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Thüringer Allgemeine (Weimar) - - Freizeit - Von Mir­ko Krü­ger

as Tra­gen von Kopf­tü­chern hat im eng­li­schen Kö­nigs­haus ei­ne gro­ße Tra­di­ti­on. Im­mer wie­der zeigt sich Queen Eliz­a­beth II. mit ei­ner sol­chen, eher schlicht an­mu­ten­den Kopf­be­de­ckung. Gut mög­lich, dass sie die­se Vor­lie­be von ih­rer Ur­ur­groß­mut­ter ge­erbt hat, von Queen Vic­to­ria. Und nicht min­der aus­zu­schlie­ßen ist, dass letz­te­re ih­re Be­geis­te­rung für Kopf­tü­cher in Thü­rin­gen ent­deckt hat.

Wie auch im­mer: Im Au­gust des Jah­res 1845 griff Vic­to­ria zum Zei­chen­stift, um in vier Skiz­zen fest­zu­hal­ten, wie Bäue­rin­nen ih­re Kopf­tü­cher auf raf­fi­nier­te Wei­se kno­ten. Dies ge­schah nicht ir­gend­wo in ih­rem Em­pi­re. Die Queen zück­te ih­ren Zei­chen­stift viel­mehr in Thü­rin­gen, im Gotha­er Land.

„I feel so at ho­me he­re”, ver­trau­te Vic­to­ria am 2. Sep­tem­ber 1845 ih­rem Ta­ge­buch an. Ich füh­le mich so hei­misch hier. Schließ­lich no­tier­te die bri­ti­sche Kö­ni­gin auch noch, dass es ihr weh­tue, ab­rei­sen zu müs­sen.

Der 2. Sep­tem­ber 1845, das war ihr letz­ter Tag in Thü­rin­gen. Ge­mein­sam mit ih­rem Ge­mahl, Prinz Al­bert von Sach­senco­burg und Go­tha, hat­te die Kö­ni­gin ei­ni­ge Ta­ge in des­sen Gotha­er Hei­mat ver­bracht. Sie be­sich­tig­ten das Schloss Frie­den­stein und wa­ren Eh­ren­gäs­te ei­nes Vo­gel­schie­ßens. Sie nah­men an ei­nem Jagd­aus­flug nach Rein­hards­brunn teil und an ei­nem Fest des Thü­rin­ger Sän­ger­bun­des. Die „Pri­vi­le­gir­te Got­hai­sche Zei­tung“wuss­te dar­auf­hin zu be­rich­ten, „je­der Gotha­ner freu­te sich her­zin­nig des Glü­ckes.“

Ge­schich­ten wie die­se ste­hen lei­der nicht in der jüngst er­schie­ne­nen Bio­gra­fie „Queen Vic­to­ria“. Wer da­von er­fah­ren möch­te, muss sich selbst in die 141 Ta­ge­bü­cher der Queen ver­tie­fen. Und den­noch lohnt das Le­sen der fast 600 Sei­ten um­fas­sen­den Bio­gra­fie auch aus Thü­rin­ger Per­spek­ti­ve al­le­mal. De­ren Au­to­rin Ju­lia Bird möch­te zwar aus­drück­lich das Le­ben „der be­rühm­tes­ten be­rufs­tä­ti­gen Mut­ter ih­rer Zeit“er­zäh­len. Tat­säch­lich ge­riet ihr Buch aber zu ei­ner Dop­pel­bio­gra­fie. Und die­se führt äu­ßerst an­schau­lich vor Au­gen, dass und wie der Ge­mahl aus Sach­sen-co­burg-go­tha zum heim­li­chen Mon­ar­chen in Lon­don wur­de.

