Wer ein­mal in Schloss Rein­hards­brunn war, den hält es ge­fan­gen

Eli­sa­beth Hü­gel er­zählt über ih­re Zeit als Emp­fangs­che­fin un­ter Re­gie des DDR-Rei­se­bü­ros, RGW, Kö­nig Carl Gus­tav und das Bern­stein­zim­mer

Thüringische Landeszeitung (Gotha) - - KREIS GOTHA - VON WIE­LAND FI­SCHER

Eli­sa­beth Hü­gel hat ei­ne en­ge Bin­dung zu Schloss Rein­hards­brunn. 15 Jah­re war sie Emp­fangs­che­fin des ehe­ma­li­gen Ho­tels dort. Sie hat Glanz­zei­ten er­lebt und den Ver­fall des An­we­sens ver­folgt. Um­so mehr freu­te sie, dass nach der vom Lan­des­ver­wal­tungs­amt ver­füg­ten Ent­eig­nung der Schloss-Spe­ku­lan­ten wie­der ein Fest­akt auf dem Are­al an­läss­lich des 125. To­des­ta­ges von Her­zog Ernst II. ge­fei­ert wer­den konn­te. Als die Che­fin des Ho­tels „Frau­en­ber­ger“in Bad Ta­barz spen­de­te sie das Buf­fet für die 200 ge­la­de­nen Gäs­te. Was sie zu Rein­hards­brunn be­wegt, er­zählt sie im Ge­spräch.

Frau Hü­gel, was macht den Reiz von Schloss Rein­hards­brunn aus?

Wer ein­mal dort war, den hält das Schloss ge­fan­gen. Das trifft für Mi­nis­ter­prä­si­dent Bo­do Ra­me­low zu, der An­fang der Neun­zi­ger dort wohn­te und An­walt Chris­toph von Berg, heu­te Vor­sit­zen­der des För­der­ver­eins Schloss Rein­hards­brunn. Er ist wie so vie­le vom Vi­rus Rein­hards­brunn in­fi­ziert

Sie auch?

Hun­dert­pro­zen­tig.

Wor­an liegt das?

Ich ha­be 15 Jah­re dort ge­ar­bei­tet. Es war ei­ne schö­ne Zeit und ei­ne ein­ge­schwo­re­ne Ge­sell­schaft. Wir hat­ten net­te Gäs­te. Als Rein­hards­brunn ge­schlos­sen wur­de, konn­te ich zahl­rei­che von ih­nen mit nach Ta­barz ho­len.

Wo­her ka­men da­mals die Gäs­te von Rein­hards­brunn?

Ein hal­bes Jahr hat­ten wir Ta­gun­gen, das an­de­re wur­den die Zim­mer vom DDR-Rei­se­bü­ro ver­kauft. Es wa­ren aus­ge­wähl­te Gäs­te, Künst­ler, Ärz­te, vor­wie­gend Wis­sen­schaft­ler der DDR

An wen kön­nen Sie sich er­in­nern?

An den lang­jäh­ri­ge Ge­ne­ral­di­rek­tor der Deut­schen Bü­che­rei Leip­zig, Hel­mut Rötzsch. Die Wis­sen­schaft­ler ha­ben in Rein­hards­brunn vor­wie­gend ih­ren Ur­laub ver­bracht und ka­men zu Ta­gun­gen, aber auch Zahn­ärz­te, Ma­the­ma­ti­ker, Neu­ro­lo­gen, Schau­stel­ler. Wir hat­ten al­les.

Was lock­te Ih­rer Mei­nung nach die Gäs­te an?

Das Schloss, der schö­ne Ah­nen­saal, das ge­sam­te Am­bi­en­te. Als ich 1980 im Schloss an­ge­fan­gen ha­be, wa­ren die ver­schie­de­nen Ge­bäu­de­tei­le mit­ein­an­der ver­bun­den. Das Ho­he Haus mit dem Ah­nen­saal und des­sen Hirsch­ga­le­rie. Zu Her­zogs Zei­ten hin­gen dort rie­si­ge Ge­wei­he. Der neue Flü­gel stell­te die Ver­bin­dung zur Ka­pel­le her.

Wur­de die­se da­mals auch ge­nutzt?

