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Thüringer Allgemeine (Sondershausen) - - Thüringen -

Den knapp sie­ben Ki­lo­me­ter lan­gen Wan­der­weg von un­se­rer letz­ten Ein­kehr, dem Gast­haus „Zum Renn­steig“in Fried­richs­hö­he, bis Mas­ser­berg be­wäl­tigt selbst ein un­ge­üb­ter Wan­ders­mann in gut ein­ein­halb St­un­den. Die­ser Ab­schnitt des Renn­steigs, der vor­wie­gend durch dich­ten Wald führt, knau­sert näm­lich mit geo­lo­gi­schen Her­aus­for­de­run­gen. Was mir sehr ge­le­gen kam, denn so konn­te ich mich in al­ler Ru­he an ei­ne Frau er­in­nern, der ich erst­mals im Jahr 2002 be­geg­ne­te und die für mich bis heu­te ei­ne der ein­drucks­volls­ten Sym­bol­fi­gu­ren des Thü­rin­ger-wald-frem­den­ver­kehrs ist: Ich durf­te die bis heu­te un­ver­ges­se­ne Her­ta Ma­chold ken­nen­ler­nen.

Da schil­der­te mir die da­mals schon 91-jäh­ri­ge, von har­ter Ar­beit ge­zeich­ne­te Grand Da­me des Renn­steig-gast­ge­wer­bes, oh­ne auch nur für ei­nen Mo­ment von ih­rer Ar­beit auf­zu­se­hen, wie sie als 17-jäh­ri­ge Land­po­me­r­an­ze 1928 dem Ruf ih­res On­kels ge­folgt und ins Mas­ser­ber­ger Kur­haus ein­ge­zo­gen war. Am An­fang als Hau­s­an­ge­stell­te, spä­ter dann (1969) nach dem Tod ih­res On­kels als Ho­tel­be­sit­ze­rin, er­warb sie sich über Jahr­zehn­te hin­weg ei­nen der­art sa­gen­haf­ten und weit über Thü­rin­gens Lan­des­gren­zen hin­aus hal­len­den Ruf als Herz­blut-gas­tro­no­min, dass vie­le treue Gäs­te noch heu­te über sie wie von ei­ner Hei­li­gen spre­chen.

Un­ver­ges­sen auch die zwei Ta­ge, als mir die be­schei­de­ne Wir­tin er­laub­te, sie wäh­rend ih­rer Ar­beit mit dem Fo­to­ap­pa­rat be­glei­ten zu dür­fen. Und wäh­rend ich ihr in der ge­wal­ti­gen Kü­che – in der sie bis kurz vor ih­rem Tod noch stand, um sonn­tags ab 14.30 Uhr ih­re Gäs­te mit ih­ren wun­der­ba­ren Ku­chen zu ver­wöh­nen –, er­zähl­te mir die ei­gent­lich schüch­ter­ne Her­ta ei­ne Le­bens­ge­schich­te (nach­zu­le­sen im Band 1 mei­ner „Thü­rin­ger Streif­zü­ge“), die mich der­art be­rühr­te, dass ich ihr auf An­hieb ver­fal­len war. Die­se Ta­ge im No­vem­ber 2002 ge­hö­ren seit­dem zu mei­nen kost­bars­ten Er­in­ne­run­gen.

lötz­lich be­fand ich mich in Ge­dan­ken vor dem ma­ro­den Kur­haus. Der frü­he Win­ter hat­te es in ei­nen Man­tel aus Zu­cker­guss ge­hüllt. Als ich über die Schwel­le schritt, schnup­per­te ich den Duft von Boh­ner­wachs, hör­te die krän­keln­de Hei­zung äch­zen, lausch­te den knar­ren­den Die­len, sah die ver­staub­ten rie­si­gen Lüs­ter im Spei­se­saal und be­staun­te die ver­schlis­se­nen Holz­fens­ter, auf de­ren mat­ten Schei­ben im kal­ten Win­ter tau­sen­de Eis­blu­men „Wär­me“aus­strahl­ten. Auch die klam­me Bett­wä­sche – zu­letzt muss­ten sich die Gäs­te die Bet­ten selbst be­zie­hen – ist mir in Er­in­ne­rung ge­blie­ben. Aber mir wur­de deut­lich, dass ech­te Gast­freund­schaft we­der an ge­styl­tem In­te­ri­eur noch an hoch­glanz­po­lier­ter

Wer­bung fest­zu­ma­chen ist. Kein noch so lu­xu­ri­ös ein­ge­rich­te­tes Gast­haus kann ein be­din­gungs­los die­nen­des Herz er­set­zen.

So in Er­in­ne­run­gen schwel­gend stand ich plötz­lich ... vor der ver­schlos­se­nen Tür der Turm­bau­de. Na­tür­lich hat­ten wir für un­se­ren Be­such ein Wo­che­n­en­de ge­wählt, wuss­ten wir doch von den in­zwi­schen ein­ge­leg­ten und wohl­ver­dien­ten zwei Ru­he­ta­gen, die be­son­ders die von Per­so­nal­sor­gen ge­plag­ten Gas­tro­no­men ein­le­gen müs­sen, um zu re­ge­ne­rie­ren. Dass der­zeit die Turm­bau­de je­doch we­gen (na­tür­lich eben­falls hoch­ver­dien­tem) Be­triebs­ur­laub ge­schlos­sen war, ver­rät das In­ter­net lei­der nicht.

