Grund: CDU-Ge­ne­ral soll aus Os­ten sein

Kramp-Kar­ren­bau­er neue Uni­ons­che­fin – Mohring erst­mals in Uni­ons­prä­si­di­um ge­wählt

Thüringische Landeszeitung (Gotha) - - ERSTE SEITE - VON FA­BI­AN KLAUS UND EL­MAR OT­TO

Der Wech­sel an der Spit­ze der CDU ist voll­zo­gen. An­ne­gret Kram­pKar­ren­bau­er (56) wurde ges­tern von den 1001 De­le­gier­ten beim Par­tei­tag in Ham­burg mit 52 Pro­zent in der Stich­wahl denk­bar knapp zur neu­en Bun­des­vor­sit­zen­den ge­wählt. Für ih­ren Kon­kur­ren­ten Fried­rich Merz (63) vo­tier­ten 48 Pro­zent. CDU-Lan­des­chef Mi­ke Mohring nennt den Par­tei­tag ein „Fest der De­mo­kra­tie“. Kram­pKar­ren­bau­er traut er ei­ge­ne Ak­zen­te zu. „Sie hat ei­ne kla­re Spra­che ge­fun­den, kann Lan­des- und Bun­des­po­li­tik.“Mohring wurde erst­mals in das Uni­ons­prä­si­di­um ge­wählt. Zu­vor ge­hör­te er dem Bun­des­vor­stand an. CDU-Lan­des­grup­pen­chef Man­fred Grund for­mu­liert ge­gen­über gleich ei­nen Auf­trag an die neue Bun­des­vor­sit­zen­de: „Ich hof­fe, dass sie heu­te für ih­re Nach­fol­ge als Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin ei­nen jun­gen Ost­deut­schen vor­schlägt.“Der Be­auf­trag­te der Bun­des­re­gie­rung für die neu­en Bun­des­län­der, Staats­se­kre­tär Chris­ti­an Hir­te, sagt: „Dass es so knapp war, zeigt die Brei­te ei­ner Volks­par­tei.“

Die CDU oh­ne Mer­kel, das war fast zwei Jahr­zehn­te un­vor­stell­bar. Vie­le in der Welt und Eu­ro­pa schau­ten am Frei­tag auf Ham­burg. Nach ei­nem dra­ma­ti­schen Par­tei­tag kam es zum Fo­to­fi­nish. Die 1000 De­le­gier­ten ent­schie­den sich in ei­ner Stich­wahl mit 517:482 Stim­men für An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er und ge­gen Fried­rich Merz. So lief die Zei­ten­wen­de in der CDU ab.

10.38 Uhr: Be­vor Mer­kel zur Er­öff­nung ein Wort sa­gen kann, sprin­gen die meis­ten der 1000 De­le­gier­ten (nur ei­ner fehl­te) auf, ap­plau­die­ren ih­rer 18-Jah­re­Che­fin. „Dan­ke, Che­fin“-Schil­der ge­hen in die Luft. Mer­kel wehrt die Be­geis­te­rungs­stür­me lä­chelnd ab: „Wir ha­ben heu­te viel vor.“Die in Ham­burg ge­bo­re­ne, in der DDR auf­ge­wach­se­ne Pfar­rers­toch­ter preist den Got­tes­dienst am Mor­gen im Mi­chel, der Kraft für „die­sen ganz besonderen Par­tei­tag“der CDU ge­ge­ben ha­be.