Nein. Ich ha­be es nicht er­lebt, dass sie be­geh­bar ge­we­sen wä­re. Über dem Ah­nen­saal mit Por­träts der Her­zö­ge an der De­cke be­fan­den sich drei Ta­gungs­räu­me. Der RGW (Rat für ge­gen­sei­ti­ge Wirt­schafts­hil­fe) tag­te kurz vor der Wen­de in Rein­hards­brunn mit hoch­ran­gi­gen Po­li­ti­kern der Ost­block-Staa­ten. Es wur­de al­les ab­ge­sperrt.

Und wie stand es zu DDR-Zei­ten mit dem Be­such von Ot­to Nor­mal-Ver­brau­cher?

Der konn­te im Schloss Kaf­fee trin­ken, et­was es­sen oder in den In­ter­shop ge­hen. Aber dort zu über­nach­ten, das war nicht ganz ein­fach für ihn.

War­um?

Die Zim­mer wa­ren im­mer aus­ge­bucht. Der „nor­ma­le“DDRBür­ger hat im Park­ho­tel auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te ge­wohnt. Das ist in­zwi­schen ab­ge­ris­sen. Da­mals ge­hör­te es zu­sam­men. Das Schloss hat­te noch ei­nen Ver­trag mit Han­sa-Tou­rist Ham­burg. So ka­men re­gel­mä­ßig Gäs­te aus dem Wes­ten zu uns.

Wer ent­schied über die Be­le­gung?

Ta­gun­gen ha­ben wir di­rekt in Rein­hards­brunn an­ge­nom­men. Aber die Bu­chun­gen der Ur­laubs­gäs­te lief über Ber­lin. Das wur­de vom Rei­se­bü­ro zu­ge­teilt. Dar­auf hat­ten wir kei­nen Ein­fluss. Wir konn­ten nur auf die Zim­mer zu­rück­grei­fen, die nicht von Ber­lin ver­ge­ben wa­ren.

Wie vie­le Zim­mer stan­den ins­ge­samt zur Ver­fü­gung?

So ge­nau weiß ich das nicht mehr. Ich den­ke um die 60

Und wie vie­le Mit­ar­bei­ter?

Zwi­schen sieb­zig und hun­dert.

Wie sah die Aus­stat­tung aus?

Es gab Eta­gen­bä­der, in der Re­gel ein Bad für zehn Zim­mer. Selbst West­be­su­cher wa­ren sich da­zu nicht zu fein. Das Mo­bi­li­ar war aus Holz. Da­mals hat sich auch kei­ner bei ei­ner Ta­gung an ei­nem Drei-Bett-Zim­mer ge­stört. Da wa­ren eben drei Wis­sen­schaft­ler auf ei­nem Zim­mer. Heu­te un­denk­bar. Nur ei­ni­ge hat­ten Bad, WC auf dem Zim­mer. Die­se wa­ren vor­wie­gend für Han­sa-Tou­ris­ten. Sie wa­ren im Schlöss­chen, dem Ka­va­liers­haus un­ter­ge­bracht.

Und der Park?

Der war für je­der­mann zu­gäng­lich und sehr ge­pflegt. Meh­re­re Gärt­ner ha­ben sich des­sen an­ge­nom­men. Im Frei­en wur­den Schloss­aben­de aus­ge­rich­tet.

Wel­che Ve­rän­de­run­gen brach­te die Wen­de mit sich?

Die Ho­tels des Rei­se­bü­ros, zu de­nen ne­ben Rein­hards­brunn auch Häu­ser in Wer­ni­ge­ro­de, Schier­ke und an der Ost­see ge­hör­ten, wur­den von der Treu­hand an ei­ne Grup­pe aus Mün­chen ver­äu­ßert. Die­se bau­te die Ho­tels an der Ost­see schick um. Aber in Rein­hards­brunn tat sich gar nichts. Das Ho­tel ist dann mehr­fach ver­äu­ßert wor­den, mit dem Ho­tel­be­trieb ging es berg­ab. Am Schluss war nur noch das Ka­va­liers­haus ge­öff­net, das An­fang der Neun­zi­ger in­nen um­ge­baut wor­den war. Ich ha­be im Früh­ling 1995 den Ab­sprung ge­schafft und in mei­nem Hei­mat­ort Ta­barz das ehe­ma­li­ge SED-Gäste­haus „Her­mann Mat­tern“er­wor­ben und um­ge­baut. In Rein­hards­brunn lief der Ho­tel­be­trieb noch, aber Mit­te der Neun­zi­ger­jah­re wur­den Zim­mer oh­ne Bad oder Du­sche nicht mehr ak­zep­tiert. Die Tei­le des Schlos­ses wur­den suk­zes­si­ve ge­schlos­sen. Am En­de blieb nur noch das Ka­va­liers­haus üb­rig. Aber mit des­sen 20 Zim­mern lässt sich so ein gro­ßes Haus nicht füh­ren. Den Nie­der­gang ha­be ich dann nur noch aus der Fer­ne ver­folgt.