„Vic­to­ria galt als sehr gu­te Par­tie“, meint Ju­lia Bird. In den Zei­tun­gen wur­de ei­ne Viel­zahl mög­li­cher Ver­bin­dun­gen dis­ku­tiert – in­klu­si­ve der Macht­ver­hält­nis­se in­ner­halb der Fa­mi­lie. Der „Spec­ta­tor“brach­te die De­bat­te auf ei­nen ge­mein­sa­men Nen­ner. Der Ehe­mann ei­ner Kö­ni­gin sei un­wei­ger­lich ein Schwäch­ling. „Ei­ne ver­gol­de­te Ma­rio­net­te, die nichts un­ter­neh­men kann, was ih­rer ge­ho­be­nen Stel­lung ge­ziemt, die kei­ner ei­nes Mi­li­tärs oder Staats­manns wür­di­gen Be­schäf­ti­gung nach­ge­hen kann.“

Prinz Al­bert sah dies zu­nächst ähn­lich. Er no­tier­te im Mai 1840, al­so ein gu­tes hal­bes Jahr nach der Hoch­zeit: „Die Schwie­rig­keit, mei­nen Platz mit vol­ler Wür­de aus­zu­fül­len, liegt dar­in, dass ich nur der Mann, und nicht der Herr im Hau­se bin.“In sei­ner Hei­mat war Al­bert an­de­re Ver­hält­nis­se ge­wöhnt. In Sach­sen-co­burg-go­tha galt das sa­li­sche Ge­setz: Die Herr­schaft stand ein­zig und al­lein Män­nern zu.

Am 18. Mai 1836 war sich das spä­te­re Paar erst­mals in Lon­don be­geg­net. Der erst 16-jäh­ri­ge Al­bert mach­te sei­ner Cou­si­ne Vic­to­ria ge­mein­sam mit sei­nem Bru­der Ernst die Auf­war­tung. Im Ta­ge­buch der gleich­alt­ri­gen Vic­to­ria liest sich das so: „Al­bert, who is just as tall as Er­nest, but stou­ter, is ex­trem­ly hand­so­me.“Al­bert, der et­wa so groß ist wie Ernst, aber

Schon in den frü­hen 1840er-jah­ren über­nahm Al­bert im­mer mehr die Macht bei Ho­fe – bis hin zu ei­nem hin­ter Vic­to­ri­as Rü­cken ein­ge­fä­del­tem Aus­tausch des Pre­mier­mi­nis­ters. Auch wenn die Kö­ni­gin dar­über al­les an­de­re als „amu­sed“war: Letzt­lich konn­te sie nicht an­ders, als ih­rem Mann freie Hand zu las­sen. Vic­to­ria brach­te neun Kin­der zu Welt, teils brauch­te sie Jah­re, um sich von kom­pli­ziert ver­lau­fen­den Ge­bur­ten so­wie Schwer­mut zu er­ho­len.

Ju­lia Bird zeich­net Al­bert als un­ge­wöhn­lich ak­ti­ven, dis­zi­pli­nier­ten und kom­pe­ten­ten Kö­nig. Auf­ga­ben gab es reich­lich: die Re­form der Ar­mee, die Ver­bes­se­rung der Ar­beits­be­din­gun­gen in den Fa­b­ri­ken, die För­de­rung der Bil­dung, die Ab­schaf­fung der Skla­ve­rei, schließ­lich die Vor­be­rei­tung der Welt­aus­stel­lung in Lon­don so­wie der zwei Jah­re wäh­ren­de Krim-krieg ge­gen Russ­land. Al­bert ar­bei­te­te von früh bis spät, hält die Bio­gra­fin fest. „Zu En­g­lands gro­ßem Glück soll­ten die re­for­ma­to­ri­schen Be­mü­hun­gen die­ses rast­lo­sen Man­nes bald schon Früch­te tra­gen.“

Zu En­g­lands gro­ßem Un­glück soll­te Al­bert jung ster­ben. Am 14. De­zem­ber 1861 schloss der 42-Jäh­ri­ge in Ge­gen­wart von Queen Vic­to­ria die Au­gen. Sei­ne Gat­tin über­leb­te ihn um 40 Jah­re – und gab letzt­lich ei­ner Epo­che ih­ren Na­men. Bis heu­te spre­chen wir vom vik­to­ria­ni­schen Zeit­al­ter. An Al­bert er­in­nern in Groß­bri­tan­ni­en noch im­mer zahl­rei­che Denk­ma­le so­wie die Roy­al Al­bert Hall.

Ju­lia Bird: WBG Theiss Ver­lag, 596 Sei­ten, 34 Eu­ro

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