13.51 Uhr: End­lich kommt Ta­ges­ord­nungs­punkt 16. Die Wahl der CDU-Spit­ze. An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er, im schwarz-weiß ge­mus­ter­ten Bla­zer, legt mit be­leg­ter Stim­me los. Sie sei 1981 in die CDU ein­ge­tre­ten, als man­che Angst vor dem En­de der Welt nach ei­nem Atom­schlag ver­brei­tet hät­ten. Die CDU ha­be sie fas­zi­niert, weil sie „nicht den Schwarz­ma­lern hin­ter­ge­lau­fen ist“. Ih­re Au­gen su­chen im­mer wie­der mal das Ma­nu­skript. AKK hebt das Christ­li­che her­vor: „Das C ist der Leits­tern.“Doch noch strahlt die Saar­län­de­rin nicht, der ge­wal­ti­ge Druck ist ihr an­zu­mer­ken. Im Lauf der Re­de wird sie si­che­rer, per­sön­li­cher. Wie Mer­kel ha­be sie 18 Jah­re CDU und Land ge­dient – nur eben an der Saar als Mi­nis­te­rin und Lan­des­fürs­tin. „Ich ste­he hier, wie ich bin und wie mich das Leben ge­formt hat.“Als drei­fa­che Mut­ter wis­se sie, wie schwie­rig Be­ruf und Fa­mi­lie un­ter ei­nen Hut zu brin­gen sei­en. Sie mahnt, die CDU dür­fe nicht in La­ger zer­fal­len. Die Par­tei müs­se mu­tig sein, die Kom­fort­zo­ne ver­las­sen, nicht ängst­lich nach rechts und links schau­en. In Eu­ro­pa sei die CDU un­ter den kon­ser­va­ti­ven Par­tei­en „das letz­te Ein­horn“. Ei­ne Atta­cke rei­tet sie ge­gen Merz: Bei Füh­rung kom­me es auf „in­ne­re Stär­ke“und „we­ni­ger auf äu­ße­re Laut­stär­ke“an. Aber sie ist auch ver­söhn­lich: „Kei­ner der drei Kan­di­da­ten wird der Un­ter­gang für die­se Par­tei sein.“AKK en­det selbst­be­wusst, frei nach Ju­li­us Cä­sar: „Wir kön­nen das, wir wol­len das, wir wer­den das.“Sie hät­te auch drei­mal Ich sa­gen kön­nen.

14.15 Uhr:Fried­rich Merz ist dran. AKK hat die Lat­te hoch­ge­legt. Zu hoch? Seine kon­ser­va­ti­ven An­hän­ger er­war­ten ein Feu­er­werk. Merz hat Pro­ble­me, die Lun­te zu zün­den. In den ers­ten zwölf Mi­nu­ten merkt man dem Sau­er­län­der an, dass er zehn Jah­re raus aus der Po­li­tik war. Er re­det ab­ge­hackt, im Stak­ka­to. Wo ist der coo­le Merz aus den acht Re­gio­nal­kon­fe­ren­zen ge­blie­ben? Er klebt am Ma­nu­skript. Erst als er den Auf­stieg der AfD an­spricht, kommt Merz in Fahrt. Mer­kels CDU hat­te er ja vor­ge­wor­fen, den AfD-Durch­marsch in Bun­des­tag und al­le 16 Land­ta­ge „ach­sel­zu­ckend“in Kauf ge­nom­men zu ha­ben. Das reg­te vie­le in der Par­tei auf. Nie­mand be­strei­te den gu­ten Wil­len, sagt Merz nun, die an die AfD ver­lo­re­nen Wäh­ler zu­rück­zu­ho­len. „Aber es ge­lingt uns nicht.“Dass die AfD sich breit­ge­macht ha­be, sei für ihn un­er­träg­lich. SPD, Grü­ne und SPD blie­ben die Haupt­geg­ner. Trotz Ko­ali­ti­on „un­ter­schei­det uns un­ver­än­dert vie­les von die­ser SPD“. Da muss so­gar Mer­kel ih­rem al­ten Ri­va­len ap­plau­die­ren, der sich mit Wolf­gang Schäu­b­le ge­gen sie ver­schwo­ren hat. Klas­sen­kampf mit der Wirt­schaft, ei­nen Staat, der über al­les und je­den seine schüt­zen­de Hand hal­te? „Das wol­len wir nicht“, sagt Ein­kom­mens­mil­lio­när Merz. Bal­sam streicht er bei Flücht­lin­gen und Mi­gra­ti­on auf die ge­schun­de­ne wert­kon­ser­va­ti­ve See­le der Par­tei. Der Na­tio­nal­staat sei nicht über­holt, er ver­mit­te­le Iden­ti­tät und Hei­mat­ge­fühl. Deutsch­land sei welt­of­fen, to­le­rant und hilfs­be­reit: „Aber es gibt auch Gren­zen un­se­rer Mög­lich­kei­ten.“Da hört sich Merz wie Alt­bun­des­prä­si­dent Joachim Gauck an. Aber Merz und Mer­kel, wür­de das ge­hen? Sie hat­te ihn 2002 als Frak­ti­ons­chef in die Wüs­te ge­schickt. Wä­ren die Ta­ge der Kanz­le­rin un­ter Merz ge­zählt? „Na­tür­lich geht das gut!“Er wer­de loy­al sein. Erst das Land, dann die Par­tei, dann der Ein­zel­ne. „Und dar­an wird sich je­der hal­ten, auch ein Vor­sit­zen­der Fried­rich Merz.“