Wie emp­fin­den Sie den Ver­fall?

Den hat Schloss Rein­hards­brunn nicht ver­dient. Als ich zu­letzt Mal dort war, war ich ent­setzt. Es war ei­ne Wohl­tat, zu se­hen, wie die Schloss­freun­de mit dem Sub­bot­nik das Ge­län­de ei­ni­ger­ma­ßen her­ge­rich­tet ha­ben.

Was sa­gen Sie als Ho­tel­fach­frau: Wie könn­te das Schloss in Zu­kunft ge­nutzt wer­den?

Den Wi­der­spruch zu der be­schlos­se­nen Ent­eig­nung gilt es ab­zu­war­ten. Ich könn­te mir aber vor­stel­len, dass ein Ho­tel dort be­ste­hen könn­te, viel­leicht in Ver­bin­dung mit Golf. Auch Ta­gun­gen wä­ren denk­bar. Hoch­prei­si­ge An­ge­bo­te sind ge­fragt. Nach der Wen­de ka­men rei­che Hol­län­der und ha­ben das gan­ze Schloss ge­mie­tet. In der Ka­pel­le lie­ßen sich Hoch­zei­ten aus­rich­ten. Als wir die Tau­fe Det­lef von Wan­gen­heims aus­ge­rich­tet ha­ben, war im Schloss al­les mit Herr­schaf­ten der Fa­mi­lie von Wan­gen­heim be­legt. Im „Frau­en­ber­ger“ha­ben wir dem­nächst die Jagd­ge­sell­schaft von Prinz Andre­as zu Gast. Auch Kö­nig Carl Gus­tav und sei­ne Frau Sil­via wa­ren 2002 hier.

Wie­so be­rich­te­te kei­ner da­von?

Es war nicht ge­wollt. Die Mit­ar­bei­ter ha­ben es erst kurz vor­her er­fah­ren. Der Kö­nig hat tat­säch­lich vier Ta­ge fast un­be­hel­ligt in un­se­rem Haus ge­wohnt. Erst am letz­ten Tag ist es den Ta­bar­zern auf­ge­fal­len, dass das Ho­tel ab­ge­sperrt und von den her­zog­li­chen Gäs­ten be­legt war.

Wä­re das für Schloss Rein­hards­brunn eben­so denk­bar?

Si­cher­lich. Das wä­re dann schlecht für mein Haus. Aber in den nächs­ten zehn Jah­ren wird das wohl nicht ein­tre­ten.

Wie sind Sie nach Rein­hards­brunn ge­kom­men?

Ich ha­be mich nach dem Be­triebs­wirt­schafts­stu­di­um in Leip­zig dort be­wor­ben und bin an­ge­nom­men wor­den. Als wasch­ech­te Ta­bar­ze­rin ken­ne ich es seit mei­ner Kind­heit. Ich ha­be mich in Rein­hards­brunn sehr wohl ge­fühlt.

Hoch­prei­si­ge An­ge­bo­te sind ge­fragt

Und was sa­gen Sie zur Le­gen­de vom Bern­stein­zim­mer in Rein­hards­brunn?

Ich er­in­ne­re mich an ei­nen ehe­ma­li­gen Gärt­ner, der zu Her­zogs Zei­ten dort ge­ar­bei­tet hat­te. Der er­zähl­te, dass er in den letz­ten Ta­gen des Zwei­ten Welt­kriegs die Kis­ten mit dem Bern­stein­zim­mer un­ter dem Tor­bo­gen ge­se­hen ha­be. Lei­der ha­be ich dann nicht mehr er­fah­ren. Schloss Rein­hards­brunn bleibt eben sa­gen­um­wo­ben.

Eli­sa­beth Hü­gel, Che­fin des Ho­tels „Frau­en­ber­ger“in Bad Ta­barz, hat  Jah­re am Emp­fang des Ho­tels Rein­hards­brunn ge­ar­bei­tet, als dort Wis­sen­schaft­ler und der RGW tag­ten, Pro­mi­nen­te und Gäs­te von Han­sa-Tou­rist Ham­burg im Schloss lo­gier­ten Fo­to: Wie­land Fi­scher

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