Cha­os-Br­ex­it, Exit vom Br­ex­it – oder was?

Die­se Wo­che ent­schei­det das bri­ti­sche Par­la­ment über den Br­ex­it-De­al der Pre­mier­mi­nis­te­rin. Sechs Sze­na­ri­en, wie es wei­ter­ge­hen könn­te

Thüringische Landeszeitung (Gera) - - POLITIK - VON CHRISTIAN KERL

BRÜS­SEL. Jetzt wird der Br­ex­it­Kri­mi rich­tig span­nend: Am Di­ens­tag stimmt das bri­ti­sche Un­ter­haus über den Aus­tritts­Ver­trag ab, den die EU mit Groß­bri­tan­ni­en aus­ge­han­delt hat. Ei­ne Mehr­heit ist nicht in Sicht – in Lon­don, Brüs­sel und Ber­lin wächst die Furcht vor ei­nem Cha­os-Br­ex­it am 29. März mit dras­ti­schen Fol­gen für Eu­ro­pa und neu­en Mil­li­ar­den­las­ten auch für Deutschland. Noch gibt es aber Aus­we­ge. Und die bri­ti­sche Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May kämpft um den Ver­trag: Am Sonn­tag warn­te sie die Ab­ge­ord­ne­ten, ein Nein wä­re ein „ka­ta­stro­pha­ler Ver­trau­ens­bruch“ge­gen­über den Bür­gern. Sie for­der­te: „Schluss mit den Spiel­chen“. Was wird pas­sie­ren, wenn das bri­ti­sche Par­la­ment am Di­ens­tag ent­schie­den hat, was steht auf dem Spiel? Der Über­blick: Ja zum Br­ex­it-Ver­trag Ei­ne Mehr­heit im Par­la­ment am Di­ens­tag ist sehr un­wahr­schein­lich. In Mays kon­ser­va­ti­ver To­ry-Frak­ti­on leh­nen zahl­rei­che Ab­ge­ord­ne­te den Ver­trag ab, ein Drit­tel der Frak­ti­on hat May im De­zem­ber das Miss­trau­en aus­ge­spro­chen. Und we­der die op­po­si­tio­nel­le La­bourPar­tei noch die nord­iri­sche DUP, auf de­ren Un­ter­stüt­zung die Re­gie­rung an­ge­wie­sen ist, wol­len dem Ver­trag zu­stim­men. Der Sen­der BBC geht da­von aus, dass May min­des­tens 114 Stim­men feh­len. Aber die Pre­mier­mi­nis­te­rin hofft noch auf Last-mi­nu­te-Hil­fe der EU. Die be­rei­tet tat­säch­lich noch ei­ne Initia­ti­ve vor: EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­dent Je­an-Clau­de Juncker er­wägt nach wie­der­hol­ten Ge­sprä­chen mit May, kurz­fris­tig in ei­nem Brief bri­ti­sche Be­den­ken ge­gen den Aus­tritts­ver­trag zu zer­streu­en. Der Chef des Au­ßen-Aus­schus­ses im EU-Par­la­ment, Da­vid McAl­lis­ter (CDU), warnt die Ab­ge­ord­ne­ten vor ei­nem Nein und mahnt sie zu Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein: Oh­ne Zu­stim­mung zum Ab­kom­men dro­he ein har­ter Br­ex­it oh­ne ei­ne Über­gangs­pha­se. „Das hät­te sehr ne­ga­ti­ve Fol­gen für bei­de Sei­ten und soll­te un­be­dingt ver­mie­den wer­den“, sag­te McAl­lis­ter un­se­rer Re­dak­ti­on. Wenn es wie durch ein Wun­der doch klappt, dann steht nur noch die Zu­stim­mung des EU-Par­la­ments zum Ver­trag aus, aber die gilt als Form­sa­che. Dann wür­de Groß­bri­tan­ni­en die EU am 29. März mit ei­nem or­dent­li­chen Schei­dungs­ver­trag ver­las­sen.