14.50 Uhr: Jens Spahn ist die größ­te Über­ra­schung. In Um­fra­gen weit ab­ge­schla­gen, tritt er sym­pa­thisch und klug auf. „Ich kann Ih­nen nicht ver­spre­chen, ein be­que­mer Par­tei­vor­sit­zen­der zu sein“, kün­digt der Ge­sund­heits­mi­nis­ter an. „Ich bin, wie ich bin. Ich wer­de auch in Zu­kunft man­che De­bat­te an­sto­ßen, wo dann mor­gen der Nach­bar Sie an­spricht: Was ist denn das nun wie­der?“

15.39 Uhr: Der ers­te Wahl­gang be­ginnt, die Span­nung in der Hal­le ist zu grei­fen. Die De­le­gier­ten bau­en ih­re mo­bi­len Wahl­ka­bi­nen aus Pap­pe auf, da­mit nie­mand spi­cken kann.

16.11 Uhr: Der Kie­ler Re­gie­rungs­chef Da­ni­el Gün­ther ver­kün­det das Er­geb­nis. AKK liegt mit 45 Pro­zent vor­ne (450 Stim­men), Merz kommt auf 39,2 Pro­zent (392), Spahn auf 15,7 Pro­zent (157). Stich­wahl AKK ge­gen Merz!

16.56 Uhr: Gün­ther liest vom al­les ent­schei­den­den Zet­tel vor. Merz, 482 Stim­men. Die AKKFans sprin­gen auf, „An­ne­gret“-Sprech­chö­re. Sie holt 517 Stim­men und ge­nug Leu­te aus dem Spahn-La­ger.

16.58 Uhr: Kramp-Kar­ren­bau­er ist über­wäl­tigt, wischt sich Trä­nen der Freu­de und Rüh­rung aus den Au­gen. Sie hat es ge­schafft, nimmt die Wahl na­tür­lich an. So­fort eilt sie zu Merz, um­armt ihn, eben­so Spahn. Dann herzt Mer­kel sie. AKK bie­tet den Ver­lie­rern Merz und Spahn an, im Team mit ihr an der neu­en CDU zu bau­en. Sie ist mo­men­tan nur ei­ne 50-Pro­zent­Vor­sit­zen­de. Wich­tigs­te Auf­ga­be für AKK bis zur Eu­ro­pa­wahl im Mai: die Spal­tung der CDU schnell über­win­den. „Ich wür­de mich sehr freu­en, wenn so­wohl Jens Spahn als auch Fried­rich Merz ge­mein­sam an die­ser Auf­ga­be mit­ar­bei­ten. Das ist das, was die Mit­glie­der er­war­ten, und für bei­de ist ein Platz in die­ser Par­tei.“ 17.05 Uhr: Merz zeigt Grö­ße in der Nie­der­la­ge. „Liebe An­ne­gret, herz­li­chen Glück­wunsch zu dei­ner Wahl.“Er wün­sche ihr Er­folg und Got­tes Se­gen auf dem Weg, „den du jetzt vor dir hast“. Er selbst wol­le mit­hel­fen bei der Er­neue­rung der CDU. Merz ruft dann zwar die De­le­gier­ten auf, Spahn er­neut ins CDU-Prä­si­di­um zu wäh­len. Auf­fäl­lig aber ist, dass Merz selbst kei­ne Kan­di­da­tur für ei­nen Pos­ten als Par­tei-Vi­ze oder im Prä­si­di­um an­kün­digt. In der CDU rech­nen vie­le da­mit, dass Merz sich ab­seh­bar wie­der ver­stärkt um seine Wirt­schafts­kon­tak­te küm­mert.

„Für bei­de ist ein Platz in die­ser Par­tei. “

Die neue CDU-Che­fin, An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er, über die un­ter­le­ge­nen Fried­rich Merz und Jens Spahn

17.11 Uhr: Spahn nimmt das An­ge­bot der neu­en Che­fin AKK so­fort an. „Wir sind ja so ein biss­chen wie ei­ne Rock­band ge­mein­sam durch Deutsch­land ge­tourt“, sagt er über die Road­show bei den Re­gio­nal­kon­fe­ren­zen. „Es hat echt Spaß ge­macht.“

Fo­to: Ro­land Ma­gu­nia

Fried­rich Merz hat mit sei­ner Kan­di­da­tur den Par­tei­tag span­nend ge­macht. Seine Frau Char­lot­te ap­plau­diert.

Fo­to: dpa

Mit sei­nen , Pro­zent be­kam Jens Spahn im ers­ten Wahl­gang ein be­acht­li­ches Er­geb­nis.

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