Es war kei­ne Lie­bes­hei­rat

Die „Zweck­ehe“, die Camburg, Dorn­burg und Dorn­dorf 2008 ein­ge­gan­gen sind, hat zehn Jah­re ganz gut ge­hal­ten

Thüringische Landeszeitung (Jena) - - SAALE-HOLZLAND - VON ANGELIKA SCHIMMEL

DORN­BURG-CAMBURG. Nor­ma­ler­wei­se ist die Eu­pho­rie bei den Be­tei­lig­ten ei­ner Hoch­zeit groß und er­reicht beim Braut­paar am „schöns­ten Tag ih­res Le­bens“den Hö­he­punkt. Doch den gab es vor zehn Jah­ren bei der „Ehe­schlie­ßung“von Camburg, Dorn­burg und Dorn­dorf nicht, ei­gent­lich gab es gar kein rau­schen­des Fest.

„So rich­tig zum Fei­ern war da­mals kei­nem zu­mu­te. Es war si­cher kei­ne Lie­bes­hei­rat, mehr ei­ne Zweck­ehe“, sind sich die Vä­ter der Stadt­grün­dung von Dorn­burg-Camburg, Klaus Sam­mer, Tho­mas Mo­ritz und Klaus En­kel­mann, ei­nig. Doch, der am 9. De­zem­ber 2008 be­sie­gel­te Bund der drei Ge­mein­den hat jetzt im­mer­hin zehn Jah­re ge­hal­ten. Die­ses Ju­bi­lä­um, das am kom­men­den Mon­tag mit ei­ner Fest­ver­an­stal­tung im Rat­haus ge­fei­ert wird, ist An­lass für die Ge­burts­hel­fer der Stadt Dorn­burg-Camburg, ei­ne klei­ne Rück­schau zu hal­ten.

Dorn­dor­fer Mit­gift

„In den ers­ten Jah­ren nach der Wen­de sah es in un­se­rer Ge­mein­de sehr gut aus. Wir hat­ten das Wohn­ge­biet „Un­ter dem Ho­s­pi­ta­le“ent­wi­ckelt, dort dreh­ten sich fünf, sechs Krä­ne gleich­zei­tig, Häu­ser wuch­sen, Fa­mi­li­en zo­gen hier­her“, er­in­nert sich Klaus En­kel­mann. Um ih­re Ent­wick­lungs­chan­cen zu nut­zen, hat­te die Ge­mein­de ei­nen Zehn-Mil­lio­nen-Mar­kKre­dit auf­ge­nom­men, die da­ma­li­ge Bür­ger­meis­te­rin hat­te – recht­lich nicht sau­ber und am Ge­mein­de­rat vor­bei – wei­te­re vier Mil­lio­nen Mark Kas­sen­kre­dit an die Bau­trä­ger­ge­sell­schaft wei­ter­ge­reicht. „Dann gab es 1997 den gro­ßen Knall – der Bau­trä­ger war plei­te, die Bür­ger­meis­te­rin weg, das Geld der Ge­mein­de eben­so, ein rie­si­ger Schul­den­berg war uns ge­blie­ben. Den wir nicht ab­be­zah­len konn­ten. Un­ser gro­ßes Plus wa­ren die Ge­wer­be­steu­ern, die vom Ze­ment­werk in die Ge­mein­de­kas­se flos­sen – doch selbst die reich­ten nicht, denn im­mer wenn das Un­ter­neh­men in­ves­tiert hat­te, flos­sen sie we­ni­ger üp­pig.

Auch die vom Ge­mein­de- und Städ­te­bund nach Dorn­dorf ent­sand­te Fi­nanz­fach­frau konn­te kei­ne ver­steck­ten Schät­ze he­ben, doch sie brach­te den Haus­halt so weit in Ord­nung, dass im Neu­bau­ge­biet wei­ter ge­baut wer­den und auch Stra­ßen im Ort in Ord­nung ge­bracht wer­den konn­ten. Mit Un­ter­stüt­zung des Lan­des wur­de so­gar der Neu­bau ei­nes Kin­der­gar­tens be­gon­nen. „Doch in Er­furt be­ka­men wir auch den Rat: Sucht euch ei­ne grö­ße­re Stadt, mit der ihr zu­sam­men­ge­hen könnt“, er­zählt En­kel­mann. Dorn­burg oder Camburg wa­ren na­he­lie­gend.