Er legt un­ter an­de­rem die Schei­dungs­kos­ten fest (Groß­bri­tan­ni­en muss noch rund 45 Mil­li­ar­den Eu­ro an die EU be­zah­len), legt Grund­sät­ze für die künf­ti­gen Be­zie­hun­gen fest und sorgt da­für, dass die Ein­zel­hei­ten in Ru­he aus­ge­han­delt wer­den kön­nen – nach dem Aus­tritt wür­de ei­ne zwei- bis drei­jäh­ri­ge Über­gangs­zeit be­gin­nen, in der auf der In­sel vie­le EU-Re­geln wei­ter gel­ten und sich prak­tisch we­nig än­dert. Noch ein Ver­such Geht die Ab­stim­mung nur knapp ver­lo­ren, könn­te May ei­ne zwei­te Run­de an­set­zen und dar­auf hof­fen, dass ge­nug Ab­ge­ord­ne­te ih­re Hal­tung noch än­dern. Das ist of­fen­bar der Plan der Pre­mier­mi­nis­te­rin. Ihr Kal­kül: Ein Nein am Di­ens­tag könn­te ei­nen Schock auch an den Fi­nanz­märk­ten aus­lö­sen. Schon jetzt steigt die Ner­vo­si­tät auf der In­sel, die Furcht vor ei­ner Re­zes­si­on wächst: Den na­hen­den Cha­os-Br­ex­it vor Au­gen, könn­te im zwei­ten An­lauf wo­mög­lich doch noch ei­ne Par­la­ments­mehr­heit für den Ver­trag stim­men. May plant, nach ei­ner Nie­der­la­ge wei­te­re Zu­ge­ständ­nis­se von der EU zu er­zwin­gen: Sie will Ga­ran­ti­en, dass Groß­bri­tan­ni­en un­ter kei­nen Um­stän­den ge­zwun­gen ist, dau­er­haft ei­ne Zoll­uni­on mit der EU ein­zu­ge­hen – auch wenn es kei­ne an­de­re Lö­sung gibt, um die Gren­ze zwi­schen Ir­land (EU-Mit­glied) und Nord­ir­land (Ver­ei­nig­tes Kö­nig­reich) of­fen zu halten. An die­ser Fra­ge vor al­lem ent­zün­det sich der Wi­der­stand von Mays Kri­ti­kern. Die EU-Spit­zen leh­nen of­fi­zi­ell zwar sub­stan­zi­el­le Än­de­run­gen ab, an der of­fe­nen Gren­ze in Ir­land wol­len sie nicht rüt­teln las­sen. Aber auch in Brüs­sel si­gna­li­sie­ren Di­plo­ma­ten un­ter der Hand, dass es noch Spiel­raum ge­ben könn­te. „Auch die EU muss ei­nen un­ge­re­gel­ten Br­ex­it fürch­ten“, sagt ein Be­tei­lig­ter un­se­rer Re­dak­ti­on. So­gar ein neu­er Br­ex­it-Gip­fel gilt als mög­lich. Vor­aus­set­zung für die­se Va­ri­an­te: Die Mehr­heit wird am Di­ens­tag nur um ein paar Dut­zend Stim­men ver­fehlt – es muss al­so ei­ne Chan­ce ge­ben, dass der Ver­trag im zwei­ten An­lauf noch an­ge­nom­men wird. Feh­len May über hun­dert Stim­men, ist die La­ge wohl aus­sichts­los. Je grö­ßer ih­re Nie­der­la­ge, des­to wahr­schein­li­cher ein Rück­tritt der Re­gie­rungs­che­fin. Die Op­po­si­ti­on ver­langt be­reits Neu­wah­len. Cha­os-Br­ex­it oh­ne Ver­trag Wenn der Ver­trag im Par­la­ment schei­tert, ist ein un­ge­re­gel­ter Aus­tritt wahr­schein­lich – aber nicht zwin­gend. Ei­ne Schei­dung oh­ne Ver­trag wä­re ei­ne „Ka­ta­stro­phe“, warnt der Bun­des­ver­band der Deut­schen In­dus­trie. Groß­bri­tan­ni­en wä­re für die EU über Nacht „Dritt­land“, nach den