„Ich wür­de nie Whats­App be­nut­zen“

Der Bun­des­da­ten­schutz­be­auf­trag­te Ul­rich Kel­ber über Kon­se­quen­zen aus dem Ha­cker-An­griff – und Ge­fah­ren der Ge­sichts­er­ken­nung

Thüringische Landeszeitung (Eisenach) - - POLITIK - VON TIM BRAUNE, THE­RE­SA MARTUS UND JO­CHEN GAUGELE

BER­LIN. Ei­nen leb­haf­te­ren Start hät­te sich Ul­rich Kel­ber nicht aus­den­ken kön­nen. Zwei Ta­ge vor sei­nem Amts­an­tritt wur­de ein Ha­ckeran­griff auf Po­li­ti­ker be­kannt, der grund­le­gen­de Fra­gen der Ab­wehr­fä­hig­keit be­rührt. In sei­nem ers­ten gro­ßen In­ter­view sucht der Bun­des­da­ten­schutz­be­auf­trag­te nach Ant­wor­ten.

Grü­nen-Chef Ro­bert Ha­beck hat Twit­ter und Face­book ver­las­sen. Ein Vor­bild für den Da­ten­schutz?

Ul­rich Kel­ber:Ro­bert Ha­beck hat per­sön­li­che Da­ten ver­lo­ren, und er be­klagt ei­nen ne­ga­ti­ven Ein­fluss von Twit­ter auf die po­li­ti­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on. Als Da­ten­schüt­zer ha­be ich vor al­lem Pro­ble­me mit dem Ge­schäfts­mo­dell von Face­book, dem Um­gang des Kon­zerns mit Da­ten. Es wird ei­ne un­glaub­li­che Da­ten­men­ge pro­du­ziert, die Rück­schlüs­se auf die Nut­zer zu­lässt. Da­bei ist es völ­lig un­klar, wie mit die­sen In­for­ma­tio­nen um­ge­gan­gen wird.

Wie schüt­zen Sie sich?

Ich ver­su­che, mei­ne ei­ge­nen Si­cher­heits­an­for­de­run­gen re­la­tiv hoch zu hal­ten. So ver­wen­de ich im­mer star­ke Pass­wör­ter, die sich für je­den Di­enst un­ter­schei­den. In Clouds le­ge ich nur Da­ten ab, die not­falls auch von Drit­ten ge­se­hen wer­den kön­nen; zu­sätz­lich wer­den die Da­ten noch ver­schlüs­selt. Und ge­gen An­grif­fe schütze ich mich nicht nur tech­nisch, son­dern auch nach dem GMV-Prin­zip – ich nut­ze al­so den ge­sun­den Men­schen­ver­stand, be­vor ich den An­hang ei­ner Nach­richt öff­ne.

Hat Sie der Ha­ckeran­griff ei­nes 20-Jäh­ri­gen auf Hun­der­te Po­li­ti­ker, Jour­na­lis­ten und Künst­ler über­rascht?

Wir ha­ben noch kei­ne end­gül­ti­ge Auf­klä­rung, wel­che We­ge der Ha­cker ge­nutzt hat. Es soll­te je­den­falls ei­ne Sen­si­bi­li­sie­rung ge­ben, wie schnell un­zu­rei­chen­der Ei­gen­schutz zu ei­nem ech­ten Erd­rutsch füh­ren kann, der an­de­re in Mit­lei­den­schaft zieht. Wenn man ei­ne be­stimm­te Funk­ti­on er­reicht hat in ei­ner Par­tei, dann ver­fügt man über hoch­sen­si­ble Kon­takt­da­ten drit­ter Per­so­nen. Aus die­sem Grund wür­de ich üb­ri­gens auch nie Nach­rich­ten-Apps wie Whats App be­nut­zen, wo man für die vol­le Funk­tio­na­li­tät sei­nen ge­sam­ten Kon­tak­t­ord­ner an­bie­ten muss. Aber das ist nicht die ein­zi­ge Kon­se­quenz, die ich für er­for­der­lich hal­te.

Was ver­lan­gen Sie noch?

Es gibt Hin­wei­se, dass In­ter­net­un­ter­neh­men bei der Ein­däm­mung des Falls nicht gut ge­nug mit­ge­ar­bei­tet ha­ben. Twit­ter war of­fen­bar nicht schnell ge­nug zu er­rei­chen. Wich­tig wä­re ge­we­sen, so­fort die be­trof­fe­nen Links ab­zu­schal­ten. Dann wä­re die Ver­brei­tung der Da­ten ex­trem ver­lang­samt wor­den. Jetzt wer­den Fa­mi­li­en­fo­tos und an­de­re pri­va­te Din­ge von Per­so­nen des öf­fent­li­chen Le­bens im­mer wie­der im Netz auf­tau­chen. Das ist hoch­pro­ble­ma­tisch. Au­ßer­dem müs­sen die Da­ten­schutz­be­hör­den bei Cy­ber­an­grif­fen in die Mel­de­we­ge rein. Wenn die zu­stän­di­gen Be­hör­den aus den Me­di­en von Schutz­lü­cken er­fah­ren, ist das ein­deu­tig zu spät. Da­ten­schutz­be­hör­den ha­ben An­ord­nungs­rech­te auch ge­gen­über Un­ter­neh­men. Da hät­ten 24 oder 26 St­un­den viel ge­bracht.

