-Re­si­denz-Kar­te in dem bal­ti­schen Land ge­holt, das di­gi­tal zu den welt­wei­ten Vor­rei­tern ge­hört. Fo­to: Fa­bi­an Klaus

Ele­na Rauch emp­fiehlt ei­ne al­te be­währ­te Tech­nik

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