Die Da­ten­fi­scher vom Ufer der Saa­le

Die Mül­ler+Krah­mer Gm­bH in Kauls­dorf un­ter­stützt bun­des­weit Un­ter­neh­men bei der Di­gi­ta­li­sie­rung

Thüringische Landeszeitung (Gera) - - WIRTSCHAFT - VON JENS VOIGT

KAULS­DORF. Fun­k­lö­cher al­lent­hal­ben, das In­ter­net in et­li­chen Or­ten bis­lang eher Feld­weg denn Da­ten­au­to­bahn – vie­len Ex­per­ten und Wirt­schafts­ver­bän­den zu­fol­ge ist die ver­al­te­te elek­tro­ni­sche In­fra­struk­tur ge­ra­de im länd­li­chen Raum das größ­te Hemm­nis für den Sprung in die di­gi­ta­le „In­dus­trie 4.0“. Hol­ger Mül­ler und Mar­co Krah­mer aber be­zwei­feln die­se The­se. „Hier in Kauls­dorf ha­ben wir ei­ne Netz­an­bin­dung von sechs Me­ga­bit pro Se­kun­de, von mei­nem Ar­beits­zim­mer in Saal­feld sind es fünf­zig. Das reicht al­le­mal, um un­se­re Lö­sun­gen zu im­ple­men­tie­ren oder ihr Funk­tio­nie­ren beim Kun­den zu über­prü­fen“, er­klärt Mül­ler. Nein, die In­fra­struk­tur sei nicht der Grund, war­um die Di­gi­ta­li­sie­rung in der Re­gi­on so lang­sam vor­an­schrei­te. Je­den­falls nicht der ent­schei­den­de.

Die bei­den Elek­tro­tech­ni­kDi­plom­in­ge­nieu­re bil­den die Mül­ler+Krah­mer Gm­bH, be­hei­ma­tet in der Kö­nit­zer Stra­ße in Kauls­dorf (Land­kreis Saal­fel­dRu­dol­stadt). Wer sie be­sucht, hält ver­ge­bens Aus­schau nach Ma­schi­nen oder Werk­bän­ken, son­dern fin­det ein sehr über­sicht­li­ches Bü­ro in Mül­lers El­tern­haus. Be­stückt mit kom­pak­ter Steue­rungs­tech­nik, Sen­so­ren und meh­re­ren Lap­tops. „Da ist al­les drin, was wir be­nö­ti­gen“, be­stä­tigt Mül­ler.

Was ih­re Fir­ma aus­macht, ha­ben sie zur Grün­dung vor knapp ei­nem Jahr in ei­ner Pres­se­mit­tei­lung for­mu­liert, die ir­gend­wie ver­san­de­te. Was möglicherweise an ei­ner ge­wis­sen Über­do­sis an Fach­ter­mi­ni lag. Von „NI DI­A­dem“und „La­bVIEW“ist dar­in die Re­de, von Bus­sen, Schnitt­stel­len und RFID-Sys­te­men, von tech­ni­schem Da­ten­ma­nage­ment und Prüf­au­to­ma­ti­sie­rung. Lau­ter sper­ri­ge und we­nig fass­ba­re Be­grif­fe, wenn man we­der Elek­tro­tech­ni­ker noch IT-Spe­zia­list ist.

Was al­so tun der in Saal­feld be­hei­ma­te­te Mül­ler und sein aus Au­ma stam­men­der Partner Krah­mer? Am bes­ten er­zählt man es an Bei­spie­len. Da wä­re et­wa der Sitz­schaum, al­so je­ner Kunst­stoff, auf dem Au­to­fah­rer Platz neh­men. Um ihn auf Dau­er-Taug­lich­keit zu prü­fen, setzt sich in ei­nem Prüf­stand ei­ne stäh­ler­ne Po­po-Nach­bil­dung drauf, hun­dert­tau­send­fach, mit wech­seln­den Drü­cken, Feuch­ten, Tem­pe­ra­tu­ren; Sen­so­ren le­sen aus, ob und wie sich der Schaum da­bei ver­än­dert. Frü­her wur­de der Schaum ge­kühlt oder er­hitzt, um sei­ne Be­stän­dig­keit zu be­ur­tei­len, die Test­läu­fe brauch­ten Zeit und hat­ten nicht im­mer voll­stän­dig ver­gleich­ba­re Be­din­gun­gen. Jetzt knallt der di­gi­ta­le Hin­tern in ei­ner Kli­ma­kam­mer auf den Sitz­schaum, der dar­aus ge­ne­rier­te Da­ten­strom lie­fert so­zu­sa­gen Echt­zeitBeur­tei­lun­gen als gra­fi­sche oder ma­the­ma­ti­sche Darstel­lung. Die Soft­ware-Lö­sung da­für ha­ben Mül­ler und Krah­mer ent­wi­ckelt – oder ge­nau­er: Sie ha­ben in ih­rem Pro­gramm-Kel­ler nach ei­ner in Fra­ge kom­men­den Grund­la­ge ge­sucht und die­se dann auf den Sitz­schaum-Prüf­stand an­ge­passt.