Was kön­nen Schu­len zu Da­ten­schutz und Da­ten­si­cher­heit bei­tra­gen?

Ich wer­de jetzt kein ei­ge­nes Schul­fach for­dern. Aber man könn­te das The­ma bün­deln in ei­nem Fach­be­reich, der auch le­bens­na­he Fra­gen zu Wirt­schaft oder Gesundheit be­han­delt. Da­ten­schutz muss auf je­den Fall sinn­voll in die Lehr­plä­ne ein­ge­bun­den und selbst­ver­ständ­li­cher Be­stand­teil des Schul­un­ter­richts wer­den. Eben­so wich­tig ist es, Leh­re­rin­nen und Leh­rer ent­spre­chend fort­zu­bil­den und die Schu­len mit ge­eig­ne­tem Lehr­ma­te­ri­al aus­zu­stat­ten. Die un­ab­hän­gi­gen Da­ten­schutz­be­auf­trag­ten wer­den hier­bei ger­ne un­ter­stüt­zend zur Ver­fü­gung ste­hen.

Die Li­te­ra­tur hat in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten man- ches Hor­ror­sze­na­rio zum Ver­lust der Pri­vat­sphä­re ent­wor­fen – und ist von der Wirk­lich­keit ein ums an­de­re Mal über­trof­fen wor­den. Wel­chen Autor der Ge­gen­wart hal­ten Sie für be­son­ders weit­sich­tig?

Ak­tu­ell le­se ich viel von Ja­ron La­nier, Ent­wick­ler des ers­ten Da­ten­hand­schuhs und ei­ner der Vä­ter der vir­tu­el­len Rea­li­tät. Der emp­fiehlt zum Bei­spiel, dass man sei­ne Ac­counts in den so­zia­len Netz­wer­ken sper­ren soll­te, weil de­ren Ge­schäfts­mo­dell als sol­ches da­für sorgt, dass man zum In­stru­ment von In­ter­net­kon­zer­nen wird. Ro­bert Ha­beck wür­de sei­ne Freu­de ha­ben an La­ni­ers Werk (lacht).

Chi­na ist da­bei, den Über­wa­chungs­staat zu per­fek­tio­nie­ren. Ist der Wes­ten ge­gen sol­che Ent­wick­lun­gen immun?

Was wir in­zwi­schen in Chi­na er­le­ben, ist to­ta­le Über­wa­chung, die je­de Sci­en­ceFic­tion-Fan­ta­sie über­steigt. Ich möch­te da­her kei­nen Ver­gleich zwi­schen Chi­na und eu­ro­päi­schen Rechts­staa­ten zie­hen.

Vi­deo­über­wa­chung und au­to­ma­ti­sche Ge­sichts­er­ken­nung wer­den auch hier­zu­lan­de aus­ge­baut ...

Rich­tig ist, dass Staa­ten wie Deutsch­land seit den Ter­ror­an­schlä­gen von 2001 die Be­fug­nis­se der Si­cher­heits­be­hör­den ex­trem er­wei­tert ha­ben, aus Sicht von uns Da­ten­schüt­zern schon zu weit. For­de­run­gen nach ei­ner Aus­wei­tung von Vi­deo­über­wa­chung und au­to­ma­ti­scher Ge­sichts­er­ken­nung hal­te ich für hoch­pro­ble­ma­tisch – al­lei­ne schon we­gen der Feh­ler­quo­te. Men­schen ge­ra­ten zu Un­recht un­ter Ver­dacht. Wir dro­hen die Ba­lan­ce zwi­schen Si­cher­heit und Freiheit zu ver­lie­ren.

Wie den­ken Sie über die Vor­rats­da­ten­spei­che­rung?

Ei­ne an­lass­lo­se Spei­che­rung von Te­le­fon- und In­ter­net­ver­bin­dungs­da­ten hal­te ich für grund­rechts­wid­rig. Erst ein­mal al­les über al­le zu sam­meln und dann zu schau­en, ob man es ir­gend­wie ver­wen­den kann – das geht nicht. Die deut­sche Re­ge­lung zur Vor­rats­da­ten­spei­che­rung soll­te nicht nur aus­ge­setzt blei­ben, son­dern ab­ge­schafft wer­den. Ich ra­te auch drin­gend da­von ab, ei­nen neu­en eu­ro­päi­schen Rah­men für ei­ne an­lass­lo­se Spei­che­rung zu schaf­fen.

„Ei­ne Aus­wei­tung der Vi­deo­über­wa­chung ist hoch­pro­ble­ma­tisch.“

KARIKATUR: NEL

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