Auf dem Weg ins di­gi­ta­le Zeit­al­ter

Staats­se­kre­tä­rin Kerst will, dass al­le die Chan­cen, die das In­ter­net bie­tet, nut­zen – klei­ne Fir­men, Netz­En­thu­si­as­ten oder die Ge­ne­ra­ti­on „70 plus“

Thüringische Landeszeitung (Erfurt) - - THÜRINGEN - VON EL­MAR OT­TO

ER­FURT. Va­len­ti­na Kerst ist seit gut fünf Wo­chen Wirt­schafts­staats­se­kre­tä­rin in Thü­rin­gen. Die 38-jäh­ri­ge Un­ter­neh­me­rin will in der ver­blei­ben­den Le­gis­la­tur vor al­lem die Di­gi­ta­li­sie­rung vor­an­trei­ben und sieht Da­ten­schutz­ver­stö­ße im Netz nicht als Ka­va­liers­de­likt.

Frau Kerst, ha­ben Sie schon Ih­ren Face­book­Ac­count ge­löscht?

Nein, wie kom­men Sie denn dar­auf? Er ist wei­ter­hin ak­tiv.

Aber dort ist nicht viel von Ih­nen zu le­sen.

Da sieht man, dass die Da­ten­schutz­ein­stel­lun­gen sehr gut funk­tio­nie­ren. Mei­ne In­hal­te kön­nen nur von der Fa­mi­lie, von Freun­den und Be­kann­ten ge­le­sen wer­den.

Sie las­sen sich vom Face­boo­kDa­ten­skan­dal nicht ab­schre­cken?

Es ist ein Skan­dal, das stimmt. Aber wer sei­nen Face­book-Ac­count löscht, müss­te sich ge­ne­rell über­le­gen: Was ma­che ich über­haupt im In­ter­net? Face­book ist mit Blick auf den Da­ten­schutz ein ne­ga­ti­ver Leucht­turm. Aber die Fra­ge, wie wir mit Da­ten im In­ter­net um­ge­hen, be­trifft an­de­re Por­ta­le auch. Von da­her wä­re es zu kurz ge­grif­fen, nur auf Face­book zu ver­zich­ten.

Sind die Nut­zer so­zia­ler Me­di­en selbst schuld, weil ih­nen klar sein muss, dass Da­ten im In­ter­net nie si­cher sein kön­nen?

Je­der ist zu­nächst ein­mal für sei­ne Da­ten selbst ver­ant­wort­lich. Und teil­wei­se ist der Um­gang mit Per­sön­li­chem voll­kom­men hem­mungs­los. Whats­App ist ein schö­nes Bei­spiel: Dort lädt je­der frei­wil­lig sein kom­plet­tes Adress­buch mit hoch. Ein ir­rer Zu­stand. Das ist zu­min­dest ei­ne Leh­re aus der Face­book-Af­fä­re: Die Men­schen müs­sen ler­nen, vor­sich­ti­ger mit ih­ren Da­ten um­zu­ge­hen.

Auch Un­ter­neh­men nut­zen so­zia­le Me­di­en. Setz­ten sie sich da­mit leicht­fer­tig der Ge­fahr von In­dus­trie­spio­na­ge aus?

So­zia­le Netz­wer­ke wer­den von Un­ter­neh­men in der Re­gel für Mar­ke­ting­zwe­cke ge­nutzt. Da­her glau­be ich nicht, dass In­dus­trie­spio­na­ge hier die gro­ße Rol­le spielt. Und ich bin froh, dass Cloud-Di­ens­te, bei de­nen Un­ter­neh­men

sen­si­ble­re Da­ten ab­le­gen, sehr viel hö­he­re Si­cher­heits­be­stim­mun­gen ha­ben. Nichts­des­to­trotz ist der Face­book-Skan­dal ein Fin­ger­zeig auf ein Grund­pro­blem, das den Un­ter­neh­men zu schaf­fen macht. Man­geln­de Da­ten­si­cher­heit hemmt die Di­gi­ta­li­sie­rung. Durch Face­book ist ein klei­ner Su­per-GAU ent­stan­den. Aber da­rin liegt auch ei­ne Chan­ce.

In­wie­fern?

Um Ver­trau­en zu­rück­zu­ge­win­nen, wer­den An­bie­ter künf­tig sa­gen: Wenn Pri­vat­kun­den oder Un­ter­neh­men mir ih­re Da­ten über­las­sen, le­ge ich die höchs­ten Si­cher­heits­stan­dards an. Es gibt be­stimm­te E-Mail-An­bie­ter, die mit ho­hen Stan­dards beim Da­ten­schutz er­folg­reich sind. Da­ten­si­cher­heit kann zum Ge­schäfts­mo­dell wer­den.

Kön­nen dras­ti­sche­re Stra­fen, wie sie die neue EU­Da­ten­schutz­richt­li­nie vor­sieht, für mehr Si­cher­heit sor­gen?

