Brau­chen Sie ei­ne Wur­zel­be­hand­lung?

Thüringische Landeszeitung (Erfurt) - - ERFURT - VON HEI­NER WALD­MANN

Die Blü­te ei­ner Ro­se war ei­nen Som­mer lang von den Men­schen be­wun­dert wor­den. Als der Herbst kam und ih­re Blät­ter nicht mehr so frisch wa­ren, wur­de sie mür­risch und be­gann mit ih­rer ei­ge­nen Wur­zel ei­nen Streit. Sie sag­te: „Dich sieht man nicht, mich sieht man. Was wür­dest du nur oh­ne mich tun?“Die Wur­zel wuss­te die­ser Auf­fas­sung zu­nächst nichts ent­ge­gen­zu­set­zen. Es war ihr auch klar, dass der herr­li­che Duft, den die Men­schen so lieb­ten, nicht von ihr, son­dern von der Blü­te ver­strömt wur­de. Dann ging ihr et­was auf: „Was aber wä­re“, frag­te die Wur­zel die Blü­te, „wenn du mich nicht hät­test? Wer wür­de dich hal­ten, wer dich näh­ren?“Die Blü­te er­schrak. Die­se Fra­ge hat­te sie sich in all ih­rer Selbst­ver­liebt­heit nie ge­stellt. Sie schwieg, senk­te ih­ren Kopf und ver­trau­te sich wäh­rend der Win­ter­mo­na­te ih­rer Wur­zel an. Uwe Bö­sche­mey­er er­zählt die­se Ge­schich­te, um uns Men­schen auf un­se­re Wur­zeln zu ver­wei­sen. Wo sind wir ver­wur­zelt?

Zur Zeit wird das Ern­te­dank­fest ge­fei­ert. Nicht nur Chris­ten be­sin­nen sich auf die Wur­zeln ih­res Le­bens und die der Schöp­fung. Le­ben ist Ge­schenk, ist Ga­be, die man dank­bar an­neh­men, aber auch als selbst­ver­ständ­lich neh­men und so­gar ab­leh­nen kann. Es gibt Men­schen, die sich am En­de ei­nes Ta­ges in Er­in­ne­rung brin­gen, was sie am Tag Schö­nes, An­ge­neh­mes und Sinn­vol­les er­fah­ren ha­ben. Und die­se Er­in­ne­run­gen lö­sen Ge­füh­le der Dank­bar­keit aus, auch wenn sie mit­un­ter in ei­ner leid­vol­len Si­tua­ti­on ste­hen. In ei­ner Stress­si­tua­ti­on ist für uns ein Spa­zier­gang oft ei­ne Hil­fe. Was „pas­siert“ei­gent­lich da­bei? Wir spü­ren (wie­der) un­ser Ein­ge­bun­den­sein in die Schöp­fung, ah­nen die grö­ße­ren Zu­sam­men­hän­ge ei­nes Le­bens­sin­nes, den wir Chris­ten Gott nen­nen.

Wer nicht mehr oder zu we­nig Sinn in sei­nem Le­ben sieht, dem rei­chen even­tu­ell die Spa­zier­gän­ge nicht mehr. Er muss in die „Wüs­te“ge­hen, d.h. er muss in die Stil­le ge­hen. Wer sich mit sich al­lein sein lässt, wird mit dem kon­fron­tiert, was er im Grun­de sei­ner See­le denkt und fühlt. Er be­geg­net mehr als bis­her sich selbst. Die „Wüs­te“ist der Ort, an dem ein Mensch „geis­tes­ge­gen­wär­tig“wird. Dort er­kennt er, wel­cher Geist ihn treibt. In der Stil­le kann je­der an sei­ne Wur­zeln ge­lan­gen, an das, was sein Le­ben trägt. Die An­fangs­ge­schich­te zeigt, dass die­se Ver­bin­dung mit un­se­ren Wur­zeln nicht be­lie­big ist, sie ist le­bens-not-wen­dig. Ich wün­sche uns, dass wir zum Ern­te­dank­fest Gott dan­ken ler­nen für all das Schö­ne, das aus tie­fen Wur­zeln in uns wächst.

Fo­to: Bis­tum Er­furt

Pfar­rer i. R. Hei­ner Wald­mann.

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