Oh­ne gro­ße Wor­te zu ver­lie­ren: Wer das In­ter­net nutzt, soll­te sei­ne Ein­trä­ge auch pfle­gen. An­de­ren­falls er­zeugt man Un­mut, der nicht sel­ten Das al­te Kur­haus von Mas­ser­berg in ei­nem verschneiten Win­ter –  er­baut, hat es ei­ne be­weg­te Ge­schich­te hin­ter sich. in Un­ge­rech­tig­keit aus­ar­tet. Auch der ein­ma­li­ge Gast be­darf der Pfle­ge. Viel­leicht ist das dem Turm­bau­de-wirt nicht be­wusst, denn auch sein sehr spar­ta­ni­sches Ur­laubs­schild ver­riet nicht, wann der Wan­de­rer dort wie­der die Gna­de der Be­wir­tung ge­nie­ßen darf.

Noch­ma­li­ge In­ter­net­re­cher­chen hin­sicht­lich der Dau­er des Urlaubs gin­gen eben­falls wie das Horn­ber­ger Schie­ßen aus. Ei­gent­lich in­for­miert das In­ter­net nur, dass die Turm­bau­de ab Mai 2017 ge­öff­net hat. Und dass man sich dort auf den Be­such von Gäs­ten freue. Al­so: in wö­chent­li­chem Rhyth­mus wei­te­re An­läu­fe. Im­mer das­sel­be Schild. Gern hät­te ich be­rich­tet. So blieb die Er­in­ne­rung an ei­nen Wirt, der hier vor zwölf Jah­ren agier­te und mit sei­nem Kell­ner rich­tig Gas gab. Da­mals funk­tio­nier­te der La­den. Soll­te ich mich im Früh­jahr in der Ge­gend auf­hal­ten, wer­de ich er­neut vor­bei­schau­en. Für jetzt aber erst ein­mal muss die Turm­bau­de lei­der oh­ne Be­wer­tung blei­ben.

Was ei­gent­lich gar nicht so schlimm ist, denn frei nach dem Mot­to „Auch an­de­re Müt­ter ha­ben schö­ne Töch­ter“war­tet nur ei­nen Ki­lo­me­ter wei­ter mit dem di­rekt am Renn­steig ge­le­ge­nen „Ho­tel Renn­steig“ein wei­te­rer An­lauf­punkt auf den Wan­de­rer. Noch da­zu ei­ner, der uns schon vor zwölf Jah­ren mit sei­ner Ver­läss­lich­keit über­zeug­te. Ob sich an die­ser Ein­schät­zung nach der 2012 er­folg­ten Über­nah­me durch die Er­fur­ter Bach­mann-ho­tel-grup­pe et­was ver­än­dert hat, soll­te un­ser Test her­aus­fin­den. Den wir über­dies äu­ßerst ge­wis­sen­haft vor­be­rei­te­ten und dann auch in meh­re­ren An­läu­fen durch­führ­ten, denn ei­ni­ge Ver­ant­wor­tungs­trä­ger die­ser für ih­re so­li­de Ar­beit be­kann­ten Ho­te­lier­fa­mi­lie sind mir per­sön­lich be­kannt. In­stän­dig hoff­te ich, dass es kei­nen An­lass ge­ben wür­de, ih­nen auf die Fü­ße tre­ten zu müs­sen. Wo­bei: Sie kön­nen ver­si­chert sein, an der nö­ti­gen Cou­ra­ge für even­tu­el­le Kri­ti­ken soll­te es im Be­darfs­fall nicht feh­len.

Als die Fa­mi­lie Bach­mann 2012 das Ho­tel er­warb, über­nahm sie ein – vor­sich­tig for­mu­liert – in die Jah­re ge­kom­me­nes ze­ment­grau­es Bau­werk, das 1986 als Fe­ri­en­heim der Staats­si­cher­heit in ei­nem post­mo­der­nen Stil er­öff­net wor­den war, der an das Bauhaus er­in­nert. Sa­gen wir mal so: Es gab in der DDR schlim­me­re Bau­sün­den als die­sen et­was ro­bus­ten Er­ho­lungs­bau, in dem sich die Wäch­ter von den Schlach­ten an den ge­hei­men Fron­ten des Klas­sen­kamp­fes er­hol­ten.

Ne­ben dem Ho­tel thront noch im­mer das mit sechs Py­lo­nen auf­ge­styl­te Ba­de­haus. 1994 im fu­tu­ris­ti­schen Stil er­baut, gleicht die­se der­art ge­gen Re­geln der Har­mo­nie in die hei­le Renn­steigna­tur ge­setz­te Bau­sün­de ei­ner rie­si­gen Ra­ke­ten-ab­schuss­ba­sis. „Uto­pia Mas­ser­ber­gen­sis“lässt grü­ßen. Im­mer­hin stand das Ba­de­haus bei un­se­rer ers­ten Vi­si­te noch un­ter Dampf. Vie­le Gäs­te ka­men so­gar nur des Ba­des we­gen. In­zwi­schen zwang be­kann­ter­wei­se des­sen maro­der Bau­zu­stand die Ge­mein­de im Jah­re 2015, es aufs Tro­cken­dock zu le­gen. Ir­gend­wann soll hier ei­ne mo­der­ne Well­nes­soa­se ent­ste­hen.

Fakt ist, dass Mas­ser­berg seit der Schlie­ßung des Ba­de­hau­ses ei­nen Gäs­te­schwund von 10 bis 15 Pro­zent be­klagt. Be­su­cher, die na­tür­lich auch je­de Ren­ta­bi­li­täts­rech­nung des Ho­tels Renn­steig zum Va­ban­que­spiel ma­chen. Um­so hö­her muss das En­ga­ge­ment

Die un­ver­ges­se­ne Her­ta Ma­chold war Ho­tel­be­sit­ze­rin des al­ten Mas­ser­ber­ger Kur­hau­ses und hat­te sich den Ruf als Grand Da­me des Renn­steig-gast­ge­wer­bes er­wor­ben.  ver­starb sie im Al­ter von  Jah­ren.

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