Welt­han­dels-Re­geln müss­ten so­fort ge­gen­sei­tig Zöl­le er­ho­ben wer­den. Als Fol­ge dürf­te es an den Gren­zen zum Cha­os kom­men. Bricht die Aus- und Ein­fuhr von Wa­ren zu­sam­men, dro­hen auf der In­sel erst Pa­nik­käu­fe, dann Ver­sor­gungs­eng­päs­se – die bri­ti­sche Re­gie­rung hat vor­sorg­lich Schif­fe ge­char­tert und will Tei­le der Ar­mee mo­bi­li­sie­ren. Der Flug­ver­kehr nach Groß­bri­tan­ni­en könn­te stark ein­ge­schränkt sein, aber auch auf dem Kon­ti­nent kä­me es zu gro­ßen Pro­ble­men, weil bri­ti­sche Air­lines ih­re Li­zen­zen für in­ner­eu­ro­päi­sche Flü­ge ver­lö­ren. Auf dem Kon­ti­nent hät­te die Wirt­schaft den größ­ten Scha­den: Lie­fer­ket­ten wür­den un­ter­bro­chen, die Bü­ro­kra­tie wür­de zur Be­las­tung. Die deut­sche Wirt­schaft wür­de mit drei Mil­li­ar­den Eu­ro jähr­lich für den Zoll be­las­tet, schät­zen Ex­per­ten. Un­ge­wiss­heit steht auch Bri­ten in der EU und EU-Bür­gern auf der In­sel be­vor, die sich neu um Auf­ent­halts­rech­te be­mü­hen müss­ten. Teu­er wür­de es für die Steu­er­zah­ler in Deutschland: Im EU-Haus­halt wür­den bis En­de 2020 rund 16,5 Mil­li­ar­den Eu­ro an bri­ti­schen Net­to­bei­trä­gen feh­len, rech­net das Brüs­se­ler Brue­gel-For­schungs­in­sti­tut vor. Deutschland müss­te zum Aus­gleich ei­nen An­teil von 4,2 Mil­li­ar­den Eu­ro zu­sätz­lich über­wei­sen. So­wohl die Bri­ten als auch die EU ver­su­chen, sich auf den Ex­trem­fall vor­zu­be­rei­ten und die Fol­gen mög­lichst ab­zu­mil­dern – mit Plä­nen für Not­ge­set­ze oder zu­sätz­li­chem Per­so­nal et­wa beim Zoll. Aber vie­les ist noch nicht ge­klärt. Ver­schie­bung des Aus­tritts The­re­sa May, bri­ti­sche Pre­mier­mi­nis­te­rin Um ei­nen wil­den Br­ex­it erst mal ab­zu­wen­den, könn­te die bri­ti­sche Re­gie­rung bei ei­nem Schei­tern des Aus­tritts­ver­trags be­an­tra­gen, das Aus­tritts­da­tum zu ver­schie­ben. Die EU-Mit­glied­staa­ten müss­ten dem zu­stim­men, wer­den ei­ne Ver­län­ge­rung wohl ak­zep­tie­ren, aber kaum län­ger als bis zur Eu­ro­pa­wahl En­de Mai. Ent­spre­chen­de Si­gna­le ha­ben Lon­do­ner Emis­sä­re in Brüs­sel be­reits er­hal­ten. Was der Zeit­ge­winn brin­gen wür­de, ist un­klar. Die EU will den Ver­trag auf kei­nen Fall neu ver­han­deln, sieht al­lein Lon­don am Zug – et­wa in­dem in Groß­bri­tan­ni­en ein er­neu­tes Br­ex­it-Re­fe­ren­dum ab­ge­hal­ten wird. Die bri­ti­sche Re­gie­rung könn­te aber um­ge­kehrt den Druck auf die EU er­hö­hen. Zum Bei­spiel so: Brüs­sel soll ge­drängt wer­den, Groß­bri­tan­ni­en auch oh­ne De­al ei­ne mehr­jäh­ri­ge Über­gangs­pha­se ein­zu­räu­men, in der die künf­ti­gen Be­zie­hun­gen ge­re­gelt wer­den und sich erst mal nur we­nig än­dert – Lon­don müss­te nicht die Krö­ten des Schei­dungs­ver­trags schlu­cken und könn­te ein ganz neu­es Pa­ket schnü­ren. In Brüs­sel wird das of­fi­zi­ell ab­ge­lehnt. Aber Be­am­te in der Kom­mis­si­on räu­men ein: „Es wird nicht ein­fach, an die­ser Po­si­ti­on fest­zu­hal­ten.