Die Sank­tio­nie­rung von Da­ten­schutz­ver­stö­ßen glo­bal agie­ren­der Kon­zer­ne ist ge­ne­rell ein Pro­blem. Was Face­book an­geht, wä­re ei­ne ho­he Straf­zah­lung durch­aus ei­ne Über­le­gung wert, um zu de­mons­trie­ren, dass es sich nicht um ein Ka­va­liers­de­likt han­delt. Aber ein klei­ner Mit­tel­ständ­ler, der mal ei­nen But­ton für den News­let­ter falsch ge­setzt oder Da­ten der Kun­den zu lan­ge oder an der fal­schen Stel­le auf­be­wahrt hat, soll­te nicht gleich we­gen ei­ner im­men­sen

Straf­zah­lung um sei­ne Exis­tenz ban­gen müs­sen. Ich plä­die­re für Ver­hält­nis­mä­ßig­keit und Au­gen­maß.

Soll­te Face­book die Al­go­rith­men of­fen­le­gen, die ent­schei­den, wel­che In­hal­te Nut­zer an­ge­zeigt be­kom­men.

Das ist schwie­rig. Ich hal­te von der Idee aus zwei Grün­den nicht son­der­lich viel. Ers­tens: Selbst wenn Sie die Al­go­rith­men of­fen­le­gen, wür­de ich in­fra­ge stel­len, ob man dar­aus po­li­ti­sche Hand­lungs­emp­feh­lun­gen ab­lei­ten kann. Zwei­tens: Auch an­de­re Un­ter­neh­men müss­ten even­tu­ell be­stimm­te Pa­ten­te, die auf Al­go­rith­men be­ru­hen, preis­ge­ben. Dann wird es für die­se Idee sehr dünn in der Ar­gu­men­ta­ti­on.

Sie se­hen al­so kei­ne Hand­ha­be für mehr Trans­pa­renz?

Doch durch­aus. Trans­pa­renz ist ge­nau das ent­schei­den­de Stich­wort. Es muss deut­li­cher wer­den, wel­che Da­ten Un­ter­neh­men von mir be­reits ge­spei­chert ha­ben. Das ist zwar heu­te schon mög­lich, aber viel zu un­über­sicht­lich. Da­zu ge­hört auch, dass es ein­fa­cher wer­den muss, Da­ten aus Face­book bei­spiels­wei­se wie­der ab­zu­zie­hen. Und wenn ein Fo­to von mir ge­löscht wur­de, muss si­cher­ge­stellt sein, dass es auch tat­säch­lich aus al­len Da­ten­ban­ken ent­fernt ist. Es geht um das Recht des Nut­zers an den ei­ge­nen Da­ten. Um sol­che Maß­nah­men durch­zu­set­zen, muss man den po­li­ti­schen Druck er­hö­hen.

Sie ha­ben sich vor­ge­nom­men, die Wirt­schaft fit für den di­gi­ta­len Wan­del zu ma­chen und wer­ben mit „Mit­tel­stand 4.0“. Wenn man sich mit Un­ter­neh­mern un­ter­hält, wä­ren die froh, wenn es we­nigs­tens mit dem „Mit­tel­stand 2.0“klap­pen wür­de. Kön­nen Sie das nach­voll­zie­hen?

In ge­wis­ser Wei­se ja. Aus die­sem Grund will ich weg von den Schlag­wör­tern und hin zu kon­kre­ten Maß­nah­men. Ins­ge­samt 70,2 Mil­lio­nen Eu­ro stellt das Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um al­lein im lau­fen­den Dop­pel­haus­halt 2018/2019 für den Breit­band­aus­bau, aber auch neue För­der­an­sät­ze in Wirt­schaft und For­schung be­reit. Mir ist es wich­tig, ge­ra­de die vie­len klei­nen und mit­tel­stän­di­schen Un­ter­neh­men auf dem Weg ins di­gi­ta­le Zeit­al­ter mit­zu­neh­men.

Wie soll das kon­kret aus­se­hen?

Für uns ist jetzt die Auf­ga­be, mit Hoch­druck die Bag­ger auf die Stra­ße zu be­kom­men. Jetzt wer­den die Ka­bel ver­legt, um den Breit­band­aus­bau vor­an­zu­trei­ben und zu­min­dest ei­ne schnel­le Da­ten­lei­tung mit 50 Mbit pro Se­kun­de an­bie­ten zu kön­nen, wo im­mer mög­lich, auch mehr. Auch wenn wir wis­sen, dass dies ei­gent­lich zu we­nig ist. Lang­fris­tig stre­ben wir die Gi­ga­bit-Lei­tung an. Aber auch mit der 16Mbit-Lei­tung, die mo­men­tan an­liegt, kann das In­ter­net schon gut ge­nutzt wer­den.

