Schon Pa­ra­cel­sus lehrt: „Die Men­ge macht das Gift“

Die Stadt­schrei­be­rin: Anna­bel­la Gmei­ner be­rich­tet über das bö­se Glut­amat, die ziem­lich har­te Ge-Nuss und ge­lin­gen­de Sin­nes­freu­den

Thüringische Landeszeitung (Gotha) - - KREIS GOTHA - VON ANNA­BEL­LA GMEI­NER

Letz­tes Wo­che­n­en­de ström­ten un­zäh­li­ge Men­schen in die In­nen­stadt Gothas, um dem Ge­nuss zu frö­nen. Auf dem Ne­u­markt wur­de man von herr­lich ori­en­ta­li­schen Ge­rü­chen be­grüßt und Ge­rich­te mit Ze­bra, Kän­gu­ru und Co. lock­ten an die Im­biss­bu­den. Mit Arg­wohn be­äug­ten man­che die Aus­la­gen, Mehl­wür­mer bei­spiels­wei­se emp­fin­de auch ich als eher un­ge­wöhn­li­ches Mahl. Das Street­food­fes­ti­val lässt mich über den Ge­nuss nach­den­ken.

„Die Ge-Nuss ist ei­ne der här­tes­ten, die wir im Lau­fe des Le­bens im­mer wie­der zu kna­cken ha­ben“, schreibt Fried­helm Känd­ler und ich ge­be ihm Recht. Ech­ter Ge­nuss führt zu kör­per­li­chem und see­li­schem Wohl­ge­fühl, im Ge­hirn wird da­bei das Hor­mon Do­pa­min aus­ge­schüt­tet. Wenn der Reiz, das Schö­ne stän­dig er­neut zu er­le­ben, al­ler­dings zu groß wird, tappt man schnell in die Do­pa­min-Fal­le. Die Gren­zen vom Ge­nie­ßen mit al­len Sin­nen bis hin zur Sucht sind schmal. Un­schön sind die Fol­gen der Ge­nuss­sucht, wenn man durch Völ­le­rei Fett­lei­big­keit oder Dia­be­tes ent­wi­ckelt.

Aber: Ge­nuss ist nichts Schlech­tes, so­lan­ge man auch be­wusst ge­sund ge­nießt! Der Biss in ei­ne frisch ge­ern­te­te, son­nen­war­me To­ma­te oder in ein köst­lich-knusp­ri­ges Brot kann ge­nau­so zur Ent­zü­ckung füh­ren. Schwie­rig ma­chen es uns die ver­lo­cken­den Fer­tig­pro­duk­te in den Su­per­märk­ten. In­dus­tri­ell ver­ar­bei­te­te Le­bens­mit­tel wer­den mit Un­men­gen von Glut­amat ver­setzt. Zu er­ken­nen an ei­ner Ar­ma­da an E-Num­mern oder un­be­kann­ten che­mi­schen Be­zeich­nun­gen. Was ist Glut­amat über­haupt und was be­wirkt es? Es han­delt sich da­bei um ei­nen Ge­schmacks­ver­stär­ker. Ei­nes der größ­ten Man­kos ist, dass es die na­tür­li­chen Aro­ma­nu­an­cen über­la­gert. Der­art über­töl­pelt, geht dem Kör­per die Sen­si­bi­li­tät für ech­ten Ge­schmack ver­lo­ren. Selbst­ge­koch­te, na­tür­li­che und mit Kräu­tern ge­würz­te Spei­sen wer­den durch die Ge­wöh­nung ans Glut­amat als fad er­lebt. Au­ßer­dem lässt es die Sät­ti­gungs­re­gu­lie­rung zu­sam­men­bre­chen. Dass im­mer grö­ße­re Por­tio­nen ver­schlun­gen wer­den, freut die In­dus­trie. Auch das Schnei­der­hand­werk, denn die klei­nen Ka­lori­en­tier­chen nä­hen die Klei­dung näch­tens ste­tig en­ger.

Doch was wä­re der Mensch oh­ne Ge­nuss? Ein ab­ge­stumpf­tes Le­be­we­sen oh­ne Freu­de. Schon Pa­ra­cel­sus wuss­te: „Die Men­ge macht das Gift“. Um ver­ant­wor­tungs­voll zu ge­nie­ßen, braucht es Mü­ßig­gang und ein Be­wusst­sein für gu­te und ge­sun­de Er­näh­rung. Selbst zu ko­chen, mit fri­schen, un­ver­ar­bei­te­ten Le­bens­mit­teln und na­tür­li­cher Wür­ze, er­for­dert ein ge­wis­ses Um­den­ken und auch ein biss­chen Durch­hal­te­ver­mö­gen. Doch schon bald lernt man den rei­nen und ech­ten Ge­schmack wie­der zu schät­zen und ver­schmäht nach ei­ner Wei­le das ge­schmack­lich völ­lig über­trie­be­ne „künst­li­che Zeug“.

Klar soll­te sein, dass Ge­nuss auch auf vie­len an­de­ren Ebe­nen er­lebt wer­den kann und soll! Es gibt zahl­rei­che geis­ti­ge Ge­nüs­se wie das Hö­ren von gu­ter Mu­sik oder das Le­sen in­ter­es­san­ter Lek­tü­re. Nicht zu ver­nach­läs­si­gen ist auch die Macht der Be­rüh­rung. Be­rüh­ren und be­rührt zu wer­den, kann für woh­li­ge Schau­er sor­gen. Oder freu­en Sie sich et­wa nicht über ei­ne gu­te Mas­sa­ge oder an­de­re Zärt­lich­kei­ten?

Anna­bel­la Gmei­ner ist Stadt­schrei­be­rin. Fo­to: Pe­ter Riecke

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