2

Thüringer Allgemeine (Sömmerda) - - Erste Seite -

Die lan­ge Brü­cke im Jah­re 1514. Da, wo sich heut­zu­ta­ge ein Näh­ma­schi­nen­ge­schäft be­fin­det, un­ter­hält der Kan­nen­gie­ßer Hanns Küh­ne sei­ne Werk­statt. Er ver­kauft sein Ge­schirr di­rekt aus dem Fens­ter her­aus. Da­mit soll es frei­lich schon bald vor­bei sein. Wu­t­ent­brannt schreit der Kan­nen­gie­ßer am 17. Fe­bru­ar über die Stra­ße, dass ihm der Rat sei­nen La­den ver­na­geln las­sen möch­te. An­geb­lich sei er Steu­er­schuld­ner. Da­bei, so ruft Küh­ne den zu­sam­men­strö­men­den Gaf­fern zu, sei doch aus­ge­rech­net der städ­ti­sche Ju­rist der größ­te Steu­er­schuld­ner.

Tat­säch­lich eilt je­ner Bert­hold Bo­ben­zahn als­bald her­bei. Er möch­te den Kan­nen­gie­ßer zur Re­de stel­len – mit ge­zück­tem De­gen. Zwar krümmt er dem Hand­wer­ker kein Haar. Den­noch klagt Hanns Küh­ne den An­walt vor dem Rat an als ei­nen Mör­der, „der mir hat wol­len neh­men Leib und Le­ben, in mei­nem ei­ge­nen Hau­se, wi­der Gott, Eh­re und Rech­te“.

Da­mit ge­rät der städ­ti­sche Rat in ei­ne ge­wal­ti­ge Zwick­müh­le. In den Hän­den des Jus­ti­zi­ars lau­fen al­le Fä­den der zwi­schen Er­furt, Kur­mainz und den säch­si­schen Fürs­ten ge­führ­ten Ge­heim­ver­hand­lun­gen über die Un­ab­hän­gig­keit der Stadt zu­sam­men. Kann man ei­nen solch wich­ti­gen Be­am­ten den Ra­che­ge­lüs­ten ei­nes Hand­wer­kers op­fern?

Bo­ben­zahn weiß um sei­nen Wert für die Stadt; er po­kert hoch. Lie­ße man die An­kla­ge nicht fal­len, so schreibt er dem Rat, wür­de er Er­furt den Rü­cken keh­ren und sich an­dern­orts ver­din­gen – samt sei­nem Wis­sen. Doch der Dok­tor der Rech­te er­reicht mit sei­nem Brief das ge­naue Ge­gen­teil. Die­se Dro­hung be­sie­gelt sei­nen Tod. Längst hat man im Rat ver­mu­tet, dass der einst säch­si­sche Be­am­te mit sei­nen al­ten Her­ren ge­gen die Stadt pak­tiert.

Nun sieht man an­ge­sichts von Küh­nes An­zei­ge die Chan­ce, rei­nen Tisch zu ma­chen. Bo­ben­zahn wird ver­haf­tet und Fol­ter­knech­ten über­ant­wor­tet. Als man ihn über schwe­len­dem Stroh rös­tet, gibt er sich auf. Ei­nen schnel­len Tod her­bei­seh­nend ge­steht der 54-Jäh­ri­ge al­les, was man von ihm hö­ren möch­te. Er sei wil­lens, die Stadt den Fürs­ten zu über­ge­ben.

Nach ei­nem Schau­pro­zess auf dem Fisch­markt wird Bo­ben­zahn am 31. Mai 1514 mit dem Schwert vor dem Rat­haus ge­vier­telt. Bei wel­chen Schau­spie­len ist der An­drang der Mas­sen stets am größ­ten? Der Er­fur­ter Chro­nist Con­stan­tin Bey­er ver­merkt un­ter dem Da­tum vom 1. Ok­to­ber 1756 ei­ne un­miss­ver­ständ­li­che Ant­wort. „Bei Lei­chen­pre­dig­ten und Exe­ku­tio­nen, we­gen dem frei­en En­tree.“

Tat­säch­lich strö­men an die­sem Mor­gen wah­re Mas­sen aus der Stadt und aus um­lie­gen­den Dör­fern her­bei. „Man rech­ne­te ih­re An­zahl auf 20.000“, über­lie­fert Bey­er. „Al­lein mehr als 600 wa­ren Je­nai­sche Stu­den­ten.“

Al­ler Ziel ist der Ra­ben­stein. Die Richt­stät­te liegt au­ßer­halb der da­ma­li­gen Stadt­mau­ern, im Be­reich des heu­ti­gen Hans­e­plat­zes. An die­sem Frei­tag soll ein Ex­em­pel an drei Räu­bern voll­zo­gen wer­den.

Die Hin­rich­tung ist kaum voll­zo­gen, da klet­tert ein Je­sui­ten­pa­ter auf das Scha­fott. Er er­zählt vom gott­lo­sen Le­ben der exe­ku­tier­ten Räu­ber. Ei­gent­lich müss­ten sie da­für in der Höl­le schmo­ren. Tat­säch­lich aber, so ver­kün­det Beck­mann, dür­fen sie das Glück im Him­mel ge­nie­ßen.

Der Pa­ter bleibt die Er­klä­rung für den ver­meint­li­chen Wi­der­spruch nicht schul­dig. Die Hin­ge­rich­te­ten, so ruft er in die Mas­sen, hät­ten „ih­re Irrt­hü­mer ab­ge­schwo­ren und sich zu dem al­lein se­lig­ma­chen­den ka­tho­li­schen Glau­ben be­kannt.“Nun wür­den sie nicht mehr auf Lu­thers Irr­we­gen wan­deln.

Was woll­te der Je­su­it da­mit sa­gen? Soll­te es et­wa am lu­the­ri­schen Glau­ben lie­gen, dass Men­schen mit­un­ter zu Ver­bre­chern wer­den?

So­fort bricht ein Tu­mult aus. Of­fi­zie­re neh­men den Je­sui­ten schüt­zend zwi­schen sich. Sie ga­lop­pie­ren mit ihm nach Er­furt. Der Stadt­kom­man­dant lässt hin­ter ih­nen die To­re ver­schlie­ßen. Bey­er no­tiert: „Dies ret­te­te dem Je­sui­ten das Le­ben, der sonst wür­de todt ge­schla­gen wor­den seyn.“

Da, wo sich einst die Richt­stät­te be­fand, par­ken mitt­ler­wei­le Au­tos. In ei­nem der Trep­pen­häu­ser der Tief­ga­ra­ge wer­den hin­ter ei­ne Glas­schei­be fünf Ske­let­te aus­ge­stellt. Es sind die sterb­li­chen Über­res­te von Hin­ge­rich­te­ten. Archäo­lo­gen hat­ten sie so­wie 35 wei­te­re Ske­let­te im Vor­feld des Ga­ra­gen­baus ge­bor­gen.

Die Tief­ga­ra­ge ist nur halb­öf­fent­lich. Le­dig­lich An­woh­ner dür­fen ein­fah­ren.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.