Zu den Stamm­kun­den ge­hört auch das Volks­wa­gen-Ent­wick­lungs­zen­trum. Dort ste­hen vom „Up!“bis zum Pas­sat Au­tos al­ler Ty­pen, in­des oh­ne Rä­der, da­für mit sämt­li­chen elek­tro­ni­schen Ein­bau­ten. „Im per­ma­nen­ten Mess­be­trieb wird hier zum Bei­spiel ge­prüft, ob das Fahr­zeug nach dem Aus­schal­ten der Zün­dung die Sys­te­me so de­fi­niert her­un­ter­fährt und die Da­ten si­chert, dass die Bat­te­rie auch Wo­chen spä­ter noch voll ist, da­mit der Mo­tor wie­der an­springt“, er­klärt der 44jäh­ri­ge Krah­mer. Ei­ne Mam­mut­auf­ga­be, für die bei VW die Mess­da­ten je­der ein­zel­nen Kom­po­nen­te er­ho­ben und qua­si ne­ben­ein­an­der ge­legt wur­den, um sie auf Ver­träg­lich­keit zu che­cken. Dank Mül­ler + Krah­mer sieht das in­zwi­schen an­ders aus: Das Sys­tem zeigt au­to­ma­tisch an, wo Leis­tungs­wer­te über- oder un­ter­schrit­ten wer­den – und spart da­mit rund ein Drit­tel der Ar­beits­zeit ein.

Ob Volks­wa­gen, Bosch, Sie­mens oder Con­tiTech – fast al­le Kun­den der bei­den Tüft­ler sind im Wes­ten Deutsch­lands be­hei­ma­tet. Was ei­ner­seits mit der Ge­schich­te der Fir­ma zu tun hat: Be­reits seit 2004 ver­ant­wor­te­te Mül­ler von Kauls­dorf aus qua­si das Ost­bü­ro der A-So­lu­ti­on Gm­bH Grö­ben­zell (Bayern); 2011 kam Krah­mer da­zu. Als mit dem ge­plan­ten Aus­schei­den des da­ma­li­gen Chefs das Fort­be­ste­hen des Un­ter­neh­mens­be­rei­ches wa­ckel­te, ent­schie­den sich Krah­mer und Mül­ler zur Aus­grün­dung als selbst­stän­di­ge Fir­ma.

Dass sie im Os­ten nur we­ni­ge Kun­den ha­ben, er­klärt Hol­ger Mül­ler zum ei­nen mit den eher klei­ne­ren Struk­tu­ren: Wenn über­haupt, dann fin­den Au­to­ma­ti­sie­rung und Di­gi­ta­li­sie­rung vor al­lem in der Fer­ti­gung statt, kaum je­doch im Ent­wick­lungs­be­reich – den es nur bei we­ni­gen hie­si­gen Fir­men gibt. Und noch ein re­gio­na­les Spe­zi­fi­kum bremst: „Der Os­si bas­telt gern“, for­mu­liert es der 50-Jäh­ri­ge. Heißt: Statt ex­ter­nen Sach­ver­stand ein­zu­kau­fen, ver­sucht man die Auf­ga­be ir­gend­wie in­tern zu wup­pen, qua­si mit Bord­mit­teln. „Un­ser wirk­li­cher Geg­ner heißt Ex­cel“, sagt Mül­ler gern. Oft wer­de mit dem Pro­gramm ei­ne Aus­wer­tung „ge­strickt“, die Er­geb­nis­se nur dann lie­fert, wenn der An­wen­der nach­ein­an­der die rich­ti­gen Knöp­fe drückt. Wech­selt der Bast­ler die Ab­tei­lung oder gar das Un­ter­neh­men oder muss das Pro­gramm plötz­lich auf ei­nem neu­en Be­triebs­sys­tem lau­fen, sind die Pro­ble­me vor­pro­gram­miert. Bis­her auf Knopf­druck ver­füg­ba­re Er­geb­nis­se müs­sen wie­der müh­sam hän­disch er­mit­telt wer­den oder ge­hen gleich ganz ver­lo­ren. Hier kön­nen Mül­ler und Krah­mer hel­fen – und so­gar Da­ten aus jahr­zehn­te­al­ten An­la­gen ge­ne­rie­ren.

Auch wenn in den meis­ten Fäl­len das hie­si­ge Netz reicht – zum Auf­neh­men des­sen, was die Kun­den tat­säch­lich be­nö­ti­gen und zum Ver­bau­en ih­rer Soft­und Hard­ware-Lö­sun­gen müs­sen Mül­ler und Krah­mer vor Ort sein. Al­so fah­ren, meist mit dem Au­to. Und so liegt aus ih­rer Sicht das größ­te Hemm­nis der hie­si­gen Di­gi­ta­li­sie­rung nicht im dün­nen Glas­fa­ser­netz, son­dern in Fun­k­lö­chern und den völ­lig über­las­te­ten Fern­stra­ßen. Denn sie fres­sen Zeit – ei­ne ent­schei­den­de Res­sour­ce in der al­ten wie in der neu­en In­dus­trie.

Hol­ger Mül­ler (vorn) und Mar­co Krah­mer bil­den die Füh­rung wie auch das ge­sam­te Per­so­nal des Kauls­dor­fer Un­ter­neh­mens, das vor  die Ost-Fi­lia­le ei­nes baye­ri­schen Spe­zia­lis­ten für Mess-, Prüf- und Au­to­ma­ti­sie­rungs­tech­nik war.

Mar­co Krah­mer nimmt die Steue­rung ei­ner La­ser-Be­schich­tungs­an­la­ge in Be­trieb, für die er die Soft­ware an­ge­passt hat.

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