Dorn­bur­ger Wer­te

„Auch wenn es schon im­mer in der Ge­schich­te Be­find­lich­kei­ten ge­ge­ben hat­te zwi­schen de­nen oben auf dem Berg in Dorn­burg und de­nen un­ten am Fluss in Dorn­dorf, so war vie­len da­mals klar, dass Dorn­dorf al­lein nicht mit sei­nen Pro­ble­men fer­tig wer­den konn­te. Und ganz so oh­ne Pro­ble­me stan­den ja auch wir nicht da“, sagt Klaus Sam­mer. Den Kin­der­gar­ten im al­ten Kul­tur­haus ein­zu­rich­ten, ha­be die Stadt „ge­ra­de so“hin­be­kom­men, zwei bis drei Mil­lio­nen Eu­ro Schul­den stan­den auch zu Bu­che, „und wei­te­re zwei Mil­lio­nen hät­ten wir ge­braucht, um un­se­ren Markt zu

sa­nie­ren, ab­ge­se­hen von di­ver­sen Stra­ßen­bau­pro­jek­ten“, er­gänzt er. „Un­ser Man­ko war, dass wir kaum Ge­wer­be­ein­nah­men hat­ten, seit der Wen­de wur­den in Dorn­burg kei­ne Ar­beits­plät­ze ge­schaf­fen, nur wel­che ab­ge­baut. Und mit Land­wirt­schaft al­lein wirst du nicht reich“, stellt Sam­mer fest. „Aber wir hat­ten ei­nen Na­men: Dorn­burg war we­gen sei­ner Schlös­ser in je­dem Fall auch über­re­gio­nal be­kannt. „Und wir hat­ten et­was, oh­ne das das gan­ze Pro­jekt nicht zu­stan­de ge­kom­men wä­re: den Drei­her­ren­stein an der Stra­ße zwi­schen Hir­schro­da und Döb­rit­schen.“

Hier­bei han­delt es sich um den ein­zi­gen Grenz­stein, der die nur we­ni­ge hun­dert Me­ter lan­ge

Ge­biets­gren­ze zwi­schen Dorn­burg und Camburg mar­kiert. Und ein Ge­mein­de­zu­sam­men­schluss ist recht­lich nur dann mög­lich, wenn die Part­ner ei­ne ge­mein­sa­me Gren­ze ha­ben.

Cam­bur­ger Nö­te

„Man­cher Cam­bur­ger hat­te da­mals ge­dacht, wir hät­ten das doch nicht nö­tig, un­se­re Ei­gen­stän­dig­keit auf­zu­ge­ben. Schließ­lich war Camburg schon lan­ge in der Ge­schich­te der ‚Graf­schaft‘ das po­li­ti­sche, wirt­schaft­li­che und Ver­wal­tungs-Zen­trum“, räumt Tho­mas Mo­ritz ein. „Doch genau die­se Funk­ti­on des Gr­und­zen­trums stand auf dem Spiel, denn Camburg hat­te nach der Wen­de vie­le Ein­woh­ner ver­lo­ren.

Wir hat­ten kei­ne 3000 Ein­woh­ner mehr, konn­ten aber mit dem Zu­sam­men­schluss auf über 5000 kom­men.“Da­mit wür­de die Stadt hö­he­re Schlüs­sel­zu­wei­sun­gen vom Land er­hal­ten, oh­ne die sie frei­wil­li­ge Leis­tun­gen wie das Frei­bad, das Mu­se­um oder die Bi­b­lio­thek lang­fris­tig nicht hät­te si­chern kön­nen, sagt Mo­ritz. Auch Camburg hat­te sich üb­ri­gens hoch ver­schul­det für die Sa­nie­rung des Rat­hau­ses und den Bau der Feu­er­wehr.

