Das Tisch­tuch ist ein­fach zu kurz

Zwölft­kläss­ler ma­chen auf den Un­ter­richts­aus­fall am Al­bert-Schweit­zer-Gym­na­si­um auf­merk­sam und fürch­ten um ihr Abitur

Thüringer Allgemeine (Sömmerda) - - Sömmerdaer Allgemeine - Von Ina Ren­ke

Söm­mer­da. „Wir füh­len uns im Stich ge­las­sen.“Die­ser Satz bringt auf den Punkt, was Chi­a­ra St­ein­kopf, Ni­na Mai­wald, Ma­rie Voigt und Ben­ja­min Sz­abò um­treibt und sich an un­se­re Zei­tung wen­den ließ. Die Zwölft­kläss­ler des Söm­mer­da­er Al­ber­tSchweit­zer-Gym­na­si­ums ha­ben Angst um ihr Abitur. Nicht, dass dieLehr­er­dar­an­schuld­wä­ren– ih­ren Vor­wurf rich­ten sie in ers­ter Li­nie an das Thü­rin­ger Kul­tus­mi­nis­te­ri­um.

„Letz­te Wo­che hät­ten wir 29 Un­ter­richts­stun­den ha­ben müs­sen, 13 sind aus­ge­fal­len. Da­bei war der Frei­tag auch noch ein schul­frei­er Tag“, be­rich­tet Chi­a­ra St­ein­kopf. Die Schü­ler wis­sen um den Lehrer­man­gel an der Schu­le, Grip­pe­zeit ist dann der ab­so­lu­te Su­per-Gau. „Auf­ga­ben­stel­lun­gen, die wir selbst er­ar­bei­ten müs­sen, brin­gen uns in der Abitur-Vor­be­rei­tung doch nicht wei­ter“, meint Ma­rie Voigt mit Blick auf so­ge­nann­te Stil­lar­beit.

„Noch vier Mo­na­te sind es bis zu den Abitur­prü­fun­gen“, blickt sie ban­ge vor­aus. Die Zwölft­kläss­ler ha­ben in ih­rem Lern­stress we­nig Ver­ständ­nis für Pro­jek­te in der Un­ter­stu­fe, wo­hin Leh­rer ab­ge­zo­gen wür­den. „Durch das kürz­li­che Müll-Pro­jekt im Schul­teil B hat­ten wir wie­der Aus­fall“, är­gern sich die Abitu­ri­en­ten. Im Fach Rus­sisch hät­ten sie nur 2 an­statt 3 Un­ter­richts­stun­den. „Ei­nen Mo­nat gab es mal kein Phy­sik, dann ist die Deutsch-Leh­re­rin aus­ge­fal­len“, be­rich­tet Ben­ja­min Sz­abò. Nach mehr­ma­li­gen An­läu­fen ge­lang erst in die­ser Wo­che ein Ge­spräch mit dem Schul­lei­ter. „Wir wis­sen, er ver­wal­tet nur den Man­gel – ha­ben aber un­ser An­lie­gen vor­ge­bracht.“Ein be­frie­di­gen­des Er­geb­nis ha­be es al­ler­dings nicht ge­ge­ben. „Un­ser Gym­na­si­um ist ei­ne schö­ne Schu­le, aber der Lehrer­man­gel macht al­les ka­putt“, ist Ben­ja­min Sz­abò ent­täuscht und fügt an: „Uns trifft es schon hart, hin­ge­gen die Schü­ler in vier, fünf Jah­ren noch här­ter.“

Jens Pit­zing ist seit 2016 Schul­lei­ter in Söm­mer­da, da­mit das drit­te Schul­jahr im Di­enst. Und ge­ra­de die­ses hat es in sich. „Wir ha­ben neun Leh­rer we­ni­ger im Ver­gleich zum letz­ten Schul­jahr“, ist auch Pit­zing nicht ge­ra­de be­geis­tert. Er hat den Per­so­nal­man­gel zu ver­wal­ten. Lang­zeit­er­kran­kun­gen und El­tern­zei­ten sind zu über­brü­cken. „Ich ha­be null Re­ser­ve.“

Es sei ei­ne Grat­wan­de­rung – je­de Wo­che aufs Neue. „Mir ist das Pro­blem der Abitu­ri­en­ten be­kannt und zum Teil ver­ständ­lich. Wir müs­sen aber die Pro­ble­ma­tik auf al­le Klas­sen­stu­fen ver­tei­len“, be­tont der Schul­lei­ter. Es ge­be die ge­setz­li­che Pflicht, Schü­ler bis zur 9. Klas­se, ins­be­son­de­re Nicht-Söm­mer­da­er Fahr-Schü­ler, bei Un­ter­richts­aus­fall zu be­auf­sich­ti­gen. In der Ober­stu­fe sei das ein we­nig ein­fa­cher. Ge­ra­de hat Jens Pit­zing die St­un­den­sta­tis­tik für den Mo­nat No­vem­ber er­stellt. 522 Un­ter­richts­stun­den à 45 Mi­nu­ten hät­ten am Al­bert-Schweit­zer-Gym­na­si­um ver­tre­ten wer­den müs­sen, weil Leh­rer aus ver­schie­de­nen Grün­den nicht zur Ver­fü­gung ste­hen. „Die an­we­sen­den Kol­le­gen ha­ben 152 St­un­den über ih­re Un­ter­richts­ver­pflich­tung hin­aus, das heißt Mehr­ar­beit, ge­leis­tet“, hat Pit­zing no­tiert. Fach­ge­recht ver­tre­ten wur­den 70 Un­ter­richts­stun­den, 106 St­un­den wur­den mit Stil­lar­beit über­brückt. Er­satz­los aus­ge­fal­len sind 92 Schul­stun­den. Die Schul­lei­tung tue ihr Mög­li­ches, bloß sei das Tisch­tuch, an dem ge­zo­gen wird, ein­fach zu kurz. „Ich kann das Pro­blem in­tern nicht lö­sen“, ist der Schul­lei­ter re­si­gniert.

Fünf 5. Klas­sen – dies gab es län­ger nicht – sind mit Schul­jah­res­be­ginn am Schweit­zer-Gym­na­si­um for­miert wor­den. „Ich muss­te den El­tern am In­for­ma­ti­ons­abend sa­gen, dass sie mit Un­ter­richts­aus­fäl­len zu rech­nen ha­ben“, sieht sich Pit­zing mit der be­son­de­ren Si­tua­ti­on kon­fron­tiert. Kei­ne Be­wer­ber für ei­ne El­tern­zeit­ver­tre­tung, auch das ma­che die­ses Schul­jahr so schwie­rig. Er freue sich, dass sich die Zwöl­fer als mün­di­ge Schü­ler en­ga­gie­ren. „El­tern­spre­cher un­se­res Gym­na­si­ums ha­ben sich mit ih­rem An­lie­gen schon bis ins Vor­zim­mer des Kul­tus­mi­nis­ters vor­ge­ar­bei­tet“, weiß Pit­zing und hofft wie die El­tern auf ei­ne bes­se­re Per­so­nal­aus­stat­tung an den Thü­rin­ger Schu­len.

Die­se Sze­ne ist ge­stellt. In ei­ner aus­ge­fal­le­nen Un­ter­richts­stun­de sit­zen Ben­ja­min, Ni­na, Chi­a­ra und Ma­rie auf den Stu­fen der Gym­na­si­um­strep­pe. An wär­me­ren Ta­gen war es tat­säch­lich so, dass die Schü­ler hier still lern­ten. Fo­to: Jens Kö­nig

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