“ Volks­ab­stim­mung Die Idee ei­nes zwei­ten Br­ex­it-Re­fe­ren­dums in Groß­bri­tan­ni­en fin­det auf der In­sel im­mer mehr Sym­pa­thi­san­ten. Ei­ne Va­ri­an­te wä­re, die Bür­ger über den Br­ex­it-Ver­trag ab­stim­men zu las­sen. Denk­bar wä­re aber auch ein er­neu­tes Vo­tum zum EUAus­tritt – ei­ni­ge Um­fra­gen le­gen na­he, dass die Br­ex­it-Geg­ner dies­mal in der Mehr­heit wä­ren. Doch si­cher ist nur, dass die Ent­schei­dung auch dies­mal knapp wä­re. Pre­mier­mi­nis­te­rin May lehnt ein zwei­tes Re­fe­ren­dum ka­te­go­risch ab. Sie warnt, da­mit wür­de die Spal­tung des Lan­des bloß noch wei­ter ver­tieft. Ei­ne an­de­re Va­ri­an­te der Volks­be­fra­gung be­vor­zugt die La­bour-Par­tei: Die Neu­wahl des Par­la­ments. Exit vom Br­ex­it Mit ei­nem dra­ma­ti­schen Auf­ruf ha­ben mehr als hun­dert Ab­ge­ord­ne­te des EU-Par­la­ments an die Bri­ten ap­pel­liert, in der EU zu blei­ben. Nach In­for­ma­tio­nen un­se­rer Re­dak­ti­on wer­ben sie in ei­nem of­fe­nen Brief an die Bür­ger Groß­bri­tan­ni­ens für ei­nen Ver­zicht auf den ge­plan­ten EU-Aus­tritt des Lan­des. „Wir bit­ten dar­um, im In­ter­es­se der nächs­ten Ge­ne­ra­ti­on den Aus­tritt zu über­den­ken“, heißt es im Ent­wurf des Schrei­bens, das An­fang der Wo­che in Groß­bri­tan­ni­en ver­öf­fent­licht wer­den soll. Soll­te Groß­bri­tan­ni­en ent­schei­den, den Aus­tritts­an­trag zu­rück­zu­zie­hen, wür­den die EU-Ab­ge­ord­ne­ten das un­ter­stüt­zen. Mit­un­ter­zeich­ner Pe­ter Lie­se (CDU) sag­te: „Wir wol­len ein Zei­chen an die Be­völ­ke­rung und da­mit auch an das Un­ter­haus sen­den und klar­ma­chen: Wenn die Bri­ten sich ent­schei­den, zu blei­ben, sind Sie herz­lich will­kom­men.“

Theo­re­tisch könn­te Groß­bri­tan­ni­en den Br­ex­it auch oh­ne Re­fe­ren­dum oder Wahl noch ganz ab­sa­gen – so­gar oh­ne Ein­ver­ständ­nis der EU. Ei­nem sol­chen Exit vom Br­ex­it müss­te al­ler­dings, wenn er nicht per Re­fe­ren­dum er­zwun­gen wird, das bri­ti­sche Par­la­ment zu­stim­men. Dort ist ei­ne Mehr­heit nicht in Sicht. Auch un­ter EU-Di­plo­ma­ten gilt die­se Va­ri­an­te als zwie­späl­tig. Denn wenn Groß­bri­tan­ni­en so zer­ris­sen doch in der Uni­on bleibt, wä­re Lon­don ei­ne Qu­el­le stän­di­ger Stör­ma­nö­ver, heißt es.

„Schluss mit den Spiel­chen.“

Anti-Br­ex­it-Pro­test vor dem bri­ti­schen Par­la­ment: „Stoppt das Br­ex­it-Cha­os“steht auf den Schil­dern, mit de­nen die EU-Freun­de für den Ver­bleib in Eu­ro­pa de­mons­trie­ren.FO­TO:

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