Und Mo­ritz be­nennt noch ein Ar­gu­ment, das nach vie­len Ge­sprä­chen und De­bat­ten in den drei Stadt- und Ge­mein­de­rä­ten so­wie mit­ein­an­der über zwei Jah­re hin­weg am En­de auch Zweif­ler über­zeugt hat­te: Der Frei­staat hat­te sich be­reit er­klärt, der neu­en Stadt ein Mil­lio­nen schwe­res Hoch­zeits­ge­schenk zu­kom­men zu las­sen: Die Schu­len wur­den hal­biert, ei­ne Ver­ei­ni­gungs­prä­mie von rund 500.000 Eu­ro wur­de zu­sätz­lich ge­zahlt. Am En­de fi­nan­zier­te das Land Thü­rin­gen die „Zweck­ehe“von Camburg, Dorn­burg und Dorn­dorf mit rund 7,5 Mil­lio­nen Eu­ro. „So hat sich am En­de al­les ganz gut zu­sam­men­ge­fügt“, re­sü­miert Mo­ritz.

Dorn­bur­gCam­bur­ger Bi­lanz

Skep­sis und Be­find­lich­kei­ten gibt es noch im­mer. Aber für je­den sicht­bar ist ei­ne Men­ge pas­siert in der Stadt in den letz­ten zehn Jah­ren. Ei­ne Bro­schü­re zum Ju­bi­lä­um, die Klaus En­kel­mann zu­sam­men­ge­stellt hat, lis­tet auf, was neu ge­schaf­fen oder ge­schafft wur­de: der sa­nier­te Markt von Dorn­burg, der neue Steg in Camburg, Kin­der­gar­ten­an­bau in Dorn­dorf und Ki­taNeu­bau in Camburg, die Sa­nie­rung des dor­ti­gen Mu­se­ums und der Burg.

Und es gibt ei­ni­ge Pro­jek­te, die be­gon­nen wur­den, aber noch Zeit und En­ga­ge­ment brau­chen wie die Sa­nie­rung der Carl-Alex­an­der-Brü­cke, das Bau­haus-Töp­fer­mu­se­um, die Do­mä­ne und die Stö­be­ner Sa­ale­brü­cke zum Bei­spiel.

• Zur Fest­ver­an­stal­tung zum zehn­jäh­ri­gen Be­ste­hen der Stadt Dorn­burg-Camburg am Mon­tag, . De­zem­ber,  Uhr, im Rat­haus­saal in Camburg, sind die Bür­ger recht herz­lich ein­ge­la­den. Ein bun­tes Bür­ger­fest zum Stadt­ge­burts­tag soll es bei freund­li­che­ren Tem­pe­ra­tu­ren im Früh­jahr ge­ben.

His­to­ri­sche Mo­men­te hat am . De­zem­ber  Re­por­ter Ul­rich Fi­scher mit der Ka­me­ra fest­ge­hal­ten: Die ers­te ge­mein­sa­me Sit­zung des Stadt­ra­tes der neu ge­grün­de­ten Stadt Dorn­burg-Camburg im Feu­er­wehr­haus von Camburg. Ar­chiv­fo­to: Uli Fi­scher

Klaus Sam­mer, Tho­mas Mo­ritz und Klaus En­kel­mann (von links) sind die Vä­ter und Ge­burts­hel­fer der Stadt Dorn­burg-Camburg ge­we­sen.  ha­ben die drei ers­te Ge­sprä­che ge­führt, wie ih­re Ge­mein­den zu­sam­men­ge­hen kön­nen, um ge­mein­sam gro­ße fi­nan­zi­el­le Pro­ble­me und Zu­kunfts­ängs­te zu über­win­den. Am . De­zem­ber  in der ers­ten Sit­zung des neu­en Stadt­ra­tes hal­ten die drei Bür­ger­meis­ter die Ge­burts­ur­kun­de der Stadt Dorn­burg-Camburg in den Hän­den. Ar­chiv­fo­to: Uli Fi­scher

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