Was ver­birgt sich in dem an­ge­kün­dig­ten „Di­gi­ta­len Bo­nus Thü­rin­gen“?

Da­mit kön­nen In­ves­ti­tio­nen in die Di­gi­ta­li­sie­rung von Pro­duk­ti­ons­pro­zes­sen, Pro­duk­ten und Di­enst­leis­tun­gen, aber auch in die Ver­bes­se­rung von In­for­ma­ti­ons­und Da­ten­si­cher­heits­lö­sun­gen ge­för­dert wer­den. Hier­für ste­hen in die­sem und dem nächs­ten Jahr zu­nächst 1,5 Mil­lio­nen Eu­ro zur Ver­fü­gung. Das klingt erst­mal nicht viel. Aber wenn das Pro­gramm gut an­ge­nom­men wird, wer­den wir ver­su­chen, durch ent­spre­chen­de Um­schich­tun­gen hier noch ein­mal auf­zu­sto­cken.

Vie­le klei­ne Hand­werks­un­ter­neh­men ha­ben auch oh­ne das In­ter­net vol­le Auf­trags­bü­cher. Wie wol­len sie die da­von über­zeu­gen, dass auch sie von der Di­gi­ta­li­sie­rung pro­fi­tie­ren?

Auch klei­ne Fir­men soll­ten die Chan­cen des In­ter­nets heu­te schon nut­zen, selbst wenn sie den Nut­zen noch für be­grenzt hal­ten. Wenn ich im Netz nicht prä­sent bin, wer­de ich die­sem Ver­säum­nis in ei­ner schlech­ten Pha­se viel­leicht hin­ter­her­trau­ern. Da­zu muss es nicht kom­men. Das Land ver­folgt ei­ne Rei­he von neu­en För­der­an­sät­zen zur Di­gi­ta­li­sie­rung im Hand­werk: Die­se um­fas­sen un­ter an­de­rem die Aus­wei­tung der Be­ra­tungs­an­ge­bo­te und die Fi­nan­zie­rung von so­ge­nann­ten „Di­gi­ta­li­sie­rungs­lot­sen“, die För­de­rung von ge­eig­ne­ten Re­fe­renz­pro­jek­ten zur Di­gi­ta­li­sie­rung in Hand­werks­un­ter­neh­men so­wie die Eta­b­lie­rung ei­nes Wett­be­werbs.

Wenn ich im Netz „Som­mer­ur­laub“und „Deutsch­land“ein­ge­be, ran­giert Thü­rin­gen un­ter fer­ner lie­fen. Är­ger­lich, oder?

Das stimmt. Da fin­det man Bay­ern und Meck­len­burg-Vor­pom­mern, die sehr früh schon den Tou­ris­mus di­gi­tal ge­macht ha­ben. Beim Tou­ris­mus be­steht in Thü­rin­gen noch ei­ni­ger Nach­hol­be­darf. Der Breit­band­aus­bau für schnel­les WLAN soll­te für Ho­te­liers und Pen­si­ons­be­trei­ber nicht ein­zig im Vor­der­grund ste­hen. Es geht auch dar­um, das be­reits ver­füg­ba­re In­ter­net zu nut­zen, um zum Bei­spiel Kun­den zu ak­qui­rie­ren. Es geht um Prä­senz und Netz­wer­ke im In­ter­net. Des­halb ist in der „Tou­ris­mus­stra­te­gie 2025“ei­ne Con­ten­tDa­ten­bank in­te­griert, um ein ge­schlos­se­nes Tou­ris­mus­bild des Frei­staats prä­sen­tie­ren zu kön­nen. Das, was wir auf der In­ter­na­tio­na­len Tou­ris­mus­bör­se ma­chen, müs­sen wir auch im Netz ma­chen.

Das Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um trägt auch die „Di­gi­ta­le Ge­sell­schaft“im Ti­tel. Wie wol­len Sie den Wan­del von der ana­lo­gen Ge­sell­schaft voll­zie­hen?

Das In­ter­net steckt im­mer noch in den Te­enager­schu­hen, ist so zu sa­gen in der Pu­ber­tät, und jetzt geht es um das Er­wach­sen­wer­den und dar­um, das Netz für be­stimm­te Zwe­cke op­ti­mal zu nut­zen. Mei­ne Auf­ga­be dabei ist es, al­le Thü­rin­ge­rin­nen und Thü­rin­ger an­zu­spre­chen: Vom Netz-En­thu­si­as­ten, der sich är­gert, weil es mit dem Down­load nicht klappt, bis zur Ge­ne­ra­ti­on „70 plus“, der das Netz manch­mal nicht ge­heu­er ist.

„Das In­ter­net steckt im­mer noch in den Te­enager­schu­hen, ist so zu sa­gen in der Pu­ber­tät, und jetzt geht es um das Er­wach­sen­wer­den.“Staats­se­kre­tä­rin Va­len­ti­na Kerst (SPD)

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