Am Markt Schär­fe raus­ge­nom­men

Web­cam­Be­trei­ber schal­tet Ka­me­ra in Weit­win­kel­Mo­dus – Un­ter­stüt­zung und Kri­tik aus dem Netz

Thüringische Landeszeitung (Jena) - - JENA - VON THO­MAS BEI­ER • Der Link zur Ka­me­ra: http:// live.se­bas­ti­an­reu­ter.de

JE­NA. Die Live-Bil­der vom Jena­er Markt sind ent­schärft. Fo­to­graf Se­bas­ti­an Reu­ter, der ei­ne Ka­me­ra am Haus mon­tiert hat­te und Bil­der ins In­ter­net ge­stellt hat­te, pro­gram­mier­te das elek­tro­ni­sches Au­ge neu. Am Don­ners­tag war die Ka­me­ra vor­über­ge­hend kom­plett „off­line“. Reu­ter hat­te die Live­über­tra­gung ab­ge­schal­tet, nach­dem der Thü­rin­ger Da­ten­schutz­be­auf­trag­te in der Zei­tung mit­ge­teilt hat­te, dass die Bil­der pro­ble­ma­tisch sei­en. Reu­ter woll­te et­was Schär­fe aus der Dis­kus­si­on raus­neh­men. Am Abend war die Ka­me­ra dann mit ver­rin­ger­ter Seh­schär­fe wie­der am Netz.

Auf der Face­book-Sei­te un­se­rer Zei­tung gab es da­zu ei­ne sehr sach­li­che De­bat­te: To­bi­as Jo­nes schrieb: „Aus meh­rer­lei Grün­den bin ich für die­se Ka­me­ra und ih­ren Ver­bleib. Zum ei­nen zeigt sie, was sich so tut auf dem Platz. Und bin ich der Mei­nung, dass sie durch­aus zu mehr Si­cher­heit bei­tra­gen kann.“Hai­ko Bü­chel füg­te hin­zu: „An Wei­mars Frau­en­plan gibt es seit Jah­ren ei­ne Live-Cam, so wie es sie welt­weit an Tou­ris­mushot­spots gibt. Da regt sich auch kei­ner auf, es sei denn, er hat Dreck am Ste­cken.“Als Er­wi­de­rung da­zu schrieb Mar­kus Gie­be: „Ich will mich nicht von ei­ner pri­va­ten Ka­me­ra fil­men las­sen, bei der ich null de­mo­kra­ti­sche Kon­trol­le über die Nut­zung, Spei­che­rung und Ver­wen­dung der Da­ten ha­be.“

Se­bas­ti­an Reu­ter hat­te die Ka­me­ra als Ser­vice für die Jena­er an­ge­bracht und die Live-Bil­der via Youtu­be ins Netz ge­stellt. Er sah dies als Wer­bung für den Markt und sei­ne Tä­tig­keit als Fo­to­graf an. Tat­säch­lich gab es am Don­ners­tag auch Men­schen, die das sehr be­grüß­ten. „Ich bin mir nie so ge­nau si­cher, wann Markt­ta­ge in Je­na sind. In Reu­ters Über­tra­gung konn­te man das so­fort se­hen“, er­zäh­le Klaus Schus­ter bei ei­nem An­ruf bei der Zei­tung. Reu­ter selbst be­kam zu­stim­men­de E-Mails, et­wa die von ei­nem Herrn, der schrieb, er ha­be den Link gleich sei­nem Sohn mit­ge­teilt, da die­ser für ei­nen län­ge­ren Zei­t­raum in den USA sei. Se­bas­ti­an Reu­ter räum­te ein, dass die Ka­me­ra im Nah­be­rei­che viel­leicht et­was zu viel ge­zeigt ha­be. In der höchs­ten Auf­lö­sung konn­te der Be­trach­ter fast die Spei­se­ta­fel am „Alt Je­na“le­sen. Künf­tig will er Weit­win­kel­auf­nah­men zei­gen, auf der man Men­schen selbst dann nicht mehr er­ken­nen kön­ne, wenn man ahnt, wer es sein könn­te.

Thü­rin­gens Da­ten­schutz­be­auf­trag­ter Lutz Has­se hat­te ge­sagt, dass auch die Halb­to­ta­len fast schon zu viel zei­gen und auf Pa­ra­graph 6b des Da­ten­schutz­ge­set­zes ver­wie­sen: „Be­ob­ach­tung öf­fent­lich zu­gäng­li­cher Räu­me mit op­tisch-elek­tro­ni­schen Ein­rich­tun­gen.“Das wie­der­um brach­te ihm auch Kri­tik ein. Lutz Has­se sei nicht auf der Hö­he der Zeit, mein­te Face­book-Kom­men­ta­tor Ma­xi­ma Ti­no: Bei Bild­auf­nah­men ste­he im­mer die Fra­ge, ob ge­zielt ei­ne oder ein­zel­ne Per­so­nen in den Mit­tel­punkt ge­nom­men wer­den, ob bei ei­ner Men­schen­an­samm­lung qua­si al­le gleich be­trach­tet wer­den. In letz­te­rem Fall un­ter­lä­gen die­se Auf­nah­men nicht dem Da­ten­schutz.

Ei­nen sehr prag­ma­ti­schen An­satz hat­te Dis­kus­si­ons­teil­neh­me­rin An­ke Dass­ler. „Ich fin­de, wir über­trei­ben es ge­ne­rell mit

un­se­ren so ge­nann­ten Per­sön­lich­keits­rech­ten.“Man mö­ge sich bit­te vor Augen hal­ten, dass Fi­nanz­äm­ter den Kon­to­stand ab­fra­gen, in Bay­ern jetzt je­der auf Ver­dacht ver­haf­tet wer­den kön­ne und die Nach­rich­ten­diens­te über­all mit­le­sen. Au­ßer­dem: Schon vor 200 Jah­ren ha­be je­der ge­wusst, wer was im Dor­f­la­den kauft und wer mit wem fremd­ge­he.

Und Jens Men­de frag­te – mög­li­cher­wei­se mit ei­nem Au­gen­zwin­kern – an: „Heißt das et­wa, dass ich mit mei­ner Droh­ne nun auch nicht mehr abends und nachts in der Nach­bar­schaft fil­men darf?!“

Auch an­dern­orts gibt es im Stadt­zen­trum auf­merk­sa­me Be­ob­ach­ter: In der Jo­han­nis­stra­ße be­fin­det sich die­se Op­tik an ei­ner Haus­fas­sa­de und hat den Blick auf den Ein­gangs­be­reich zu ei­nem Club ge­rich­tet. Fo­to: Tho­mas Bei­er

Fo­to: Screenshot

Auf Weit­win­kel ein­ge­stellt: Don­ners­tag­abend lief die Live­über­tra­gung vom Jena­er Markt wie­der.

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